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Psyche Der Schmerz und die Seele

Der moderne Kinderalltag lässt viele Jungen und Mädchen kaum noch zur Ruhe kommen. Oft sind langwierige Bauch- und Kopfschmerzen die Folge - oder Schlafprobleme. Wie sollten Eltern damit umgehen?

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit regelmäßigen Kopfschmerzen hat sich in den vergangenen 30 Jahren vervielfacht. Ein Fünftel aller Jungen und Mädchen im Alter zwischen drei und 17 Jahren hat mehrmals im Quartal Bauchweh. Und eines von fünf Kindern kann abends nicht einschlafen oder erwacht einige Male in der Nacht; jedes siebte plagen im Grundschulalter nächtelang wiederkehrende Albträume. Woher kommen die häufigen Beschwerden? Weshalb liegen Jungen und Mädchen abends lange wach und ziehen sich tagsüber mit Kopf- oder Bauchschmerzen zurück? Was macht den Kinderalltag so belastend?

Der Schmerz und die Seele

Gehirn auf Hochtouren: Belasten Erlebnisse des Tages ein Kind auch im Bett ständig, werden Albträume häufiger, und der Schlaf wird unruhiger

Ursache der Schmerzen und auch der Schlafprobleme können durchaus ernst zu nehmende körperliche Erkrankungen sein – bei Bauchweh etwa eine chronische Entzündung oder eine Nahrungsmittelunverträglichkeit. Kopfweh kann durch eine Fehlstellung des Kiefers, der Halswirbelsäule oder durch nicht erkannte Sehstörungen hervorgerufen werden. Und bei Schlaflosigkeit sind mitunter fiebrige Infekte mit Atemnot die Ursache. Aber in den meisten Fällen finden Ärzte bei stetig wiederkehrenden Beschwerden selbst bei genauer Diagnostik keine eindeutige körperliche Störung. Oft entstehen die dauerhaften Probleme vielmehr aus dem engen Wechselspiel zwischen Körper und Psyche: einem durch Stress und Sorgen belasteten Alltag, einem Infekt oder einer anderen physischen Beeinträchtigung – sowie einem individuell unterschiedlichen Schmerzempfinden.

Deutlich wird das bei Bauchweh. Das beginnt häufig mit einem einfachen Magen-Darm-Infekt. Die Erkrankung klingt nach ein paar Tagen zwar wieder ab, doch die Krämpfe und das Ziehen im Bauchraum haben bestimmte Nervenzellen sensibilisiert. Die reagieren nun eher und stärker, wenn Ungemach droht: Schon bei normalen Verdauungsvorgängen und Unregelmäßigkeiten hören manche Kinder dann aufmerksam in sich hinein, nehmen auch kleinste Reize im Bauch wahr. Entscheidend für die Verarbeitung eines solchen Schmerzreizes sind auch Gedanken und Gefühle: wenn es etwa zu Ärger mit Eltern oder Geschwistern gekommen ist, eine neue Erzieherin in der Kita die Betreuung übernimmt, ein Umzug in eine andere Stadt bevorsteht. Die psychische Anspannung lässt ein Kind oft intensiver fühlen und führt dazu, dass sich Muskeln zusammenziehen und verkrampfen. Allein die gedrückte Stimmung kann fortan schon bewirken, dass es Krämpfe im Bauchraum bekommt, Verdauungsbeschwerden hat, über Übelkeit klagt. Dies mündet mitunter in eine Negativspirale, in ein fatales Wechselspiel zwischen Gedanken und Gefühlen: Die Gedanken lösen Ängste aus, die befeuern die Schmerzen, was wiederum die Ängste verstärkt. Der Schmerz selbst wird schließlich zum Stressfaktor, er verselbstständigt sich. Das Bauchweh ist nun nicht mehr das Symptom, sondern die Erkrankung, eine sogenannte Schmerzstörung – ganz unabhängig von dem ursprünglichen Magen-Darm-Infekt. Spätestens dann ist es an der Zeit, die Lebensumstände des Kindes zu untersuchen – auch wenn es für Eltern schwierig sein kann, zu akzeptieren, dass eine psychosoziale Ursache hinter den Problemen steckt. Denn Heranwachsende drücken oft ganz unterschiedliche Formen von Belastung über ihren Körper aus – kleine Kinder klagen dann über Bauchweh, Jugendliche eher über Kopfschmerzen.

