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Praxistest beim Pick-Up- Artist Wie ich lernte, unwiderstehlich zu wirken

Auch gewöhnliche Männer können lernen, auf Frauen unwiderstehlich zu wirken: Das jedenfalls versprechen Anbieter von sogenannten »Pickup-Kursen«. Harald Martenstein hat ein Intensivseminar gebucht – und seinen Charme in der Fußgängerzone erprobt
Wie ich lernte, unwiderstehlich zu wirken

Flirtschüler im Praxistest: Die Teilnehmer des Kurses sollen zehn fremde Frauen auf der Straße ansprechen. Und mindestens einer die Telefonnummer entlocken

14 Uhr. Massen von Leuten sind unterwegs, alle haben es eilig, die meisten sind vermutlich gestresst. Noch dazu hat es an diesem Vormittag eine Großdemonstration gegen das TTIP-Abkommen gegeben, Grüppchen von Demonstranten schlendern mit ihren Fahnen und Plakaten durch die Fußgängerzone.

Unsere Aufgabe: zehn Frauen anzusprechen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und am Ende ihre Telefonnummer zu erhalten. Das Anbaggern tagsüber auf der Straße heißt „Day  Game“, die Telefonnummer ist ein „Abschluss“. Ein Abschluss führt angeblich in 75 Prozent der Fälle zu einem späteren Date, falls die Frau nicht gemogelt hat und ihre Nummer wirklich stimmt. In etwa einem Drittel der Fälle führt ein Abschluss zu Sex, hat Drago uns gesagt. Wenn du das Spiel beherrschst. Das seien Erfahrungswerte. Am Morgen haben wir uns in einer Privatwohnung in der Frankfurter Fressgass getroffen. Wir sind drei Männer, allesamt Brillenträger. Wir haben bei der Firma „Progressive Seduction“ den Kurs „Premium Escalation Training“ gebucht, der uns zu unwiderstehlichen Verführern machen soll, zu „Pickup-Artists“, wie es in der Sprache von Progressive Seduction heißt. Andere Kurse heißen „Nighthunter Extreme“ oder „One Night Stands – mit Highspeed zur schnellen Nummer“.„Premium Escalation Training“ dauert zwei Tage und kostet 499 Euro. Mit Liebe hat das nichts zu tun. Oder doch? Man erzählt nicht viel über sich und kennt nur die Vornamen. Thomas*, 27, studiert noch und ist ein hübscher Junge, dunkler Typ, er wirkt schüchtern und sieht ein wenig wie ein Nerd aus. Er hat eine Freundin, sagt er, aber das reicht ihm nicht. Es ist sein dritter Kurs. Andreas*, 40, rothaarig und bullig, kein Beau, hat schon in Pornos mitgespielt. Er sagt, dass nach dem ersten Kurs sein Sexleben noch abwechslungsreicher geworden sei.

Wie ich lernte, unwiderstehlich zu wirken

Bei der Verführungsprozedur, lehrt der Trainer, kommt es auf das Timing an. Und auf die innere Haltung: Wer unsicher wirkt, hat schon verloren

Ich bin der Senior. Ich erzähle, dass ich nach meiner Scheidung und vor dem Greisenalter noch möglichst viel erleben wolle, sexuell. Das stimmt nicht ganz, aber irgendwas muss man ja sagen. Drago*, unser Trainer, sieht meiner Ansicht nach recht gut aus. Allerdings trägt er das Hemd weiter aufgeknöpft, als es ein Stilberater empfehlen würde. Er lächelt ausdauernd, wenn auch etwas künstlich, und wackelt gern mit den Hüften. „Ich wirke ein bisschen schwul“, sagt er über sich, aber das täusche. Drago lebt vegan und pflegt seit elf Jahren den Pickup-Lifestyle. Konkret heißt das, zwei neue Frauen pro Woche, ein paar alte Sachen hält er parallel am Laufen. Der Pickup-Lifestyle steht jedem offen, sagt Drago. Es sei allerdings schwierig, wenn man mehr als fünf Stunden täglich arbeite. Dann fehlt die Power. „Wir sind Männer“, sagt Drago, „wir wollen Sex.“ Bei der Wahl der Zielobjekte gelte es, ein Tabu zu beachten, ein einziges. „Ficken in der Firma bringt Ärger.“ Man merkt, dass er aus Erfahrung spricht. Erst mal gibt es eine individuelle Beratung. Drago rät mir, mein Äußeres zu modernisieren. Ich sei ein Typ, der beim Verführen am besten mit Humor arbeite. Wenn du alt oder keine Schönheit bist, sagt er, dann spiel das Fun-Game. Schau dir britische Comedians an, die musst du kopieren. Bloß nicht so sein wie Mario Barth, der ist zu plump. Ich sage, dass ich mich nicht für junge Frauen interessiere, 40 sollten sie schon sein. „Das ist einfach“, sagt er, „je älter sie sind, desto leichter wird’s. 19-Jährige können echt Arbeit machen.“

