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Den Menschen verstehen

Lebenslauf-Forschung Lebenslauf: Gegen den Wind

Francesco De Meo, ein Einwandererkind aus einfachen Verhältnissen, war gewiss nicht zum Manager geboren. Dennoch hat er es bis auf den Chefsessel eines großen Unternehmens geschafft – gegen alle unsichtbaren Codes der traditionellen Eliten. Doch ein solcher sozialer Aufstieg gelingt immer seltener in Deutschland. Anders als von Soziologen noch vor Jahrzehnten vorhergesagt, grenzen sich die unterschiedlichen Schichten mehr und mehr voneinander ab

Die hier zu erzählende Geschichte wäre unvollständig, wenn man sie nicht lange vor dem Auftritt der Hauptperson beginnen ließe.

Es ist eine sehr deutsche Geschichte, auch wenn sie ihren Anfang in Mittelitalien nimmt, in einem kleinen Dorf, wo ein junger Mann Ende der 1950er Jahre keine Arbeit finden kann. Sie endet im Spreekarree Berlins, in der Chefetage eines der größten deutschen Klinik-betreiber.

Auf dem Weg dorthin wird man einige Bekanntschaften machen: mit einem Ort auf der Schwäbischen Alb, der Gastarbeiter braucht, sie aber als Menschen nicht haben will. Mit Francesco, einem schüchternen kleinen Jungen, der schon morgens vor der Schule Geld verdienen muss. Mit Frau Maier, seiner Grundschullehrerin mit Weitblick. Mit Sonja, in die Francesco verliebt ist und die ihm eines Tages etwas Großartiges gesteht. Mit Radrennen, die ihn fürs Leben schulen. Mit seinem Vater, der kurz vor seinem Tod einen sehr traurigen Satz sagen wird.

Und mit Wissenschaftlern wie dem Eliteforscher Michael Hartmann, bei deren Untersuchungen seit Jahren immer wieder das Gleiche herauskommt: dass man in Deutschland, um Spitzenmanager zu werden, vor allem eines braucht – die richtige Herkunft. Von oben, sagen sie, geht es nach oben.

Doch es gibt Ausnahmen.

Maranola, ein ärmliches Bergdorf zwischen Rom und Neapel. Von den Unruhen des Zweiten Weltkriegs bekommen die Bauern kaum etwas mit. Saverio De Meo wächst mit neun Geschwistern auf. Als die Familie dort oben kein Auskommen mehr hat, zieht sie bergabwärts ins Küstenstädtchen Formia. Die Ziegelei am Ort verspricht Arbeitsplätze. Nur fünf Jahre besucht Saverio eine Schule. Danach muss er Geld verdienen, geht als Zuschneider in einen Schneidereibetrieb. Bis auch in Formia die Arbeit knapp wird.

De Meos Vater kommt als Gastarbeiter nach Deutschland

„Wollt ihr Arbeit haben? Dann kommt mit nach Deutschland! Steigt in den Zug ein!“ Frühjahr 1960, deutsche Anwerber ziehen durch Formias Straßen. Saverio, 23 Jahre alt, zögert keinen Tag lang. Steigt in Formia ein und, nach 30 Stunden Bahnfahrt, in Burladingen wieder aus. Burladingen? Das ist ein Ort auf der Schwäbischen Alb, von dem er noch nie gehört hat, mit Einwohnern, deren Sprache er nicht kennt. Man will ihn in der Textilfabrik beschäftigen.

Doch als er hier seine spätere Frau kennenlernt, Maria, eine Burladinger Lohnnäherin, und diese, noch minderjährig, von ihm schwanger ist, wird der Ton herzlos: Zeitweise könne man die Italiener ja gebrauchen, aber Familien sollen sie doch bitte nicht hier gründen. Das ist die Meinung im Dorf, als der kleine Francesco, die Hauptperson dieser Geschichte, am 9. Dezember 1963 die Welt betritt.

