Geowissenschaft: Gas statt Meteor?

Die Katastrophe, die 1908 das Tunguska-Gebiet verwüstete, wurde möglicherweise durch eine Methan-Explosion ausgelöst.

Ausgerechnet ein Astrophysiker versucht, den Blick vom Weltraum auf das Erdinnere zu lenken. Denn, so behauptet Wolfgang Kundt von der Universität Bonn, die Ursache für die so genannte Tunguska-Katastrophe sei kein "himmlischer" Asteroid, sondern eine "irdische" Gasexplosion gewesen.

Am Morgen des 30. Juni 1908 hatte ein bis dato unbekanntes Ereignis eine riesige Fläche Zentralsibiriens verwüstet. Rund 2000 Quadratkilometer Wald wurden damals von einer Explosion mit der Wucht von 20 bis 40 Megatonnen vernichtet - das entspricht der Energie von 2000 Hiroshima-Bomben. 80 Millionen Bäume lagen danach wie Streichhölzer Seite an Seite.

Von den vielen Erklärungsversuchen für die Katastrophe hat die Asteroiden- oder Kometentheorie bisher die Mehrheit der Forscher auf ihrer Seite. Für Kundt bleiben indes Zweifel: Das Muster der gefällten Bäume, so seine Argumentation, zeichne fünf Epizentren nach; und danach müsse der Himmelskörper an fünf Stellen die Erde getroffen haben. Doch nirgends lasse sich entsprechendes außerirdisches Material finden.

Zusammen mit seinem Moskauer Kollegen Andrej Olchowatow hat Kundt eine alternative Theorie entwickelt, die jetzt durch Forschungen des Geologen Wladimir Epifanow vom Geoforschungsinstitut in Nowosibirsk Unterstützung fand. In der Tunguska-Region versperre eine riesige Basaltschicht den Weg unterirdisch gestauten Gases an die Oberfläche; werde der Druck indes zu hoch, bahnten sich die Gase durch Röhren und Spalten gewaltsam einen Weg nach oben; und sobald das flüssige Gas die Erdoberfläche erreiche, verdampfe es schlagartig und vergrößere sein Volumen dabei auf das Tausendfache.

So etwas geschieht relativ häufig - wenn auch nicht immer in derselben Stärke. Die Theorie der Forscher wird gestützt durch eine vergleichbare Explosion, die sich 1994 bei Cando in Nordwest-Spanien ereignete. Sie hinterließ einen flachen Krater an der Erdoberfläche und schleuderte Bäume hundert Meter weit durch die Luft. Da ein Gemisch aus Methan und Luft leicht explodiert, beobachteten Augenzeugen einen Feuerball und glaubten, ein Meteor wäre eingeschlagen. Erst Geologen konnten einen Gasausbruch als wahrscheinliche Ursache der Explosion ermitteln.

Die bei der Reaktion von Methan und Luft entstehenden Druckwellen haben anfangs Überschallgeschwindigkeit. Und während eine Atombombe ihren Explosionspilz allenfalls 30 Kilometer in die Höhe bläst, schoss der Tunguska-Gaspilz wahrscheinlich sogar 200 Kilometer hoch in die Atmosphäre.

Ähnlich wie es am Boden geschieht, dürfte auch in dieser Höhe ein Teil des Methans zu Kohlendioxid und Wasser verbrannt sein. Kundt zufolge gefror der Wasserdampf sofort zu Eiskristallen und wurde in Höhen getragen, in denen sich sonst nie Wolken bilden. Mit den in über 50 Kilometer Höhe vorherrschenden Ostwinden schwebte der gefrorene Wasserdampf weit nach Westen. Eiskristalle in großen Höhen streuen das Sonnenlicht aber bis in Gegenden, in denen schon längst Nacht ist. Daher erlebten die Menschen zwischen Stockholm und Taschkent, zwischen Irland und dem Ural vier aufeinander folgende helle Nächte, die als so genannte weiße Nächte in die Geschichte eingingen.

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