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Den Menschen verstehen

Persönlichkeit Psychologie: Wie wir unsere Stärken entfalten

Fast jeder strebt danach, sein Wesen zu verbessern. Doch statt sich selbst zu optimieren, sollten wir unsere Kraft darauf verwenden, uns selbst zu verwirklichen, so der Psychologe Jens Asendorpf
Psychologie: Wie wir unsere Stärken entfalten

GEO WISSEN: Herr Professor Asendorpf, kann man sich vornehmen, etwas optimistischer zu sein?

Jens Asendorpf: Das ist nicht ausgeschlossen. Aber um das herauszufinden, muss man erst einmal klären, welche Art von Persönlichkeit Sie sind. Denn um generell zuversichtlicher zu werden, müssen Sie ja Ihren Charakter ein Stück weit verändern.

GEO Wissen: Was ist "Persönlichkeit"?

Gewissermaßen die "Essenz" einer Person. Also die Summe all dessen, was sie von ihren Mitmenschen unterscheidet: ihre individuelle Art zu fühlen, zu denken und zu handeln. Wir vergleichen uns ja ständig miteinander und stellen dabei Differenzen fest. Manche Menschen nehmen wir als besonders wagemutig wahr, andere als verschlossen, interessiert, kreativ. Anhand solcher Unterschiede charakterisieren wir andere - und definieren so auch uns.

GEO Wissen: Lässt sich die Persönlichkeit mit wissenschaftlichen Methoden erfassen?

Ja, sehr gut sogar. Dafür haben Psychologen ein präzises Instrument entwickelt, die „Big Five“. Es ist ein Schema, das fünf Wesensmerkmale umfasst: Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus, Gewissenhaftigkeit und Offenheit. Dies sind gewissermaßen die fünf Grundbausteine, aus denen sich jede Persönlichkeit zusammensetzt.

GEO Wissen: Können Sie kurz erklären, was die Begriffe bedeuten?

Jedes Merkmal bezeichnet eine menschliche Eigenschaft, die entweder stark oder schwach ausgeprägt sein kann. Ist etwa meine Extraversion stark ausgebildet, bin ich besonders gesellig, gehe gern auf andere zu, begebe mich unter Leute und rede viel. Ist sie schwach ausgeprägt, bin ich eher zurückhaltend, ruhig, durchaus gern auch mal allein. Die meisten Menschen liegen irgendwo zwischen diesen beiden Polen.

GEO Wissen: Und die anderen vier Merkmale?

Verträglichkeit heißt, dass ich kooperativ, gutmütig, umgänglich, mitfühlend und auf Harmonie bedacht bin; oder, bei geringer Verträglichkeit, stark wettbewerbsorientiert, aggressiv und wenig einfühlsam. Ein Ellbogenmensch.

Neurotizismus bezeichnet, wie besorgt jemand ist, ob er eher zu Selbstmitleid und Depressionen neigt oder zufrieden und selbstsicher durchs Leben geht.

Gewissenhaftigkeit zeigt sich, wenn ich eher ein ordentlicher Mensch bin, der sich für alles eine Liste schreibt und die gründlich abarbeitet. Ist diese Eigenschaft schwach ausgeprägt, komme ich meist zu spät, vergesse beim Einkaufen die Hälfte und es fällt mir schwer, Termine einzuhalten.

GEO Wissen: Besteht ein Zusammenhang zwischen den einzelnen Merkmalen?

Nein. Jeder der fünf Faktoren ist unabhängig von den anderen. Ich kann also gesellig, aggressiv, selbstsicher, chaotisch und engstirnig zugleich sein. Oder zurückhaltend, kooperativ, zuverlässig, an mir selbst zweifelnd und vielseitig interessiert. Jede Kombination ist möglich, das macht die Persönlichkeiten so vielfältig.

GEO Wissen: Wie sind Psychologen ausgerechnet auf diese fünf Faktoren gekommen?

Man ist von einer Frage ausgegangen: Nach welchen Maßstäben bewerten Menschen ihr Gegenüber, wie grenzen sie sich voneinander ab, mit welchen Worten charakterisieren sie sich gegenseitig? Um das herauszufinden, haben sich zwei US-Wissenschaftler ein Wörterbuch vorgenommen und alle Adjektive zusammengetragen, mit denen wir andere Menschen beschreiben. Was schätzen Sie, wie viele das sind?

