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Den Menschen verstehen

Intuition auf vier Pfoten

Manche Hunde können Epileptiker vor einem bevorstehenden Anfall warnen. Bis heute gibt es für solche Fähigkeiten von Tieren keine letztgültigen Erklärungen.

Mitten in der Nacht – es ist der Heilige Abend 2009 – kommt der Golden Retriever Angel ans Bett von Irene Heiner und legt einen orangefarbenen Sack mit dem Aufdruck „Hilfe“ neben sie. Dann stupst die Hündin die schlafende Frau an – solange, bis sie wach wird. Die Frau schlägt die Augen auf, bemerkt den Sack, und läuft unverzüglich ins Zimmer ihres 17-jährigen Sohnes Christian. Der liegt ruhig da. Doch nach wenigen Sekunden bemerkt Irene Heiner, dass bei ihm ein epileptischer Anfall einsetzt. Sie gibt dem Jungen krampflösende Tropfen und kurz darauf ist der Anfall vorüber.

„Niemals vorher hatte Angel mich so gezielt gewarnt“, sagt Irene Heiner. Ihr Sohn leidet seit seinem dritten Lebensjahr am Lennox-Gastaut-Syndrom, eine seltenen und schwer zu behandelnden Form von Epilepsie. Besonders bei Müdigkeit und nachts kommt es zu Anfällen. Die nimmt der Golden Retriever inzwischen fünf bis zehn Minuten vor Ausbruch wahr und meldet sie – früher, als selbst ein Arzt erste Anzeichen bemerken würde.

Thailand, Khao Lak, Ende 2004: Am Morgen des 26. Dezember werden die Elefanten des Touristenführers Wit Aniwat plötzlich unruhig und geben grollende und trompetende Laute von sich. Hunderte Kilometer entfernt hat vor etwa einer Viertelstunde der Meeresboden gebebt und löst einen gewaltigen Tsunami aus, der wenige Stunden später fast einer Viertelmillion Menschen an den Küsten des Pazifik den Tod bringen wird.

Nach einiger Zeit reißen sich die Elefanten von ihren Ketten los und rennen landeinwärts auf einen Hügel. Einige Menschen folgen ihnen – und retten sich damit vermutlich das Leben. Sie stehen wenig später nur Meter über den Fluten, die um sie herum alles mitreißen.

Haben Elefanten und Hunde einen sechsten Sinn?

Was spürten die Elefanten? Kann ein Hund tatsächlich epileptische Anfälle bei Menschen vorhersehen? Haben Tiere so etwas wie einen sechsten Sinn? Also besondere intuitive Fähigkeiten, die Menschen nicht zugänglich sind?

„Man kann durchaus sagen, dass Tiere einen sechsten Sinn haben“, sagt der Zoologe Helmut Kratochvil von der Universität Wien, ein Experte für Kommunikation und Wahrnehmung bei Tieren. Viele Vögel verfügen etwa über einen Magnetsinn; mit dessen Hilfe sie sich am Erdmagnetfeld orientieren und der ihnen hilft über Tausende Kilometer Entfernung ihr Winterquartier zu finden. Knorpelfische, wie die Haie besitzen Sinneszellen zur Wahrnehmung elektrischer Felder; auf diese Weise spüren sie kurz vor dem Zubeißen, wo genau sich ihre Beute befindet.

„Abgesehen davon sind uns Tiere auch bei den herkömmlichen Sinnen mitunter überlegen“, sagt Kratochvil. „Einer Tsunamiwelle etwa eilt eine viel schnellere Infraschallwelle voraus, die sich erst durch das Wasser und dann durch die Luft fortbewegt. Dass Elefanten sie wahrnehmen können, ist inzwischen experimentell nachgewiesen.“ Möglich sei es auch, dass die Elefanten über ihre empfindlichen Fußsohlen die seismischen Aktivitäten des Seebebens gespürt haben, die den Tsunami verusacht haben.

Bei Vögeln spekulieren Forscher, ob sie womöglich eine Veränderung der Luftzusammensetzung durch aufsteigende Gase wie Kohlendioxid oder Radon wahrnehmen können. Denn die geht größeren Beben häufig voraus. Eine weitere Erklärung hat der deutsche NASA-Astrophysiker Friedemann Freund ins Spiel gebracht: „Kurz vor einem Erdbeben ist die Luft über dem entsprechenden Gebiet positiv geladen, ähnlich wie bei einem Gewitter.“

Diesen Effekt konnte er im Labor nachweisen: Durch mechanischen Druck auf das eine Ende eines Felsbrockens wurden an dessen anderem Ende elektrisch geladene Teilchen freigesetzt. Diese Teilchen, so Freund, bewirken im Gehirn vieler Tiere eine Ausschüttung des Botenstoffs Serotonin, was wiederum Aufregung und Angst auslöst.

Tiere müssen sich mehr auf ihre Intuition verlassen als Menschen

An übersinnliche Fähigkeiten glauben die meisten Forscher nicht. „Auch bei Tieren resultiert die Intuition aus Sinneswahrnehmungen und Erfahrungen, die unter Umgehung des Bewusstseins erfolgen“, sagt Helmut Kratochvil. Da bewusste Denk- und Entscheidungsprozesse bei Tieren keine große Rolle spielen, müssten sie sich allerdings mehr als Menschen auf ihre Intuition verlassen.

Wenn Tiere dann scheinbar wie von selbst richtig handeln, ist das für den US-Biologen Marc Bekoff ein Zusammenspiel von Intuition und Instinkt. Während Intuition auf einer unbewussten Analyse vergangener Erfahrungen beruht, gilt Instinkt als eine angeborene Verhaltensweise, die für bestimmte Situationen überlebenswichtig ist.

