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Den Menschen verstehen

Familie Prägung: Das Erbe der Eltern

Der Psychologe Klaus A. Schneewind erklärt, wie die Familie unsere Persönlichkeit formt

GEO WISSEN: Herr Professor Schneewind, viele Menschen neigen dazu, ihre familiäre Herkunft für Glück und Unglück verantwortlich zu machen. Wie viel Macht hat die Familie wirklich über unser Leben?

PROF. KLAUS A. SCHNEEWIND: Die Familie hat sehr viel Macht. Denn in ihr wachsen wir auf, sammeln die ersten Erfahrungen, erwerben grundlegende Fähigkeiten. Und niemand kann sich dem Einfluss seiner Herkunft entziehen. Jeder lebt in dem Bewusstsein, dass er eine leibliche Mutter, einen biologischen Vater hat. Insofern sind wir alle „Familienmenschen“, ob wir es wollen oder nicht. Aber: Die Familie ist nicht allmächtig. Um zu erkennen, wo die Grenzen ihrer Macht liegen, müssen wir zunächst klären, was wir meinen, wenn wir von „Familie“ sprechen.

Prägung: Das Erbe der Eltern

Klaus A. Schneewind ist emeritierter Professor und Autor eines klassischen Lehrbuchs über Familienpsychologie. Er hat sich unter anderem mit Erziehung und Sozialisation beschäftigt und arbeitet als Paar- und Familientherapeut

Was ist die allgemeingültige Definition?

In Umfragen geben fast 100 Prozent der Menschen an: Eine Familie ist ein Paar mit mindestens einem Kind. Das ist die Kernfamilie, auch nach wissenschaftlicher Definition. Aber welche Personen für den Einzelnen über diesen engen Kreis hinaus im weiteren Sinne noch zur Familie gehören, Großeltern zum Beispiel, ist individuell höchst unterschiedlich. Das hängt davon ab, zu welchen Menschen wir eine intensive Verbundenheit spüren. In der Regel schwindet dieses Gefühl, je mehr der Verwandtschaftsgrad abnimmt. Zudem ist die Familie kein starres Gebilde, sondern durchläuft eine Entwicklung, eine „Familienkarriere“ – zumal wenn sich durch Trennung oder Scheidung neue Konstellationen ergeben.

Wie ist das zu verstehen?

Zu Beginn des Lebens bedeutet Familie: Herkunft, also das eigene Elternhaus, vielleicht auch Geschwister, Großeltern, Urgroßeltern, Onkel oder Tanten. Später lernt man einen Partner kennen und bekommt möglicherweise selbst ein Kind. Nun bildet diese Gemeinschaft eine Familie. So verschiebt sich der Mittelpunkt dessen, was wir als Familie empfinden, von Generation zu Generation.

Es sei denn, eine Trennung kommt dazwischen.

Dann wird es kompliziert. Geht ein Elternteil eine neue Beziehung ein, entsteht eine Patchwork-Familie. Der Familienkern spaltet sich in einen väterlichen und einen mütterlichen Part auf. Der leibliche Vater kümmert sich dann beispielsweise nur am Wochenende um seine Kinder, und unter der Woche übernimmt der Stiefvater die Erziehung. Oft ist aber bei einer Trennung so viel Wut und Verletzung im Spiel, dass ein ziviler Umgang unmöglich wird. Nicht selten übernimmt dann ein Elternteil allein die Erziehung, und der andere zieht sich zurück. Das althergebrachte Verständnis von Familie stößt in diesen Fällen an seine Grenzen.

Welche Folgen hat es für die Entwicklung eines Menschen, ob er mit Mutter und Vater oder nur mit einem Elternteil aufwächst?

Die Familienkonstellation kann im Einzelfall einen beträchtlichen Unterschied machen. Auch Alleinerziehende vermögen ihren Kindern natürlich Zuneigung und Fürsorge zu schenken, aber in der Regel haben sie nicht die materiellen Ressourcen, um ihren Nachwuchs optimal zu versorgen. Oft fehlt auch die Zeit. Denn sie müssen allein eine Wohnung finanzieren und den Lebensunterhalt sichern. Ein Paar ist daher meist besser dazu in der Lage und vermag Kindern so einen günstigeren Start ins Leben zu bieten.

Es gibt das Vorurteil, dass Kinder in Patchwork-Familien generell schlechter gestellt seien als in klassischen Familien. Stimmt das?

Nein, das ist so pauschal nicht richtig. Es kommt immer auf den Einzelfall an. Patchwork-Familien sind zwar möglicherweise konfliktträchtiger – aber solange alle Beteiligten gut miteinander auskommen, müssen sie im Vergleich zur traditionellen Konstellation nicht im Nachteil sein. Entscheidend für die Entwicklung eines Kindes ist vielmehr, in welchem „Familienklima“ es aufwächst.

Was ist darunter zu verstehen?

