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Sabbatical: Auszeit vom Bürojob

Der 46-jährige Andreas Sedlmair reiste mit seiner Frau 28.000 Kilometer durch die USA
In diesem Artikel
4. Juni
11. Juli

Von einem, der auszog, die Freiheit zu kosten

Wie wäre das: monatelang durch die USA reisen, das Büro in Deutschland hinter sich lassen? Der 46-jährige Andreas Sedlmair hat sich diesen Traum vom Sabbatical erfüllt – und seine Frau, die texanische Sängerin Tish Hinojosa, auf ihrer Tournee begleitet. Tagebuch eines 28.000 Kilometer langen Roadmovies.

November 2011

Endlich habe ich sie: die Erlaubnis für mein Sabbatical. Seit Jahren spiele ich mit dem Gedanken, mir für einen längeren Zeitraum freizunehmen – und nach einigen Verhandlungen hat mein Chef nun einer viermona­tigen Auszeit zugestimmt. Nicht, dass ich mit meinem Beruf unzufrieden wäre, im Gegenteil, und ausgebrannt fühle ich mich mit 46 Jahren auch nicht. Mir geht es um einen Plan, den ich schon seit Langem hege: Ich möchte mit meiner Frau, einer texanischen Sängerin, eine ausgedehnte Konzertreise durch die USA unternehmen. Seit 2007 leben wir zusammen in Hamburg, doch in den letzten Jahren ist ihr Heimweh immer größer geworden.

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Andreas Sedlmair chauffiert seine Frau Tish Hinojosa durch die Weiten der amerikanischen Prärielandschaften

30. März 2012

Mein letzter Arbeitstag. Ich räume mein Büro auf und verabschiede mich von den Kollegen. Werde ich sie vermissen? Wie werden sie ohne mich auskommen, was wird sich bei meiner Rückkehr verändert haben? Gedanken, die mir für kurze Zeit durch den Kopf gehen – und dann von der Vorfreude auf die Auszeit verdrängt werden. Unsere Hamburger Wohnung habe ich untervermietet.

3. April

Meine Frau holt mich in Austin, Texas, vom Flughafen ab. Sie hat dort immer noch eine kleine Wohnung und war schon vor­gereist. Für 35 Konzerte in drei Monaten in so ziemlich allen Teilen der USA ist sie gebucht. Ihr Name, Tish Hinojosa, ist vor allem Kennern der Americana-Musik ein Begriff, einer Mischung aus Folk, Country und in ihrem Fall auch noch einem Schuss mexikanischer Musik. Weil sie als Solokünstlerin auftritt, müsste sich die Tournee schon rechnen, wenn wir im Schnitt 100 Zuschauer pro Konzert haben. Mein Job wird vor allem darin bestehen, CDs zu verkaufen.

25. April

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NeuIn Clayton, New Mexico, tritt Tish in einem alten Kinosaal auf. Das Hans-Albers-Lied "Das Herz von St. Pauli" singen Sedlmair und seine Frau am Abend gemeinsam - auf Deutsch

Bei dem Konzert in Columbus, Mississippi, trauen wir uns erstmals, gemeinsam einen deutschen Song aufzuführen: "Das Herz von St. Pauli", ein Lied, in dem Hans Albers einst die Hafenromantik unseres Hamburger Wohnviertels besungen hat. Ich bin nervös, bin schließlich kein Sänger, und ein besonderes musikalisches Talent hat mir noch keiner nachgesagt. Aber für den einen Song scheint es zu reichen: Das Publikum in Columbus ist begeistert, und so wird unser Duett zum festen Bestandteil der Auftritte.

2. Mai

Wir lassen es uns auf einer kleinen Insel an der Küste von North Carolina gut gehen, wo eine Freundin uns für einige Tage ihr Ferienhaus überlassen hat. Ich habe viel Zeit, über mein Leben, meine Zukunft nachzudenken. Meine Frau würde eines Tages gern ganz mit mir in die USA übersiedeln. Das kann ich mir nach den ersten Wochen unserer Tour allerdings noch genauso wenig vorstellen wie vorher, allein schon, weil ich dafür meine Arbeit in Hamburg aufgeben müsste.

11. Mai

Beim Konzert in Ashland, Virginia, finden sich nur etwa 40 Besucher ein. Am Abend zuvor war der Zuspruch auch nicht überragend, und so ist die Stimmung nicht die beste. Obwohl wir vermeiden, über die Situa­tion zu reden, wissen wir beide, dass den anderen die gleiche Sorge plagt: Können wir uns diese Reise und meine Auszeit überhaupt leisten, wenn es so weitergeht? Schließlich ist ein Sabbatical nichts anderes als unbe­zahlter Urlaub. Am Abend ist dann alles wieder gut: Das Konzert in Lemont, Pennsylvania, ist ausverkauft, das Publikum jubelt begeistert und kauft jede Menge CDs.