Unehelich geboren, Migrantenkind, Vater ohne Hauptschulabschluss, karge Lebensverhältnisse – die Zukunft scheint klar vor Francesco zu liegen. Sieht man sich die Ergebnisse der soziologischen Forschung an, wäre das auch heutzutage nicht anders.

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In seiner Jugend war Francesco De Meo erfolgreicher Radsportler. Dabei hat er gelernt, die Schwächen von Gegnern einzuschätzen und die eigenen zu überspielen. Das kommt ihm heute, wie er sagt, als Manager zugute

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Maria De Meo wurde Anfang der 1960er Jahre unehelich mit Francesco schwanger - noch dazu von einem italienischen Gastarbeiter. Das war auf der Schwäbischen Alb unerhört

„Bildungschancen“, so steht es im Armutsbericht der Bundesregierung, werden durch die Sozialisation gewissermaßen „vererbt“, über Generationen hinweg. Und mehr noch: In kaum einem Land ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Aufstiegschancen so stark wie in Deutschland.

Das bestätigen alle Pisa-Studien. Von Kindern, deren Vater Abitur hat, nehmen 84 Prozent ein Hochschulstudium auf – bei Kindern von Vätern mit einem Hauptschulabschluss sind es nur 21 Prozent. Aus „ungelernten Arbeiterfamilien“ schaffen sogar nur elf von 100 Kindern den Sprung auf eine Hochschule. Eine gefährliche Tendenz für ein Land wie Deutschland, denn die Zahl der Abiturienten wird aufgrund der demografischen Entwicklung langfristig sinken – und gleichzeitig der Anteil von jungen Migranten zunehmen, jenen Menschen also, die vergleichsweise selten studieren.

Viel zu wenige Arbeiterkinder besuchen das Gymnasien

Bis Francesco sich bis zum Abitur durchgekämpft hat, muss er noch viele Hürden nehmen. Dabei deutet sich – der Junge ist gerade ein Jahr alt – ein bildungspolitischer Aufbruch an: 1964 prangert der Philosoph und Theologe Georg Picht als einer der Ersten den Bildungsnotstand und die damit zusammenhängende soziale Ungleichheit an. Es gebe zu wenige Abiturienten – und viel zu wenige Arbeiterkinder auf den Gymnasien.

Statt damals zehn Prozent machen heute 44 Prozent aller Schüler Abitur oder Fachabitur. Ein Fortschritt. Doch nicht für alle. Denn gerade die Bildungsförderung, die der Unterschicht den Aufstieg erleichtern sollte, hat das Gefälle zwischen Reich und Arm, zwischen Gebildet und Ungebildet noch vergrößert. Die Mittel- und Oberschichtseltern legen sich für ihren Nachwuchs heute mehr denn je ins Zeug: Chinesisch im Kindergarten. Nachhilfe in der Grundschule. Auslandsschuljahr auf dem Gymnasium.

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Die bildungsfernen Eltern dagegen, zu denen auch viele Einwanderer zählen, haben nicht mitgezogen: Fast jeder fünfte Migrant verlässt die Hauptschule ohne Abschluss, während es in der übrigen Bevölkerung nur jeder Fünfzigste ist. Von unten geht es nach unten.

Auch Francescos Eltern wissen mit „Bildung“ nichts anzufangen. Wovon sie träumen, ist handfester. Eines Abends, Francesco ist sieben Jahre alt, verkündet der Vater, er wolle ein eigenes Haus für die Familie. Sie bräuchten deshalb mehr Geld. Francesco und seine jüngere Schwester müssten nun mitverdienen. „Für meinen Vater“, sagt De Meo, „war das nichts Besonderes. Er hatte das als Kind ja auch getan.“

Vor dem Schulbeginn trägt Francesco Zeitungen aus

Gemeinsam mit dem Vater trägt der Junge nun morgens vor Schulbeginn Zeitungen in den Arbeitersiedlungen aus. Und am Wochenende die Sonntagsblätter. Mit einer Tasche vor dem Bauch, in der er die Kasse verwahrt, wird der Junge allein in die Wirtschaften geschickt. Kinder, so sagt sich der Vater, bringen mehr Trinkgeld. Abends zählen Vater und Sohn die Einnahmen, jedes Mal erwartungsvoll. Und oft überrascht über den steigenden Absatz. War es der Leistungsanspruch des Vaters, der Francesco vermittelte: Anstrengung lohnt sich?

