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Den Menschen verstehen

Lebenslauf-Forschung Wie mache ich mehr aus meinem Leben?

Im Zeitalter der Selbstoptimierung ist es längst kein Eingeständnis von Schwäche mehr, sich für die Persönlichkeitsentwicklung professioneller Hilfe zu bedienen. GEO-WISSEN-Autor Andreas Wenderoth hat ein Institut in Bochum aufgesucht

Ein bisschen war es so, als ob Zeugen Jehovas einen mit dieser sorgsam kalkulierten Frage überraschen, ob man glücklich sei. Die Wahrscheinlichkeit eines umfassenden Glücks, das sich in einem solchen Moment auch noch mitteilen soll, ist ja eher gering. In diesem Fall war es mein Redakteur, der mich am Telefon fragte, ob ich völlig mit mir im Reinen sei und beruflich wie auch privat nichts im Leben vermisse. Da ich guten Gewissens nicht mit „Ja“ antworten konnte, schien ich geeignet zu einer Art Selbsttest, den die Redaktion mir vorschlug.

Ein Mann jenseits der 40, der seit 14 Jahren mehr oder weniger immer das Gleiche tut, obwohl das Gleiche so freundlich ist, immer ein wenig anders zu sein, beginnt sich Fragen zu stellen. Einige stellt er sich sowieso. Andere werden in einer aparten Mischung aus sanftem gesellschaftlichen Druck und früher Midlife-Krise an ihn herangetragen.

Er fragt sich also: Was tue ich alles, was eigentlich überhaupt nichts mit mir zu tun hat? Wo will ich hin? Was wird einmal von mir bleiben? Und auch wenn er kein neidvoller Mensch ist, wird er sich fragen, wieso sein Kollege, den er für nicht wesentlich begabter hält als sich selbst, soeben seinen dritten Bestseller verfasst hat. Und wieso andere ihre Schäflein mit ihren „Feuchtgebieten“ ins Trockene bringen, während er oft etwas klamm ist.

Eine Reise ins Reich der eigenen Potenziale

In dieser Lage wäre wohl eine Reise ins Reich der eigenen Potenziale angebracht. Die Begegnung mit einem Menschen, der einem erklärt, dass das Licht am Ende des Tunnels nicht zwangsläufig der Zug ist, der über einen hinwegrollen wird. Einer, der nicht die Unzulänglichkeiten, sondern die Fähigkei-ten seines Klienten auslotet. Ein Mensch, der sagt, wo man steht, und wo es noch hingehen könnte. Ein psychologisch geschulter Motivationstrainer.

Ein Coach.

Meine Reise führt mich nach Bochum. Campus der Ruhr-Universität, Technologiezentrum, zweiter Stock, viel Stahl und Glas, ein Schild an der Tür: „Profiling Center“. Ich sitze in einem quadratischen Büroraum mit blaugrauer Auslegeware. An der Wand zwei abstrakte Bilder, wie eine Meditation über die Farben Gelb und Orange. Ein Tablett mit Kaffeetassen und Mineralwasser auf dem Tisch. Dahinter Flipcharts, die sich im Laufe der nächsten zwei Tage mit meiner Zukunft füllen werden.

Mir gegenüber: Lisa Krelhaus, eine Diplompsychologin, die in diesem Moment die Stirn über den meerblauen Augen ein wenig kraus zieht, weil sie die schwierige Aufgabe hat, mir die Ergebnisse meines „Stärkenprofils“ mitzuteilen – das leider auch Schwächen aufweist.

"Finde heraus, was gut funktioniert und passt!"

Eine ganze Reihe wissenschaftlicher Tests haben mich seit dem frühen Morgen ins Schwitzen gebracht: neben einem von ihr selbst entwickelten Motivtest, der meine inneren Antriebskräfte prüfte, unter anderem auch die sogenannten Karriere-Anker nach Edgar Schein. Der amerikanische Organisationspsychologe unterscheidet darin nach beruflichen Grundorientierungen, die ausdrücken, was jemand durch seine Karriere anstrebt: Führungskompetenz etwa, Sicherheit, Kreativität oder Autonomie und Unabhängigkeit. Ich neige zu Letzterem.

