Mit Druckwasserschläuchen spülen die Deckarbeiter den Fisch aus dem Netz

Im Schichtwechsel arbeiten die Männer rund um die Uhr, wochenlang, 5000 Kilometer fernab ihrer Heimat

Inklusive der "Balandis", mit 109 Metern Länge einer der größten Hecktrawler Litauens, dürfen 200 Schiffe aus Ländern der Europäischen Union vor der Küste Mauretaniens auf Beutezug geschickt werden

Aus dem Golf von Cariaco stammt ein Großteil der Sardinenfänge in Venezuela. Die Fischer der Anliegerdörfer haben das ertragreiche Revier fast ganz für sich allein: Obwohl manche Fischorte direkt an der Karibikküste in Luftlinie nicht weit entfernt sind, ist der Wasserweg zum gut abgeschirmten Golf für deren Boote zu lang

Die Boote der Fischer im Golf sind zu klein, um von Bord aus einen Sardinenschwarm aus dem Wasser zu hieven. Also kreisen die Männer, wenn möglich, ihre Beute zunächst nur ein und treiben sie in eine Bucht, um sie dort an Land zu holen

Mehr als 400 Kilogramm können die Fischer nicht laden; und wenn die Sardinen flüchten, reicht die Kraft der Boote nicht aus, sie im Netz ans Ufer zu ziehen. Die erzwungene Beschränkung sichert immerhin die Zukunft der nächsten Fischergeneration

Seit 21 Jahren überwacht Jøran Nøstvik, Kapitän der "Harstad", Fangschiffe in den norwegischen Küstengewässern. Ertappte Raubfischer müssen sofort eine Geldstrafe zahlen - andernfalls werden sie im nächstliegenden Hafen festgesetzt

Bereit zum Fischzug in der Barentsee: Die Besatzungen russischer Trawler warten auf die Zuteilung ihrer Fangquote. Viele von ihnen werden über das Jahr auch Hunderte Tonnen Kabeljau illegal erbeuten

"Das Meer ist geizig geworden"

Er ist auf dem Meer, elf Seemeilen westlich von Mauretanien, aber er nimmt es kaum wahr. Nikolai Iwanowitsch Budgewitsch, Kapitän der "Balandis", sieht keine Wellen und keine Gischt. Die Echolot- und Sonargeräte, die er überwacht, sollen ihn zu den Sardinen- und Makrelenschwärmen vor der Küste Mauretaniens führen. Hier sind diese Fische so zahlreich wie in kaum einem anderen Gewässer der Erde. In dieser Nacht aber ist das Netz bislang leer geblieben. Deshalb ist Budgewitsch so nervös, und deshalb beginnt er nun, die Fangschiffe der Konkurrenz zu beschimpfen.

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Welchen Fisch kann man noch guten Gewissens kaufen und essen? Empfehlungen für Ihren Einkauf - recherchiert von der GEO-Redaktion (PDF)

Würde er aus dem Fenster sehen, könnte er ihre Positionslichter erkennen. Das Leuchten von einigen der etwa 200 weiteren Industrie-Trawler, schwimmenden Fischfabriken, mit denen vor Westafrika gesucht wird, was in Europa schon nahezu ausgeschöpft ist: riesige silberne Fischschwärme, dazu Langusten, Kalmare, Seehecht und Thunfisch, die Schätze des Meeres. "Es wird Zeit, dass wir uns unsichtbar machen", sagt Kapitän Jøran Nøstvik. Schwarze Wellen brechen drei Meter hoch gegen den Bug des Patrouillenschiffs "Harstad"; er drückt ein paar Knöpfe am Steuerpult und meldet das Schiff der Küstenwache aus dem Satelliten-Identifikations-System ab, lässt es vom Kontrollschirm der anderen Schiffe verschwinden. Wie Kapitän Budgewitsch vor Westafrika ist auch Nøstvik auf Jagd. Nur sucht er keinen Fisch, sondern Fischer. Piratenfischer.