25. Mai

Familienfeier in Hillsborough, New Jersey. Meine Frau hat zwölf Geschwister und 37 Nichten und Neffen – kein Wunder, dass wir unterwegs immer mal wieder auf Familienmitglieder stoßen. Ich komme aus einer sehr überschaubaren Familie und genieße es, in die Geschichte eines großen Clans einzutauchen. Aber ich beneide Tish nicht. Ihren Erzählungen zufolge hatten mein Bruder und ich im Vergleich zu ihr die deutlich weniger komplizierte Kindheit.

4. Juni

Einer meiner Kollegen informiert mich per E-Mail über eine personelle Veränderung in der Redaktion. Sonst läuft die Arbeit dort ohne mich erschreckend problemlos. Manchmal frage ich mich, ob der gelegentliche Kontakt mit den Kollegen nicht den Wert des Sabbaticals schmälert. Letztlich siegt aber doch stets meine Neugier.

9. Juni

Halbzeit – seit 50 Tagen sind wir nun unterwegs. Bislang gefällt mir das Leben on the road, ich kann nicht genug bekommen von den immer neuen Eindrücken. Meine Neugier auf unbekannte Orte und Menschen scheint grenzenlos. Ich frage mich, wie lange dieses Gefühl anhalten wird. Mein Leben in Hamburg vermisse ich jedenfalls nicht.

10. Juni

Das Konzert in New York City ist ein Fehlschlag: Nur eine Handvoll Zuschauer hat sich in die kleine Bar auf der Lower East Side verirrt. Die Gage will so gar nicht zum Preis unseres Hotelzimmers passen. Aber egal: Wir wissen, dass wir am Morgen den Nordosten verlassen, und sind gut gelaunt.

22. Juni

In St. Croix Falls, einem kleinen Ort im Westen Wisconsins, verkaufen wir mehr CDs als bei jedem anderen Konzert. Wie so oft wollen viele Fans ein paar Worte mit uns wechseln. Immer wieder höre ich zwei Fragen: Wie wir uns kennengelernt haben (in einer Situation wie dieser – als Tish mir 2004 bei einem Konzert in Hamburg eine CD signierte). Und: In welcher deutschen Stadt wir leben. Mich stören die sich ständig wiederholenden Gespräche nicht. Ich freue mich über jeden Fan, der durch sein Kommen unsere Reise möglich macht.

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Rund 100 Zuschauer pro Konzert und einige verkaufte CDs - das, so hat zuvor die Kalkulation ergeben, sollte genügen, um die Reise zu finanzieren

26. Juni

Wir fahren durch endlose Maisfelder nach South Dakota, wo eine von Tishs Schwestern mit ihrem Mann auf einer Farm lebt. Hier habe ich meine erste Begegnung mit einem erzkonservativen Republikaner: Der Mann versteht es gleich in den ersten Stunden, mich mit seinen Aussagen zu Präsident Obama ("Das Schlimmste, was Amerika je zugestoßen ist!"), dessen Krankenversicherungsprojekt ("Wer sich keine Versicherung leisten kann, muss halt sterben.") und Außenpolitik ("Syrien – eine Atombombe drauf, und fertig!") zu verstören. Es gelingt uns dennoch, ruhige Tage auf der Farm zu genießen.

30. Juni

Da hat wohl jemand etwas falsch verstanden: Eine Lokalzeitung in Dell Rapids, South Dakota, kündigt Tish als "German Singer" an. Der örtliche Veranstalter bietet – wohl wegen unseres exotisch erscheinenden Wohnorts Hamburg – ein deutsches Abendessen an. Und so kredenzt Chefkoch Horst aus Eisleben uns und einer erstaunlich großen Zahl an Konzertgästen Rinderrouladen und Schwarzwälder Kirschtorte. Nationalstolz ist mir fremd, aber seltsamerweise macht es mir diesmal trotzdem Spaß, als Inkarna­tion des Deutschen gesehen zu werden. Am nächsten Tag, am Mount Rushmore, wo die Köpfe von vier US-Präsidenten in den Felsen gemeißelt wurden, sind wir ausschließlich als Touristen unterwegs, wie zuvor schon in New Orleans und an den Niagarafällen.

2. Juli

Hinter South Dakota fängt der Westen an. Wyoming, das wir auf dem Weg zum Yellowstone National Park durchqueren, wird zu meinem neuen Lieblingsstaat. Die endlose Weite der menschenleeren Prärie, im Westen gefolgt von dramatischen Gebirgsstraßen, die uns auf fast 4000 Meter Höhe führen, lösen in mir ein bislang ungekanntes Hochgefühl aus.

8. Juli

Clayton, New Mexico. Das Doppelkonzert in einem alten Kinosaal mit einer weiteren Sängerin aus Texas wird ein voller Erfolg. Und am nächsten Tag dreht Tish mit örtlichen Filmemachern einen Videoclip für einen Song ihrer neuen CD. Ich bin begeistert von der wilden Natur. Der Wunsch, mehr Zeit an einem Ort verbringen zu können, nicht gleich weiterzumüssen – nie ist er stärker als hier.

