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GEO WISSEN Nr. 57 "Angst + innere Stärke"

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Behandlungsmethoden: Was die Seele stark macht

Psychotherapien, Entspannung, Bewegung, Medikamente: Es gibt viele wirksame Strategien für Angstpatienten. Seit Kurzem testen Wissenschaftler sogar Computerspiele und andere rechnergestützte Verfahren

Wie sich quälende, immer wiederkehrende Ängste am besten mindern lassen, beschäftigt Fachleute seit vielen Jahrzehnten. Daher gibt es inzwischen eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze. Doch nicht alle sind wissenschaftlich gleichermaßen ausführlich erforscht, nicht alle haben sich als ähnlich wirksam erwiesen. Zudem ist der Umgang mit übermäßiger Angst im Wandel: Während unter Therapeuten früher Konkurrenzdenken herrschte, kombinieren heute manche von ihnen bestimmte Behandlungen. Die menschliche Psyche ist derart vielfältig, sagen Experten, dass auch Therapieverfahren variabel sein müssen.

Seit 2006 können sich in Deutschland Mediziner, Thera­peuten und Betroffene an der „Leitlinie Angststörungen“ orientieren. Auf 275 Seiten haben Experten von 20 Fachorganisationen den Stand der wissenschaftlichen Forschung zusammengetragen. Bei übermäßiger Angst empfehlen sie unter anderem die Verhaltenstherapie sowie bestimmte psychodynamische Verfahren, die das bedrängende Gefühl schwächen können, etwa eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Ergänzend vermögen auch Entspannung und Bewegung zu helfen.

Seit Kurzem werden zudem computergestützte Verfahren erprobt, doch allein auf „Online-Methoden“ sollte niemand vertrauen. Als Alternative zur Psychotherapie empfehlen Experten heute auch bestimmte Medikamente.

Psychodynamische Verfahren

Unter diesem Begriff werden mehrere Denkschulen der Psychotherapie zusammengefasst, die aus der Psychoanalyse hervorgegangen sind. Dazu zählen unter anderem die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie oder die analytische Psychotherapie. Gemeinsam ist diesen Ansätzen unter anderem das Grundverständnis von Angst.

Demnach ist das Gefühl nur das Symptom eines tief verwurzelten, dem Betroffenen häufig nicht bewussten Problems: eines inneren Konflikts, der oft aus Kindertagen herrührt. So kann hinter Panikattacken die Angst vor Verlust stehen – und eine Generalisierte Angststörung Ausdruck einer fehlenden Zuwendung seitens der Eltern sein.

In der Therapie gilt es deshalb, das Wechselspiel (die Dynamik) zu erkennen zwischen den Symptomen des Patienten, den ihm nicht bewussten Erfahrungen und Gefühlen sowie der individuellen Biografie. Vornehmlich in Gesprächen versuchen Therapeut und Patient die Zusammenhänge zu durchdringen. Dabei können Erlebnisse und Erinnerungen im Mittelpunkt stehen, aber auch Verhaltensweisen, Träume oder konkret beängstigende Situationen.

Psychodynamische Verfahren kommen infrage, wenn sich eine Verhaltenstherapie als unwirksam erwiesen hat oder der Patient diese Therapieform für sich ausschließt. Bei Störungen, die auf eine Belastung oder ein Trauma zurückgehen, halten viele Experten sie für ebenso wirksam wie die Verhaltenstherapie. Beide Verfahren können ganz gezielt an eine Traumabearbeitung angepasst werden.

Seit einigen Jahren sind psychodynamische Verfahren starkem Wandel unterworfen. Vielfach suchen Therapeuten nach Wegen, Methoden aus verschiedenen Ansätzen zu kombinieren. So richten auch Psychoanalytiker oft – wie in der Verhaltenstherapie – zunächst einmal die Aufmerk­samkeit darauf, die Dynamik der jeweiligen Angststörung zu unterbrechen und die Symptome zu lindern. Sie konfrontieren die Patienten etwa mit den Auslösern der Angst, um eine Gewöhnung herbeizuführen. Doch dann forschen sie im Gespräch nach Erfahrungen in der Vergangenheit, die der Patient womöglich verdrängt hat.

Früher dauerten psychodynamische Therapien prinzi­piell mehrere Jahre. Heute gibt es auch Kurzzeitthera­pien, die etwa 25 bis 30 Sitzungen umfassen und ausdrücklich für die Bewältigung von Ängsten erarbeitet worden sind.

Entspannung

Das Gegenteil von Anspannung ist Entspannung. So wie der Körper typische Anzeichen der Unruhe aufweist, so zeigt er auch charakteristische Merkmale der Beruhigung: Die Muskulatur lockert sich, der Herzschlag verlangsamt sich, der Blutdruck sinkt. Experten empfehlen daher, bei Angstzuständen gezielt Entspannung herbei­zuführen und dafür erprobte Verfahren in eine Therapie einzubinden. Denn mit ihrer Hilfe können Verängstigte lernen, sich nicht mehr durch ihre Körperempfindungen überwältigen zu lassen, Kontrolle zu gewinnen – und sich der Angst nicht ausgeliefert zu fühlen.