"Das Meer ist geizig geworden"

In Guaca, einem 2300-Seelen-Dorf an der Nordostküste Venezuelas, hat es zu regnen begonnen; nur die verzweifeltsten Fischer sind an diesem Morgen aufs Meer gefahren. Cipriano Espinoza sitzt mit zwei Freunden am Hafen. Die drei alten Männer reparieren ein Netz. "Was sollen wir essen, wenn wir morgen wieder nichts fangen?", sagt Espinoza. "Eigentlich müssten die Schwärme seit Wochen schon hier sein. Aber das Meer ist zu geizig geworden." Dies ist das Drama, das Mauretanien und Litauen, Norwegen und Venezuela, Budgewitsch, Nøstvik und Espinoza verbindet: Der Ozean, größter Lebensraum des Planeten, ist ausgezehrt. In nur einer Generation hat der Mensch es geschafft, den Reichtum der Meere fast bis zur Neige zu plündern. Mehr als 100 Millionen Tonnen Garnelen und Muscheln, Dorade und Hoki, Hering, Seeteufel und zahllose andere ozeanische Gräten- und Krustentiere landen pro Jahr auf den Tellern der Welt. Über drei Viertel aller Bestände gelten nach neuesten FAO-Zahlen als vollständig ausgebeutet, übermäßig befischt oder schon erschöpft. Es sind die Wanderer und die großen Räuber des Ozeans, deren Bestände am stärksten gelitten haben: Thun- und Schwertfisch zum Beispiel, Heilbutt und Haie.

Im Schweinwerferlicht leuchten Hunderttausende reglose Fischkörper

Vor Westafrika, an Bord der "Balandis", ist es halb drei Uhr morgens. Seit einer halben Stunde sind die Bildschirme übersät mit roten Flecken, und der Offizier zögert zu reagieren. Ratlos klingelt er Kapitän Budgewitsch aus der Koje. Budgewitsch kommt, er sieht die leuchtenden Punkte, die Spur der Schwärme. "Eine halbe Stunde schon?", schreit er, "worauf wartest du denn, pennst du?" Das Netz muss an Bord geholt werden, sofort. Budgewitsch weckt den "Chief Trawl Man", den Herrn des Netzes unten an Deck, und setzt die Fangmaschinerie der "Balandis" in Gang. Am Heck des Schiffes springt eine der beiden Seilwinden an: Sie zerrt Eisenketten aus dem Wasser, dann folgen dicke Hanfseile, dann wieder Ketten mit tonnenschweren Stahlgewichten daran, die acht Stunden lang über den Meeresboden gepflügt sind, insgesamt 450 Meter Eisen und Hanf. Und dann erhebt sich das Netz aus der Gischt: am Ende ein gigantischer Schlauch, 50 Meter lang, bis vier Meter im Durchmesser, ein Wurm aus Kunstfasermaschen, vollgestopft mit einer silbernen Masse. Die Winden ziehen das Netz über die Heckrampe ein. Es schabt auf Eisen. Die Seile knarren, im Licht von Scheinwerfern leuchten Hunderttausende Sardinen, Makrelen, reglose Fischkörper.

Die Schleppnetzte hinterlassen eine Spur der Vernichtung

Nur ein Prozent der weltweiten Flotte bringt die Hälfte all dessen an Land, was in den Meeren erbeutet wird. Es sind Supertrawler wie die "Balandis" mit ihren 109 Metern Länge und über 2000 Tonnen Ladekapazität, manch andere sind noch um ein Drittel größer: schwimmende Fischfabriken, die im Wettstreit um die schwindende Beute den Kleinen davoneilen. Es sind technisch perfektionierte Maschinen des Massenfangs. Mit Grundschleppnetzen von bis zu 100 Meter breiten Öffnungen zerpflügen Trawler den Seegrund. An Unterwassergebirgen, die als Oasen der Artenvielfalt gelten und noch so wenig erforscht sind, dass wir viele ihrer Geheimnisse vermutlich nie mehr kennenlernen werden. Denn die mit seitlichen Scherbrettern bestückten Schleppnetze hinterlassen eine Spur der Vernichtung. Sie reißen Korallenpolypen und ganze Riffe entzwei, zertrümmern die Refugien von Millionen von Jungfischen, verwandeln die Unterwasser-Gärten der Anemonen, Seescheiden und Haarsterne in finstere Wüsten.

