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Herzkrankheiten Sechs ungewöhnliche Fragen rund ums Herz

Kann klassische Musik den Blutdruck senken? Müssen Herzkranke auf Sex verzichten? Macht hoher Blutdruck womöglich dement? Antworten auf die ungewöhnlichsten Fragen rund um unseren Lebensmotor

Schützt Zähneputzen vor einem Herzinfarkt?

Sechs ungewöhnliche Fragen rund ums Herz

Wer seine Zähne penibel sauber hält, senkt das Risiko eines Herzinfarkts deutlich

In der Mundhöhle existieren Hunderte Bakterienarten; viele sind harmlos, einige können jedoch Krankheiten verursachen. Zahnbelag (der sich vor allem aus Speiseresten und Speichel zusammensetzt) und Zahnstein sind ein idealer Nährboden für die Bakterien. Durch ihren Stoffwechsel produzieren die Erreger unter anderem Giftstoffe. Die lösen häufig eine Immunreaktion des Körpers aus, was zu einer Entzündung des Zahnfleisches und des Kieferknochens führt. Gelangen Bakterien und ihre schädlichen Abfallstoffe dann in die Blutbahn, können sie auch das Herz gefährden. Das ergab eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover. Bei den Versuchen sollten 37 junge Probanden, die nicht rauchten, gesunde Zähne und keine Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatten, drei Wochen lang die Zähne im rechten Oberkiefer nicht putzen. Bei allen entwickelte sich in dieser Zeit eine Zahnfleischentzündung. Bei der Analyse ihres Bluts zeigte sich eine deutliche Erhöhung des Proteins CRP, das bei einer Entzündung im Körper entsteht – was als Hinweis auf ein gesteigertes Herzinfarktrisiko gilt.

Eine regelmäßige Reinigung der Zähne und Zahnzwischenräume (mindestens zweimal täglich) verhindert, dass sich Erreger im Mund ungestört vermehren. Auch eine professionelle Zahnreinigung schützt offenbar das Herz, wie Kardiologen vom Veterans General Hospital in Taipeh herausfanden. Sie analysierten rund 100.000 Krankenakten von Patienten, die noch keinen Herzinfarkt erlitten hatten. Diejenigen, die sich in den folgenden sieben Jahren jährlich Zahnstein entfernen ließen, hatten ein um 24 Prozent geringeres Infarktrisiko.

Ist die Alzheimer-Demenz möglicherweise auf Herz-Kreislauf-Probleme zurückzuführen?

Viele Forscher vermuten, dass die Alzheimer-Krankheit, die meistverbreitete Form von Demenz, durch Proteinablagerungen entsteht, die die Informationsübertragung zwischen den Nervenzellen im Gehirn behindern. Wissenschaftler der Universität Sydney haben nun eine neue Theorie zur Ursache des Leidens veröffentlicht. Demnach entwickelt sich die Alzheimer-Demenz durch eine Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems: Wenn Blutgefäße altern, sinkt deren Elastizität. Verhärtete Arterien führen wiederum zu einem erhöhten Blutdruck, der unter anderem die kleinsten Gefäße im Gehirn schädigen kann und somit auch den Verlust von Nervenzellen zur Folge hat. Zudem hat eine Studie der Universität von Kalifornien gezeigt, dass bereits leichter Bluthochdruck zu Gedächtnisschwierigkeiten und Demenz führen kann. Als Ärzte die Hirnscans mehrerer Hundert Probanden analysierten, entdeckten sie, dass Patienten mit Bluthochdruck ein vergleichsweise geringes Volumen bestimmter Bereiche im Temporallappen aufwiesen – einer Großhirnregion, die unter anderem auch für Sprachverständnis und Gedächtnisleistung verantwortlich ist. Auch war die „weiße“ Hirnsubstanz, in der Millionen Nervenbahnen verlaufen, in einigen Arealen beschädigt. Bereits bei einem Blutdruck von 140/90 mmHg besteht womöglich eine Korrelation zu solchen Schäden. Eine US-Studie ergab zudem, dass Männer, die über Jahre blutdrucksenkende Medikamente einnehmen, im Alter deutlich weniger Schrumpfungsprozesse, kleine Schlaganfälle oder Anzeichen für Alzheimer-Demenz im Gehirn aufweisen als Vergleichspersonen. Forscher vermuten, dass ein Hochdruck unbemerkt Mikro-Blutungen im Gehirn verursacht. Endgültige Beweise gibt es für all diese Theorien indes noch nicht.