Wissenschaft des Flirtens

Pickup-Artists gehen gleichsam wissenschaftlich an einen Flirt heran, sie haben ihre eigene Terminologie. Das Reden mit der Frau heißt „Comfort Game“, da kommt es darauf an, dass sie sich wohlfühlt. Irgendwann beginnt die „Eskalation“, man fasst sie, scheinbar harmlos, an die Hand, die Hüfte. Die nächsten Schritte heißen dann „Volleskalation“ und „Lay“. Ein „Same Day Lay“, also Sex noch am Tag des Kennenlernens, ist ein Volltreffer und gut fürs Renommee in der Szene. Während der Verführungsprozedur kommt es erstens aufs Timing an und zweitens auf die innere Haltung. „Ihr dürft nicht sabbernd oder geil wirken“, erklärt Drago. „Ihr müsst an euch glauben. Positive Alphaness, Dominanz, das mögen die meisten. Zwingt euch, am Anfang, zu denken: Sie ist interessant, ich will sie nur kennenlernen. Später, bei der Eskalation, denkt ihr: Ich will dich, aber ich brauche dich nicht.“

Wie ich lernte, unwiderstehlich zu wirken

Der klassische Verführer ist nicht einfach auf schnellen Sex aus – den gibt es im Bordell. Es geht um die Jagd, wie bei Casanova und Don Juan

Anfänger sollten ihr Glück nicht bei Frauen versuchen, die sie umwerfend finden, man ist dann zu nervös. „Nehmt keine 10, nehmt eine 7 oder 8“, rät Drago. Eine „10“ ist die Traumfrau. Wer die Nerven verliert und zu schnell eskaliert, hat ausgespielt. Wer vor einer sorgfältigen Eskalation einen Zungenkuss probiert, also auf Volleskalation setzt, geht meist leer aus.
Die Frauen sind widersprüchlich, klar. Einerseits möchten sie glauben, dass sie die Verführerinnen sind, nicht etwa der Mann, sie wollen keine Beute sein. Andererseits mögen sie es, sagt Drago, wenn sie die Verantwortung für den Sex an den Mann delegieren – er war das, nicht ich. Ich soll auf die Körpersignale achten, die Pupillen, die Adern am Hals. Irgendwann siehst du, sagt Drago, dass ihr Körper bereit ist für Sex, sie selbst weiß es nur noch nicht. Drago schaut sich täglich eine Rede von Donald Trump an. Der Typ ist der Hammer. Alt, hässlich, aber was für eine Alphaness!

Die Pickup-Szene ist groß. Die „Tageszeitung“ behauptet, dass 50 000 Männer in Deutschland auf diesem Trip sind, auch ein paar Frauen, aber wenige. Es gibt etliche Anbieter solcher Seminare. Im Grunde sind es wirklich Jagdkurse. Es kommt nicht auf schnellen Sex an, den gibt es im Bordell, es ist Jagd. Und natürlich sieht sich Drago als ein Nachfahre von Casanova und Don Juan, auch von Valmont aus den „Gefährlichen Liebschaften“, einem Pickup-Roman von 1782, verfilmt mit John Malkovich als Verführer und Michelle Pfeiffer als Opfer. Das meiste, was Drago erzählt, klingt nicht besonders originell. Die praktischen Übungen sind vermutlich der wichtigere Teil der Veranstaltung. Wir üben, in Paaren, wie man eine neue Bekanntschaft zum ersten Mal anfasst, ohne dass sie es als unangenehm oder übergriffig empfindet. Wichtig ist, ihr dabei in die Augen zu schauen und sie, so unser Trainer, „kognitiv zu beschäftigen“, indem man etwas erzählt, dann spürt sie die Hand kaum, es kommt ihr ganz natürlich vor.

Wie ansprechen? Wie anfassen?