Arbeit, Leistung, sich für eine Sache anstrengen: Diese Werte rangieren in der heutigen Unterschicht weit hinten. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung über „Gesellschaft im Reformprozess“. Ganz vorn steht der Konsum. Vor allem der Medienkonsum. Je ärmer die Familien sind, desto häufiger haben die Kinder ihre eigenen Fernsehgeräte und Computerspielkonsolen, so das Ergebnis einer Untersuchung des Hannoveraner Sozialforschers Christian Pfeiffer. Er sagt: „Die Geräte bestimmen ihre Freizeit.“

Francesco hat keine Freizeit. Sein Tag ist streng durchgetaktet. Um fünf Uhr früh klingelt der Wecker: Zeitungen austragen. Schule. Mittagessen aus der Fabrikkantine abholen. Hausaufgaben erledigen. Pakete auf Eisenbahnwaggons wuchten – ein weiterer Nebenjob. Wohnung aufräumen. Abends, wenn die Eltern von der Arbeit kommen, soll alles fertig sein. Mit Freunden spielt Francesco nicht. „Der Kontakt nach draußen“ sind für ihn Bücher. Zehn liest er jede Woche. Montags holt er Nachschub aus der Bibliothek.

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In Burladingen ist Francesco De Meo groß geworden. Der Halbitaliener hatte nur wenige Freunde. Aber er las jede Woche zehn Bücher

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Geschäftsessen mit Kollegen aus der Führungsebene des von De Meo geleiteten Klinikkonzerns Helios: Mittlerweile, sagt der Chef, könne er sich erlauben, gegen die üblichen Kleidungsvorschriften zu verstoßen

In der Grundschule bekommt der zierliche Halbitaliener die Feindseligkeit seiner Mitschüler zu spüren. Erst als er beginnt, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen, ändert sich deren Verhalten. „Das war so meine Technik“, sagt De Meo: „Jene Leute schlau zu machen, die mich emotional ausgrenzten.“

In dieser Zeit spielt Ingrid Maier, seine Lehrerin, eine wichtige Rolle. Bei ihr zählt nur die Leistung. „Sie steckte mich nicht in die Schublade: arme Eltern, italienischer Vater“, sagt De Meo. Ingrid Maier erinnert sich noch heute gern an ihren Schüler: dass er zwar vor jeder neuen Aufgabe zurückschreckte – „Kann ich das überhaupt?“ –, dass er danach aber „alles aufgesogen hat wie ein Schwamm“.

Ingrid Maier macht sich stark für ihr Migrantenkind

Als sie Francescos Vater empfiehlt, seinen Sohn aufs Gymnasium zu schicken, weiß der Vater nicht, was das ist: Gymnasium. Doch die Lehrerin macht sich stark für ihren Schüler. Womöglich denkt sie dabei an ihren eigenen Aufstieg aus ärmstem Flüchtlings- und Arbeitermilieu. „Ich wusste, er wird das schaffen“, sagt sie. Normalerweise müssen Arbeiterkinder deutlich bessere Leistungen erbringen als Akademikerkinder, um eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, so das Ergebnis der IGLU-Studie 2006, einer Untersuchung an rund 400 Grundschulen.

Damit Lehrer Kinder von un- und angelernten Arbeitern als geeignet für den Besuch eines Gymnasiums beurteilen, müssen diese erheblich mehr Lesekompetenz beweisen. Während bei Akademikerkindern schon 537 Punkte ausreichten, überzeugten Arbeiterkinder ihre Lehrer erst bei 614 Punkten. „Es gibt kein Land der Welt“, sagt Dieter Frey, Psychologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München, „bei dem das Elternhaus einen stärkeren Einfluss auf die Schulleistung hat als Deutschland.“

Bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und gleicher Leseleistung haben Kinder aus der Oberschicht daher eine mehr als zweieinhalbmal so große Chance, eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, wie Kinder von Arbeitern, heißt es in der Studie. Diese ungerechte Behandlung hat sich zwischen der ersten Untersuchung von 2001 und einer zweiten aus dem Jahr 2006 noch verstärkt – trotz aller Bildungsdebatten um soziale Ungleichheit.