Vor allem drei Formen von Übungen haben sich als wirksam erwiesen. Wer sie regelmäßig trainiert, kann

auch in schwierigen Situationen gezielt Erregung vermindern oder vermeiden, dass sie sich nicht mehr abschütteln lässt:

•  Progressive Muskelrelaxation. Dabei werden einzelne Muskelpartien von Kopf bis Fuß nacheinander (progressiv) für einige Sekunden angespannt und dann bewusst für einige Zeit wieder entspannt. Studien zeigen: Wer darin geübt ist, steigert langfristig sein Wohlbefinden, ist weniger schmerzempfindlich und reagiert in belastenden Situationen gelassener. Allerdings sinkt die alltägliche Anspannung nur bei regelmäßiger Übung, angeraten sind zwei Durchgänge täglich. Eine Variante der aktiven Muskelentspannung, die Angewandte Entspannung (auch „Applied Relaxation“), könnte Untersuchungen zufolge bei Genera­lisierten Angststörungen womöglich nahezu so wirksam wie eine Psychotherapie sein. Patienten sollen dabei durch regelmäßiges Üben lernen, das Gefühl der Muskelanspannung und -entspannung allein durch bestimmte Stichworte wecken zu können.

•   Autogenes Training. Der Übende wiederholt im Geist bestimmte formelhafte Instruktionen, die sich auf eine beruhigende Empfindung beziehen, etwa „Mein Arm ist ganz schwer“. Durch die Wiederholung solcher Sätze lässt sich die beabsichtigte Empfindung tatsächlich hervorrufen. Ziel ist es, die Selbstsuggestionen auch im Alltag, vor allem in beängstigenden Situationen, einsetzen zu können. Dafür bedarf es jedoch eines regelmäßigen Trainings.

•  Hatha-Yoga, Tai-Chi und Qigong. Diese Techniken kombinieren körperliche Aktivität mit geistiger Versenkung, mal in völliger Ruhe, mal in dynamischer Bewegung. Der Erfahrene vermag sensibler seine Gedanken, Gefühle und körperlichen Regungen wahrzunehmen, er gewinnt Achtsamkeit. Diese Fähigkeit hilft dabei, schon frühe Anzeichen einer Erregung zu erkennen und nicht achtlos zu übergehen. Auch das standardisierte Verfahren der „Mindfulness-based Stress Reduction“ (achtsamkeitsbasierte Stressreduktion), eine Kombination von Elementen traditioneller Meditationstechniken ohne religiösen Bezug, fördert die Achtsamkeit.

In der aktuellen Leitlinie zur Behandlung von Angst­störungen weisen Experten aber darauf hin, dass Entspannungsverfahren allein nicht genügen, um ein krankhaftes Leiden zu überwinden. Zudem ist es möglich, dass sich gerade im Zustand der Ruhe das Gefühl der Angst verstärkt.

Bewegung

Vor der Angst kann niemand weglaufen. Doch körperliche Aktivität vermag Beklemmungen zumindest zu mildern. Ausdauersportarten wie etwa Laufen, Radfahren, Schwimmen oder Walken, so zeigen Studien, reduzieren die Symptome von Angstpatienten, mitunter sogar lang­fristig. Experten empfehlen daher, Angstgefühle – nicht nur, aber auch – mittels Bewegung zu bekämpfen.

Der Botenstoff Adrenalin etwa, der bei Angst in großen Mengen durch den Organismus strömt, wird in ­Bewegung rascher abgebaut als im Zustand der Ruhe. Gleichzeitig, darauf deuten Studien hin, schüttet der Körper in Bewegung eine Art natürlicher Angstmedizin aus: ein Gemisch von Botenstoffen, das die übermäßige Erregung abschwächt.

Den Körper in Schwung zu bringen, in Gruppen anderen Menschen zu begegnen oder individuelle Grenzen auszutesten: All das stärkt zudem die Überzeugung, selbst etwas bewirken zu können, Herr des eigenen Körpers und des eigenen Lebens zu sein. Eine Empfindung, die gerade Angstpatienten häufig verloren gegangen ist.

Körperpsychotherapien beziehen die Aktivität ganz gezielt mit in die Behandlung ein. In der Bewegung gilt es, das Wechselspiel zwischen körperlichen und psychischen Empfindungen zu beobachten, zu akzeptieren – und so die Angst zu überwinden.

Bei der Konzentrativen Bewegungstherapie etwa lernen Patienten, ihre Haltung und Bewegung bewusst wahrzunehmen – und dabei entstehende Emotionen zu reflektieren. In der Funktionellen Entspannung üben Patienten, sich im Rhythmus des Aus- und Einatmens zu entspannen. Daneben führen sie auch kleinste Bewegungen aus, richten etwa ihr Becken aus oder beschreiben Kreise mit den Schultergelenken und beobachten, bei welchen Regungen sich Wohlgefühl einstellt. Diese Verfahren arbeiten mit einem psychodynamischen Verständnis von Angst; sie gehen davon aus, dass Körperhaltung und Bewegung einen besseren Zugang zu psychischen Vorgängen bieten als das Gespräch allein.