Weniger Termine, mehr Auszeiten, ein geordneter Tagesablauf: Hilfen gegen Überforderung

Bei Spannungskopfschmerz und Migräne gehen die Fallzahlen vor allem in den ersten Schuljahren in die Höhe: Hat vor der Einschulung noch jedes fünfte Kind gelegentlich Kopfschmerzen, so ist es im späten Grundschulalter schon jedes zweite. Oft beginnen die Probleme auch in diesen Fällen mit leichten körperlichen Beeinträchtigungen. Wer zum Beispiel lange vor dem Computer sitzt, dem brennen irgendwann die Augen. Der Körper sendet das Signal: Es ist genug für heute. Wer dennoch vor dem Bildschirm verharrt, erhält wenig später ein deutlicheres Signal: beispielsweise Kopfschmerzen. Ähnlich reagiert der Körper, wenn ein Kind zu wenig getrunken oder geschlafen hat, ständig zu laute Musik hört, die Luft im Raum schlecht ist oder keine Zeit zum Entspannen bleibt. Zu weiteren Schmerzauslösern gehören Streit und Sorgen in der Familie, Alltagshektik in der Freizeit sowie Leistungsdruck in der Schule. Besonders bedenklich wird es, wenn mehrere dieser Faktoren zusammenkommen. Stress und seelische Belastungen können Kindern auch den Schlaf verleiden. Sowohl der Körper als auch der Geist sind nach turbulenten Tagen und unerfreulichen Erlebnissen abends mitunter noch hochaktiv. Das Gehirn läuft weiter auf Hochtouren, Grübeleien kommen auf, die Muskeln sind dauerhaft angespannt. Schläft das Kind dann doch ein, ist der Schlaf oftmals nicht tief, und es liegt bald wieder wach, was womöglich weitere Gedankenspiralen auslöst. Bedenklich sind solche Ein- und Durchschlafstörungen, wenn sie zur Regel werden, also häufiger als in drei Nächten pro Woche auftreten – und das länger als einen Monat. Zu viel Aufruhr am Tag macht den Schlaf auch störanfälliger, etwa für Albträume. Zwar sind die im Prinzip kein Grund zur Sorge, sondern ein Zeichen dafür, dass im Leben des Kindes viel passiert (typische Anlässe sind ein neues Geschwisterkind, der Schulbeginn oder Zank mit Klassenkameraden). Doch kommt es häufiger zu Albträumen, können diese Angst davor auslösen, überhaupt einzuschlafen.

Bleiben Schlafschwierigkeiten und Schmerzstörungen bei einem Kind unbehandelt, kann es noch als Erwachsener darunter leiden. Zudem gelten die Beschwerden auch schon bei Kindern als klassische Burnout-Symptome, vor allem wenn sie zusammen und unter hoher Stressbelastung auftreten. Diese gefährliche Kombination lässt sich schon frühzeitig erkennen, zeigte eine Studie von Erziehungswissenschaftlern der Universität Bielefeld mit rund 1100 Heranwachsenden im Alter von sechs bis 16 Jahren: 18 Prozent der befragten Kinder und 19 Prozent der Jugendlichen litten (nach ihrer Selbsteinschätzung) unter starkem Stress, standen unter Zeit- und Termindruck, hatten viele Sorgen und oft negative Gefühle. Und: Fast zwei Drittel der Kinder mit hoher Stressbelastung wiesen Symptome wie Bauch- oder Kopfschmerzen oder Schlaflosigkeit auf. Diese Jungen und Mädchen befanden sich vermutlich, so die Forscher, in der Vorstufe eines Burnouts. Aber es gibt gute Nachrichten für Eltern. Dauerhafte Schlaflosigkeit und häufig auftretende Schmerzen lassen sich in sehr vielen Fällen positiv beeinflussen: durch den richtigen Umgang mit den akuten Beschwerden – vor allem aber auch durch das Wissen um die tiefer liegenden Ursachen.