11. Juli

Die gut 1300 Kilometer zwischen Salt Lake City und Seattle im äußersten Nordwesten der USA legen wir in einem Stück zurück. Uns beiden macht das Fahren Spaß, und langweilig wird uns nie. Jetzt, wo das Ende der Reise langsam näher rückt, macht uns der Gedanke an all die Dinge traurig, die wir bald nicht mehr im Auto so intensiv genießen können: Musik hören, uns gegenseitig vorlesen, Deutsch üben, Tagebuch führen, Postkarten schreiben oder einfach aus dem Fenster gucken. Von mir aus könnte diese Reise ewig weitergehen.

16. Juli

In San Francisco hole ich meinen Vater vom Flughafen ab, der uns für die letzten zwei Wochen der Tour begleiten wird. Die Reise haben wir ihm zu seinem 80. Geburtstag geschenkt, den wir tags darauf mit einem Restaurantbesuch feiern. Er wird sich als angenehmer und beneidenswert rüstiger Reisegefährte erweisen: Weder die endlosen Fahrten durch die Gebirge und Prärien noch die Hitze von 47 Grad Celsius im Death Valley machen ihm etwas aus. Wir hatten immer ein sehr unkompliziertes Verhältnis, aber ich bin trotzdem erleichtert, dass es derart gut funktioniert. So fit wie mein Vater möchte ich mit 80 Jahren auch sein; Freunde von mir müssen ihre Eltern in dem Alter pflegen.

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Die Natur in den Wüstenstaaten hat Sedlmair begeistert, auch wenn er dort nicht für immer leben möchte. Aber jedes Jahr ein kleines Sabbatical - das würde er sich fortan wünschen

18. Juli

Ein Traum wird wahr: Ich jogge über die Golden Gate Bridge und genieße schnaufend den Blick über die San Francisco Bay. Ich habe es tatsächlich geschafft, an jedem zweiten Tag mindestens eine Stunde zu laufen, sei es in New York City (über die Brooklyn Bridge) oder in der Prärie von New Mexico. In Hamburg bin ich meistens froh, wenn ich die Zeit für einen Lauf in der Woche finde. Meine Form wird zunehmend besser, nur der Bauch will nicht schwinden.

24. Juli

Das letzte Konzert der Tour, in Prescott, Arizona, läuft sehr gut. Mein Vater genießt inzwischen einen Mini-Prominentenstatus. Immer wieder schütteln ihm Tish-Fans die Hand, versuchen, ein paar Brocken Deutsch loszuwerden. Zum letzten Mal singe ich mit meiner Frau unser gemeinsames Hans-Albers-Lied und stelle mich darauf ein, bald an Rampenlicht-Entzugserscheinungen zu leiden.

26. Juli

Am Nachmittag erreichen wir Austin. Es fühlt sich nicht nur für Tish, sondern auch für mich ein wenig wie Nachhausekommen an. Durch 39 Staaten sind wir gefahren, und statt der geschätzten 20.000 Kilometer sind es 28.000 geworden. Ein faszinierendes Land, von dem ich so bald wie möglich noch mehr sehen möchte – aber hier dauerhaft leben möchte ich immer noch nicht.

30. Juli

Allein zurück in Hamburg, Tish hat noch ein paar Konzerte in Texas zu absolvieren. Unsere Wohnung, die wir untervermietet hatten, ist in einem perfekten Zustand, und doch ist sie mir ein wenig fremd geworden. Nach vier Monaten, in denen Tish und ich fast rund um die Uhr zusammen waren, schlägt mir auch die plötzliche Trennung heftig aufs Gemüt. Gut, dass ich an diesem Abend zu einer kleinen Feier unter Kollegen dazustoßen kann – aber am nächsten Tag wache ich mit einer grässlichen Mischung aus Jetlag und Kater auf.

1. August

Die Arbeit hat mich wieder. Meine erste Handlung: ein Anruf bei der IT-Abteilung, weil ich das Passwort für den Computer vergessen habe. Ist das ein schlechtes Zeichen, weil ich vergesslich werde – oder ein gutes, weil ich offenbar perfekt abschalten konnte?

2. August

Am zweiten Arbeitstag ist alles wieder so, als wäre ich nie weggewesen. Was in meinem Fall nichts Schlechtes ist, schließlich liebe ich meinen Job. Aber ein bisschen enttäuscht bin ich doch, dass meine unbestimmte Hoffnung auf eine irgendwie neue Einstellung zur Arbeit, vielleicht gar ein neues Lebensgefühl, sich nicht erfüllt hat. Dennoch war das Sabbatical eine wunderbare Erfahrung. Es hat mein Leben zwar nicht grundlegend verändert, doch will mir ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf gehen: Vielleicht sollte ich jedes Jahr ein Mini-Sabbatical machen.

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