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Den Menschen verstehen

Elisabeth Richter, geboren 1913, hat ihr Leben aufgeschrieben

Die Arbeit an ihren Erinnerungen hat innere Lasten von Elisabeth Richter abfallen lassen

Ein Jahrhundert Leben: Mit ihrer Autobiografie zieht Elisabeth Richter die Bilanz eines sehr wechselhaften Schicksals

Anfang der 1930er Jahre geht die Münchnerin als Austauschstudentin in die USA und nach Kanada und unternimmt eine Weltreise, während ihr Vater im NS-Regime Karriere macht

Es folgen Heirat, Umzug nach Siebenbürgen, ...

... die Geburt zweier Söhne, nach dem Krieg bittere Jahre als Zwangsarbeiterin in der Ukraine, ...

... später die Rückkehr nach Deutschland, schließlich erste Urlaubsreisen in den Süden

Elisabeth Richter genießt die wiedergewonnene Freiheit, geht mit der Tochter bergwandern, ...

... besucht mit ihrem Mann Bälle, trifft Freundinnen. 1979 stirbt ihr Mann bei einem Autounfall, sie wird schwer verletzt.

Zwölf Jahre später ist sie zum ersten Mal Großmutter – und feiert 2013 ihren 100. Geburtstag

Tagebücher sind geblieben, Schwarz-Weiß-Fotos in kleinen Mäppchen, ein Päckchen Briefe auf Luftpostpapier. Und die Geschichten im Kopf, manche zu oft erzählt und viele nie.

Nebeneinander sitzen sie auf dem Bett im Altenheim und sortieren Erin­nerungen. Die Tochter weiß wenig über das Leben der Mutter, hat lange nicht gefragt, weil sich oft so viel Leid in so wenigen Worten verbarg. Bis sie irgend wann wissen wollte: Wann warst du eigentlich wo in deinem Leben?

Aus der Frage wurde ein Buch. Elisabeth Richter, geboren im August 1913, war 95 Jahre alt, als ihre Tochter Andrea begann, ihr Leben aufzuschreiben – ein Leben, in dem fast alles, was wichtig war, weit weg von ihrer Heimatstadt München stattgefunden hat: die Jahre als Austauschstudentin in den USA, die Heimreise mit dem Schiff über den Pazifik nach Japan und weiter durch Ostasien, bis sie am Silvesterabend 1936 schließlich wieder in München ankam.

Die Zeit in Kronstadt, Rumänien, wo sie zwei Kinder zur Welt brachte, während ihr Mann, Fabrikbesitzersohn aus Siebenbürgen, Soldat wider Willen, in der rumänischen Armee diente. Der erste Sohn, Georg, geistig und körperlich behindert. Der zweite, Johannes, gestorben mit kaum fünf Monaten.

Die Jahre unten im Schacht: Im Januar 1945 wurde Elisabeth Richter als Zwangsarbeiterin in die Ukraine verschleppt. In einem Kohlebergwerk arbeitete sie auf den Knien, im Liegen, in staubig schwarzer Dunkelheit, die Kleider in Fetzen, Hände und Rücken aufgerissen von der Kohle. Sie aß Kartoffelschalen im Winter und Brennnesseln im Sommer, die Steppe rings um das Lager war voller Gräber.

Und ein Augenblick in Nairobi. Der Unfalltod ihres Mannes auf einer Keniareise, 1979, von dem sie bis heute sagt, er sei das schlimmste aller Unglücke, die ihr widerfahren sind.

Nur um eines bat die Mutter die Tochter: Schreib nicht so viel über Vater. Denn während Elisabeth Mitte der 1930er Jahre in ihren Briefen aus Amerika vom roten Buchenlaub des Indian Summer schrieb, stieg ihr Vater Adolf Hühnlein in Deutschland zum Führer des NS Kraftfahrkorps und Generalmajor der Wehrmacht auf. Als er 1942 starb, bekam er ein Staats­begräbnis.

Fast sieben Jahrzehnte später hielt Elisabeth Richter in ihrer Biografie fest, ihr Vater habe sich zu Hitler eine innere Distanz bewahrt. Ihre Tochter akzeptierte, dass die Mutter manches aussparte, den Vater nur als Vater in Erinnerung behalten möchte: weil es ihr Buch war.

Sie habe gemerkt, sagt Andrea Richter, wie während der monatelangen Arbeit innere Lasten von ihrer Mutter abfielen, wie das Schreiben bewirkte, was die Tochter "mikroskopische Veränderungen in der Seele" nennt.

"Meine beiden Leben" hieß das Buch, 386 Seiten dick. 160 Exemplare ließ Elisabeth Richter drucken, für Familie, Freunde, Bekannte. Die Geschichten, nach denen jahrzehntelang niemand gefragt hatte, waren endlich erzählt.

