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Tierhaltung Sollte man auf Honig verzichten?

Unwiderstehlich süß und voller intensiver Aromen: So verführt Honig seit Jahrtausenden. Viele Menschen verzichten heutzutage aber auf die Köstlichkeit, weil sie befürchten, dass die Bienen bei deren Produktion durch Imker leiden. Zu Recht?
Sollte man auf Honig verzichten?

Begehrte Speise: Die Deutschen lieben Honig: Ein gutes Kilogramm der bekömmlichen Kost verzehrt jeder Bundesbürger pro Jahr im Mittel. Für jedes Gramm Honig müssen Bienen Tausende Blüten anfliegen

Seit Jahrtausenden übt der goldgelbe Naturstoff eine geradezu magisch anmutende Anziehungskraft auf den Homo sapiens aus. Felsenzeichnungen zeugen davon, wie schon die Menschen der Steinzeit Honig von wilden Bienen sammelten. In der Antike priesen Poeten die süße Kost als „Speise der Götter“. Im Koran wird seine heilsame Wirkung gelobt, und christliche Gelehrte sahen in ihm ein Bild für die „Zärtlichkeit Gottes“. Dabei wirkt die chemische Zusammensetzung zunächst banal: Honig besteht zu gut 80 Prozent aus Zuckerarten wie Fruchtzucker (Fruktose), Traubenzucker (Glukose) und weiteren Zweifach- und Mehrfachzuckern sowie im Mittel aus 17 Prozent Wasser. Und doch ist er mehr als eine einfache Zuckerlösung. Sein Geheimnis liegt in der besonderen Komposition – und in den verbleibenden rund drei Prozent.

Sollte man auf Honig verzichten?

Denn Honig kann je nach Sorte bis zu 200 chemisch komplexe Substanzen enthalten. Sie verleihen ihm eine Vielfalt von Aromen, die weitaus größer ist als bei den meisten Lebensmitteln, die der Natur entnommen werden. Honig kann nach Orange oder Karamell schmecken, minzig oder malzig, nussig oder harzig. Mal frisch, mal bitter, mal fruchtig, mal herb. Fast immer: ein furioses Erlebnis im Gaumen. Und doch verzichten einige Menschen ganz bewusst auf diesen Genuss. Konsequente Veganer etwa lehnen den Konsum von Honig ab. Ihre Kritik: Eigentlich produzierten die Bienen den süßen Stoff, um sich und ihren Nachwuchs zu ernähren und die kalten Wintermonate zu überstehen. Der Mensch dürfe den Insekten diese Notration nicht stehlen.

Der lange Weg zum Honig

Klar ist: In der goldig schimmernden Substanz steckt enorm viel Arbeit. Honig ist ein logistisches Meisterwerk, vollbracht von Apis mellifera, der Honigbiene. Zu Tausenden bilden die Insekten einen Staat, der als Kolonie in einem gemeinsamen Nest lebt, von dem aus sie nach Nahrung suchen. Millionen Kilometer Gesamtstrecke
legen die Tiere eines Bienenvolks in der Sommersaison zurück. Millionen Blüten fliegen sie an, um Nektar zu sammeln: jenen süßen Saft, den Blütenpflanzen produzieren, um Insekten
anzulocken. Im Bienenstock – der vom Imker eingerichteten Behausung des Volks – lagern sie ihre Beute in Waben ein.

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Den Baustoff dafür, Wachs, stellen die Bienen in speziellen Drüsen selber her und schwitzen es in hauchdünnen Schüppchen aus. Die kneten sie anschließend durch, formen sie zu einem
kleinen Wachsball und erhalten so eine perfekte Konsistenz für die Weiterverarbeitung. Jede entstehende Wabenzelle ist sechseckig, jede Wand grenzt exakt im Winkel von 120 Grad an die nächste. Diese Waben sind Kinderstuben für den Nachwuchs, aber auch Vorratskammern für die eiweißreiche Pollennahrung – und Honigspeicher. Der Imker nimmt den Insekten
einen Teil ihrer Honigvorräte. Im Gegenzug erhalten die Tiere von ihm eine nahrhafte Zuckerlösung – und er hilft ihnen im Kampf gegen Parasiten wie etwa die blutsaugende Varroa-Milbe.

Das Leben der Bienen

Von diesen Eingriffen abgesehen, können Honigbienen aber größtenteils ein freies Leben führen und zumeist ihrem ureigenen Wesen folgen. Denn ein an Bienenstaat ist keine Massentierhaltung, sondern ein natürliches, hochkomplexes soziales System. Bis zu 50 000 Tiere scharen sich darin im Sommer um die Königin, das einzig fortpflanzungsfähige Weibchen des jeweiligen Volkes. In dieser Gemeinschaft hat jedes Individuum eine klare Aufgabe: Manche putzen die Zellen, andere füttern die Larven oder produzieren Wachs oder bauen die Waben. Wieder andere bewachen den Eingang des Nestes. Und jede Biene durchlebt im Laufe ihres Daseins all diese Funktionen. In ihrer zweiten Lebenshälfte, also im Alter von etwa drei Wochen, wird sie zur Sammelbiene. Für wenige Wochen fliegt sie dann aus, um Nektar, Pollen, Harze und Wasser zu sammeln. Die Insekten können bei einem Ausflug bis zu maximal zehn Kilometer zurücklegen, doch meist suchen sie die nächstgelegene Nahrungsquelle und entfernen sich nicht weiter als zwei bis vier Kilometer vom Nest. Anders als etwa Hummeln sind sie bei einem Flug einem Blütentyp treu. Wenn sie im Umkreis die gleiche Pflanzenart finden, steuern sie die immer wieder bevorzugt an – so lange, wie diese Futterquelle ergiebig bleibt. Daher entstehen manchmal fast sortenreine Honige, etwa von Raps, Klee oder Heidekraut.