Die 54-jährige Lisa Krelhaus, die an der Akademie der Ruhr-Universität Bochum den Bereich Wirtschaftspsychologie aufbaute und später leitete, arbeitet hier seit 2001 mit Ansätzen der lösungsorientierten Kurztherapie. Getreu dem Grundsatz: „Finde heraus, was gut funktioniert und passt – und tu mehr davon!“, geht diese Therapieform davon aus, dass es hilfreicher ist, sich auf eigene Wünsche, Ziele und Ressourcen zu konzentrieren anstatt auf Probleme und deren Entstehung.

Bei ihren berufsbezogenen Persönlichkeitsanalysen verfährt Lisa Krelhaus nach einem Dreisäulenmodell: Klarheit („Wer bin ich?“), Orientierung („Wo will ich hin?“), Effizienz („Wie kann ich das umsetzen?“). Noch befinden wir uns im ersten Teil. Und in relativer Unklarheit. Die Arbeiten an meinem neuen Leben haben gerade erst begonnen.

Die Coachingwelle, herangerollt aus den USA, hat Deutschland in der vergangenen Dekade erfasst. Seit 2003 hat sich die Zahl der Coaches hierzulande um das 20-Fache erhöht, auf schätzungsweise 40 000. Der Coach ist das Produkt einer neuen ökonomischen Realität – jenes Sogs zur Selbstoptimierung, der das Individuum zwingt, sich unablässig zu entscheiden, sich weiterzubilden und prüfen zu lassen.

Bis vor Kurzem wurde in Deutschland eher belächelt, wer sich, etwa in seiner Firma, coachen ließ. Mittlerweile aber ist Coaching ein Zeichen der betrieblichen Wertschätzung geworden.

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Der Berliner Autor Andreas Wenderoth, 43, hat sich im Bochumer Profiling-Center zwei Tage lang von Institutsleiterin Lisa Krelhaus, 54, coachen lassen. Seinen Beruf wird er nicht aufgeben, kennt nun aber seine Stärken und Schwächen besser als zuvor.

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Ein Coach ist Berater und Motivator. Kein Therapeut. Es sind nicht behandlungsbedürftige Patienten, die ins Profiling Center kommen, sondern Menschen, deren Selbststeuerungsfähigkeit noch funktioniert und die vor einer Weggabelung stehen: Studenten etwa, die nicht glücklich mit ihrem Fach sind; Firmenmitarbeiter, die nach Höherem streben; Führungskräfte, die in der falschen Position arbeiten und die richtige suchen.

1500 Euro für einen einzigen Tag im Profiling-Center

„Auf der Basis ihrer Stärken und Motive biete ich ihnen eine Entscheidungsgrundlage“, sagt Lisa Krelhaus. In der Regel bucht man bei ihr einen einzigen Tag. Kosten: ab 1500 Euro.

Vielleicht war ich beim Intelligenztest „I-S-T 2000 R“ nicht ganz auf der Höhe, weil ich mich am Vorabend von meiner Freundin getrennt hatte. Vielleicht suche ich aber jetzt auch nur nach einer Entschuldigung, und es wäre auch sonst nicht anders gelaufen. Dass ich mit Zahlen nicht viel anfangen kann, war mir klar. Was mich jedoch verblüfft: Eine meiner herausragenden Fähigkeiten liegt angeblich im räumlichen Denken – eine Fähigkeit, von der ich keine Ahnung hatte.

Auf dem Testbogen waren Würfel abgebildet, die, mehrfach verdreht, einem Ursprungswürfel zugeordnet werden mussten. Ich hatte einen Blick darauf geworfen, schnell entschieden, dass ich keinerlei Zugang dazu habe, und dann, auf eigenartige Weise entspannt, einfach angekreuzt. Erstaunlicherweise fast alles richtig. In anderen Kompetenzfeldern schneide ich unerwartet schlecht ab. Glücklicherweise hält Frau Krelhaus zumindest den Intelligenztest für wenig aussagekräftig: „Das Testergebnis deckt sich überhaupt nicht mit meinem persönlichen Eindruck.“

Andere nicht besonders herausragende Ergebnisse würden wahrscheinlich damit zusammenhängen, dass ich nicht besonders stressresistent sei – eine Hypothese, der ich wohl oder übel zustimmen muss. Insbesondere dann, wenn ein Test mir eröffnet, meine sprachliche Intelligenz sei nicht signifikant ausgeprägt, was insofern etwas irritierend ist, weil sich mein berufliches Tun darauf gründet.