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Die Geringschätzung vonseiten der Lehrer wiederum beeinflusst das Selbstbild der Kinder: Arbeiterkinder sehen sich oft als eher schwache Schüler. Nur wenige sind so motiviert und durchsetzungsstark, dass sie es trotz allem bis zum Abitur schaffen.

Im Gymnasium angekommen, stellen sich Francesco neue Hürden in den Weg. Er trägt die Hosen seiner Cousins auf – und die sind mal zu kurz, mal zu lang. Seine schwarzen Haare sind fettig, weil die Familie De Meo kein warmes Wasser hat und die Kinder ihre Haare nur selten waschen.

Doch wieder hat er Glück. Diesmal mit Sonja, einer Mitschülerin. Er ist in sie verliebt. „Du hast Hosen, die sind viel zu kurz“, sagt sie ihm. „Und du hast fettige Haare. Du siehst so ganz anders aus als die anderen.“ Doch dann fügt sie diesen unvergesslichen Satz hinzu: „Gerade das finde ich ganz toll an dir.“ Da habe er zum ersten Mal gemerkt, sagt De Meo, dass er seine Besonderheiten auch gegen die Erwartungen anderer Menschen bewahren kann – und dafür sogar geschätzt wird. „Ein Schlüsselerlebnis.“

Immer wieder schämt sich Francesco De Meo für seine Herkunft

Doch immer wieder bricht sein Selbstwertgefühl ein: Im Gymnasium traut er sich nicht, einen seiner Mitschüler mit nach Hause zu bringen. „Dann hätten sie eine Welt gesehen“, sagt De Meo, „die für sie völlig unvorstellbar gewesen wäre.“ Er schämt sich auch, als er von einem Schulkameraden, einem Notarssohn, in dessen Haus eingeladen wird. Ob die Gastgeber seine Bildungslücken entdecken? Als man sich über Tschaikowski unterhält, dessen Namen er noch nie gehört hat, täuscht er Unbefangenheit vor: „Tschaikowski? Ich kenne nicht viel von ihm. Können Sie mir etwas erzählen?“

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An seinem Stehpult hinter den Bildschirmen wird Francesco De Meo fast unsichtbar. Die Tür zu seinem Büro steht immer offen. Auf Vorzimmer, Chauffeur, Chefsekretärin verzichtet er

Entweder, sagt De Meo, bekommt man in so einem Fall einen Kurzlehrgang, den jeder gern gibt. Oder man merkt, dass der andere auch nichts von Tschaikowski weiß außer dem Namen. Noch heute kann es passieren, dass er in vergleichbaren Situationen diese Strategie anwendet.

Manchmal rettet er sich aus heiklen Situationen durch Abgucken. Welches Besteck nimmt man beim Essen für welchen Gang? Francesco, 16-jährig und wieder mal zu Gast bei einem Schulfreund, ist verwirrt über die verschiedenen neben seinem Teller arrangierten Teile. Er wartet aufmerksam ab und macht es dann wie die Mutter seines Mitschülers.

„Wie man sich oben bewegt, das lernt man nur, wenn man in diesem Milieu aufgewachsen ist und dessen Codes kennt“, sagt der Eliteforscher Michael Hartmann. Da geht es um den richtigen Habitus, Souveränität und Selbstbewusstsein, den richtigen Dress- und Verhaltenscode.