GEO Wissen: Vielleicht 4000?

Es sind fast 18 000. Daraus strichen die Forscher Synonyme, veraltete und wenig gebräuchliche Begriffe, danach blieben noch 200 übrig. Im nächsten Schritt ließen sie Probanden einschätzen, welche dieser 200 Adjektive bei Menschen immer gemeinsam auftreten, beispielsweise "kreativ" und "wissbegierig", und welche nichts miteinander zu tun haben, etwa "gutmütig" und "fantasievoll". Aus all diesen Bewertungen filterten sie mit statistischen Methoden fünf dominante Gruppen von Eigenschaften heraus, die sich voneinander abgrenzen lassen: die Big Five.

GEO Wissen: Ist es nicht ein wenig zu simpel, aus der Alltagssprache auf universal gültige Persönlichkeitsmerkmale zu schließen?

Da bin ich anderer Meinung. Schließlich sind wir Menschen Meister darin, andere einzuschätzen, ihren Charakter und ihre Absichten zu ergründen: Soll ich dem neuen Kollegen Geld leihen? Wird er es mir zurückgeben? Kann ich der Babysitterin vertrauen? Wird sie mein Kind gut behandeln?

Das alles schlägt sich in der Alltagssprache nieder. Und die Praxis zeigt, dass sich mit dem Schema der Big Five eine Persönlichkeit ziemlich umfassend beschreiben lässt.

GEO Wissen: Nun sind die Big Five aber aus der englischen Sprache abgeleitet worden. Helfen sie auch dabei, Persönlichkeiten in anderen Nationen zu beschreiben?

Mit den Big-Five-Persönlichkeitsdimensionen lassen sich alle Erdenbewohner beschreiben - Menschen in den USA wie in Deutschland, in China oder Korea. Das haben Forscher in Dutzenden Studien weltweit überprüft.

GEO Wissen: Können wir uns selbst auch gut einschätzen?

Ja, aber nur begrenzt. Im Großen und Ganzen deckt sich unser Selbstbild mit jenem Eindruck, den auch nahe Bekannte von uns haben. Aber wir überschätzen uns in der Regel in unseren positiven Eigenschaften.

GEO Wissen: Wie passen Optimismus und Pessimismus in das Schema der Big Five?

Diese beiden Begriffe bezeichnen keine isolierten Eigenschaften wie die Big Five, sondern eine Kombination von mindestens zwei Merkmalen. Wer optimistisch ist, zeichnet sich zumeist durch eine stark ausgeprägte Extraversion und einen niedrigen Neurotizismus aus. Er geht also offen und selbstbewusst auf andere Menschen zu.

Der Pessimist dagegen ist introvertiert - zeigt also niedrige Werte beim Faktor Extraversion - und stark neurotisch. Er meidet andere Menschen und blickt eher besorgt auf sich selbst und andere.

GEO Wissen: Das klingt, als seien diese Eigenschaften immerzu stabil. Tatsächlich gibt es aber Tage, an denen man eher positiv gestimmt und gesellig ist, und andere, an denen einem nichts zu gelingen scheint und man lieber für sich allein bleibt. Wie pass

Was Sie beschreiben, sind Stimmungen. Die können stark schwanken, aber sie verändern nicht zwangsläufig die Persönlichkeit. Man kann sich die Persönlichkeit als ein Gummiband vorstellen: Je nachdem, ob man einen guten oder einen schlechten Tag hat, dehnt es sich mal in die eine oder die andere Richtung - das ist die jeweilige Stimmung. Aber es bleibt doch immer das gleiche Gummiband, schnappt immer wieder in seine Ausgangsposition zurück. Das ist die Persönlichkeit.

Um die bei einem Menschen richtig einzuschätzen, ist eine Beobachtung über mindestens drei Wochen notwendig. Dann kann sich ein Mensch einen ganz guten Eindruck von der Persönlichkeit seines Gegenübers verschaffen – unabhängig von dessen Stimmungen.