Beim Ansprechen ist es angeblich ziemlich egal, was man sagt, sogar „Hallo, wie geht’s?“ sei möglich. Später braucht man lustige, interessante Geschichten, mindestens fünf davon sollte man auswendig parat haben. Drago erzählt oft vom Bügeln, er bügele gern, das kommt gut an. Wir üben, zu einem beliebigen Stichwort, einfach loszureden, ohne dass dabei völliger Schwachsinn aus uns herausströmt. Beim Anfassen gibt es 15 klassische Griffe, die „Moves“ heißen und deren Namen ein bisschen an Wrestling erinnern, etwa den „Big Hug“, den „Pusher“ oder „die Klaue“. Diese Berührungen sollen noch unverbindlich wirken, aber trotzdem erotische Spannung aufbauen. Andere Fachbegriffe heißen „Frame“ und „Pullvorgang“. Beides ist anzustreben.

Ein Frame ist eine sorgsam aufgebaute Atmosphäre, die ein wenig intim ist, aber keine Fluchtreflexe bei der Frau auslöst: Man steht zu zweit an der Bar, man raucht zusammen draußen, so was. Wichtig ist, man kann es nicht oft genug sagen, dass die Frau keine Angst bekommt. Sie muss diesen Typen angenehm finden, und sie muss das Gefühl haben, bedingungslos akzeptiert zu werden, egal, was passiert, auch wenn sie jetzt sofort mit ihm ins Bett geht.
Drago erzählt beim Pullvorgang gern, dass er Sex einfach nur für cool hält und dass er den lockeren Umgang vieler Schwuler mit dem Sex toll findet. Mit Pullvorgang ist gemeint, dass man das sexuelle Begehren der Frau weckt, etwa indem man oft den Ort wechselt. Dies scheint erotisierend zu wirken, es versetzt die Frau angeblich in eine Art Trance, im günstigsten Fall.

Jagdrevier Club

Als Schauplatz muss man sich einen Club vorstellen, das beliebteste Jagdrevier, wo das Tanzen ja auch manches erleichtert. Drago hat oft Sex auf den Toiletten von Clubs, erzählt er, manche Frauen törne das sogar an. Er kennt die meisten Türsteher und gibt einem bei entsprechender Gelegenheit 20 Euro, dann sperrt der die Toilette wegen angeblicher  Reinigungsarbeiten für zehn Minuten ab. Ich frage: „Was ist, wenn die Frau meine Hand wegschiebt?“ Drago sagt: „Dann entschuldige ich mich und schalte einen Gang herunter. Meistens wird es dann nichts.“ Ich sage, dass es meiner Erfahrung nach viele Frauen mögen, wenn Männer ihnen zuhören, statt dauernd zu quasseln. „Klar“, sagt Drago „wenn sie anfangen, von sich zu erzählen, hast du sowieso schon gewonnen. Da musst du hinkommen.“ Erst auf der Zeil kapiere ich, worum es geht. Es ist sehr anstrengend, Frauen anzusprechen. Jedes Mal musst du deine Scham überwinden, die Angst vor Zurückweisung. Ich setze mich neben eine Frau auf eine Bank, frage „Stört es Sie, wenn ich rauche?“ und mache dann Small Talk,  furchtbar, diese Samstage, Einkaufen, muss das sein, immer lächelnd, immer zugewandt.

 

Wie ich lernte, unwiderstehlich zu wirken

Der Mann als rastloser Trophäenjäger: Ziel der "Pickup-Artists" ist nicht die Liebe einer Frau, sondern eine möglichst große Zahl von Eroberungen

Hartnäckigkeit, Motivation und Frustrationstoleranz

Die Gespräche verlaufen durchweg angenehm, aber sobald es in Richtung Telefonnummer geht oder einer gemeinsamen Tasse Kaffee, vereisen die einen, und die anderen reagieren freundlich ablehnend, fühlen sich aber sichtbar geschmeichelt. Ich bekomme keine einzige Nummer. Aber es wird einfacher für mich, ich werde lockerer. Es ist Übungssache, genau wie bei einem Vertreter, der an fremden Türen klingelt. Und irgendwann würde es natürlich klappen, Hauptsache, man probiert es oft genug. Das ist das Geheimnis: Hartnäckigkeit, Motivation, Frustrationstoleranz. Jeder kann das. Wenn du schön bist, liegt die Erfolgsquote höher, wenn du weniger attraktiv bist, liegt sie niedriger, aber wenn dir Niederlagen nichts ausmachen, gewinnst du irgendwann. Die einen brauchen drei Versuche, die anderen 20, das ist alles. Es ist wie so oft: Wer den Erfolg unbedingt will und nicht lockerlässt, der hat ihn meistens irgendwann.

