Simulation: La Ola für kühle Rechner

Computerwissenschaftler haben die von Fußballfans ausgelöste Welle im Stadion als Studienobjekt entdeckt

Seit der Fußball-Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko, wo sie sich zum ersten Mal Bahn gebrochen haben soll, hat sich diese Welle um die Welt verbreitet: La Ola, Sinnbild für begeisterungsfähige Fußballfreunde. Nun hat sie auch eher nüchterne wissenschaftliche Zirkel erreicht: Für Dirk Helbing von der Fakultät für Verkehrswissenschaften an der Technischen Universität Dresden und seine Kollegen Illés Farkas und Tamás Vicsek von der Eötvös-Universität in Budapest sind die Fanmassen, welche die Welle bilden, nichts weiter als ein so genanntes "erregbares Medium".

Unter diese Rubrik fallen für die Forscher neben dem Stadionpublikum so unterschiedliche Dinge wie das Herzgewebe oder große Menschenansammlungen bei Demonstrationen. Denn auch die Erregungswelle des Herzschlags pflanzt sich auf ähnliche Weise wie La Ola fort - grob gesagt nimmt eine "erregbare" Zelle oder sonstige Einheit die Aktivität des Nachbarn auf und kehrt in einen Ruhezustand zurück.

Zur Simulation haben die Forscher eine Art virtuelles Brettspiel (einen "zellulären Automaten") mit besonderen Regeln verwendet. Für La Ola etwa gibt ein Feld einen Zuschauer wieder, der drei Zustände einnehmen kann: Er ist entweder aktiv und reißt die Arme hoch. Oder er ist passiv, also von der gerade durchgeführten Aktion erschöpft, hocktwieder auf seinem Sitz und ist zu keinen Aktivitäten bereit. Nach einiger Zeit wechselt die Stimmung hin zu "erregbar": Der Zuschauer sitzt zwar noch, ist aber wieder bereit aufzuspringen, sobald sein Nachbar im angrenzenden Feld aktiv wird.

Werden die Zustände der Felder in die richtige Reihenfolge gebracht, pflanzt sich die Erregung wellenförmig fort. Da die Menschen den Forschern zufolge eher ihren rechten als ihren linken Nachbarn beobachten, läuft die entstehende Welle angeblich meist im Uhrzeigersinn durch das Stadion. Mit zwölf Metern oder 20 Sitzen in der Sekunde ist die im Durchschnitt 15 Sitze oder neun Meter breite La Ola schneller als ein Hundertmeterläufer.

Als Auslöser - so haben die Forscher anhand von Videoaufnahmen ermittelt - bedarf es einer aktiven Gruppe von mindestens 25 bis 35 Leuten. Diese "kritische Masse" könnte, meint Helbing, unter Umständen auch ein wichtiger Schwellenwert beim Umschlagen friedlicher in gewalttätige Demonstrationen sein. Allerdings: Im Gegensatz zur Revolte tritt La Ola offenbar nicht in der "Hitze des Gefechts" auf. Nach Tamás Vicsek ist die Wahrscheinlichkeit für La Ola besonders groß, wenn sich auf dem Spielfeld wenig tut. Sollte das stimmen, wäre die "mexikanische Welle" in erster Linie eine Ablenkungsmaßnahme gegen kollektive Langeweile.

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