„Familienklima“ ist ein Begriff für den Umgang von Eltern und Kindern untereinander, vor allem ihre Art zu kommunizieren. Denn Familienleben ist nichts anderes als die beständige Interaktion zwischen Menschen. Um das dortige Klima zu bestimmen, betrachten Forscher vor allem drei Faktoren. Zum einen untersuchen sie die Emotionen. Um die zu erkennen, beobachtet man zum Beispiel, ob die Angehörigen zärtlich zueinander sind und um das Wohl des anderen besorgt, ob sie fähig sind, sich nach einem Streit zu versöhnen, auf die Argumente anderer einzugehen, deren Bedürfnisse zu respektieren. Oder ob jede Auseinandersetzung verbittert geführt wird und mit persönlichen Beleidigungen endet. Den zweiten Faktor bilden die Anregungen. Wie stimulierend ist die Familienumgebung? Unternehmen Eltern und Kinder gemeinsam viele Ausflüge, helfen die Eltern bei den Hausaufgaben, werden die Hobbys des Nachwuchses schon früh gefördert, oder sitzt jeder für sich vor dem Fernsehgerät und lässt sich berieseln? Schließlich gilt es, Normen und Autorität zu betrachten. Nach welchen Werten agieren die Familienmitglieder? In der einen Familie wird ein demokratisches und gleichberechtigtes Miteinander gepflegt, in anderen wird das Wort der Eltern in jeder Situation hoch gehalten. Manche glauben an feste Wahrheiten, wie sie zum Beispiel einige Religionen postulieren, andere sind offen für neue Ideen und stellen ihre Überzeugungen immer wieder infrage.

Besteht ein Zusammenhang zwischen den drei Merkmalen?

Nein, die Faktoren entwickeln sich weitgehend unabhängig voneinander. Es kann also durchaus sein, dass die Mitglieder einer Familie zärtlich miteinander umgehen, aber zugleich einander wenig anregen und sehr rigide Werte vermitteln. Oder es wird immerzu gestritten und gekämpft, aber zugleich viel Raum gewährt, sich selbst auszuprobieren. Jede Kombination ist möglich. Deshalb ist jede Familie für sich einzigartig.

Und doch gibt es bessere und schlechtere Kombinationen.

Studien zeigen, das vor allem jenes Familienklima hilfreich ist, das sich so beschreiben lässt: stark positiv emotional, sehr anregend, wenig normativ und autoritär. Dann haben alle Mitglieder die besten Chancen, ein glückliches und erfolgreiches Leben zu führen. Das mag wenig überraschen, und doch ist es für die meisten Familien extrem schwierig, dieses Klima auf Dauer herzustellen.

Ein schlechtes Klima ist folglich emotional negativ, wenig anregend, ausgeprägt autoritär. Wie viele Kinder in Deutschland wachsen so auf?

Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Denn je ungünstiger das Klima, desto eher tendieren Familien dazu, sich von der Außenwelt abzuschotten – und bleiben für Forscher, Behörden und Öffentlichkeit unsichtbar. Wir wissen immerhin: Die Gefahr ist besonders hoch in Familien, in denen die Eltern psychisch krank sind. Und es sprechen einige Schätzungen dafür, dass von den rund 13 Millionen Kindern in Deutschland etwa drei Millionen mit mindestens einem Elternteil aufwachsen, der wegen einer psychischen Störung behandelt wird. Wir können also davon ausgehen, dass das Familienleben in Deutschland keineswegs dem harmonischen Ideal entspricht, das uns vorschwebt. Viele Kinder aus solchen Familien haben später die gleichen Probleme wie ihre Eltern: Sie werden psychisch krank, depressiv oder alkoholabhängig. Zuweilen setzt sich dieses Schicksal von Generation zu Generation fort.

Woran liegt es, dass wir unserer Herkunft nur schwer entfliehen können?

Wir nehmen unser Familienklima mit, ganz gleich, wohin es uns als Erwachsene verschlägt. Es wird gewissermaßen zu einem Teil der Persönlichkeit und prägt unsere Beziehung zu Freunden, Partnern und später den eigenen Kindern. Außerdem formt es unsere Weltsicht, unsere Einstellungen, Interessen und Verhaltensweisen. So lernen manche Kinder zu Hause etwa, dass Sucht und Gewalt legitime Strategien sind, mit Problemen umzugehen. Diese Weitergabe an die nächste Generation nennen Wissenschaftler „intergenerationale Transmission“.

Können Sie weitere Beispiele nennen?

Langzeitstudien zufolge übernehmen Kinder häufig die Werte ihrer Eltern, was später etwa in ihren politischen oder religiösen Einstellungen zum Ausdruck kommt. Selbst wenn sie auf dem Weg ins Erwachsenenleben zwischenzeitlich andere Wege einschlagen, kehren doch viele zu den Überzeugungen ihrer Eltern zurück. Auch das Scheidungsrisiko wird offenbar weitergegeben. Trennungskinder lassen sich statistisch gesehen später mit deutlich erhöhter Wahrscheinlichkeit auch selbst wieder scheiden.

Das klingt so, als wäre vor allem das negative Vorbild der Eltern schuld daran, wenn zwei Menschen sich trennen. Doch kann so etwas sicher auch ganz andere Gründe haben.

Natürlich. Die Trennungsrate hat in den letzten Jahren insgesamt zugenommen, was vor allem an der zunehmenden materiellen Unabhängigkeit der Frauen liegt. Aber wenn sich Scheidungen in bestimmten Familien über Generationen hinweg häufen, dann herrscht in diesen Familien meist ein Klima, in dem der Faktor Emotion besonders negativ ausgeprägt ist. Die Kinder aus solchen Elternhäusern haben zum Beispiel gelernt, dass Partner streiten, sich aber nicht wieder versöhnen. Deshalb fühlen sich solche Menschen in Beziehungen häufig hilflos; sie sind davon überzeugt, immerzu Konfrontation aushalten zu müssen. Sie kennen es schlicht nicht anders. Folglich suchen sie die Schuld oft beim anderen, werden in ihrer Not beleidigend und verletzend. Treffen solche Persönlichkeiten aufeinander, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass die Beziehung nur wenige Monate oder Jahre überdauert. Spätestens wenn die Kinder kommen, nimmt das Zusammengehörigkeitsgefühl dann rapide ab.

Das ganze Interview lesen Sie in GEO WISSEN "Die Macht der Familie".

Prägung: Das Erbe der Eltern

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