Biomechanik: Notorische Quertreiber

Warum reißen Fingernägel eigentlich nie in Längsrichtung ein? Britische Biologen machten die Nagelprobe

Erkenntnis fordert gelegentlich Opfer. Für die Untersuchungen ihres Dozenten Ronald Ennos an der School of Biological Sciences der Universität Manchester gaben Studentinnen Stücke ihrer Fingernägel her. Sinn der Prozedur: herauszufinden, warum die Hornschicht, wenn man sie versehentlich beschädigt, immer nur in einer ganz bestimmten Richtung einreißt.

20 Proben schnitt der Fachmann für Biomechanik mit einer Rasierklinge einen Millimeter tief ein - manche längs, andere quer - und versuchte dann, sie in Längsrichtung (also dahin, wo einmal das Nagelbett war) weiter zu reißen. Ergebnis: negativ. Die Nägel widerstanden, rissen immer nur quer aus und forderten Ennos damit zu weiteren Tests heraus.

Er zerteilte 15 neue Proben und maß die Kraft, die nötig war, um die Schnipsel zu zerschneiden. Das Resultat: Ein "Längsschnitt" bedarf der doppelten Kraft wie ein "Querschnitt". Wobei sich Abschnitte aus der Nagelmitte der Schere noch zäher widersetzten als die äußeren, der Nagelfalte zugewandten.

Des Rätsels Lösung liegt in der Architektur der Nägel, die sich unter dem Elektronenmikroskop offenbart. Fingernägel bestehen aus drei Lagen. Die obere und die untere sind dünn, elastisch, bestehen aus schieferartig überlappenden Hornplättchen und lassen sich in beliebiger Richtung gleich gut schneiden. Die mittlere dagegen ist deutlich dicker und aus langen, dünnen, dicht gepackten Fasern aufgebaut, die reich an Keratin sind. Wie Querstreben verlaufen sie parallel zur Lunula, dem kleinen halbmondförmigen, weißen Feld am Beginn des Nagelbettes. Durch die quer angeordneten Fasern der Mittelschicht wird jeder Riss seitlich entlang der Strebe abgelenkt und kann sich nicht bis in das empfindliche Nagelbett fortsetzen.

Nachdem diese Zusammenhänge geklärt sind, ist rigoroses Umdenken in der Maniküre angesagt: schneiden - nicht feilen! Durch das Feilen werden die dünnen Lagen, die den Nagel an den Rändern völlig umschließen, nämlich beschädigt, und der Nagel kann leicht aufsplittern. Und Lackieren? Ganz schlecht! Der harte Nagellack mindert die Elastizität der äußeren Nagelschicht, die Spannung der Lackschicht dominiert - so kommt es leicht zu Brüchen und Rissen in beliebiger Richtung.

Alle GEOSKOPE aus dem Magazin 4/2004

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