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Ein Drittel des Gesamtfangs wird illegal eingeholt

Etwa 30 Trawler und zwei Tiefkühltransporter ziehen über den Bildschirm der "Harstad". Acht Schiffe haben Schleppnetze über der "Eggakante" ausgelegt, dem hier bis zu 1000 Meter tiefen Fuß des Kontinentalhangs zwischen den Lofoten und Spitzbergen, an dem ab Januar große Kabeljau- und Rotbarschschwärme gen Süden ziehen. Schätzungsweise eine halbe Million Euro Nettogewinn erwirtschaftet ein Kabeljau-Trawler für seine Charterfirma in einem Monat auf See. Sinken die Quoten, weil die Bestände geschrumpft sind, steigen die Preise - eine Versuchung für Flottenkapitäne, schwarz zu fischen. Bei der FAO wird geschätzt, dass gut ein Drittel des Gesamtfangs auf allen Meeren illegal eingeholt wird. Der Fischraub in der Barentssee hat dramatische Ausmaße: Über 100.000 Tonnen Kabeljau wurden im Jahr 2005 nach Angaben der norwegischen Fischerei-Direktion illegal gefangen - gut ein Viertel der erlaubten Gesamtquote. Um die Piraten vor Norwegens Küste zu bekämpfen, sind Jøran Nøstvik und seine Kollegen im Jahr 2006 zu 2185 Inspektionen ausgerückt, sie haben 285 Schiffsbesatzungen verwarnt oder an die Polizei gemeldet, 27 Schiffe festgesetzt.

Für die Schätze des Ozeans fühlt sich niemand verantwortlich

Von einer "Tragödie der Allgemeingüter" reden Ökonomen, auf das Problem der Überfischung der Weltmeere angesprochen: Weil die Schätze des Ozeans allen und damit keinem gehören, fühlt sich auch niemand für sie verantwortlich. Weil zugleich aber jeder sie nutzen kann, werden solche Fischer bestraft, die ihre Netze zurückhaltend auswerfen. Der Gierige hingegen hat Erfolg. Und am Ende wird für keinen mehr etwas übrig bleiben. Es sei denn, es werden international verbindliche Regeln gefunden. Und Sanktionen durchgesetzt. Nur wie? Die Ozeane erscheinen den meisten Menschen noch immer als nahezu unendlich groß und ergiebig, die Fische kennen keine politischen Grenzen: Beides macht es schwierig, die Nutzung der Meeresreichtümer gerecht und vorausschauend zu reglementieren. Wie schwierig, das zeigt die "Gemeinsame Fischereipolitik" der EU. Kaum irgendwo sonst geht es den Fischbeständen so schlecht wie in EU-Gewässern, meinen Experten wie Rainer Froese, Meeresbiologe am Kieler Leibniz-Institut. Rund zwei Drittel der wichtigsten Populationen stehen hier kurz vor dem Kollaps, etwa in der Nordsee jene von Kabeljau, Dornhai, Scholle und Seezunge.

