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Die ideale Schule Schule ohne Noten - funktioniert das?

Seit ihrer Einführung vor mehr als 100 Jahren sind Zensuren umstritten. Viele Lehrer und Eltern wollen jedoch an ihnen festhalten. Dabei gibt es längst andere Arten der Leistungsbewertung

Mit dem Latein hatte Otto von Bismarck als Schüler seine liebe Not. Die fremden Worte wollten einfach nicht in seinen Kopf. Ein „Mangelhaft“ schrieb ihm sein Lehrer dennoch nicht ins Zeugnis. Stattdessen notierte der Pädagoge dort den Satz: „Fortschritte sind zu erhoffen“.

Was aus heutiger Sicht erstaunlich nachsichtig klingt, war um 1830 kein ungewöhnlicher Kommentar. Ohnehin etablierten sich Abschlusszeugnisse an höheren Schulen erst allmählich. Sie sollten sicherstellen, dass der Zugang zur Universität nicht mehr auf Herkunft beruhte, sondern auf Leistung. Zensuren kamen sogar erst um 1900 auf – und in der Zeit danach entbrannte ein Streit über das Für und Wider, der bis heute andauert.

Lehrer benoten gleiche Leistungen höchst unterschiedlich

Immerhin sind sich die Experten inzwischen einig, dass die Noten eine Objektivität vortäuschen, die man Zensuren nicht zuschreiben sollte. Wissenschaftliche Versuche haben gezeigt, dass der gleiche Deutschaufsatz von manchen Lehrern mit einer Eins bewertet wird, von anderen mit einer Fünf. Und selbst in Mathematik: Die gleiche Arbeit wurde von 153 Lehrern höchst unterschiedlich beurteilt. Sieben Prozent gaben eine Eins, zehn Prozent werteten sie dagegen mit Vier oder gar Fünf.

„Dem einen war nur wichtig, dass die Lösung richtig ist, der zweite legte Wert auf den korrekten Rechenweg, der dritte auf die begleitenden Erklärungen“, sagt Hans Brügelmann. Der Pädagogikprofessor forscht seit Jahren darüber, wie sich Leistung in der Schule beurteilen lässt. Zwei seiner Erkenntnisse: Häufig bekommen Migrantenkinder bei gleicher Leistung schlechtere Noten als deutschstämmige, ruhige Schüler bessere als notorische Störenfriede.

Eine Studie der Universität Oldenburg zeigte zudem, dass Grundschullehrer Kinder mit Namen wie Kevin, Marvin, Chantal oder Justin als schwächer einschätzen als einen Maximilian oder eine Nele.

Für die Notenvergabe kann selbst die Tagesform des Lehrers oder der Platz der Arbeit im Stapel einen Ausschlag geben: „Legt man einem Lehrer eine Arbeit ein zweites Mal vor, kommt er nicht selten zu einem anderen Urteil“, berichtet Hans Brügelmann. Zudem vergleichen Noten vor allem die Kinder einer Klasse miteinander, sagen aber nur wenig darüber aus, ob ein Schüler sich verbessert hat und wie sein individueller Leistungsstand ist – denn eine Drei in einer starken Lerngruppe hat logischerweise eine ganz andere Bedeutung als in einer schwachen.

Eltern wie Kinder schätzen Zensuren

Berichtszeugnisse verraten da schon mehr. Im besten Fall beschreibt ein Bericht, wo Stärken und Schwächen eines Schülers liegen und was die nächsten Lernschritte sind. Gespräche mit Eltern und Schülern sollten ihn ergänzen.

Doch Umfragen zeigen, dass sich viele Lehrer eine Schule ohne Noten kaum vorstellen können – zum einen wegen des größeren Zeitaufwands für Berichtszeugnisse, zum anderen wegen der Eltern: Denn die bevorzugen Noten.

So votierten in Berlin rund 86 Prozent der Eltern der 3. und 4. Klassen für Zensuren. Auch Kinder, so heißt es oft, schätzen Zensuren. „Kinder wollen gute Noten, weil sie auf ein Erfolgserlebnis hoffen“, stellt der Lehrerausbilder Manfred Bönsch von der Universität Hannover klar.