Sechs ungewöhnliche Fragen rund ums Herz

Bluthochdruck kann den Gefäßen im Gehirn schaden

Kann Musik den Blutdruck regulieren?

Sechs ungewöhnliche Fragen rund ums Herz

Musik trifft mitten ins Herz und beeinflusst Puls und Blutdruck

Ruhige klassische Musik hat offenbar eine positive Wirkung auf die Blutgefäße, wie ein Versuch kürzlich ergeben hat. Schon zuvor war der Wissenschaft bekannt, dass Klänge über das limbische System (das unter anderem an der Entstehung und Verarbeitung von Emotionen beteiligt ist) unser vegetatives Nervensystem beeinflussen. Das wiederum sorgt dafür, dass unser Herz seine Schlagfrequenz verändert, dass sich Gefäße verengen oder erweitern und sich somit der Blutdruck ändert. In dem Experiment – bei dem 120 Versuchspersonen klassische Kompositionen sowie Popmusik zu hören bekamen – stellte sich heraus, dass bestimmte Kompositionen wie etwa Johann Sebastian Bachs berühmtes „Air“ eine entspannende Wirkung auf den Körper haben: Der systolische Blutdruck der Probanden nahm im Durchschnitt um 7,5 mmHg ab, der diastolische Blutdruck sank um 4,9 mmHg, die Herzfrequenz reduzierte sich um etwa sieben Schläge pro Minute. Entscheidend für diesen Effekt ist vermutlich weniger die Stilrichtung einer Komposition als vielmehr ihr Tempo. So lassen schnelle Klänge wie der Presto-Satz aus Antonio Vivaldis „Der Sommer“ Herzschlag und Blutdruck ansteigen, ebenso wie Songs der Red Hot Chili Peppers. Langsame Musik senkte dagegen die Werte. Der eigenen Lieblingsmusik zu lauschen hat offenbar auch eine Langzeitwirkung: Der serbische Kardiologe Predrag Mitrović von der Universität Belgrad entdeckte anhand einer Studie mit 740 Herzpatienten, dass für eine dauerhafte Blutdrucksenkung schon zweimal täglich zwölf Minuten Musikgenuss ausreichen.

Schwächt schlechter Schlaf unseren Lebensmotor?

Wer nachts mehrere Stunden wach liegt, ist am nächsten Tag nicht nur müde, sondern kann durch die mangelnde Schlafenszeit auch sein Herz gefährden. Dies hat eine Studie von Wissenschaftlern der Universität von West Virginia ergeben: Sie untersuchten das Schlafverhalten von 30.000 US-Bürgern und stellten fest, dass sich bei Menschen, die pro Nacht durchschnittlich weniger als fünf Stunden schlafen, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Herzinfarkt auf das Doppelte erhöht. Als mögliche Erklärung führen die Forscher an, dass ein Ruhemangel den Stoffwechsel und den Hormonhaushalt aus dem Gleichgewicht bringt und so zu einem erhöhten Blutzuckerspiegel führt, der die Gefäße schädigen kann. Außerdem lässt ein längerfristiges Schlafdefizit den Blutdruck steigen, wie eine Studie der New Yorker Columbia University zeigte.

Menschen, die Schlafprobleme haben, erkranken darüber hinaus häufiger an einer Herzinsuffizienz (einer unzureichenden Pumpleistung des Herzens), so eine Untersuchung der Universität Trondheim. Für diese Studie befragten die Forscher über einen Zeitraum von elf Jahren 54.000 Norweger, die bei Studienbeginn keine Herzbeschwerden hatten. Diejenigen, die unter schlechter Schlafqualität, Einschlaf- und Durchschlafproblemen litten, hatten ein fünffach höheres Risiko, an einer Herzschwäche zu erkranken. Optimal scheinen sieben Stunden Nachtruhe zu sein. Manche Studien lassen allerdings vermuten, dass eine sehr ausgedehnte Ruhezeit wiederum schaden kann: Nach einer Untersuchung der Rosalind Franklin University in Illinois haben Vielschläfer (durchschnittlich länger als acht Stunden) ein doppelt so hohes Risiko für anfallsartigen Brustschmerz (Angina Pectoris) wie Normalschläfer.

