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Paartherapie Wann Paare professionelle Hilfe brauchen

Weshalb brauchen Paare manchmal professionelle Hilfe? Wie gehen sie am besten damit um, wenn die Lust auf Sex nachlässt? Und wann darf Trennung kein Tabu sein? Der Paar- und Sexualtherapeut Ulrich Clement erklärt, wie Partner sich in Krisen verhalten sollten – und wie sie wieder zueinanderfinden
Wann Paare professionelle Hilfe brauchen

Prof. Dr. Ulrich Clement ist einer der renommiertesten Paartherapeuten Deutschlands. In seiner Praxis in Heidelberg hat er Hunderte Paare durch Krisen begleitet

Interview: Bertram Weiss

 

GEO WISSEN: Herr Professor Clement, wohl in jeder Partnerschaft kommt es manchmal zu Streit. Wann sollte ein Paar Hilfe suchen?


PROF. DR. ULRICH CLEMENT: Wegen gelegentlichen Streits wird man noch nicht zum Therapeuten gehen. Paare können aber Unterstützung brauchen, wenn sie selbst keinen Ausweg mehr sehen. Das passiert, wenn beide sich auf ihrer Position festgebissen haben und jeder darauf wartet, dass der andere sich ändert. Viele Paare kommen zu mir, weil sie einen Vermittler suchen, einen, der dabei hilft, dass sie überhaupt miteinander reden können.

Wie schaffen Sie das?


Die Basis jeder guten Therapie ist es, die beiden Partner überhaupt ins Gespräch zu bringen. Daher befrage ich im ersten Schritt oft erst einmal jeden einzeln: Weshalb sind Sie hier? Was möchten Sie verändern? Was muss passieren, damit sich das Treffen für Sie gelohnt hat? Während der andere zuhört, wie der Partner antwortet, ergibt sich dann meist ein Gesprächsfluss. Dafür muss ich als neutraler Dritter den geeigneten Raum ermöglichen.

Welche Konflikte führen Paare in der Regel in eine Therapie?


Viele Streitigkeiten flammen auf, weil einer der Partner sich ungerecht behandelt fühlt, glaubt, seine Interessen und Bedürfnisse würden zu wenig beachtet. Daraus resultieren Vorwürfe, die immer wieder wie ein Refrain vorgetragen werden und die mit der Zeit die ganze Beziehung beherrschen. Ich erinnere mich an ein Paar: Sie hatte viel Geld geerbt, er hatte einen lukrativen Job. Wenn sie etwas bezahlte, hatte sie das Gefühl, von ihm gering geschätzt zu werden, weil sie es ja nicht selbst verdient hatte; wenn er Geld einbrachte, glaubte er, von ihr abschätzig behandelt zu werden, weil er nicht von Haus aus wohlhabend ist. Wechselseitig haben sie sich immer wieder abgewertet gefühlt, obwohl sie – objektiv gesehen – ein Paar mit vielen Möglichkeiten waren.

Gibt es da Geschlechtsunterschiede?


In den meisten Fällen gehen die Vorwürfe eher von der Frau aus, der Mann ist permanent damit beschäftigt, sich zu verteidigen, verfällt in Schweigen, zieht sich zurück.

Wie kommt das?


Frauen gehen mit sich und ihren Beziehungen kritischer um als Männer. Männer können manche Unvollkommenheit besser aushalten oder nehmen sie gar nicht erst wahr. Für Frauen ist es selbstverständlich, über Details ihrer Beziehung zu reden.

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Ist es richtig, dass vor allem die Partnerinnen eine Paartherapie anregen?


Ja. In 75 Prozent aller Fälle sind Frauen die treibende Kraft. Das liegt mit daran, dass es ihnen oft leichter fällt, ein Problem zu erörtern. Für sie ist es ein Wert an sich, sich eine zwischenmenschliche Situation anzuschauen, zu versuchen, sich in das Gegenüber einzufühlen. Männer sind eher an Lösungen interessiert. Wenn sie erkennen, dass eine Paartherapie ihnen die bieten kann, lassen sie sich eher darauf ein.