Computergestützte Verfahren

Nicht alle Menschen, die von Ängsten gepeinigt werden, finden rasch genug Hilfe; häufig müssen sie lange auf einen Termin bei einem Therapeuten warten. Daher suchen Wissenschaftler, Therapeuten und Krankenkassen zunehmend nach Wegen, wie auch technische Hilfsmittel dabei helfen können, Ängste zu lindern.

Betroffene können in Computerspielen den Auslösern ihrer Furcht entgegentreten, mithilfe von Apps die Ver­änderungen ihrer Gefühle im Alltag aufzeichnen oder über das Internet täglich Hilfe von Spezialisten via E-Mail, Chat oder Video erhalten. Die meisten Ange­bote basieren auf den Prinzipien der Verhaltenstherapie.

Manche dieser „geleiteten Selbsthilfeprogramme“, in denen Ratsuchende zumindest virtuell Zugang zu einem profes­sionellen Therapeuten bekommen, haben sich in diversen Studien als ähnlich wirksam erwiesen wie eine Therapie in einer Praxis. Bislang werden diese Verfahren in Deutschland aber zumeist nur in Modell­versuchen eingesetzt.

So entwickelten Wissenschaftler der Leuphana-Universität in Lüneburg zum Beispiel ein Trainingsprogramm, das gegen Panikattacken und Agoraphobie helfen soll. Über Computer und Smartphone erhält der ­Klient in sechs Trainingseinheiten Aufgaben, die ihn schrittweise mit seiner Angst konfrontieren. Eine der Übungen lautet zum Beispiel: „An einem ruhigen Morgen in den Supermarkt gehen“. Der Patient dokumentiert, wie viel Angst er dabei verspürt und welche Fortschritte er macht. Per Mail steht er in Kontakt zu einem begleitenden Trainer.

In Deutschland erlaubt die Berufsordnung der ­Psychotherapeuten eine ausschließliche computergestützte Therapie bislang nicht. Doch virtuelle Verfahren können helfen, die Wartezeit bis zum Beginn einer traditionellen Therapie zu überbrücken und bei weniger gewichtigen Problemen den Psychotherapeuten zumindest zeitweilig zu ersetzen.

Medikamente

Erst seit einigen Jahren gelten auch Pharmazeutika als Mittel gegen Angststörungen. Lange Zeit waren sie eher anderen psychischen Leiden wie Depression oder Schizo­phrenie vorbehalten. Doch heute raten Mediziner und Psychologen bei schwerwiegenden Problemen mit Ängsten auch zu Arzneimitteln. Mitunter halten sie dabei auch die Kombination mit einer Psychotherapie für sinnvoll. Eine Ausnahme: Bei Spezifischen Phobien gilt die Verhaltens­therapie als einzig hilfreiches Mittel.

Je nach Art und Schweregrad des Leidens verschreiben Psychiater, Nervenärzte oder Allgemeinmediziner ­verschiedene Wirkstoffe. Zum Einsatz kommen vor allem drei Klassen von Präparaten:

•  Beruhigungsmittel. Diese Arzneien, etwa Benzodiazepine, vermögen Symptome akuter Angst zu lindern. Ihr Nachteil: Nebenwirkungen wie Schwindel und Konzentrationsschwierigkeiten sind häufig, zudem ist die Gefahr groß, eine Abhängigkeit zu entwickeln. Die Mittel werden daher nur in Notfallsituationen, etwa bei einem Panikanfall eingesetzt, aber nicht zur dauerhaften Behandlung.

•  Antidepressiva. Für eine längere Therapie haben sich Präparate bewährt, die vornehmlich für die Behandlung von Depression entwickelt wurden. Dazu gehören Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) oder Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI). Sie haben schwächere sowie seltener unliebsame Nebeneffekte als Beruhigungsmittel, entfalten aber oft erst nach Wochen ihre erwünschte Wirkung.

•  Phytopräparate. Vielen Pflanzen wird eine Heilkraft gegen Ängste nachgesagt, in Apotheken und Drogerien sind vielfältige Präparate, Tabletten, Tinkturen und Tees frei käuf­­lich. Insbesondere Lavendel, aber auch Baldrian oder Hopfen gelten als beruhigend und hilfreich gegen übermäßige Furcht. Wissenschaftliche Belege dafür sind jedoch rar.

Angststörungen können heutzutage gut behandelt werden. Doch ob für den Betroffenen nun eher psychotherapeutische Verfahren, Medikamente oder auch eine Kombination aus beidem infrage kommen, hängt von der Art der Störung sowie der individuellen Krankheitsgeschichte ab – und natürlich vor allem von den Wünschen des Patienten.

Text von Jana Hauschild und Martin Schlak