GEO Wissen: Manchen Nationen sagt man mehr Optimismus nach als anderen. Spielt der kulturelle Hintergrund eine Rolle bei der Persönlichkeitsentwicklung?

Gesellschaftliche Erwartungen haben mit Sicherheit einen Einfluss darauf, welche Persönlichkeiten in einem Land häufiger zu finden sind als andere.

Wissenschaftler haben zum Beispiel verglichen, wie Schulkinder in Shanghai im Laufe der Zeit wahrgenommen wurden. Das Resultat: Früher galt Zurückhaltung in China als Tugend, extravertierte Menschen waren weniger beliebt. Dementsprechend wurde die eine Eigenschaft kultiviert, die andere versuchte man eher zu unterdrücken. Mit der zunehmenden Verwestlichung hat sich das Bild gewandelt: Extravertierte Kinder sind nun beliebt und werden von Familien und Schulen aktiv gefördert. Trotz solcher Befunde sollte man aber den kulturellen Einfluss nicht überbewerten.

GEO Wissen: Warum nicht?

Weil die Persönlichkeitspsychologie zeigt, dass die Einflüsse zwar vorhanden, aber gering sind. Forscher haben beispielsweise untersucht, wie extravertiert die Bewohner der kleinen italienischen Inseln im Vergleich zu jenen waren, die in der nächstgelegenen Hafenstadt lebten, in der natürlich viel Reiseverkehr herrschte und der Alltag abwechslungsreicher war.

Ergebnis: Die Menschen, die am Hafen wohnten, waren deutlich extravertierter als die auf den Inseln. Auf den ersten Blick könnte man daraus schlussfolgern: Das Leben auf den Inseln beziehungsweise am Hafen hätte die Menschen jeweils zu anderen Persönlichkeiten geformt.

GEO Wissen: Aber tatsächlich war es anders?

In Wahrheit sind die Extravertierten von den Inseln fortgezogen in die Hafenstädte. Das Leben auf den Eilanden war ihnen zu langweilig, sie wollten etwas Neues erleben. Die Daheimgebliebenen - das waren die introvertierten Inselbewohner. Nicht die Gesellschaft hat also die Persönlichkeiten geformt, vielmehr hat sich eine Gemeinschaft in einem "Selektionseffekt" aufgegliedert.

GEO Wissen: Lässt sich das übertragen, etwa auf das angeblich pessimistische Europa und die optimistischeren USA?

In der Tat. Im Europa des 17. Jahrhunderts hatte jeder seinen festen Platz in der gesellschaftlichen Ordnung, die Güter waren über Generationen hinweg verteilt. Die Menschen aber, die etwas erleben und erreichen wollten oder den Mut zur Veränderung aufbrachten, nutzten die Gelegenheit, in das neu entdeckte Amerika auszuwandern.

Dieses Muster hat sich über Jahrhunderte fortgesetzt, sodass sich in den USA allmählich jene Menschen sammelten, die von Natur aus eher positiv gestimmt sind, risikofreudig, offenherzig. Deshalb ist es dort noch heute selbstverständlicher als in Europa, dass man aufgeschlossen ist, auf andere zugeht, sich von Innovationen eher begeistern als abschrecken lässt.

GEO Wissen: Wenn nicht die Kultur die Persönlichkeit festlegt, was dann: die Erbanlage? Die Erziehung? Der Partner?

Um das herauszufinden, wurden genetisch identische eineiige Zwillinge mit zweieiigen Zwillingen verglichen, die nur 50 Prozent des Erbguts teilen. Das Ergebnis: Unsere Persönlichkeit wird etwa zur Hälfte durch das biochemische Erbe unserer Eltern festgelegt.

Die andere Hälfte geht auf Umwelteinflüsse zurück. Dazu gehören die Erziehung - allerdings zu einem sehr viel geringeren Teil als lange gedacht -, die Freunde, der Beruf, der Partner und natürlich alltägliche Erfahrungen wie Erfolge und Fehlschläge, Krankheiten und Verluste. All dies formt, was genetisch in uns bereits angelegt ist.

Das gesamte Interview lesen Sie in der neuen Ausgabe von GEO WISSEN "Zuversicht - die Kraft des positiven Denkens".

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