Bekoff erwähnt das Beispiel seines Schäferhundes: Ob draußen ein Auto laut hupt oder er klassische Musik hört, in der plötzlich ein Trommelwirbel ertönt – das Tier lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Bisweilen beginnt es jedoch unvermittelt hin und her zu laufen und zwängt sich unter das Sofa. Dann weiß Bekoff, ohne dass er auch nur ein fernes Grummeln vernommen hätte: Ein Gewitter rückt näher. „Mein Hund hat noch niemals gesehen, wie jemand vom Blitz getroffen wurde – und doch tut er das einzig richtige: er sucht Schutz unter einer Überdachung“, sagt Bekoff. Der Hund hat den Donner dank seiner feinen Ohren einfach früher gehört als jeder Mensch.

Intuition auf vier Pfoten

Manche Tiere scheinen intuitive Fähigkeiten zu haben, die Menschen nicht zugänglich sind. So vermochten im Dezember 2004 einige Elefanten einen bevorstehenden Tsunami zu spüren - und sich in Sicherheit zu bringen

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Nicht bei allen derartigen Leistungen aber lassen sich plausible Erklärungen finden. Der britische Biologe Rupert Sheldrake hatte auf seiner Internetseite dazu aufgerufen, ihm Berichte über die Intuition von Haustieren zu schicken. Etliche Schilderungen erreichten ihn; Sheldrake erfuhr etwa von Katzen, die angeblich über Hunderte von Kilometern nach Hause zurückfanden. Und in eigenen Experimenten hatte er mit einer Videokamera aufgezeichnet, dass ein Hund exakt dann aus dem Körbchen aufstand, wenn sich sein Besitzer 15 Kilometer entfernt im Bürostuhl erhob.

Sheldrake entwickelte die Theorie der „morphogenetischen Feldern“, die angeblich Menschen, Tiere und selbst unbelebte Materie umgeben und miteinander verbinden. Manche Tiere könnten diese Felder wahrnehmen, behauptet Sheldrake, und aus ihnen Informationen beziehen. Doch von fast allen Fachkollegen wird diese Spekulation vehement abgelehnt – weil es für sie bislang keinerlei wissenschaftlichen Beleg gibt.

Forscher können die Fähigkeit von Anfallshunden nicht erklären

Nicht geklärt ist bislang auch, was genau die Golden-Retriever-Hündin der Familie Heiner befähigt, Minuten vor einem epileptischen Anfall Alarm zu schlagen. Eine mögliche Erklärung ist, dass ein Hund unmittelbar vor einem Anfall Unregelmäßigkeiten im Bewegungsmuster des Erkrankten bemerkt - winzige Zuckungen der Gesichtsmuskulatur oder Veränderungen der Atemfrequenz etwa, wie sie bei den meisten Epilepsiearten auftreten. Diskutiert wird auch, ob feinste Veränderungen des Körpergeruchs den Hunden den entscheidenden Hinweis geben. Denn die Zusammensetzung des Schweißes ändert sich im Zuge eines Anfalls.

Manche Wissenschaftler, so der Epilepsie-Experte Christian Elger von der Universität Bonn, bezweifeln die Fähigkeit von Anfallshunden allerdings grundsätzlich: „Dass sie etwas bemerken, lange bevor der Krampf einsetzt, halte ich für unmöglich. Entsprechende Anekdoten konnten bisher bei keiner wissenschaftlichen Prüfung klar bestätigt werden.“ Dabei ist die Hündin der Familie Heiner nicht etwa ein kurioser Einzelfall. Ausgebildet wurde sie von dem Hundetrainer Erik Kersting, der mehr als 100 Anfallshunde betreut. In den Niederlanden übernehmen inzwischen sogar die Krankenkassen häufig die Kosten für ein solches Tier.

Nur ein Bruchteil aller Hunde eignet sich für die Ausbildung

Kersting hat die Erfahrung gemacht, dass nur wenige Hunderassen überhaupt diese spezielle Fähigkeit entwickeln. Meist seien es solche mit starkem sozialen Rudelinstinkt. „Aber nur einer von 1000 Golden Retrievern erweist sich dann als tatsächlich geeignet für eine Ausbildung“, sagt Erik Kersting.

Zwei Jahre lang dauert das Training. Es dient vor allem dazu, die Wahrnehmung des Tieres zu schärfen und eine fast symbiotische Beziehung zwischen Hund und Mensch herzustellen. Das Tier soll dann möglichst jede Regung des Patienten richtig interpretieren können. Droht es ihm schlecht zu gehen, soll der Hund alles ihm mögliche tun, um den Ausgangszustand wiederherzustellen.

Möglicherweise nimmt Angel also tatsächlich, wie Kersting behauptet, Anzeichen wahr, die kein Mensch bemerken könnte. Denn Christian Heiner leidet unter einer Art der Epilepsie, bei der sich vor größeren Anfällen gelegentlich charakteristische Muster im Gehirn nachweisen lassen. Die bewirken aber äußerlich nur eine kaum merkliche Verlangsamung der Reaktion oder der Augenbewegung. Womöglich registriert der Hund diese Anzeichen.

Der Familie Heiner ist es letztlich gleich, welche Erklärung es für das intuitiv richtige Verhalten ihres Hundes gibt. Irene Heiner ist vor allem wichtig, dass Angel Christian stoppt, wenn der eine Treppe hinuntergehen oder eine Straße überqueren will, während sich ein Anfall anbahnt. Und dabei ist der Hund schon jetzt verblüffend erfolgreich.

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