80 Prozent ist Beifang

Rund 4,5 Millionen Tonnen Fisch, Krustentiere und Muscheln bringen EU-Schiffe pro Jahr an Land. Getötet aber werden deutlich mehr: Denn je nach Fangmethode bestehen bis zu 80 Prozent der Beute aus unerwünschtem "Beifang". Dieser "Abfall" umfasst Fische, die unter der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestgröße liegen oder der "falschen" Art angehören, aber auch Kopffüßer, Nacktschnecken oder Schlangensterne, mitunter Seevögel, Schildkröten oder Delfine. Rund ein Drittel aller Fänge weltweit, so wird bei der FAO geschätzt, besteht aus solchen "Kollateralschäden". Während aber dieser Überschuss in Norwegen oder Island zwingend an Land gebracht werden muss, wo er wenigstens zu Fischmehl verarbeitet und verkauft werden kann, erlaubt die EU, ihn größtenteils gleich auf See wieder über Bord gehen zu lassen. Die Laderäume der Schiffe wären andernfalls zu schnell gefüllt, die Profite zu niedrig. Rund zwei Drittel der Meere, die "Hohe See", sind nahezu rechtsfreie, blaue Wildnis. In ihr muss ein Kapitän lediglich jene Gesetze beachten, die der Flaggenstaat seines Schiffs unterzeichnet hat. Zahlreiche Fischfang-Nationen haben sich jedoch an keines der Völkerrechtsabkommen zum Schutz der Meere gebunden - und lassen der Überfischung auf Hoher See damit weitgehend freie Hand.

Guaca, Venezuela. Espinoza ist müde, er geht nach Hause. Das Netz ist geflickt, und es gibt Fisch: Nicht viel, aber eines der Boote hat ein paar Bonitos, eine kleinere Thunfischart, gefangen; einen davon haben die Fischer für Espinoza zurückgelegt. Espinoza wartet. Auf Sardinen vor allem, das Silber des Meeres, das die Zone vor Guaca in manchen Zeiten an Fischen so reich macht wie die Westküste Afrikas. Aber leider nur manchmal. Guaca ist einer von abertausend Orten weltweit, deren Bewohner direkt an die unstete Gunst des Meeres gebunden sind. Im Frühjahr, wenn die Sardinenschwärme kommen, ist die Bodega am Hafen jede Nacht bis zum Morgen geöffnet. Espinoza verdient in solchen Zeiten rund 30 Euro täglich, mehr als sonst in der ganzen Woche. Rund 100 Dorfgemeinschaften an der Nordostküste Venezuelas leben vom Fang der Sardinen: Im Jahr bringen die Fischer 60.000 Tonnen davon an Land, was zwei Dritteln der nationalen Fangmenge Venezuelas entspricht. In guten Monaten könnte noch viel mehr gefischt werden. Die traditionellen Boote der Dorfbewohner aber fahren selten weiter als einige Seemeilen vor die Küste und laden höchstens 400 Kilogramm Fisch - nicht einmal ein Hunderstel dessen, was die "Balandis" mit einem einzigen Hol aus dem Atlantik zu bergen vermag.

Sind die Meere verloren?

Müssen wir die Meere tatsächlich verloren geben? Oder haben wir noch eine Chance, ihren Reichtum und die Zukunft der Fischer zu retten? "Es gibt durchaus Hoffnung", sagen Experten wie der Generalsekretär des Wissenschaftlichen ICES-Rates, Gerd Hubold. Denn schon wenige, naheliegende Paradigmenwechsel könnten in der Fischerei große Wunder bewirken. So plädieren selbst Lobbyisten wie der Vorsitzende des Deutschen Hochseefischereiverbandes, Klaus Hartmann, dafür, auch in EU-Gewässern die achtlose Entsorgung des Beifangs auf See zu verbieten und Verstöße gegen Quoten und Fangverbote mit drastischen Strafen zu ahnden. Derzeit addieren sich alle an EU-Fischer verhängten Bußgelder gerade einmal auf zwei Promille des gewonnenen Fangwertes. Da scheint es verlockend, eine Strafe in Kauf zu nehmen und dafür mehr zu erbeuten. Auch ließe sich viel gewinnen, wenn die Festlegung der Quoten kein Ergebnis politischer Rangeleien mehr wäre, sondern - wie beispielsweise in Island schon üblich - allein vom Votum eines wissenschaftlichen Beirats abhinge.