Hartmann vermutet, dass in den persönlichen Auswahlgesprächen, die viele Universitäten heutzutage abhalten, „eine gezielte soziale Selektion“ stattfinde. Auch Hein Kötz, der Gründungspräsident der Bucerius Law School, der ersten Elite-Hochschule für Jurastudenten, ist überzeugt, dass „gewisse Umgangsformen“ bei den mündlichen Auswahlverfahren eine Rolle spielen. „Da muss ein Prüfer schon eine Kröte schlucken“, sagt er, „um souverän zu jemandem, der etwas zu robust auftritt, zu sagen: ‚Du bist intelligent, scharfsinnig und originell. Alles andere ist mir ganz egal.‘

Möglichst wenig falsch machen, um dazuzugehören

Einer der vielen Codes, die das Signal aussenden: „Ich bin einer von euch“, ist der kenntnisreiche Blick auf die Weinkarte. Jahrelang kann De Meo da nicht mitreden. Heute gilt er als Weinkenner. Zu Unrecht, sagt er, doch er weiß den Grund: Erstens äußert er sich nur zu sehr wenigen Weinsorten, über die er sich vorher gut informiert hat. Zweitens dürfen diese Weine nicht teuer sein. „Wer gute Weine empfiehlt, die nicht viel kosten“, sagt er, „der erscheint als größerer Weinkenner als der, der seine Wahl nach Namen und Preisschild trifft.“

Jahrelang hat De Meo um Anerkennung gerungen. Hat sich bemüht, möglichst wenig falsch zu machen. Erst tat er es für die Eltern. Trug dazu bei, dass sie sich ihren größten Wunsch erfüllen konnten, das eigene Haus. Später tat er es, um dazuzugehören: in der Schule, im Dorf, überhaupt im Leben. „Diese Anstrengung darf man nicht unterschätzen“, sagt er.

Anerkennung durch andere ist ihm heute nicht mehr erstrebenswert. „Mittlerweile“, sagt er, „kann ich es mir erlauben, mich auch gegen Codes zu verhalten, solange die unsichtbare Grenze zur Respektlosigkeit nicht überschritten wird.“

Selbst in Aufsichtsratssitzungen erscheint der Manager, der gern in italienischen Modezeitschriften blättert, zuweilen in hochgekrempelten Jeans und Stiefeln. Sein eigener, sein italienischer Code. „Wer immer die konservative Richtung beibehält und nach Labels, Glamour und Maßanzügen sucht, wird mich dann zwar meiden“, meint De Meo. Für ihn sei das „okay“, es erspare ihm „anstrengende Small Talks“.

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Bis er so weit kommt, dass nicht andere, sondern er selbst die Richtung vorgibt, ist es ein weiter Weg. Er ist zehn, als der Vater vorn im Fiat sitzt, und er, Francesco, dahinter auf dem Fahrrad, mit dem Vorderreifen an der Stossstange.

Der Vater fährt an. Erhöht das Tempo. Francesco hält tapfer im Windschatten mit. Schneller und schneller. Er ist begeistert. Tritt in den Radsportverein ein. Trainiert drei Stunden täglich. Lernt dabei Dinge, die ihm bis heute nützen: den Willen stählen, Qualen ertragen, durchhalten.

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Skeptische Blicke bei der Geschäftsführerkonferenz in Berlin. Die "Wilden Fünf" wurden De Meo und seine vier Co-Chefs früher genannt, so rasant bauten sie das Unternehmen aus. Dabei wurden auch viele Mitarbeiter entlassen

Er fährt im Leistungskader Baden-Württemberg. Siegt in Formia, der Heimatstadt seines Vaters. Ist beim Giro dell’Etna auf Sizilien dabei. Und er lernt: Ohne die anderen im Team kann ich nicht gewinnen.

Das heißt, wenn ich selbst stark bin, aber der andere nachlässt, muss ich ihn motivieren. Er lernt auch, die Schwächen des Gegners einzuschätzen und die eigenen zu überspielen. De Meo sagt: „Es gibt heute in meinem Beruf Verhandlungssituationen, die ganz ähnlich sind wie die beim Radrennen.“

Der Abstand zwischen Eltern und Sohn wird immer größer

Mit 20 Jahren beginnt Francesco ein Jurastudium. Finanziert durch ein Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung – und durch seine Radrennen. Nun verkehrt er in neuen Kreisen. Es sind Welten, von denen die Eltern nichts ahnen. Sein Abstand zu ihnen vergrößert sich.

