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Gesundheit Die Wahrheit über den Winterspeck

Dass die meisten Menschen in der kalten Jahreszeit zunehmen, scheint so etwas wie ein Naturgesetz zu sein. Aber stimmt das überhaupt? Und wenn ja, woran liegt es? Über die Erforschung eines Phänomens
Übergewicht

Wenn die ersten Schneeschauer draußen vorbeiziehen und die abendliche Joggingrunde ausfällt, wenn drinnen Kassler mit Grünkohl oder Plätzchenteller locken – spätestens dann stellen sich viele Menschen einem Problem: dem gefürchteten Winterspeck. Im Januar, so belegen Statistiken, sind Suchmaschinen-Anfragen nach dem Begriff auf dem Höchststand.

Doch gibt es ihn wirklich, den Winterspeck? Wenn ja, ist er auch schädlich? Und wie kommt er überhaupt zustande? Wer diesen Fragen nachgeht, stößt auf einige Annahmen, die offenbar weit verbreitet sind, ohne dass sie wissenschaftlich hinterfragt werden.

Wir sind Opfer der Evolution

Dem populären Urteil nach hat der Mensch ähnliche Instinkte wie Streifenhörnchen und Bär und futtert sich Fettpolster an, um den Winter zu überstehen. Der Vergleich führt jedoch in die Irre: Die Tiere legen meist schon im Spätsommer zu und sammeln Fettdepots an; dadurch können sie im Winter ihren Stoffwechsel herunterfahren und von der Substanz zehren. Menschen hingegen nehmen im Herbst gewöhnlich nur wenig zu; auch unterscheidet sich ihr täglicher Grundumsatz an Energie über die Jahreszeiten kaum – anders als bei winterruhenden Säugetieren.

Wir schützen uns mit Fett vor der Kälte

Dahinter steht die Vermutung, dass wir uns unbewusst eine zusätzliche Fettschicht anfuttern, um bei Kälte nicht so viel frieren zu müssen – ähnlich wie Wale und Robben. Doch auch das stimmt bei näherer Betrachtung nicht: Landsäugetiere, die jahreszeitlichen Temperaturschwankungen ausgesetzt sind, schützen sich statt mit Fett in der Regel mit einem Winterfell. Wäre Winterspeck wichtig für unsere Wärmedämmung, würden wir Fett wohl nicht am Bauch sondern vielmehr an Händen, Füßen und am Kopf anlagern – denn dort friert der Mensch am schnellsten.

Wir essen gegen die Winterdepression an

Unser Körper produziert im Winter weniger Vitamin D und Serotonin – ein Botenstoff, der höchstwahrscheinlich unsere Stimmung aufhellt. Um diesen Mangel auszugleichen und somit schlechter Laune vorzubeugen, bekommen wir, so die weit verbreitete Vermutung, Appetit auf Süßes und kalorienhaltiges Essen.

Doch auch wenn es der Intuition widerspricht: Viele Studien zeigen, dass es keine besonders auffälligen Veränderungen unserer Ernährung in den kalten Monaten gibt. Wir nehmen im Sommer fast ähnlich viele Kalorien und Fett zu uns wie im Winter. Auch ist unser subjektives Hungergefühl im Dezember nicht größer als im Juni.

Wir bewegen uns im Winter nicht genug

Tatsächlich treiben die meisten Menschen im Winter etwas weniger Sport und halten sich häufiger in Innenräumen auf als im Sommer. Aber das führt nicht zwangsläufig zu einer Gewichtszunahme. Bewegung ist zwar gesund, allerdings lässt sie allein uns nicht unbedingt abnehmen.

Ob ein Mensch an einem Tag Sport treibt oder nicht, beeinflusst seinen Gesamtenergieverbrauch nicht einmal um zehn Prozent. Der Stoffwechsel passt sich offenbar schnell an eine höhere Belastung an. Außerdem gehen Forscher davon aus, dass bewegungsfreudige Menschen vor und nach dem Sport unbewusst Energie sparen – etwa, indem sie viel ruhen. Gibt es den Winterspeck also gar nicht, ist er nur ein populärer Mythos?

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Sollten wir also besser von Feiertagsspeck sprechen?

Ganz so ist es nicht, wie die finnische Gesundheitswissenschaftlerin Elina Helander kürzlich nachgewiesen hat: Sie wertete über viele Wochen Tag für Tag die Messprotokolle von fast 3000 Probanden aus unterschiedlichen Ländern aus, die elektronische Waagen mit Internetzugang nutzten.

Die Daten flossen an der Universität Tampere zusammen. Dabei stieß die Forscherin auf ein wiederkehrendes Muster: Die Probanden legten vor allem an den Feiertagen an Gewicht zu.

Die 760 deutschen Teilnehmer ihrer Studie wogen nach den Weihnachtstagen im Durchschnitt 0,8 Kilogramm mehr als zuvor. Bei US-Amerikanern wiesen die Gewichtskurven schon Ende November nach oben – an Thanksgiving, jenem Fest, bei dem traditionell reichhaltig gegessen wird.

Und in Japan waren es diverse Feiertage Anfang Mai, die zur Gewichtszunahme führten. Ursache ist vermutlich nicht allein das reichhaltige Kalorienangebot an den Feiertagen, sondern auch die besondere soziale Situation: Ernährungspsychologen wissen schon seit Langem, dass Menschen mehr essen und mehr Alkohol trinken, wenn sie in Gesellschaft sind. Abseits der Feiertage, so zeigte die finnische Untersuchung, verzehren wir auch im Winter kaum mehr als im Sommer.

Vielleicht sollten wir statt vom Winterspeck also vom Feiertagsspeck sprechen. Doch müssen wir uns um den sorgen? Eine kurzfristige Erhöhung des Körpergewichts birgt in der Regel keine nennenswerten Gefahren. Und bei den meisten Menschen verschwindet zumindest gut die Hälfte des Feiertagsspecks noch im Laufe des Winters, weil sie zu ihren normalen Essgewohnheiten zurückkehren.

Doch selbst zusätzliche Polster von rund 0,4 Kilogramm summieren sich – was womöglich auch eine Erklärung dafür ist, dass Menschen im Schnitt Jahr für Jahr leicht zunehmen, vor allem zwischen dem 25. und 45. Lebensjahr. Das kann bei jenen, die ohnehin an der Grenze zum Übergewicht stehen, schlimmstenfalls zu Folgeproblemen wie Diabetes, Herzleiden und Gelenkproblemen führen.

Was gegen den Winterspeck hilft

Wer Schwierigkeiten hat, den Feiertagsspeck gänzlich wieder loszuwerden, sollte die Weihnachtstage bewusst genießen und möglichst langsam essen, bis das Sättigungsgefühl einsetzt und damit übermäßiges Schlemmen verhindert.

Eine Radikaldiät nach den Feiertagen führt hingegen oft zum Jo-Jo-Effekt, einem Auf und Ab des Gewichts, das Essstörungen fördert – und nicht selten eine langfristige Gewichtszunahme zur Folge hat.

Grundsätzlich aber nehmen wir im Winter deutlich weniger zu, als die meisten Menschen befürchten. Das stellte sich heraus, als die Teilnehmer einer Studie schätzen sollten, wie viel Gewicht sie während der Winterzeit zugelegt hatten.

Das Ergebnis: Im Schnitt war die vermutete Gewichtszunahme von fast 1,6 Kilogramm gut viermal so groß wie die tatsächliche von rund 400 Gramm. Mehr als der Winterspeck macht uns also offenbar das schlechte Gewissen zu schaffen.