Denn wozu gibt es überall in Europa nationale Meeresforschungsinstitutionen, die Reproduktionszyklen, Altersverteilungen und Wanderungsbewegungen von Fischbeständen erkunden, um daraus im Interesse des Menschen und einer intakten Meeresfauna den "Maximal Sustainable Yield" zu berechnen - wenn dann doch niemand auf ihren Rat hört? Wie kommen Fischerei-Politiker dazu, sich dem Irrglauben hinzugeben, die Biologie der Ozeane ließe sich überlisten? Einen ersten, wichtigen Schritt in die richtige Richtung geht die EU immerhin mit dem Abbau der Flottenkapazität, die seit 1983 kontinuierlich schrumpft. Zugleich aber werden weiterhin astronomische Subventionen dafür gezahlt, die übrigen Fangschiffe zu modernisieren und zu immer effektiveren Maschinerien zu trimmen. Auch derartige Subventionen müssen, so fordern Umweltschützer und Meeresforscher unisono, so schnell wie nur möglich gestrichen werden.

Nur 0,5 Prozent der Ozeanfläche stehen unter Schutz

Umgekehrt käme es Fischern wie Fischen gleichermaßen zugute, zumindest die zentralen Brutstätten und Oasen der Artenvielfalt im Meer zu Sperrzonen zu erklären. Nur 0,5 Prozent der Ozeanfläche stehen derzeit unter Schutz, nach Meinung vieler Meeresforscher aber müssten es mindestens 20 Prozent sein. Denn mittlerweile gilt als erwiesen, dass noch im Umkreis von Schutzgebieten die Biodiversität und die Bestände von Nutzfischen zunehmen - wie das Beispiel der Karibikinsel St. Lucia zeigt: Fünf Jahre nach Einrichtung eines Meeresreservats hat sich dort außerhalb der Schutzzone die Fangmenge um bis zu 90 Prozent erhöht. Die wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe zur Rettung der Meere wird letztlich darin bestehen, die Fischer selbst in die Verantwortung für ihre Ressource einzubeziehen. In der Lachsfischerei vor Alaska hat sich dieser Gedanke schon durchgesetzt: Hier haben die Fischer selbst den Zugang zu den Beständen auf wenige Schiffe begrenzt und kontrollieren sich gegenseitig - weil sie wissen, dass alle verlieren werden, wenn nur einer zu viel fängt.

Island, Neuseeland und Australien versuchen auf anderem Wege, der "Tragödie der Allgemeingüter" im Meer zu entgehen: Sie weisen den Fischern individuell übertragbare Quoten an den Beständen zu, die wie Aktien gehandelt werden können. Der Wert dieser Quoten steigt, je größer der Fischbestand ist, der im Meer verbleibt. Damit wächst die Verantwortung der Fischer für "ihre" Schätze, weil die sich von einem Allgemeingut in einen erfassbaren Wert verwandelt haben; und jeder Fischer tendiert zu möglichst effektiver Wirtschaftsweise - etwa dazu, die Beifänge zu reduzieren und die gefangenen Fische nicht in zu vollen Netzen zu zerquetschen. Wer dabei Fisch fängt, für den er selbst keine Quote besitzt, kann das erforderliche Nutzungsrecht ankaufen, um seinen Fang nachträglich zu legalisieren, was die erlaubte Fangquote des Verkäufers automatisch verringert. Gelingt dem Anbieter das nicht, muss er den Fang trotzdem anlanden, verkaufen und den Erlös zu 80 Prozent an ein Meeresforschungsinstitut abtreten.

Mehr illegale Trawler als je zuvor

Auch in der EU wird inzwischen über erste Schritte zur Individualisierung von Nutzungsrechten im Meer nachgedacht. Denn weder die pauschale Quotierung noch die Reduzierung der Fangtage packen das Problem an der Wurzel. Erst wenn für das Meer eines Tages ähnliche Verantwortungsbeziehungen bestehen, wie sie ein Förster idealerweise für "seine" Wälder kennt, wird es für beide, Fischer und Fische, eine gedeihliche Zukunft geben. Und auch Verbraucher können ihren Teil dazu beitragen: indem sie diejenigen Fischer fördern, die ihre Rolle als Treuhänder der Meere pflichtbewusst wahrnehmen. Indem sie ihr Auge für Gütesiegel wie jenes des "Marine Stewardship Council" schärfen - und generell darauf achten, woher der Fisch kommt, der auf ihren Tellern das Ende der Nahrungskette erreicht.