Manchmal bedrückt ihn diese innere Ferne. De Meo sagt, er habe es vermisst, dass er sich niemals mit ihnen über das unterhalten konnte, was ihn bewegte. In seiner Familie sei es recht schweigsam zugegangen. Man habe nur über Dinge gesprochen, die getan werden mussten. Über Probleme nicht.

Entfremdung: Auch aus diesem Grund schrecken viele Menschen aus der Unterschicht, die es bereits bis zum Abitur gebracht haben, vor dem Studium zurück. Das zumindest ist das Ergebnis einer Studie mit 6000 sächsischen Abiturienten. Etliche von ihnen fürchten die „größere Distanz zur eigenen Herkunft“, zum „Lebensstil der Eltern“ – als würden sie sich mit ihrem Aufstieg auch gegen einen Teil ihrer eigenen Identität entscheiden. „Ich will so bleiben, wie wir sind“, sagen sie.

„Ich will so werden, wie wir nie waren“, sagen dagegen die Aufsteiger. De Meo hatte nie ein Ziel vor Augen, das weit entfernt lag. Er dachte in kleinen Abschnitten. Das nahm ihm die Furcht vor dem Versagen. Den Aufstieg in Serpentinen kannte er vom Radrennen. Wenn man 30 endlos scheinende Kilometer Bergfahrt vor sich habe und nach oben schaue, erklärt er seine Taktik, werde man nie oben ankommen. Wenn man aber nur auf eine einzelne Serpentine sehe und sich sage: „Die hab ich geschafft, und jetzt kommt wieder eine“, dann sei man irgendwann am Ziel.

Doch nur wenige halten durch wie De Meo. Die Wirtschaftselite ist eine abgeschlossene Kaste, zeigen die Studien des Soziologen Michael Hartmann. Selbst dann spiele die Herkunft noch eine Rolle, wenn man es als Angehöriger der Unterschicht bereits bis zum Doktortitel geschafft habe.

Hartmann hat 6500 Promovierte verglichen. Ergebnis: Der Sohn etwa eines leitenden Angestellten mit einer Promotion in Jura, Ingenieur- oder Wirtschaftswissenschaften hat eine zehnmal so große Chance, in die Führungsebene eines Großunternehmens einzuziehen, wie der promovierte Sohn eines Arbeiters.

Netzwerke sind wichtiger als die eigene Leistung

War der Vater selbst schon Vorstandsmitglied oder Geschäftsführer eines größeren Unternehmens, so hat dessen Sohn sogar eine 17-mal so große Chance wie ein Arbeiterkind. Sogar Topmanager bezweifeln, dass die deutsche Gesellschaft durchlässig ist. Vier von zehn Führungskräften glauben nicht, dass jeder – seiner Leistung entsprechend – die Chance hat, an die Spitze zu gelangen. 70 Prozent sind davon überzeugt, dass bei Beförderungen das Netzwerk die entscheidende Rolle spielt. „Statt einer Auswahl der Besten“, kritisiert Hartmann, „treffen die Entscheider eine Auswahl der Ähnlichen.“

De Meo aber, der Unähnliche, verbucht weitere Etappensiege: Erstes Staatsexamen. Zweites Staatsexamen. Promotion. Alles gute Abschlüsse, aber nicht überragend. Das ändert sich erst in der beruflichen Praxis. Erste Anstellung in einer Anwaltskanzlei.

„De Meo war ein brillanter Mann“, erinnert sich Rolf Schütze vom angesehenen Büro Thümmel, Schütze & Partner. Der Gipfel seines Aufstiegs liegt zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr allzu fern, doch De Meo selbst hat ihn immer noch nicht im Blick.

