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Den Menschen verstehen

Familie Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Elterngeld, Kitaplätze, Teilzeitarbeit: Was hat es gebracht? Wissenschaftler ziehen erste Bilanz

Es ist im Augenblick viel von Frauen die Rede und von der Frage, wie sie Familie und Beruf vereinbaren können. Aber vielleicht sollte man zur Abwechslung einmal mit den Männern beginnen. Da ist zum Beispiel der kleine Herr, der am 7. Juni 2015 auf der Bühne der Stadthalle Bielefeld steht. Er ist 67 Jahre alt, Politiker, einer von der Sorte, die nie um Antworten verlegen ist. Jetzt steht er am Ende einer langen Rede vor Anhängern auf einem Parteitag, sie jubeln. Der kleine Herr aber kämpft mit den Tränen. Ringt um Worte. Presst eine Art Geständnis hervor. „Ich habe viel zu wenig Freundschaften gepflegt, ich hatte viel zu wenig Zeit für meine Angehörigen“, sagt Gregor Gysi. Vor ihm stehen seine Kinder, seine Schwester, seine geschiedene Frau, die alle zum Parteitag angereist sind. „Es tut mir sehr, sehr leid“, sagt Gysi, dann versagt ihm die Stimme.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Vier Töchter hat das Ehepaar Wörner, beide Eltern haben zeitweise beruflich pausiert – und immer das Vertrauen gehabt, dass sie den Alltag bewältigen können

Nun kann man den Berufspolitiker Gregor Gysi für einen begnadeten Selbstdarsteller halten. Aber an jenem Tag, als der Vormann der Linkspartei seinen Rückzug aus der ersten Reihe im Bundestag bekannt gibt, gerät das Showgeschäft Politik für einen Moment ins Stocken. Und ein Mann, der beruflich so ziemlich alles erreicht hat, gibt zu: Er hat das Wichtigste verpasst. So etwas kommt selten vor, besonders in einer Generation von Männern, die in den Aufbaujahren nach dem Zweiten Weltkrieg groß geworden ist. Die in dem Glauben lebte, mit etwas Geschick fast alles haben zu können: Karriere und Familie, beruflichen Erfolg und privates Glück. Dass er das Erste bekommen hat, aber um den Preis des Zweiten, hat Gregor Gysi wohl erst zum Ende seiner Laufbahn begriffen. Zwei Ehen sind auf der Strecke geblieben und kostbare Stunden mit Freunden und Kindern. Er bedauert das, sehr, auch öffentlich.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

"Die Männer versklaven sich bei ihren Arbeitgebern" - Martin Sagel, 40, aus Kerpen, kündigte seine Anstellung bei einer Bausparkasse, um von daheim aus zu arbeiten

Aber muss das eigentlich so sein? Ist die Bundesrepublik nicht längst weiter? Alle paar Monate erscheint in Deutschland eine Studie, wonach Männer und Frauen sich gleichberechtigte Partnerschaften wünschen, in denen Mütter und Väter ihre Berufswünsche verwirklichen können und trotzdem beide Zeit für Kinder haben. Ein Blick in die Zahlen allerdings verrät: Dieser Wunsch und die Wirklichkeit klaffen oft noch weit auseinander. „Wie die Zeit vergeht“: Mit diesem fast wehmütigen Titel ist eine Untersuchung des Statistischen Bundesamtesüberschrieben. Darin wird ausgewertet, womit rund 11 000 Menschen in Deutschland zwischen August 2012 und Juli 2013 ihre Zeit verbrachten. Herausgekommen ist das Bild einer Gesellschaft, die sich verändern will, auch hinsichtlich der Arbeitsteilung in Familien. Die aber nicht recht zu wissen scheint, wie das gelingen kann. Die Untersuchung zeigt, dass sowohl bei Frauen als auch bei Männern in Deutschland die Erwerbsarbeit seit der letzten Erhebung vor 14 Jahren zugenommen hat: 2001 gingen Frauen im Schnitt gut 13 Stunden pro Woche einer bezahlten Tätigkeit nach, 2012 waren es etwas mehr als 16 Stunden. Auch Männer verbringen heute mehr Zeit im Büro oder auf Montage als früher, sie arbeiten im Schnitt täglich 30 Minuten länger.

Das Zeitmanagement ist heute ein anderes

Nun könnte man annehmen, dass die Menschen diese zusätzlichen Stunden am Arbeitsplatz mit kostbarer Familienzeit bezahlen. Das ist aber nicht der Fall: Gemäß der Untersuchung des Statistischen Bundesamtes verbringen Männer und Frauen, die Kinder haben, sogar etwas mehr Zeit mit ihrem Nachwuchs als früher. Für Spielen und Sport bleiben immerhin sieben Minuten mehr pro Tag als elf Jahre zuvor. Die Hausaufgabenbetreuung wurde, wenn auch nur minimal, von 43 auf 47 Minuten ausgedehnt. Berufstätige Mütter nehmen sich laut Studie fast genauso viel Zeit für Gespräche mit den Heranwachsenden und fürs Vorlesen wie nicht berufstätige Mütter. Dafür ersparen sie sich im Vergleich zu Vollzeitmüttern eine Dreiviertelstunde am Tag bei der Beaufsichtigung ihrer Kinder. Mit anderen Worten: Sie konzentrieren sich auf die wertvollsten Augenblicke mit dem Nachwuchs und überlassen das reine Aufpassen auch mal anderen, zum Beispiel einem Babysitter.

Frauen können Job und Familie heute also etwas besser vereinbaren, als manche das erwarten. Aber: Beide Elternteile müssen sich dafür besonders anstrengen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes arbeiten Väter und Mütter, auch alleinerziehende, im Schnitt wöchentlich zehn Stunden mehr als Kinderlose – vorausgesetzt, man versteht unter Arbeit sowohl unentgeltliche als auch bezahlte Tätigkeiten. Zudem absolvieren Väter in Haushalten mit Kind pro Woche ein um zwei Stunden größeres Arbeitspensum als Mütter. Wer allerdings etwas genauer hinschaut, wird feststellen, dass Chancen und Pflichten zwischen den Geschlechtern keineswegs gleichmäßig verteilt sind.

Den ganzen Artikel lesen Sie in GEO WISSEN "Die Macht der Familie".

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