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Den Menschen verstehen

Leseprobe: Am Anfang eines neuen Weges

Endet die Vaterschaft, wenn der Sohn 18 wird? Harald Martenstein hat darüber auf einer langen Wanderung mit seinem Sohn David nachgedacht.

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEO WISSEN zum Thema "Väter":

Mein Sohn und ich fahren jedes Jahr für ein oder zwei Wochen gemeinsam in Urlaub. Wir waren in Disneyland und in New York, wir sind mit dem Wohnmobil durch Deutschland gefahren und mit dem Fahrrad von Berlin an die Ostsee. Wir haben die Weltausstellung in Lissabon besucht, den Vesuv und die Ruinen von Pompeji.

Unsere erste Reise ging nach Kreta, mein Sohn war zweieinhalb, wir trugen beide Rucksäcke. Als er ein Baby war, hatte ich übrigens Erziehungsurlaub gemacht, sechs Monate, mehr konnten wir uns finanziell nicht leisten. Die Zeit war schön, Hausmann ist in meinen Augen ein attraktiver Job, solange es zeitlich begrenzt bleibt.

Ein Kind, das ist für die meisten Männer meiner Generation, und für die Jüngeren wohl erst recht, ein Projekt, eines der Großprojekte unseres Lebens. Man will es richtig machen. Man hat, auch, Ehrgeiz. Beruflich ist man natürlich stark eingespannt. Das schlechte Gewissen, von dem viele berufstätige Mütter berichten, dieses Gefühl, es allen Seiten recht machen zu wollen, Kind, Beruf, Haushalt, Partner, dieses Gefühl kennen wir Männer inzwischen ebenfalls. Vielleicht verdrängen wir besser.

Sechzehn Reisen.

Jetzt ist mein Sohn 18, er hat zum letzten Mal im Leben Sommerferien. Er hat sich ein Interrail-Ticket gekauft, ist mit Freunden kreuz und quer durch Europa getingelt, Übernachtungen auf Bahnsteigen und Campingplätzen, ich habe mit 18 das Gleiche gemacht.

Als ich ihn fragte, ob wir trotzdem wieder zusammen auf Tour gehen, hat er sofort Ja gesagt. Wir wandern eine Woche lang in Südfrankreich, Ardèche, Streckenwanderung, Mittelgebirge, wegen der Höhenunterschiede körperlich nicht ganz einfach. Das Gepäck wird von Hotel zu Hotel transportiert.

"Wir reden über Fußball - wenn überhaupt"

Wenn wir zusammen unterwegs sind, führen wir keine tiefschürfenden Gespräche über die Dinge des Lebens. Es ist nicht wie im Fernsehen, wenn eine Vater-Sohn-Schnulze läuft. Wir reden nicht über Männlichkeit, oder über Mädchen, oder über Berufswahl. Politik? Manchmal. Wir reden über Fußball, zum Beispiel. Wenn überhaupt. Es kann auch sein, dass wir einfach nur schweigend Zeitung lesen. Ich frage nicht viel. Das nervt ihn doch nur.

Leseprobe: Am Anfang eines neuen Weges

Geht die Vaterschaft bei einem 18-jährigen Sohn langsam zu Ende? Bleibt man nur noch als Finanzier interessant, als Erzeuger, zu dem der Nachwuchs höflich Kontakt hält?

Leseprobe: Am Anfang eines neuen Weges

Irgendwann ist es so weit, und der Vater wird entidealisiert - auch, weil nach und nach seine körperlichen Grenzen sichtbar werden

Ich wollte ein guter Vater sein. Wie das genau geht, wusste ich nicht. Bin ich inzwischen klüger geworden? Ein Vater ist kein Therapeut, sage ich mir, auch kein Kumpel, ein Vater ist ... irgendwas anderes.

Ein Vater weiß heute ziemlich genau, was er alles nicht sein soll: nicht autoritär, kein Tyrann, natürlich nicht gleichgültig, nein, durchaus interessiert. Erziehend, wenn es sein muss, bequemes Laisser-faire ist jedenfalls keine Lösung, aber auch nicht distanzlos und übergriffig. Nicht abwesend, nicht übermächtig oder erdrückend, keiner, der versucht, lediglich locker vom Hocker ein Freund zu sein und sein Vatertum zu vertuschen.

Das alles soll ich nicht sein, aber was, zum Teufel, statt dessen? Ich habe mich durchgewurstelt, je nach Situation. Ich habe versucht, die berühmte Regieanweisung von Rainer Werner Fassbinder umzusetzen. In seinem letzten Film hat er mit dem Weltstar Jeanne Moreau gedreht, und als sie wissen wollte, wie sie ihre Rolle anlegen soll, sagte er: „Just be great.“ Seien Sie einfach toll, der Rest wird sich finden.

Etwas Besseres ist für uns Väter im Moment nicht im Angebot.

"Zu meinem Sohn bin ich meist netter als er zu mir"

Erster Tag. Nach einer langen Reise kommen wir im Hotel an, schönes Haus, gutes Essen, aber eine unverschämte Kellnerin. Wir setzen uns an einen Vierertisch – das Lokal ist fast leer –, sie scheucht uns an einen Zweiertisch. Das mag ich nicht, zumindest hätte sie höflicher sein können. Mein Sohn sagt: „Jetzt hast du wieder den ganzen Abend schlechte Laune.“ Gut beobachtet. Könnte man aber auch netter sagen. Auffällig ist, dass ich zu meinem Sohn meistens netter bin als er zu mir.

Wie ist das, wenn ein Kind erwachsen wird? Auf der einen Seite gibt es diese Ablösungsrituale, Distanzierung, Kritik, das weiß man ja heutzutage alles. Der Vater wird entidealisiert. Das soll mein Sohn ruhig machen. Kein Problem.

Auf der anderen Seite ist aus dem Kind ein fast fertiger Mensch mit Gewohnheiten und Eigenschaften geworden, die man halt akzeptieren muss. Während des Aufwachsens ist einem das Kind immer wieder fremd, es verwandelt sich ständig in einen neuen Menschen, streift die alte Haut ab, eine Phase nach der anderen.

So, wie es jetzt ist, wird es wohl bleiben. Man muss sich mit diesem Menschen und seinen Eigenarten arrangieren wie mit einem Lebenspartner. Das ist die neue Aufgabe.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEO WISSEN zum Thema "Väter" nachlesen.

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