Er braucht nur noch eine Serpentine zu nehmen: arbeitet sieben Jahre lang bei einer Unternehmensberatung, befasst sich dort mit der Post- und Telekom-Privatisierung. Schließlich meldet er sich – er ist inzwischen 36 – auf die Anzeige eines Headhunters, der einen Anwalt für einen privaten Klinikbetreiber sucht. „Ich wusste gar nicht“, sagt De Meo, „dass es solche Krankenhausunternehmen in privater Trägerschaft gibt.“

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Im Jahr 2000 steigt er dort ein. Die Firma besitzt damals 14 Kliniken und rund 6000 Mitarbeiter. Schon nach sechs Monaten Probezeit wird De Meo einer von damals vier Geschäftsführern. Sie kaufen Kliniken, die rote Zahlen schreiben. Sanieren. Kaufen weiter. Ein weiterer Geschäftsführer kommt dazu. Sie werden die „Wilden Fünf“ genannt, so rasant, wie sie voranpreschen. 62 Kliniken und über 30 000 Mitarbeiter gehören heute zum Konzern. Der Umsatz im vergangenen Jahr: knapp 2,1 Milliarden Euro. Seit 2008 ist De Meo Vorsitzender der Geschäftsführung. Mit einem Verdienst von 425 000 Euro im Jahr und, bei entsprechendem Erfolg, einem Bonus von 600 000 Euro.

De Meo: Ein Chef, der aus dem Rahmen fällt

Sein Führungsstil fällt aus dem Rahmen, so wie sein Lebensweg. Kein Vorzimmer. Keine Chefsekretärin. Kein Chauffeur. Er sei „überhaupt nicht so von oben herab“, sagt eine seiner Mitarbeiterinnen. Jede Verhandlung, ob Kauf- oder Tarifvertrag, führt der Chef selbst. Warum? Statt zu antworten, stellt De Meo die Gegenfrage: „Wenn mir alles vorbereitet würde und ich es nur noch durchlesen müsste, um zu entscheiden, hat dann das, was dabei herauskäme, noch mit dem wirklichen Leben zu tun?“ Hinter seiner geöffneten Bürotür arbeitet er am Stehpult, offen für jeden, der vorübergeht.

Förmliche Reden sind ihm bis heute unliebsame Pflicht, vor allem, weil er immer noch nicht sicher ist, wer in welcher Reihenfolge zu begrüßen ist. Und wer mit welchem Titel. Beim alten Adel, mit dem er manchmal beruflich zu tun hat, hilft ihm dann die Vorwärtsverteidigung: „Ich frage die Damen und Herren einfach, wie sie angesprochen werden möchten. Und bisher haben alle freundlich geantwortet.“

Man schätzt seine Direktheit und Offenheit, woran auch die Entlassung von Mitarbeitern nichts geändert hat. Es sind immerhin Hunderte im Jahr. Das gehöre zu seinem Sanierungsjob, sagt er. Es sei der schwerste Teil seiner Arbeit. Um „so etwas“ durchzuhalten, müsse man „vielleicht von klein auf erlebt haben, dass das Leben eben auch aus Schwierigkeiten besteht. Und dass es trotzdem weitergeht.“

Fühlt er sich nie zerrissen zwischen dem eisernen Sanierer und jenem Kind in sich, dessen Vater die Heimat verließ, weil er dort keine Arbeit mehr fand? Hier weicht der Manager aus: „Indem ich Kliniken saniere, rette ich auch Arbeitsplätze. Sonst würden sie insolvent, und allen müsste gekündigt werden.“

Francescos Vater, Saverio De Meo, erlebt den Erfolg seines Sohnes größtenteils noch mit. 2005 stirbt er an einem Hirntumor. Am Abend vor seinem Tod vertraut er seinem Sohn an: „Io ho sbagliato tutto.“ Ich habe alles falsch gemacht. Mach du es besser! Sein Vater habe es nicht mehr geschafft, erklärt De Meo, sich zwei letzte Träume zu erfüllen: zurück nach Italien zu gehen. Und einen Ferrari zu fahren.

