Neurobiologie: Fitness hält graue Zellen jung

Senioren können ihre Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter erhalten - wenn sie nicht träge werden

In der Jugend verändert sich das Gehirn ständig. Es passt sich neuen Situationen an und reorganisiert sich ganz nach Bedarf. Doch im Alter scheinen diese Mechanismen nicht mehr zu funktionieren. Beispielsweise lassen sensomotorische Fähigkeiten nach, wie der sichere Gang. Alte Menschen machen daher meist kurze Schritte und setzen - der Balance wegen - ihre Füße weiter auseinander. Lässt also die Leistungskraft im Alter zwangsläufig nach, weil das Gehirn seine "gebrauchsabhängige Plastizität" verliert?

"Das Potenzial wird meist bloß nicht genutzt", sagt Hubert Dinse, Neurowissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum. Zusammen mit seinem Team bewies er jetzt an Ratten, dass sich das Laufverhalten im Alter durch Training deutlich beeinflussen lässt. Mit drei Jahren sind Ratten bereits Greise: Pfotenabdrücke belegen ihren schlurfenden Gang, und die Hinterbeine können sie nur noch mit Mühe heben. Während ihre jungen Artgenossen problemlos über schmale Balken flitzen, um ihr Nest zu erreichen, stürzen die Alten schon nach wenigen Schritten ab.

Um herauszufinden, ob dieses Laufverhalten auch zu Veränderungen im Gehirn führt, verglichen die Wissenschaftler mithilfe von elektrophysiologischen Messungen die kortikalen Karten junger und alter Ratten. Das sind Aufnahmen der Hirnrinde, des Cortex, in dem sich die gesamte Körperoberfläche eines Lebewesens widerspiegelt. Reizt man etwa zwei Punkte auf der Handfläche, werden auch im Gehirn die Nervenzellen zweier nah beieinander liegender Stellen aktiviert.

Dabei zeigte sich, dass die sensomotorischen Karten der Hinterpfoten alter Ratten kleiner und weniger aktiv sind als die der jungen. Fitness und Mobilität der Tiere waren entsprechend stark eingeschränkt.

Wenn diese Unterschiede nicht von abgestorbenen Nervenzellen herrührten, sondern eher eine Anpassung an altersbedingten Muskelschwund oder Gelenkschmerzen waren, so folgerten die Forscher, müssten sich Tastsinn und Laufverhalten durch Training verbessern lassen. Also gingen sie mit einer zweiten Gruppe von Rattensenioren für einige Monate ins Trainingslager. Im so genannten "Enriched environment" mussten die Nager Grips und Muskeln anstrengen, um Gänge und Höhlen zu bauen. Satt wurde nur, wer eifrig suchte und kletterte, denn das Futter war an immer neuen Plätzen versteckt.

Fazit: Die motorischen Karten der trainierten Alten erreichten wieder die Ausdehnung aus früheren Jahren, aber nicht mehr die gewohnte Empfindlichkeit. Dies spiegele sich in einem "Senioren gerechten" Laufstil wider, fanden die Forscher. "Die sportlichen Greise laufen langsamer und halten durch viele kleine Schritte ihre Beine mehr am Boden, um eine bessere Standsicherheit zu erzielen." Doch der Erfolg sprach für sich: Die fitten Senioren schafften auch im Trippelschritt wieder den langen Weg über den Balken.

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