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Familie Doppelleben: Ein Mann - zwei Familien

Ein Mann hat heimlich zwei Familien, 15 Jahre lang. Die Erklärung: Er habe nicht Nein sagen können

Es war eine unspektakuläre Szene, die meine Welt aus den Angeln hob. Ich studierte die Filmplakate am Kinoeingang, als ich meinen Mann in der Schlange am Kartenschalter entdeckte. Ich wollte zu ihm hingehen, den Vater unserer beiden Kinder umarmen, rufen: „Überraschung! Bin doch nicht weggefahren.“ Denn eigentlich hatte ich zu einer Freundin aufs Land fahren wollen. Da bemerkte ich die Frau neben ihm, sah, dass ihre Hand in seinem Trenchcoat steckte. Selbstverständlich und vertraut. Es war kalt und regnerisch an diesem Tag. Ich brauchte einen Moment, um die Geste zu entschlüsseln, so abwegig erschien sie mir. Und dann ging ich, oder vielmehr: Ich rannte davon.

Später am Abend stand er vor mir in unserer Küche und sagte: „Ich werde dir jetzt etwas erzählen, was du nicht für möglich hältst.“ Ja, die Frau sei seine Geliebte. Seit 15 Jahren. Ihre beiden Kinder seien auch seine Kinder. Ich hörte seine Worte, aber verstand nicht. Er hatte also nicht nur eine Affäre, er hatte eine zweite Familie, eine Schattenfamilie. Gibt es so ein Wort überhaupt? Sieben Minuten hat er gebraucht von einem Leben ins andere. Sieben Kilometer zwischen unserem Haus und ihrem. Sein Wagen kannte den Weg. Zwei Frauen, vier Kinder. Weihnachten, Ferien, Geburtstage, Geschenke: alles doppelt. In einem Leben zusammenzuhalten nur mit unzähligen Lügen. Ich versuchte das, was er sagte, mit den Erinnerungen in Einklang zu bringen, die auf mich einstürmten und zu Zerrbildern wurden: unser Leben, die Hochzeit, die Geburt der Kinder, der Umzug in unser Haus – Glücksmomente und Alltag. Er starrte mich an, panisch, und flüsterte: „Sag doch was, schlag mich, bring mich um.“ Aber ich war gelähmt. Meine Welt zerbrach. Das klingt nach Schlagertext, aber es war so. Alles schwankte, kam ins Rutschen. Die Welt, in der ich mich zuvor sicher und geborgen fühlte, bot keinen Halt mehr. Mein Mann hat eine Schattenfamilie gegründet, ein Doppelleben geführt – und damit meines ungültig gemacht. Alles, was ich bis dahin gefühlt und getan hatte, beruhte also auf falschen Annahmen. Ich dachte, unsere Ehe sei glücklich. Wenig Streit, viel Vertrauen, kaum Eifersucht. Ich wollte keine Frau sein, die klammert, ließ ihn ohne Argwohn tagelang verreisen. Als Keyboarder musste er nun einmal unterwegs sein. Seine Arbeit fand ich wichtig und interessant.

Doppelleben: Ein Mann - zwei Familien

Der Mann hat zwei Söhne mit der einen Frau, einen Sohn und eine Tochter mit der anderen. Drei der Kinder gehen auf die gleiche Schule

War unsere Liebe am Ende nur eine Lüge?

Was jetzt für mich begann, glich der Arbeit einer Archäologin. Ich musste die Vergangenheit freilegen, rekonstruieren. Es galt, jedes Detail meiner Erinnerung neu zu bewerten. Ich blätterte in Fotoalben, betrachtete die Bilder aus Paris, auf denen wir so verliebt in die Kamera glotzen, rechnete nach: Ja, da hatte es die Schattenfamilie schon gegeben. Ihre Abendessen am Familientisch, ihre gemeinsamen Nächte. Auch als mein Vater starb und mein Mann mir die Hand hielt, gab es sie. Als unsere Söhne konfirmiert wurden, gab es sie. Er kam beide Male erst spätabends zur Feier. Herbeigeeilt von einer Tournee, wie ich glaubte. Damals hatte ich mir keine Gedanken gemacht. Jetzt fragte ich mich: Was war wohl wichtiger als unsere Familienfeiern? Seine heimliche Tochter war damals ungefähr fünf Jahre alt. Hatte sie Zahnweh und brauchte Papas Trost? Hatte ihre Mutter Dienst, und er musste babysitten? Und als ich meine schwere Operation hatte und er nur kurz im Krankenhaus vorbeischaute, nervös, kreidebleich, da dachte ich: Er ist so sensibel. Tatsächlich aber saß er wohl einfach auf heißen Kohlen. Musste zu den anderen. Gedanken dieser Art sind zermürbend, höhlen einen aus. Ungeheuerlich immer aufs Neue die Erkenntnis: Ich hatte ihn nur wenige Jahre für mich.