Andrea Richter, bis dahin als Journalistin in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt, macht parallel zum gemeinsamen Projekt eine Ausbildung zur Biografin und das Aufschreiben von Lebensgeschichten zum Beruf.

Nie haben mehr Menschen ihre Er­innerungen selbst formuliert oder aufschreiben lassen als heute: für die Familie, für sich selbst. Sie wollen Erlebtes bewahren und Bilanz ziehen, sich ver­gewissern, wo sie im Leben stehen, vielleicht neue Einsichten gewinnen aus der Beschäftigung mit Vergangenem. Die Rückschau hilft, das eigene Leben zu überblicken, es als sinnhaft zu begreifen.

Es gibt Schreibwerkstätten zum Thema und Hunderte Biografen, die als Berater oder Ghostwriter beim Verfassen von Erinnerungen helfen, meist für mehrere Tausend Euro.

Oft befinden sich Menschen, die sich ihres Lebens erinnern, in einer Umbruchsituation, spüren Unzufriedenheit, tragen Unerledigtes und Unausgesprochenes mit sich herum. Viele gehören zur Kriegsgeneration, die gelernt hat, dass ihre häufig traumatischen Erinnerungen nichts Besonderes sein dürfen.

Seit Jahren steigt das Angebot an Schreibgruppen, die Menschen nach einschneidenden Lebensveränderungen begleiten: Trauernde zum Beispiel oder Burnout Patienten. "Poesietherapie" heißt dieses Verfahren, das die Beschäftigung mit selbst verfassten Texten als Heilmethode einsetzt. Dutzende Studien haben die heilenden Effekte des Schreibens bekräftigt: Die Wirksamkeit ist nachgewiesen für Menschen mit Depressionen und manchen Posttraumatischen Belastungsstörungen, sogar für Rheumakranke und Herzinfarktpatienten.

Die genauen Mechanismen dieser therapeutischen Effekte sind noch nicht exakt erforscht. Aber vermutlich trägt das Schreiben dazu bei, Kontrolle über das eigene Leben zu erlangen. Wer Ge­danken und Gefühle, die vielleicht nie ausgesprochen oder mühsam verdrängt wurden, schriftlich festhält, kann seine Emotionen anschließend besser steuern – und befreit ganz buchstäblich sein gesamtes Denken, weil sein Arbeitsgedächtnis nicht mehr ständig um die immer gleichen Probleme kreist.

Und wer sich schreibend mit den Herausforderungen seines Seins auseinandersetzt, findet eher Sinn darin, diese Schwierigkeiten überstanden zu haben.

Die Arbeit an der eigenen Biografie stärkt damit das Gefühl, dem Schicksal nicht ohnmächtig ausgeliefert zu sein; der Autor erklärt sich das eigene Leben, die eigene Persönlichkeit.

Vom autobiografischen Schreiben profitieren besonders Menschen, die in der Lage sind, aus einer chaotischen Vielzahl von Eindrücken eine zusammenhängende Geschichte zu gestalten, traumatische Erlebnisse mit anderen wichtigen Lebensereignissen zu verbinden und sie so in das gestörte Selbst- und Weltbild zu integrieren.

Dabei kann Aufschreiben auch Ersatz für Aussprechen sein. Neben allen anderen psychischen Folgen belastender Ereignisse leiden viele Betroffene häufig darunter, sich durch Schweigen zu isolieren – aus Angst vor den Reaktionen anderer, vor Unverständnis, Ablehnung, Verurteilung. Schreibend können sie sich an ein gedachtes Gegenüber wenden, das zuhört wie ein Therapeut, kommentarlos und ohne Urteil, um den Autor eigene Schlüsse ziehen zu lassen, selbst Sinn im Erlebten zu finden.

Es geht um Selbsterkenntnis, Selbstvergewisserung, Selbsterklärung, aus der in manchen Fällen auch Selbstverklärung wird. Wer über sich selbst schreibt, gewinnt Deutungshoheit, kann zeigen, wer er ist – sich selbst und anderen, von denen er sich möglicherweise verkannt, falsch eingeschätzt fühlt, vielleicht ein Leben lang.

Viele beschäftigen auch Fragen nach der Bedeutung, dem Wert, dem Sinn von Erlebnissen und Ereignissen. Nach dem, was bleibt. Mit den Autobiografien werden Erinnerungen übergeben, Familiengeschichte, eine Lebensphilosophie. Manchmal ist Bewahren und Loswerden eins.

Den gesamten Text lesen Sie in der neuen Ausgabe von GEO WISSEN "Was gibt dem Leben Sinn?".

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