Sechs ungewöhnliche Fragen rund ums Herz

Dauerhafte nächtliche Unruhe tut dem Herzen gar nicht gut

Muss ich bei einem Herzleiden auf Sex verzichten?

Sechs ungewöhnliche Fragen rund ums Herz

Wenn die Erregungskurve ansteigt, strömt Blut schneller durch den Körper

Sex kurbelt das Herz-Kreislauf-System an: Der Herzschlag erhöht sich, der Blutdruck steigt, der Körper wird stärker durchblutet. Allerdings wird selbst beim Orgasmus selten ein Puls von 130 Schlägen und ein systolischer Blutdruck von 170 mmHg überschritten. Dies entspricht der Belastung bei einem kurzen, schnellen Spaziergang. Für Herzpatienten ist die Höhepunktphase dennoch ein leichtes Risiko. Sie sollten sich daher beim Kardiologen untersuchen lassen. Der Arzt kann dann mittels eines Belastungs-Elektrokardiogramms die Leistungsfähigkeit testen.

Personen, die Viagra oder ähnlich wirkende Potenzmittel verwenden möchten, sollten den ärztlichen Belastungstest nach der Einnahme wiederholen. Wenn sich die Resultate nicht deutlich unterscheiden, ist deren Angina Pectoris ein, die eine blutdrucksenkende Wirkung haben, sollten sie auf die gleichzeitige Verwendung von Potenzmitteln unbedingt verzichten. Denn im schlimmsten Fall wird das Gehirn nicht mehr ausreichend durchblutet und es kommt zu einer lebensgefährlichen Bewusstlosigkeit. Auch wenn Vorsicht angebracht ist: Insgesamt kommt es beim Geschlechtsverkehr zu weniger als ein Prozent aller Herzinfarkte. Eine Stunde sexuelle Aktivität pro Woche erhöht nach Berechnungen von Forschern das Infarktrisiko nur um etwa 0,03 Prozent. Und selbst Patienten, die bereits einen Infarkt überstanden haben, können ohne größere Gefahren Sex haben – zumindest, wenn sie sich im Alltag regelmäßig bewegen.

Kommen Herzen demnächst auch aus dem Labor?

Herzen aus der Gewebezüchtung: Das klingt nach Science- Fiction. Doch mehrere Forschergruppen arbeiten derzeit an diesem Projekt. Für eine solche künstliche Herstellung biologischer Gewebe werden menschliche Stammzellen (also Zellen, die noch auf keine bestimmte Funktion im Körper festgelegt sind und sich unbegrenzt vermehren können) im Labor so beeinflusst, dass sie sich zu einem bestimmten Zelltypus entwickeln, etwa einer Herz- oder Leberzelle. Organe aus körpereigenen Zellen haben den großen Vorteil, dass das Immunsystem sie nicht abstößt. Eine von US-Forschern gezüchtete Harnblase konnte bereits bei einem Patienten implantiert werden. Und 2012 ist es Forschern der Medizinischen Hochschule Hannover erstmals gelungen, Herzmuskelgewebe herzustellen, das beinahe die Kontraktionskraft von natürlichen Zellverbünden erlangte. Dazu nutzten sie Stammzellen, die unter anderem aus Nabelschnurblut gewonnen wurden. Die Zellen entwickelten sich durch die Zugabe bestimmter Moleküle zu Herzmuskelzellen – und mit der Zeit zu zusammenhängendem Gewebe: einem Muskelstrang. Ähnlich wie ein natürlicher Muskel, der an einem Knochen andockt, klammerte sich der gezüchtete Muskel an einem Kunststoffgerüst fest. Da er sehr schwach war, zog ein kleiner Motor drei Wochen mit zunehmender Stärke an dem Muskelstrang und trainierte ihn auf diese Weise. Derartiges künstliches Herzmuskelgewebe könnte künftig infarktgeschädigtes Gewebe ersetzen, indem es in die Herzaußenwand eingenäht wird. Der Nachbau eines ganzen Herzens steht aber noch am Anfang – vor allem deshalb, weil es höchst kompliziert sein wird, die unterschiedlichen Zelltypen von Herzmuskel, Aorten, Venen und Klappen zu einem funktionstüchtigen Ganzen zusammenzufügen.

Sechs ungewöhnliche Fragen rund ums Herz

Zukunft: Forscher arbeiten tatsächlich daran, Herzen zu züchten

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