Mysterien: Brandursache unbekannt

Die Elektrik spielt verrückt in dem sizilianischen Örtchen Canneto. Phänomene, die jeder sehen und bezeugen kann. Aber niemand hat eine vernünftige, wissenschaftlich haltbare Erklärung. Ein GEO-Reporter hat sich vor Ort umgesehen
In diesem Artikel
Exorzisten sind unerwünscht

"Die Wahrheit", sagt die 68-jährige Lorenzina Pezzino, "die Wahrheit wissen die längst. Aber wir werden sie nie erfahren." "Die", das sind die von der Eisenbahn und die vom Zivilschutz, die vom Institut für Geophysik und von der Universität Messina und der Bürgermeister sowieso. Die kommen mit immer absurderen Erklärungen für das Phänomen, das in den vergangenen Monaten die Häuser der Via Mare heimgesucht hat. Die Sackgasse ist das Herz der Ortschaft Canneto di Caronia an der Nordküste Siziliens, 39 Menschen leben hier. Die Züge von Palermo nach Messina rasen ganz dicht vorbei.

Mysteriöse Kabelbrände

Es begann im Januar. In Nino Pezzinos Haus brannte der Fernseher durch. Soweit nichts Ungewöhnliches. Ein paar Tage später schmorte bei den Nachbarn das Kabel des Kühlschranks. Wohl ein Kurzschluss. Obwohl das Gerät erst zwei Tage alt war. Als auch in Ninos Haus die Kabel durchbrennen, ruft er bei der Enel an, dem staatlichen Elektrizitäts-Konzern. Ein Techniker leitet den Strom über einen anderen Zähler um. Abends fängt im Bad die Leitung des Durchlauferhitzers an zu glühen. Die Enel nimmt die Via Mare vom Netz und stellt einen Generator auf. Der Spuk geht weiter. Der Strom wird ganz abgeschaltet. Ein Zähler geht in Flammen auf. Der Strom ist abgeschaltet, aber die Brände hören nicht auf! Und es passiert fast immer dann, wenn ein Zug vorbeifährt.

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In Canneto spielt die Elektrik verrückt und keiner weiß, warum

Ist es die Bahn oder ein Vulkan?

Am 7. Februar steigt überall Qualm aus Steckdosen und Lichtschaltern, züngeln kleine Flammen aus Verteilerkästchen. Vor Ninos Haus liegt ein Stück Kabel auf dem Boden, die Enden blank. Es fängt in der Mitte an zu schmoren. Die Straße wird evakuiert. Die Enel-Techniker reißen alle Stromleitungen aus den Wänden. Jemand hat gesagt, unter Canneto sei womöglich ein neuer Vulkan am entstehen. Dutzende Techniker und Wissenschaftler belagern das Dorf, Journalisten, Feuerwehrmänner, Beamte. Sie machen elektromagnetische und elektrostatische Messungen; sie prüfen die Luftfeuchtigkeit; sie untersuchen die Oberleitung der Bahn und die Sendemasten der Mobilfunk-Betreiber.

Ist es "geothermische Energie"?

In den Zeitungen erscheint eine Infografik mit der ersten Hypothese. Schübe geothermischer Energie hätten sich genau unter Canneto den Weg an die Erdoberfläche gebahnt und die Luft ionisiert, was zu Entladungen und damit zu den Bränden geführt habe. Am nächsten Tag erklärt das Nationale Institut für Geophysik und Vulkanologie die Theorie für nicht haltbar: Canneto liege in einer für sizilianische Verhältnisse absolut ruhigen Zone. Die Ratlosigkeit bleibt auch in den folgenden Wochen. Seit die Wissenschaftler da und die Bewohner weg sind, haben die Brände aufgehört. Es gibt nichts zu messen. Mitte März hebt der Bürgermeister die Evakuierung auf. Die Familien beginnen, sich wieder einzurichten. Die Enel verlegt neue Stromleitungen. Wenig später dringt Qualm aus einem Schuhschränkchen. "Wo stecken die Techniker?", ruft Nino und rudert mit den Armen.

Exorzisten sind unerwünscht

Bald erscheinen auf Handy-Displays wirre Zeichen, Akkus entladen sich. Die Wissenschaftler messen elektromagnetische Störungen. Die Schutzkleidung und ein Schuh eines Forschers entzünden sich. An geparkten Autos blockieren die Zentralverriegelungen. Ein Lieferwagen, der einige Stunden an der Zufahrt zur Via Mare geparkt war, geht beim Wegfahren in Flammen auf. Im Fernsehen toben Debatten: Um Canneto habe sich offenbar eine Art Kondensator gebildet. Von Kugelblitzen und so genannten Elmsfeuern ist die Rede, aus Rom meldet sich Gabriele Amorth, Ehrenpräsident des Internationalen Exorzisten-Verbandes. Er bietet seine Dienste an, die Bürger von Canneto lehnen dankend ab. "Den Teufel gibt es", sagt Lorenzina Pezzino, "aber warum sollte er mein Haus in Brand stecken?" Eine dänische Journalistin sagt in die Fernsehkameras der italienischen Kollegen: "Es überrascht uns, dass niemand in diesem sizilianischen Dorf an Übernatürliches glaubt. Wir sind ein bisschen enttäuscht."

"Emission von Energiequanten"

Die Bürger von Canneto haben einen technischen Berater, einen Ingenieur namens Francesco Valenti. In drei Dossiers hat er seine Erklärung für die Phänomene dargelegt: Die starken Sturmfluten im Januar und Februar hätten den Erdboden unter Canneto erodiert, deswegen könne der Strom der Eisenbahn nicht mehr richtig abfließen. Ladung sammle sich an "wie in einem Schwamm" und bilde elektrostatische Felder. Außerdem hätten die Stürme die Oberleitung verbogen, die Stromabnehmer der Loks machten deshalb winzige Sprünge, was zur Emission von Energiequanten führe.

Vielleicht sind Sonnenstürme schuld

Valentis Theorie entbehre jeder wissenschaftlichen Grundlage, sagt Francesco Venerando, Koordinator der Zivilschutzbehörde im zwei Stunden entfernten Palermo. Es gebe keine Hinweise auf Eintritt von Meerwasser, keine Erosion. Er liest aus einem Zeitungsartikel über die Theorie eines Physik-Professors aus Urbino vor: Möglicherweise hätten die ungewöhnlich starken Sonnenstürme um die Jahreswende Teile der Ionosphäre ionisiert, was zu einem Linsen-Effekt geführt habe. Elektromagnetische Wellen, welcher Herkunft auch immer, seien wie in einem Brennglas fokussiert worden. Die Eisenbahn habe allenfalls als Verstärker gewirkt. Keine offizielle Erklärung, aber laut Zivilschutzbehörde bisher die plausibelste von allen. Im Jahr 1859 sind nach einem heftigen Sonnensturm Telegrafenleitungen im Norden der USA abgebrannt.

Die Marine schickt ein Spezialschiff

Im Juli kommt das lang erwartete Spezialschiff von der Marine, um abschließend auf dem Meer nach elektromagnetischen Feldern zu suchen. Ohne Ergebnis. "Wenn sie sogar extra ein Spezialschiff von der Marine schicken", sagt Nino Pezzino, "dann wissen sie womöglich wirklich nicht, was hier passiert ist." Also doch nicht die Eisenbahn? Unterdessen platzen in einer Herbstnacht alle Wasserrohre des Dorfes. Die Einwohner werden ein zweites Mal evakuiert. "Die ganze Sache", sagt Nino Pezzino, "wird immer mysteriöser."

Alle GEOSKOPE aus dem Magazin Nr. 12/04

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