Frau Krelhaus sagt: „Bei den Würfeln haben Sie keinen Stress gespürt, weil Sie das von vornherein nicht für Ihr Feld hielten. Wenn Sie in einem schwachen Bereich brillieren können, können Sie sich aber in etwa vorstellen, was erst mit Ihren Stärken möglich ist – wenn sie nicht durch äußeren Druck in ihrer Entfaltung gehemmt werden.“

Nun lässt sich in der modernen Arbeitswelt ein gewisser äußerer Druck leider nicht ganz abstellen, aber Frau Krelhaus, die sich gelegentlich auch selbst coachen lässt, rät mir, was ich mir selbst schon oft geraten und nicht immer verwirklicht habe: „Arbeiten Sie nur mit Leuten zusammen, die Sie gern haben. Tun Sie alles, um möglichst freudvoll zu arbeiten! Da Sie ein überaus hoch entwickeltes Autonomiestreben haben, mögen Sie es nicht, wenn jemand in Ihre Arbeit hineinredet.“

Frau Krehlhaus empfiehlt eine neue Organisationstechnik

Andere Tests und Interviews bescheinigen mir erfreulicherweise auch eine Reihe von Stärken, vor allem im Bereich der sozialen Intelligenz. Intuition und Sensitivität („Sie sind auch schwierigsten Gesprächssituationen gewachsen!“) seien bei mir derart stark ausgeprägt, dass ich weit mehr Informationen als viele andere Menschen aufnähme, was mich aber, da ich ein wenig chaotisch bin, vor Sortierungsprobleme stellt. Frau Krelhaus sagt: „Sie könnten lernen, sich besser zu organisieren. Vielleicht brauchen Sie mal eine andere Technik!“

Sie empfiehlt mir Pinnwandpapier, vielfarbige Moderationskarten und Sprühkleber für lösbare Verbindungen, mit dem ich auch große Zettel an die Wand heften kann. Und sagt: „Wenn Sie bei Ihrer Arbeit an einer Stelle hängen bleiben, ist es sinnvoll, eine Frage zu stellen, mit dem Auftrag ans Gehirn, eine Lösung zu entwickeln.“ Man könne dies schriftlich tun und die Frage an einen zentralen Platz in der Wohnung hängen, oder auch nur im Geist und das Thema dann ruhen lassen, bis die Antwort auf einmal wie von selbst komme.

Darüber hinaus empfiehlt Frau Krelhaus mir, in meinem unsteten Leben „Inseln der Stabilität“ anzulegen, also zum Beispiel alles, was man zu festen Zeiten erledigen kann, auch zu festen Zeiten zu erledigen. Und am besten schon abends vor dem Schlafengehen das Programm für den nächsten Tag festzulegen: „Wie mit einer Einkaufsliste, damit kauft man einfach effizienter ein.“ Zudem sollte ich einen Wochenplan aufstellen, der auch meine Freizeit regelt und das Zerfließen der Tage verhindert. Rituale, Routinen, Struktur.

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„Wie könnte Ihre Zukunft aussehen?“ Es ist so weit, jetzt steht die Frage im Raum. Die Wahrheit ist: Ich möchte weder Bäcker werden noch Bankangestellter oder Softwarespezialist. Zum Gas-tronomen eigne ich mich mangels Talent ebenso wenig wie zum Börsenmakler.

Eigentlich möchte ich nur schreiben. Weiter nichts. Vielleicht in einem erweiterten Spektrum. Gelöst vom Zwang des Faktischen, dem ich im Journalismus verpflichtet bin. Vielleicht einen Roman.

Was genau ist eine Vision?

Frau Krelhaus sagt: „Ich empfehle Ihnen, eine Vision zu entwickeln.“ Klingt gut, denke ich mir, aber was genau ist eine Vision? Hatte nicht einst Helmut Schmidt gewarnt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen?“ „Nein“, korrigiert Frau Krelhaus: „Eine Vision ist ein positives Bild einer möglichen Zukunft.“ Anders als eine Utopie sei sie realisierbar und in einem tieferen Sinne beflügelnd. „Wenn Sie auf dem Weg Ihrer Vision etwas tun, steht Ihnen Energie ohne Ende zur Verfügung!“

Sie fordert mich nun auf, mich an meine Ideen zu erinnern, die ich als Jugendlicher vom Leben hatte, und zu überprüfen, was davon mich heute noch interessiert. Zu überlegen, wen ich kenne, der etwas tut, wofür ich ihn bewundere.