Guaca, Venezuela. Espinoza gräbt seine Hände in Blut: Er nimmt die Bonitos aus, die am Hafen liegen; ein Schnitt durch die faserigen, tiefroten Kiemen, ein knackender Ton, es spritzt auf sein Hemd. Espinoza schneidet zwei Stunden lang; die Eingeweide, eine Delikatesse, darf er behalten. Der Bootseigentümer zahlt ihm für die ausgenommenen Bonitos 20.000 Bolivares, etwa sieben Euro. "Es wird schon", sagt Espinoza. "Irgendwie kommen wir über die Runden." Was er nicht ahnen kann: Venezolanische Fischereibiologen haben berechnet, dass der Rückgang der Sardinen vor der Küste von Guaca stärker noch auf das Wachstum der Fangflotten als auf den Klimawandel zurückgeht. Für die Plankton-Organismen, von denen sich die Sardinen ernähren, sind die flachen Küstengewässer zu warm geworden.

Mehr illegale Trawler als je zuvor

Nordmeer, norwegisches Hoheitsgewässer. Die Nacht war kurz auf der "Harstad". Schon um acht Uhr treffen sich Kapitän Nøstvik und seine Männer wieder auf der Brücke, um die nächsten Inspektionen vorzubereiten. Im Jahr 2006 haben sie mehr illegale Trawler festgesetzt als je zuvor. Mit einigen europäischen Ländern wie Portugal und Litauen hat Norwegen vereinbart, künftig alle Informationen über Fischraub und illegalen Handel auszutauschen. Noch 2007 will die EU-Kommission unter deutscher Führung eine neue Strategie gegen die IUU-Fischerei verabschieden. Und die neue EU-Fischereiaufsichtsagentur im spanischen Vigo soll die Einhaltung von Quoten und Fangtagen schärfer prüfen. Kapitän Nøstvik seufzt. Er wird nun ein Jahr Pause machen, auf einem Transportschiff im Mittelmeer. "21 Jahre lang habe ich Fischräuber gejagt, stets mit dem vollen Einsatz meiner Crew. Nun sind die Politiker dran. Wenn sie Erfolg haben, komme ich gern zurück."

Die Schiffe fangen mehr Fische, als verarbeitet werden können

Auf dem Atlantik, westlich von Afrika. Das Netz der "Balandis" ist wieder draußen, das Schiff wendet, das Deck wirkt wie eine Schlucht, über der sich der Himmel dreht. Hinter dem Heck treiben tote Makrelen. Für einige Minuten ist das Meer voll mit ihnen, ein Teppich aus toten Fischen, angestrahlt von den Scheinwerfern, die das schwarze Wasser hinter dem Schiff ausleuchten. Wie kann das sein, wo doch die Mannschaft alles verwertet? Ob die Crew, kontrolliert von Yahya Sheikh, von den Radarstationen an der Küste und von Inspektoren in den Häfen, manchmal doch mehr Fische fängt, als in der Fabrik der "Balandis" verarbeitet werden können? Nikolai Iwanowitsch Budgewitsch, Kapitän der "Balandis", hört sich die Fragen geduldig an. Und er zuckt mit den Schultern.

"360° - GEO Reportage", die TV-Reihe von GEO auf Arte, zeigt am 30. Juni um 21.35 Uhr: "Venezuela - die alte Frau und das Meer". Der Film von Caterina Klusemann dokumentiert das Leben venezolanischer Fischerfamilien, deren Sardinenkonserven bis nach Europa geliefert werden.

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