Müll im All

Wrackteile rasen durch die Schwerelosigkeit und werden für Astronauten zu tödlichen Geschossen

1 Stück Metall, das mit 50000 Kilometern pro Stunde durch den luftleeren Raum jagte, wurde im vergangenen Juli dem französischen Aufklärungssatelliten "Cerise" zum Verhängnis. Das Schrottfragment, das von einer 1986 im All explodierten "Ariane"-Rakete stammte, riß den sechs Meter langen Stabilisator des Satelliten ab, und der Himmelsspäher taumelt seither steuerlos durch den Raum.

Solche Zusammenstöße werden sich in der Raumfahrt häufen. Denn die Armada der Wrackteile im erdnahen Weltall wächst beständig. 200 Trümmer blieben von einer russischen "Proton"-Rakete zurück, als deren letzte Antriebsstufe im Februar vergangenen Jahres explodierte. Seitdem ziehen die Überreste - millimeterkleine Splitter, aber auch große Partien verbeulten Metalls - ihre Bahnen um die Erde. Und 478 registrierte Bruchstücke hinterließ die dritte Stufe jener "Ariane"-Rakete, die es am 22. Februar 1986 zerfetzte, weil der Tank mit Treibstoffresten explodiert war.

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Schwere Zeiten für Raumfahrer: Kollisionen mit Müll werden immer wahrscheinlicher

Nach einer Nasa-Studie umkreisen allein 1300 ausgediente Raketenteile den Globus. Einmal abgesprengt und von keinem Steuersystem mehr auf Kurs gehalten, ändern solche Brocken allmählich ihre Umlaufbahn. Die kleineren Trümmer von Explosionen verteilen sich auf diese Weise im Laufe der Jahre um den ganzen Globus.

Die erdnahen und die - rund 36 000 Kilometer entfernten - geostationären Erdumlaufbahnen sind inzwischen von etwa 2380 Satelliten, Sonden und einer Raumstation besetzt, von denen höchstens ein Viertel noch den Steuerbefehlen der Kommandozentralen gehorcht. Zusätzlich rasen hier 6250 registrierte Trümmerstücke herum. In der scheinbaren Ruhe der Quasi-Schwerelosigkeit umrunden die Fragmente die Erde mit Geschwindigkeiten zwischen 15 000 und 50000 Kilometern pro Stunde. Bei solchem Tempo richtet bereits ein Staubkörnchen beim Einschlag in einem entgegenkommenden Raumschiff schwere Schäden an. So ist der Space-Shuttle "Columbia" auf seiner Mission im November 1995 nur knapp einer Katastrophe entkommen: Ein winziges Stück Metall-Legierung hatte ein mehrere Millimeter tiefes Loch in ein Frachttor des Raumgleiters geschlagen.

Nächstes Jahr soll die Internationale Raumstation vom Stapel gelassen werden - die Astronauten wissen, dass ein Stückchen Müll im All jederzeit die dünne Aluminium-Haut ihrer Behausung durchschlagen kann. Die von den Russen beizusteuernden Wohn- und Arbeitsräume der Astronauten entsprechen nicht einmal den Nasa-Anti-Kollisions-Standards; man wird sie später in der Umlaufbahn mit Extra-Schutzschilden nachrüsten müssen.

Damit größere Fragmente nicht etwa mit anfliegenden ballistischen Raketen verwechselt werden, verfolgt das "United States Space Command" in Colorado Springs auf ihren Bildschirmen 8630 Partikel, die größer als zehn Zentimeter sind. Auf einem Nasa-Spezial-Radarschirm sind sogar Splitter von der Größe eines halben Zentimeters zu erkennen. Leider ist die Flugbahn dieser 400 000 für Raumfahrer womöglich tödlichen Geschosse nicht vorhersagbar.

Die Zahl der Müllkörper im All wächst immer schneller; denn Trümmer erzeugen, wenn sie einschlagen, lawinenartig neue gefährliche Fragmente. Experten haben berechnet, wann der Himmel über uns umschlossen sein wird von einer rasenden Mauer: Nach etwas über 50 Jahren wird eine Schrottschicht aus mehr als 10 000 000 kleinen Trümmern unseren Planeten von der Unendlichkeit abschotten.

Weltraumschrott
Kosmologie: Müll im Orbit
Mit bis zu 50 000 Stundenkilometern rasen Wrackteile und ausgediente Flugkörper unkontrolliert durch die Schwerelosigkeit. Ein GEO.de-Special widmet sich dieser wachsenden Gefahr für Raumstationen und Space Shuttles
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