Mach du es besser! Für Francesco De Meo, dessen großes Vorbild sein Vater war, mit dem er Zeitungen ausgetragen und den Spaß am Radrennen entdeckt hatte, ist das wie ein Vermächtnis, auch wenn er nicht von Ferrari und Formia träumt. „Meine Unabhängigkeit ist mir das Wichtigste“, sagt er. „Und ich will mehr in meinem Leben machen, als nur zu arbeiten.“

An den Wochenenden fährt er mit der Bahn von Berlin nach Hause, nach Petersberg, einem kleinen Ort bei Fulda, in sein Reihenhaus. Dort erwartet ihn das ganz normale Chaos des Alltags: Seine Frau ist eine leidenschaftliche Reiterin und möchte, dass er mit ihr zum Pferdestall kommt. Seine Mutter ist angereist und soll vom Bahnhof abgeholt werden. Seine fünfjährige Tochter will mit ihm und den beiden Hunden nach draußen zum Toben. Doch eigentlich braucht der Sohn, 10, ihn heute am dringendsten – zum Anfeuern beim Judowettkampf.

De Meo scheint dieses Durcheinander zu lieben. Seine Frau empfindet ähnlich. Er ist mit ihr in zweiter Ehe verheiratet. Sie, die studierte Betriebswirtin, leitete eine der Kliniken, als sie sich ineinander verliebten. Dieses eine Mal tanzt De Meo nicht aus der Reihe der statistischen Norm: Akademiker heiratet Akademikerin. Die meisten Ehen werden heute im gleichen sozialen Milieu geschlossen. Beruf, Bildungsstand und Aussehen sind die wichtigsten Kriterien. Das fand der Soziologe Hans-Peter Blossfeld von der Universität Bamberg heraus, als er das Verhalten bei der Partnersuche im Internet erforschte.

Die sozialen Milieus schotten sich immer weiter voneinander ab

Typisch ist für Blossfeld jene Apothekerin, die auf Briefe von Juristen, Ärzten und Informatikern antwortet, die Mail eines Werkzeugmachers aber schnell wegklickt. Der Werkzeugmacher hat auch bei einer Produktmanagerin, einer Betriebswirtin und einer Ingenieurin keine Chance. Blossfeld spricht von einer „zunehmenden Bildungshomogamie“.

Früher sei das anders gewesen: Da heiratete jeder zweite Mann nach unten und somit jede zweite Frau nach oben. Das führte, so Blossfeld, zum „Aschenputtel-Effekt“: Die Milieus und gesellschaftlichen Schichten hätten sich gemischt. Inzwischen heirate nur noch jeder fünfte Mann nach unten. Ganz anders, als noch vor Jahrzehnten vorhergesagt, schotten sich die sozialen Schichten auf diese Weise voneinander ab, sagt Blossfeld, und die soziale Distanz steigt.

Seit einem Jahr sitzt De Meo in der Jury der Robert-Bosch-Stiftung und der Landesstiftung Baden-Württemberg, die Migrantenkinder für Schülerstipendien auswählt. Begabt müssen sie sein und aus einem sozial schwachen Umfeld kommen. „Ich will ihnen den Aufstieg erleichtern“, sagt er. „Ihnen vermitteln: Ja! Du schaffst es.“

Die jungen Stipendiaten bilden inzwischen ein Netzwerk. Tauschen sich über Probleme aus. De Meo beneidet sie fast ein wenig: „So etwas hätte ich auch gern gehabt.“ Dem Einwurf, dass er es doch allein auch gut hingekriegt habe, entgegnet er nachdenklich: „Es hätte ja auch alles schiefgehen können.“

Um die Zukunft seiner eigenen Kinder braucht sich De Meo indes keine Sorgen zu machen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder eines Spitzenmanagers nur einen Hauptschulabschluss erreichen, ist in Deutschland heute verschwindend gering.

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Auch Ingrid Maier, Francescos Lehrerin, kommt aus kleinen Verhältnissen. Für sie zählte nur Leistung, nicht Herkunft. Deshalb empfahl sie den Halbitaliener fürs Gymnasium

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