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München Update für die Volksmusik

Auf der "Oidn Wiesn" sorgen Bands wie Kofelgschroa und Moop Mama für schräge Töne. Blechmusik gilt neuerdings als gesellschaftsfähig
Update für die Volksmusik

Liesl Weapon: Die Münchner Künstlerin dichtet Gstanzln, Lieder aus dem Stegreif, und singt zu Akkordeonklängen

Und auf einmal hörten sie alle Volksmusik. Natürlich nicht die volkstümliche Musik mit ihrem Heimatschwulst, zu der im Musikantenstadl geschunkelt wird. Sondern moderne bayerische und, ja, auch patriotisch gefärbte Blasmucke.

Das alles schien unmöglich für einen Großteil der Jugend, bis 2008, als LaBrassBanda ihre erste CD "Habediehre" veröffentlichte, beim Münchner Label Trikont. Sänger Stefan Dettl (der später das bayerische Magazin "MUH" mit gründete) textete selbstbewusst in Mundart, die Chiemgauer Band trat in traditionellen Lederhosen und mit uralten Blasinstrumenten auf.

Weil die exzellent ausgebildeten Instrumentalisten ihre Brass-Musik aber auch nach Balkan, Disco und gar nach Tuba-Techno klingen ließen, drehten sie selbst die größten Skeptiker um. Was peinlich hätte wirken können, war auf einmal hip und identitätsstiftend für die bayerische Jugend. Die konnte endlich so stolz auf den Klang der Heimat sein, wie es die Berliner und Hamburger längst waren. Seinen Höhepunkt erreichte der Hype um die Band 2011 mit ihrem Konzert in der ausverkauften Olympiahalle und dem zweiten Platz beim nationalen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2013.

Inzwischen hat sich neben der Band eine viel beachtete junge bayerische Szene gebildet. Sie darf als Update für das Genre "Neue Volkmusik" gewertet werden, das zuvor von Haindling, Hans Söllner oder den Biermösl Blosn geprägt war und vom durchaus kritischen Blick auf den Freistaat und seine "Mia san mia"-Bräsigkeit lebt.

Heute nennen sich junge Musiker wieder Musikanten, und Dialekt ist kein Hinterdupfing-Makel mehr, sondern phonetische Zierde. Kofelgschroa aus Oberammergau sind ebenfalls bei Trikont unter Vertrag, ihre Werke ebenfalls Tuba-gefüttert. Der Sound der Band ist weniger partytauglich als der von LaBrassBanda, sondern fast meditativ: ständige Wiederholungen, mehrstimmige Gesänge, dazu Akkordeonklänge, molllaunig und daher oft schwermütig. Dass die ehemaligen Straßenmusiker, deren Bandname auf ihren Hausberg Kofel verweist, bei der "Oidn Wiesn" auftreten, dem traditionell gestalteten Teil der modernen Schunkelhölle Oktoberfest, ist bezeichnend für ein neues Heimatverständnis.

Update für die Volksmusik

Kofelgschroa: Die Band hat sich nach dem Hausberg von Oberammergau benannt

Gleichzeitig sind Bands wie Kofelgschroa über die Grenzen des Freistaats hinaus respektiert genug, um im Ausland, gar in Norddeutschland, zu reüssieren. Moop Mama traten schon in Italien, Griechenland und Slowenien auf, dort hingeschickt vom Goethe-Institut. Der Klang der Münchner Urban-Brass-Band lebt von ihren jazzerfahrenen Bläsern, von den beiden Trommlern und von Hip-Hopper Keno (der auf Hochdeutsch rappt).

Mit der Kombination Rap und Bläser experimentierte auch Bayerns bekannteste HipHop-Band Blumentopf. Dass die Freisinger nach gut 20 Jahren Bandgeschichte auf die Idee kamen, 2011 mit der Blaskapelle Münsing mehrere ihrer Lieder neu aufzunehmen, darf als Zeichen für die Renaissance blecherner Musik angesehen werden.

Überhaupt ist die wolperdingerhafte Fusion verschiedener Genres essenziell für den Sound der Musikanten, meist ist nur ein Element ihrer Musik tatsächlich typisch bayerisch. Bei Django 3000 etwa ist es der Text. Die ebenfalls aus dem Chiemgau stammende Gruppe, benannt nach dem Jazzgitarristen Django Reinhardt, spielt Gipsy-Musik und singt dabei von der "Heidi": "Lacht’s da oamoi in dei Gsicht, vergisst as ganze Leben nicht." Von Marianne und Michael vorgetragen, würde der Text als Kitsch gelten, mit Geige und Zupfbass angeheizt ist er ein gesellschaftsfähiger Ohrwurm.

Volksmusik ist also wieder en vogue in Bayern - unumstritten ist ihre neue Form nicht. Das Zusammenschmeißen und -schweißen von Tradition und Zeitgeist, von Heimatverbundenheit und Weltoffenheit wird von manchen Konservativen strikt abgelehnt. Als LaBrassBanda 2014 auf dem Gautrachtenfest in Ruhpolding auftreten sollte, beschwerte sich der Ehrenvorsitzende des Bayerischen Trachtenverbands, Otto Dufter. Das sei "bayerische Rockmusik, das hat mit uns nichts zu tun", sagte Dufter. Die jungen Wilden und die alten Verbohrten - miteinander schunkeln werden sie wohl nicht mehr. Dem neuen Heimatsound wird ein bisschen Disharmonie gewiss nicht schaden.

Hörtipps

Kofelgschroa: Zaun

Zweites Album der viel gelobten Band aus Oberammergau. Trikont, 14,99 €

LaBrassBanda: Übersee

Tanzbarer Blechmusik-Pop. RCALocal, 6,99 €

Bayern 2: Heimatsound

Sampler mit Musik von Moop Mama, Jamaram und anderen bayerischen Bands. Sony Music, 19,99 €

DJ Sepalot: Beat Konducta Bavaria

Ein aus bayerischer Blasmusik zusammengemischtes Hip-Hop-Album, das man sich auf der Homepage des Blumentopf- DJs Sepalot, www.sepalot.com, kostenlos anhören kann.