Welche Gründe führen Paare sonst noch in eine Therapie?


Das andere wichtige Feld ist die Sexualität. Viele Paare, die seit Jahren zusammen sind, kennen es: Mit der Zeit erlahmt das körperliche Interesse am anderen, sie schlafen kaum miteinander, obwohl sie liebevoll verbunden sind.

Wann Paare professionelle Hilfe brauchen

Wie man damit umgehen kann, wenn nur noch ein Partner sexuelle Lust empfindet und ob man einen Seitensprung beichten sollte, erklärt Professor Clement im restlichen Interview, das Sie in der aktuellen Ausgabe von GEO WISSEN finden: Heft bestellen.

Wo liegt das Problem?


Das ist gar nicht immer ein Problem. Zwar lässt bei den meisten Paaren der Sex nach, das ist ein generelles Phänomen. Diese Paare kennen eine Verlaufskurve, die sich von einem Höchststand zu Beginn der Beziehung bergab entwickelt. Aber es gibt erstaunlich viele Paare, die wenig Sex miteinander haben und dennoch zufrieden sind.

Wie das?


Diese Paare sagen sich: So ist es eben, das Sexualleben ändert sich, uns fehlt nichts. Die leiden tatsächlich nicht darunter, weil sie es als normal empfinden. Natürlich gibt es andere, für die so etwas durchaus belastend ist. Die Bedeutung der Häufigkeit wird allerdings vielfach überschätzt: Ob man nun einmal in der Woche oder einmal im Monat Sex hat, ist nicht entscheidend. Viel wichtiger ist, ob die Intensität schwindet, die Qualität, die Bedeutung. Der eigentliche Streitpunkt ist nicht: Du schläfst zu wenig mit mir. Sondern: Ich bedeute dir nicht mehr so viel. Langjährige Partner fallen nicht übereinander her, sondern haben oft ritualisierte Verabredungen, etwa an bestimmten Abenden. Das dient auch dazu, sich körperlich mitzuteilen, dass noch alles in Ordnung ist miteinander.

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Woran liegt es, dass das sexuelle Interesse in langjährigen Beziehungen in der Regel abnimmt?


Am Anfang einer Beziehung ist die sexuelle Faszination ein Bindemittel, zwei Menschen können dadurch überhaupt erst intime Erfahrungen miteinander machen. Nach einiger Zeit geht die Beziehung in eine zweite Phase; dann stellt sich die Frage: Bekommen wir den Schritt zur Kontinuität hin? Und da spielen andere Faktoren als sexuelle Faszination eine wichtige Rolle. Nun geht es immer mehr um Verlässlichkeit – darum, ob man einander Heimat bieten kann. In dieser Phase wäre es gar nicht funktional, wenn das Leben von Sex dominiert würde. Denn es gilt, andere Herausforderungen zu meistern: eine gemeinsame Wohnung einzurichten, eine Familie zu gründen, Kinder großzuziehen, einen gemeinsamen Freundeskreis aufzubauen.

Was zeichnet jene Paare aus, die kein Problem damit haben, dass sie nicht mehr so häufig Sex haben?


Die sind einander sicher. Sie wissen, was sie dem anderen bedeuten. Und im besten Fall wandelt sich die Lust, reift mit der Zeit. Eine kanadische Wissenschaftlerin hat Paare befragt, die mindestens 30 Jahre zusammen waren und die behaupteten, ihr Sex – auch wenn es nicht mehr so häufig dazu komme – sei nach wie vor gut. Sie beschrieben einstimmig, dass Faktoren wie Libido, Orgasmus, Erektion ziemlich irrelevant seien. Stattdessen komme es vor allem auf Intimität an, auf Langsamkeit, auf Nähe. Auf eine Ehrlichkeit den Gefühlen gegenüber. Aufregenden Sex erleben nur diejenigen, die auch den weniger aufregenden bejahen. Und: Beide Seiten sexuellen Erlebens sind gleich viel wert. Sobald man Sexualität als etwas Lebendiges betrachtet, das in einer Beziehung reift, wirkt der Verlust der anfänglichen Euphorie und Impulsivität nicht mehr als Defizit.