Zuerst denke ich an die ganz Großen: Johann Sebastian Bach . . . Mahatma Ghandi . . . John Updike . . . Aber dann kommt mir „Glücksdoktor“ Eckart von Hirschhausen in den Sinn, mit dem ich für ein Porträt ein paar Tage verbracht hatte. Ein medizinischer Kabarettist, dessen Mission es ist, dass es den Menschen besser geht. Der mit einem Humor ohne Schadenfreude auskommt und die Perspektive seiner Zuhörer auf subtile Art verändert.

Frau Krelhaus sagt, ich solle mich fragen, was die Dinge sind, die mich beflügeln oder belasten, und wie ich mir eine Gesellschaft in meinem Sinne vorstelle. Dabei müsse ich unterscheiden zwischen dem „Sollte-Selbst“, den Ansprüchen von anderen, und eigenen Idealen. „Bei mir im Kopf ist viel Unsinn“, sage ich. „Vielleicht braucht auch der Raum in ihrem Leben!“, beruhigt mich Frau Krelhaus.

Ich erzähle ihr von meinen Schwierigkeiten, etwa einen Text zu beginnen. Sie fragt: „Warum fällt es schwer?“ Wir kommen überein, dass es unter anderem ein überzogener Selbstanspruch ist, der mich zuweilen lähmt.

„Seit wir zukunftsbezogen reden, haben Sie ein Wort, das Sie am meisten verwenden. Haben Sie eine Idee welches?“

Nein, habe ich nicht.

„ ,Aber‘!“, sagt sie, „das Wort heißt ,aber‘.“ Doch jetzt gehe es ums freie Fließenlassen, die Gestaltung des Schönen ohne jedes Aber. „Gibt es Menschen, die Sie davon abbringen?“„Im Wesentlichen ich selbst“, antworte ich. Ich überlege meist lange, dann lähme ich den schon gefassten Gedanken mit Einwänden, die sich im Regelfall um zwei Sätze drehen: „Gibt es schon“ und „Was, wenn es nicht gut oder erfolgreich ist?“

Der Zweifel wird oft zum Ergebnisverhinderer

Als adäquates Mittel gegen das, was Frau Krelhaus als meine „mangelnde Handlungsorientierung“ bezeichnet, nennt sie mir eine einfache Regel: „Erst denken und nicht handeln. Dann handeln und nicht denken!“ Im Fall von Zweifeln: „Konzentrieren Sie sich auf die Realisierung der einmal gefällten Entscheidung.“ Natürlich sei eine Entscheidung immer auch eine Entscheidung gegen etwas. Doch in dieser Phase sei der Zweifel nicht produktiv, sondern nur noch Ergebnis-Verhinderer.

Grundsätzlich gebe es zwei Herangehensweisen für ein Buch, ein Bild, jegliches kreative Tun. Die einen konstruierten es im Vorfeld, die anderen vertrauten ihrem Impuls, der beim Machen entsteht. Mich rechnet sie eindeutig zur zweiten Kategorie.

Ob ein Thema für einen Roman also geeignet sei, lasse sich nicht intellektuell überprüfen, sondern am besten durch die Gefühle, die sich beim Nachdenken über das Thema einstellen. Würde ich ein Unbehagen verspüren, etwa den Charakter der Hauptfigur betreffend, müsse gefeilt werden – so lange, bis ein gutes Gefühl eintritt.

Ich soll mich entspannen, die Augen schließen und mir vorstellen, in welcher Stimmung ich wäre, wenn ich mich bereits mitten in der Arbeit zu diesem Roman befände. An welchen Zeitpunkt ich dabei denke? Welche Jahreszeit gerade ist? Was ich empfinde, wenn ich damit fertig bin?

Als Lisa Krelhaus ein zufriedenes Lächeln in meinem Gesicht entdeckt, sagt sie: „Jetzt sehen Sie so aus, als hätten Sie es schon verwirklicht! Ja, dafür lohnt es sich doch! Wann legen Sie los?“ „Im Frühsommer“, sage ich mit großer Bestimmtheit. Und habe das Gefühl, einen Schatz entdeckt zu haben. Ich muss ihn jetzt nur noch heben.

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