Drago filmt unsere Anstrengungen. Nebenbei beteiligt er sich auch an dem Spiel, er spricht eine leicht zerstrubbelte Mittzwanzigerin im Poncho an, wahrscheinlich eine Anti-TTIP-Demonstrantin. Sie reden zehn Minuten, die Frau wirkt interessiert, sagt aber am Ende, dass sie einen Freund habe. Es stand auf der Kippe. Später ist er bei einer Tätowiererin  erfolgreicher, er checkt sofort ihre Facebook-Seite, das wird was, glaubt er. Thomas und Andreas schaffen es bis zum „Instant Date“, einem gemeinsamen Kaffee.

Was hat das mit der Liebe zu tun? Die Liebe würde nur stören. Irgendwann sagt Drago, ganz unvermittelt: „Ich mag keine Menschen.“ Manchmal hat er sich trotzdem gefragt, ob er eine Beziehung möchte. Zurzeit ist es wieder so, es geht um ein, wie er findet, sehr kluges Fotomodell aus Hongkong. „Die hat dieses IQ-Ding, verstehst du? Die Optik ist gar nicht das Primäre, die Optik nehme ich halt mit.“
Ich frage Drago, ob er schon mal eine Kopftuchträgerin angesprochen hat. Ja, sagt er, bei diesen Frauen komme es darauf an, ihnen Komplimente wegen ihrer schönen Augen zu machen. Das sei ihr größter Ehrgeiz, quasi ihre Schaufensterauslage, die Augen.
Die totale Überwachung solcher Mädchen durch die Familie sei für ihn ein zusätzlicher Thrill. Kürzlich habe er eine wirklich bildschöne Kurdin verführt, die seit drei Jahren einen festen Freund hatte. „Unglaublich, die war immer noch Jungfrau.“

In solchen und ähnlichen Fällen sei es wichtig, dass die Frauen nicht wissen, wo man wohnt. Sonst kann es unangenehm werden. Daher ist er gern in fremden Städten unterwegs, benutzt Hotels oder die Wohnung von Freunden. Wenn er eine Frau nach Hause mitnimmt, dann ist das für seine Verhältnisse fast schon die Liebeserklärung.
Nach dem Sex hat er ein Ritual. Er tut so, als sei es eine spontane Idee. An einer Wand hängt er ein großes Stück Papier auf, vielleicht zwei mal zwei Meter. Dann bemalt er sich und die Frau mit blauer, abwaschbarer Farbe, und sie pressen sich, nackt, gegen dieses Papier. Fast alle Frauen finden das süß. Das ist seine Sammlung, das wird auf jeden Fall bleiben, eines Tages.

Am Abend soll es in einen Club gehen, aber das mache ich nicht mit. Verurteile ich den Pickup-Lifestyle? Eigentlich nicht. Wenn alle Spielarten der Sexualität legitim sind, warum dann nicht auch diese? Allerdings muss ich mehrfach an Rolf Eden denken, den legendären Berliner Playboy, der langsam auf die 90 zugeht. Eden hat immer mit offenen Karten gespielt. Wenn er eine Frau ansprach, dann war klar, dass er sie postkoital auf Händen tragen und mit Geschenken überhäufen wird – allerdings nur für eine gewisse Zeit, wie lange, entschied er. Im Falle einer Schwangerschaft zahlte er großzügig Alimente. Seine sieben Kinder traten in einem Film über ihn auf, sie mögen ihn alle. Die Frauen wussten, woran sie mit ihm waren.
Die Pickup-Artists tun alles, um ans Ziel zu kommen, ehrlich sind sie nicht immer. Das erinnert mich an die Politik. Vor der Wahl sagen Politiker oft, was Wähler hören wollen. Später sieht man weiter. In „Gefährliche Liebschaften“ stirbt Michelle Pfeiffer an gebrochenem Herzen. Wie mag es dem kurdischen Mädchen ergangen sein?

 

*Namen geändert

Harald Martenstein, Jg. 1953, ist Schriftsteller („Nett sein ist auch keine Lösung“, C. Bertelsmann) und Kolumnist beim „Tagesspiegel“.  Jens Bonnke, Jg. 1963, lebt in Berlin.