Wir kamen schon als Teenager zusammen. Bei der Heirat war ich 18, er 21. Drei Jahre später hatten wir zwei Söhne. Er gründete das Quartett, mit dem er durch die Welt zog und unseren Lebensunterhalt verdiente. Zumindest einen Teil davon. Ich arbeitete in einem Sanitärbetrieb. Wir wohnten in einer kleinen Wohnung. Eine ganz normale Familie.

Zugegeben: Die Ehe lief nicht immer gut

Doch in jener Zeit lernte er die andere Frau kennen und bekam mit ihr einen Sohn und eine Tochter. Die Andere kannte die Wahrheit, sie hat mich bei seinen Auftritten gesehen. Ihre Kinder aber wurden ebenso getäuscht wie ich: Die Kleinen glaubten, dass der Papa auf Tournee sei, wenn er nicht bei ihnen war. In Wahrheit war er bei mir und unseren Söhnen. Unsere Familie: ein Dienst? Und die andere: die Kür? Oder umgekehrt? Warum? Wie konnte das passieren? Die Antwort ist erschütternd schlicht. Als er die andere Frau kennenlernte, herrschte in unserer Ehe gerade Flaute. Mich überforderten unsere beiden kleinen Söhne, ständig war die Schwiegermutter im Haus. Ich habe funktioniert und auf bessere Zeiten gewartet. Er aber, so glaube ich, hat sich sehr einsam gefühlt. Die Andere sprach ihn nach einem Auftritt an. Bühnenmenschen passiert so etwas. Sie tranken ein Bier, dann war es spät und er fuhr sie nach Hause. Er hat sich nicht viel dabei gedacht, aber sie rief ihn immer wieder an. Und er ließ sich immer wieder darauf ein. Als sie schwanger war, habe er getobt, sagte er. Aber als das Neugeborene dann da war, war es nun mal: sein Kind. Ebenso das zweite. Genau wie unsere beiden Söhne.

Ich glaubte in jener Zeit, er arbeite einfach viel. Künstler können es sich nicht aussuchen, dachte ich. Und wenn wir dann mal zusammen waren, wollte ich es schön haben. Keinen Stress machen. Wir waren immer glücklich, wenn wir Zeit für uns hatten. Und Zeit haben, das hieß: zwei, drei Tage. Dann war er schon wieder fort. „Bin bis Montag in Kiel“, sagte er. Oder in Rostock. Oder Mönchengladbach. „Fahr vorsichtig. Und ruf an, wenn du da bist!“ Er rief an, erzählte vom Applaus, vom schlechten Hotelbett, vom Stau auf der Autobahn. Wie hat er das gemacht? Erst ausgerechnet, wie lange man für die Strecke braucht und dann zum Telefonieren ins Bad? An Feiertagen hatte er immer besonders viel zu tun. Jahr für Jahr saß ich Heiligabend mit den Kindern bei meiner Mutter, ohne ihn, bis er gegen halb zehn erschien. Abgehetzt, nachdem er angeblich bei fremden Familien den Weihnachtsmann gespielt hatte. Gegen gute Bezahlung, wie er sagte. Ich habe nicht gefragt, wie viel es denn wert sei, dass wir mit der Bescherung so lange warten, den Braten ohne ihn essen mussten. Ich wollte nicht kleinlich sein. Auch fuhr er mit beiden Familien in Urlaub. Wir hatten oft nur wenige Tage mit ihm am Ferienort, dann war der nächste Auftritt dran und ich blieb, wie immer verständnisvoll, mit den Kindern zurück. War ich blind? Ahnte ich wirklich nichts? Nein. Nichts. Irgendwann fiel mir immerhin auf, dass wir zu wenig Geld hatten – gemessen daran, wie viel er angeblich arbeitete. Ich sagte: Entweder wir müssten mehr Geld haben oder mehr Zeit füreinander. Er murmelte nur: „Du hast ja keine Ahnung, wie schwierig das alles ist.“

Doppelleben: Ein Mann - zwei Familien

Wenn der Mann, ein Musiker, zu seiner zweiten Familie fährt, erzählt er der Ehefrau, er trete mit seiner Band auf. Nur wenige Minuten braucht er von einem Leben in das andere

Den ganzen Artikel lesen Sie in GEO WISSEN "Die Macht der Familie".

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