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Den Menschen verstehen

Sanfte Medizin Vitamine: Pillen mit schädlicher Wirkung?

Der Glaube an Nahrungsergänzungsstoffe ist groß. Tatsächlich jedoch führen manche dieser Präparate nicht zu einer geringeren Sterblichkeit, sondern erhöhen sie sogar

Können Vitamine schaden? „Falsch machen können Sie da ganz -sicher nichts“, sagt die junge Apothekerin, „oder glauben Sie, man könnte etwas falsch machen, wenn man einen Apfel isst?“

Auf dem Tresen steht ein blauer Karton, in den vier Äpfel passen würden, in dem sich aber viel mehr befindet:

eine Monatsration „orthomolekulares“, also hoch dosiertes Mikronährstoffgranulat zum Auflösen in Wasser. Darin enthalten sind 13 Vitamine, neun Mineralstoffe, dazu ein Mix aus Pflanzenfarbstoffen; hinzu kommen „Omega-3-Kapseln“ zum Schlucken.

Mehr als 50 Euro kostet die Box, deren Vorrat für gerade einen Monat reicht. Nachfragen in drei weiteren Apotheken in Berlin und Hamburg erbringen immer die gleiche Auskunft der Pharmazeuten: Vitaminpräparate seien selbst bei einer ausgewogenen Ernährung empfehlenswert, stärkten die Abwehrkräfte, hielten jung. Nebenwirkungen? Nein, da sei nichts bekannt.

Eine zunehmende Zahl von Wissenschaftlern würde dagegen wohl lieber auf einen simplen Apfel setzen. Nicht nur, weil der weit weniger kostet, sondern weil er vor allem gesünder ist als jedes Nahrungsergänzungsmittel.

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Normalerweise braucht der Körper Nahrungsergänzungsmittel nicht - eine Überdosierung kann sogar gefährlich sein

Viele Nahrungsergänzungsstoffe schaden dem Körper

Zweifel an der allein segensreichen Wirkung von Vitaminen kamen bereits Mitte der 1990er Jahre auf: Eine Studie mit Rauchern musste abgebrochen werden, weil jene Probanden, die Beta-Carotin verabreicht bekamen, besonders häufig an Lungenkrebs erkrankten. Im Jahr 2007 erschien dann in der Fachzeitschrift „Jama“ eine aufwendige Analyse von 68 Vitamin-Studien mit ingesamt 230 000 Teilnehmern. Das Ergebnis war vernichtend: „Wir haben keine überzeugenden Belege dafür gefunden, dass diese Mittel die Sterblichkeit verringern“, resümierten die Mediziner. Und mehr noch: „Beta-Carotin, Vitamin A und Vitamin E erhöhen die Sterblichkeit.“

Die Forscher nannten konkrete Zahlen: Bei Vitamin A steige sie um 16 Prozent, bei Beta-Carotin um sieben, bei Vitamin E um vier Prozent.

Zwar wird es kaum möglich sein, bei einem einzelnen Todesfall die Einnahme von Vitaminprodukten als Ursache nachzuweisen, und doch könnten die Auswirkungen insgesamt beträchtlich sein: weil so viele Menschen Nahrungsergänzungsmittel schlucken, meist in der Hoffnung auf eine sanfte und risikolose Krankheitsvorbeugung.

Rund 20 Millionen sollen es allein in Deutschland sein, bis zu 160 Millionen in Nordamerika und Europa.

Die frühe Vitamin-Euphorie gründete vor allem auf Laborversuchen, in denen sich herausstellte, dass etwa Mäuse länger lebten, wenn sie Nahrungsergänzungsstoffe verfüttert bekamen. Was aber Zellkulturen oder Nager fit hält, muss nicht unbedingt auch ein Jungbrunnen für Menschen sein.

„Im Grunde wissen wir noch immer sehr wenig darüber, wie diese Substanzen im Körper genau wirken“, so der Vitaminforscher Helmut Sies von der Universität Düsseldorf.

Sogar eine grundlegende Theorie der Vitaminwirkung ist ins Wanken geraten. Ihr zufolge schwimmen „gute“ Vitaminmoleküle durch den Körper und stürzen sich auf „böse“ Sauerstoffradikale, die Zellmembranen und Erbmoleküle schädigen, indem sie ihnen Elektronen entziehen. Die angegriffenen Moleküle „oxidieren“ und verlieren dadurch ihre Funktion (weshalb manche Vitamine und Nahrungsinhaltsstoffe auch als Antioxidantien bezeichnet werden).

Inzwischen ist jedoch deutlich geworden, dass die Sauerstoffradikale im Körper auch sehr wertvolle Dienste verrichten. Sie greifen Viren und Bakterien an, attackieren sogar Tumorzellen. Das nutzen Mediziner bei der Strahlen- und Chemotherapie: Durch diese Behandlungen wird die Produktion von Sauerstoffradikalen angekurbelt – in der Hoffnung, dass sie den Tumor vernichten.

