Geowissenschaften: Der Atem des Teufels

Für die Regierung von Mali deutete alles auf einen Vulkanausbruch nahe der Stadt Timbuktu hin. Forscher aus Oslo klärten das feurige Phänomen in Westafrika auf

Gelegentlich brutzelt es unter dem Wüstensand von Mali. Dann qualmt es aus glühend heißen Erdlöchern; Bäume und Sträucher fangen von den Wurzeln her Feuer und verbrennen wie Zunder. Wissenschaftler hatten dieses Phänomen schon in der Kolonialzeit beschrieben - und machten geschmolzenes Magma für das rot-heiße Glühen der Erde verantwortlich. Doch überprüft wurde diese Theorie bisher nicht, wohl weil die Gegend unter Geologen als tektonisch ruhig gilt.

Als jedoch kürzlich eine rund zwei Quadratkilometer große Wüstenfläche von einem unterirdischen Feuer erfasst war, das sich gefährlich schnell auf die Ortschaft Haribibi an den Ufern des ausgetrockneten Faguibine-Sees westlich von Timbuktu zubewegte, bat Malis Regierung den norwegischen Hydrothermie-Experten Dag Kristian Dysthe von der Universität Oslo um Hilfe.

"Wir erwarteten, knapp unter der Erdoberfläche Magma zu finden", sagt Dysthe. Doch bereits erste Messungen mit Spezial-Thermometern machten ihn und sein Team stutzig. Während sie an einem Brandherd 530 Grad Celsius direkt an der Erdoberfläche feststellten, registrierten sie wenige Meter entfernt, wo die Hitzefront zwei Wochen zuvor aufgetreten war, ganz normale Temperaturen. Falls Magma direkt unter der Erdoberfläche brodelte, hätte es dort viel heißer sein müssen. Schon diese einfache Messung widersprach der Vulkan-Theorie.

Um dem Feuer auf den Grund zu gehen, griffen die Norweger zur Schaufel. Bereits in 60 Zentimeter Tiefe stießen sie auf eine Schicht verrottender Pflanzenmasse, aus der bei Temperaturen von 830 Grad Celsius Flammen züngelten. 75 Zentimeter unter der glimmenden Torfschicht war die Temperatur auf 40 Grad Celsius gefallen. Die verrottenden Pflanzen mussten also mit der Hitze zusammenhängen. Nachdem die Forscher ähnliche Verhältnisse noch an drei weiteren Stellen in der Umgebung von Haribibi vorgefunden hatten, war für Dag Kristian Dysthe der Fall klar: Es handelte sich um trockene organische Seeablagerungen, die bei bakteriellem Abbau zu brennen beginnen.

Das jährliche Hochwasser des Niger, so Dysthe, speise über natürliche Kanäle auch den Faguibine-See. Dort wachsen bei hohem Wasserstand viele Pflanzen, die später wieder vertrocknen und irgendwann unter Sedimenten begraben werden. Wenn Mikroorganismen die Pflanzenreste zersetzen, kann das umgebende Gestein die dabei frei werdende Wärme nur schlecht ableiten: Die Masse erhitzt sich und entzündet sich schließlich von selbst. Da durch die Poren des Bodens wenig Sauerstoff zu den Pflanzenresten vordringt, glimmt das Feuer nur. Erst wenn es mit Luft in Berührung kommt - wie durch die Grabungen der Forscher -, schießen die Flammen empor.

Die Torfbrände haben offenbar eine lange Geschichte. Nach alten Überlieferungen kampieren die Tuareg nie auf ausgetrockneten See-Sedimenten. Sie halten Qualm und Feuer, die dort aus der Erde schießen, für Teufelswerk.

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