Wer aber schlechte Zensuren bekommt, leidet oft darunter. So ergab eine Umfrage, dass sich ein Drittel der Neun- bis 14-Jährigen davor fürchten, in der Schule zu versagen.

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Eine Vier, Fünf oder Sechs gilt als persönliche Niederlage - motivierend ist so eine Zensur nicht

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Die Angst ist nicht unbegründet, schließlich sprechen Zensuren Lebenschancen zu: „Wir sind in Deutschland auf Noten fixiert, weil wir ständig Kinder aussortieren. Das ist in anderen Ländern anders“, gibt Hans Brügelmann zu bedenken.

Am Ende der Schulzeit sei eine Auslese mittels Noten zwar unvermeidbar – vorher aber könne sie schnell alle Motivation zerstören. Schüler sollten vielmehr an ihren individuellen Lernfortschritten gemessen werden. Ende der 1990er Jahre vergaben Grundschulen nur in den letzten beiden Jahren Noten. Doch nach den miserablen ersten PISA-Ergebnissen schwang das Pendel in die andere Richtung: In Bayern und Sachsen erhalten nun bereits Zweitklässler wieder Zensuren. Für viele Experten ist das eine kuriose Entwicklung, schließlich haben starke

PISA-Länder wie Finnland und Schweden die Noten bis über die Grundschuljahre hinaus durch Lernberichte ersetzt.

Pionierschulen erproben neue Arten der Leistungsbeurteilung

Inzwischen bewegt sich aber wieder etwas: In Hamburg sollen 54 Schulen, darunter auch Gymnasien, neue Arten der Leistungsbeurteilung erproben – zum Beispiel Lernstandsgespräche mit Zielvereinbarungen. In Rheinland-Pfalz führen Grundschüler in Englisch und Französisch „Portfolios“, die ihre Entwicklung über mehrere Jahre hinweg dokumentieren. Auf Fragebögen schätzen die Kinder ihre Leistung selber ein.

Neben Symbolen wie Ohr, Mund, Brille und Stift stehen dann Aussagen wie: „Ich kann verstehen, wenn mich jemand begrüßt“ oder „Ich kann sagen, wie es mir geht, und es begründen“. Die Schüler malen daneben ein lachendes, neutrales oder trauriges Gesicht und sprechen mit dem Lehrer darüber. Ein weiterer Bestandteil der Portfolios ist der „Sprachenschatz“: Jedes Kind legt Arbeiten hinein, mit denen es ein besonderes Lernerlebnis verbindet. Das kann ein Liedtext sein, den es gern gesungen hat, oder ein Blatt mit den ersten Wörtern, die es lesen konnte.

Auch in Berlin geht die Schulverwaltung neue Wege. Dort können Grundschulen seit zwei Jahren „Indikatoren-Zeugnisse“ einsetzen. Darin ist jedes Fach in Teilbereiche unterteilt, in Deutsch unter anderem in „Sprechen und Zuhören“. Die Bereiche sind weiter untergliedert nach Kompetenzen: „Erschließt die Bedeutung von Wörtern aus dem Kontext“, heißt es da etwa. Der Lehrer bewertet den Schüler dann anhand einer vierstufigen Skala von „gering ausgeprägt“ bis „sehr ausgeprägt“.

Das Ziel: Schüler motivieren, Potenziale ausschöpfen

Dieses Prinzip komme bei Eltern und Pädagogen gut an, sagt Dagmar Wilde von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. „Viele loben, dass sie nun genauer wissen, nach welchen Kriterien sie die Schüler beobachten sollen.“ Die Portfolios wie auch die Indikatoren-Zeugnisse sind in verständlicher Sprache formuliert, verbindliche Gespräche mit Eltern und Schülern ergänzen sie. Mit Kuschelpädagogik habe das nichts zu tun, so Dagmar Wilde, wohl aber mit dem Anspruch, jeden Schüler so zu motivieren, dass er sein Potenzial ausschöpft.

Denn dass sich aus den schulischen Leistungen nicht zwangsläufig Rückschlüsse auf die Fähigkeiten eines Menschen ziehen lassen, zeigt schon das Beispiel des späteren Reichskanzlers Otto von Bismarck.

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