Entgegenwirken können Eltern dem Schmerz beispielsweise dadurch, dass sie nicht sorgenvoll auf jedes Ziepen im Bauch des Kindes reagieren oder jedes Pochen im Kopf registrieren. Denn dann merkt sich das Kind: Bauchweh und Kopfschmerz sind schlimm und gefährlich. Fortan empfindet es die Schmerzen als bedrohlicher und daher oft als besonders stark. Zudem tendieren jene Eltern, die Beschwerden ihres Nachwuchses viel Aufmerksamkeit schenken, dazu, ihn übermäßig zu umsorgen und zu schonen. Das Kind lernt, passiv und hilflos zu sein – und dass es viel Zuwendung erhält, wenn es Beschwerden hat. Schmerzen haben dann plötzlich auch etwas Gutes. Forscher nennen dies einen „sekundären Krankheitsgewinn“. Experten raten Eltern daher, die Schmerzen zwar ernst zu nehmen, aber dennoch besonnen zu reagieren.

Der Schmerz und die Seele

Schonung mit Augenmaß: Zu viel Bettruhe lenkt die Aufmerksamkeit ganz auf das Leid

Eine weitere wichtige Regel lautet: Schonung ist bei Spannungskopfweh und chronischen Bauchschmerzen langfristig eher schädlich. Regungslos auf der Couch oder im Bett, lenken Kinder ihre Aufmerksamkeit nur noch mehr auf die unangenehme Empfindung, fördern so den Schmerz und das Gefühl, diesem hilflos ausgeliefert zu sein. Stattdessen raten Experten zu Ablenkung: „Kinder sollten sich durch wiederkehrende Schmerzen nicht von allem abhalten lassen, sondern bei Bauchweh trotzdem zur Oma Kuchen essen gehen oder in die Schule“, so Boris Zernikow, Leiter eines Kinderschmerzzentrums. Oder sie sollten, wenn ihnen nach dem Unterricht der Kopf dröhnt, zum Spielen nach draußen gehen, statt sich ins Bett zu legen. Anders ist es bei starken, akuten Schmerzen: „Dann haben Kinder ein Anrecht darauf, dass ihnen mit wirksamer Arznei der Schmerz genommen wird; alles andere wäre unterlassene Hilfeleistung“, sagt der Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort. „Zugleich verhindern Medikamente, dass sich die Beschwerden ins Schmerzgedächtnis einbrennen – und damit chronischen Schmerzen den Weg ebnen.“ Dies gilt insbesondere bei Migräne: Betroffene Kinder leiden oft auch unter Übelkeit, Erbrechen und Sehstörungen. Sie brauchen Ruhe, einen abgedunkelten Raum und spezielle Schmerzmedikamente.

Grundsätzlich helfen den meisten Patienten Veränderungen im Alltag: weniger Termine, ausreichend Ruhepause zwischen Schule, Hausaufgaben und anderen Aktivitäten, weniger Zeit vor dem Bildschirm, dafür mehr Bewegung und frische Luft. Das klingt banal, ist aber oft schwer umzusetzen. Bei Schlafproblemen lauten die Empfehlungen ähnlich. Weniger Stress und Hektik, dazu viel Bewegung, am besten draußen, und der Verzicht auf abendliches Fernsehen erleichtern das Einschlafen. Das Zubettgehen sollte zudem einem Ritual folgen: gemeinsames Zähneputzen, Zimmer lüften, die Bettdecke aufschlagen, das Licht dimmen, leise Musik hören oder zusammen ein Schlaflied singen. Regelmäßige Abläufe signalisieren dem Körper, dass die Nachtruhe bevorsteht, er kann sich dann besser darauf einstellen. Mediziner raten, Kinder immer zur gleichen Zeit ins Bett gehen und aufstehen zu lassen. Das Zimmer sollte ruhig und abgedunkelt sein, gelüftet und nicht wärmer als 18 Grad Celsius.

Ob Kopfschmerz, Bauchweh oder Schlafprobleme: Bessert sich durch elterliche Hilfe auch nach Wochen nichts, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Als besonders wirksam haben sich dann Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie erwiesen. Die sollen helfen, negative Gedankenkreisläufe zu durchbrechen, zu kleinen Veränderungen im Alltag zu motivieren und den Kindern Entspannungsverfahren nahezubringen. Vor allem aber ist wichtig, dass Jungen und Mädchen lernen, regelmäßig Auszeiten zu nehmen. Das gelingt ihnen am besten, wenn sie Vorbilder haben: wenn es auch die Eltern schaffen, sich Anforderungen von außen manchmal zu entziehen. Mit anderen Worten: Wenn auch die Erwachsenen lernen, hin und wieder einfach mal kürzerzutreten.