Manche Pille begünstigt das Wachstum von Krebs

Wer aber gleichzeitig große Mengen Vitamine schluckt, wirkt diesem Effekt entgegen, wie US-Onkologen festgestellt haben. Ihr Rat: Keine Antioxidantien während solcher Therapien, denn dadurch werden Tumoren geschützt und die „Überlebenswahrscheinlichkeit sinkt“.

Der Ernährungswissenschaftler Michael Ristow von der Universität Jena ist sich sogar sicher, dass Antioxidantien erwünschte körpereigene Reaktionen auf eine zu hohe Konzentration von Sauerstoffradikalen behindern. In Experimenten mit Fadenwürmern lebten jene Tiere, die selber viele Sauerstoffradikale produzierten, länger als andere. Bei ihnen waren spezielle Enzyme für die Bekämpfung der Radikale besonders aktiv. Bekamen sie Vitamine verabreicht, war es mit dem Überlebensvorteil vorbei.

Es könnte also für die Gesundheit die beste Strategie sein, wenn man es dem Körper überlässt, wie er in seinen Zellen das Gleichgewicht von Oxidantien und Antioxidantien herstellt. „Die Hauptverteidigungslinien gegen Sauerstoffradikale laufen offenbar über körpereigene Enzyme und weniger über Substanzen, die man von außen als Vitaminpräparate zuführen kann“, sagt der Biochemiker Helmut Sies.

Zwischen all den schlechten Nachrichten scheint ein Stoff die Ausnahme zu sein: Vitamin D. Es gilt nicht nur als wirksamer Schutz vor Multipler Sklerose und Osteoporose, sondern soll unter anderem auch den Blutdruck senken, Knochenbrüchen vorbeugen, das Diabetesrisiko herabsetzen, und vor zahlreichen Krebsarten schützen. Das bestätigen viele Studien.

Vitamin D muss jedoch nicht, wie alle anderen Vitamine, dem Körper zugeführt werden, er kann es selbst aus Cholesterin bilden. Was allerdings von außen kommen muss, ist Sonnenlicht, denn nur unter energiereicher UV-B-Strahlung wird Vitamin D in der Haut produziert.

Hautkrebsexperten wie der Tübinger Dermatologe Claus Garbe nennen die schützende Wirkung der Sonnenstrahlen „rein spekulativ“, während Ernährungsforscher wie etwa Reinhold Vieth aus Toronto für halbstündige ungeschützte mittägliche Sonnenbäder plädieren – oder für eine hoch dosierte Vitamin-D-Gabe in Pillenform. Doch das kann die Bildung von Nierensteinen anregen.

Ein ernshafter Mangel an Vitaminen ist äußerst selten

Ob es sinnvoll ist, Vitamin-D-Präparate einzunehmen, hängt vor allem davon ab, ob es dem Körper an diesem Stoff überhaupt mangelt – ohnehin die entscheidende Frage bei allen Nahrungsergänzungsmitteln. Bedenkliche Mangelzustände sind bei Menschen in Deutschland eine Seltenheit; und viele Faktoren spielen dabei eine Rolle.

Ob jemand etwa mit Vitamin D unterversorgt ist, ist abhängig von der Jahreszeit, den Breiten, in denen er oder sie lebt, von der Hautfarbe und anderen genetischen Merkmalen, vom Stoffwechsel, von der Zeit, die im Freien verbracht wird.

Für alle Vitamine und Mineralien gilt: Viel hilft nicht viel. Niemand kann genau sagen, welche Konzentration im Blut, im Fettgewebe, in der Leberzelle wünschenswert ist – und mit welcher Wirkstoffkonzentration in einer Pille sie zu erreichen wäre. Die Empfehlungen unterscheiden sich von Land zu Land, von Fachgesellschaft zu Fachgesellschaft.

Die EU-Kommission etwa beschäftigt sich derzeit mit in einem „Orientierungspapier“ zusammengefassten Expertenvorschlägen für zulässige tägliche Maximaldosierungen.

Unterlaufen werden solche Anstrengungen durch den unkontrollierten Internethandel, ob mit Vitaminen, Sportlernahrung oder Anti-Aging-Produkten. Laut einem Forschungsprojekt der Landesregierung Baden-Württemberg enthält jedes vierte online erworbene Nahrungsergänzungsmittel verbotenerweise arzneiliche Wirkstoffe, einige davon sind sogar verschreibungspflichtig.

Für die Käufer ist das riskant, denn all diese Präparate haben keine Medikamentenprüfung durchlaufen. Eigentlich sollen sie ja nur die Nahrung ergänzen – eine arzneiliche Wirkung dürfen sie rechtlich gar nicht haben.