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Meine skurrilste Recherche

Sieben GEO-Reporter schreiben von ihren merkwürdigsten Erlebnissen
In diesem Artikel
Rolf Bökemeier
Ariel Hauptmeier
Ines Possemeyer
Johanna Romberg
Markus Wolff
Jürgen Schaefer
Jens Schröder

Rolf Bökemeier

Häuptling Raoni vom Volk der Txucarramãe stieg Anfang der 1980er-Jahre zu Brasiliens bekanntestem Indianer auf: Er und seine Krieger hatten mit ihren Keulen zwölf weiße Siedler erschlagen. Weshalb? Das wollten GEO-Fotograf Michael Friedel und ich am Rio Xingù im Mato Grosso herausfinden.

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"Die Siedler haben uns unser Land gestohlen", sagte Raoni. "Die Regierung hat zugeschaut und den Vertrag gebrochen." Er meinte den Friedensvertrag, den Regierungstruppen und die "Roten Rebellen am Rio Xingù" (GEO 2/1983) am Ende eines jahrzehntelangen Guerillakriegs ausgehandelt hatten. Es ging dabei um die indianischen Landrechte. Wir aber kamen als Freunde, denn wir brachten Geschenke mit. Als Raoni freilich gemeldet wurde, es seien Garimpeiros illegal ins Reservat eingedrungen, wurden wir, die Gäste, als Geiseln genommen. "Gegen die schwer bewaffneten Goldsucher sind wir machtlos", bedauerte der Häuptling mit der Furcht erregenden Tellerlippe. "Mit euch können wir unseren Wald von den Eindringlingen vielleicht frei pressen."

Michael und ich konnten uns tagsüber frei bewegen und unserer journalistischen Arbeit nachgehen. Nur nachts bewachten zwei Krieger unsere Gästehütte. An Flucht war nicht zu denken: Wir wären führungslos im Urwald umgekommen. Als die brasilianische Indianerbehörde Funai, mit Raoni über Sprechfunk verbunden, nach vier Wochen immer noch keinen Laut gab, fragte uns der Häuptling, was wir unserem Häuptling in Alemanha wohl wert wären. "Keinen Cruzeiro", schworen wir, wohl wissend, dass uns GEO-Chefredakteur Rolf Winter freigekauft hätte.

"Dann seid ihr ja noch ärmer dran als wir", sagte Raoni mitleidig: "Nichts wert." Und damit waren wir frei. Zwei Krieger eskortierten uns auf dem langen Waldmarsch zum Posto Vigilancia, einem Wachposten der brasilianischen Militärpolizei. Wären wir Gäste statt Geiseln geblieben, hätten wir weit weniger über das Schicksal der Indianer erfahren - eine Geiselnahme als journalistischer Glücksfall.

Ariel Hauptmeier

Es gab das Versprechen, die Welt für einige Tage zu verlassen. Die Aussicht, sich für eine Weile im Nichts des Treibeises zu verlieren und dabei sich selbst zu finden. Auf einer Eisscholle durchs Polarmeer zu driften, hatte unser Reiseleiter Robert Peroni erklärt, sei eine !Expedition mit dem Kopf, mit dem Herzen und mit der Seele". Eisschollen seien "Energieplätze im Eis", in denen "Freiräume des Geistes" erfahrbar würden. Sich treiben zu lassen, hieße das nicht vor allem, loslassen zu können?

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So beluden wir eines schönen Julimorgens in Tasiilaq, Ostgrönland, ein Boot, fuhren hinaus in das alabasterne Trümmerfeld des Polarstroms, wählten eine Scholle und ließen uns darauf nieder: vier Reisende, zwei Helferinnen und eben jener Robert Peroni, der Grönland zu Fuß an der breitesten Stelle durchquert hat und nun Abenteuerreisen verkauft.

Bald saßen alle schweigend auf der Scholle, versenkt ins Panorama: Zwischen Streifen dunklen Wassers trieb Eis, unübersehbar viel Eis, vom Wind, den Wellen und der Sonne zu fantastischen Skulpturen geformt. Hier ein Schneckenhaus. Dort ein Amboss. Weiter hinten, ragte da nicht eine Kirchturmspitze aus dem Wasser? Und weiter draußen im Polarstrom: schneeweiße Mehrfamilienhäuser, Kirchen, Ritterburgen - allesamt Eisberge, die stolz nach Süden zogen, ihrem Verschwinden entgegen. Alles floss, alles trieb, nichts hatte Bestand in dieser wundersamen Welt aus weißen Scherben.

Es wurde Abend. "Spürt ihr etwas?", fragte irgendwann einer aus der Gruppe. Alle lachten erleichtert auf. Nein, niemand spürte etwas, niemand hatte die "Freiräume des Geistes" betreten, von denen Robert Peroni so wortreich zu schwärmen wusste. Nun spotteten wir über diesen esoterischen Unsinn. Aber klang nicht auch Enttäuschung durch, hatten wir nicht zu gern Peroni glauben wollen, hoffend auf ein Erlebnis, das uns verändern würde, eine profane Erleuchtung im Eis?

Früh am nächsten Morgen, nach nur 20 Stunden, rückten die Schollen immer enger, immer bedrohlicher zusammen, wir mussten zurück. Auf der Rückfahrt nach Tasiilaq schwiegen wir, müde, ergriffen, enttäuscht. Wir wussten nicht, was diese Reise zu bedeuten hatte. Doch nicht lange, da begannen wir von unserem Ausflug ins Polarmeer zu erzählen, und je öfter wir davon erzählten, desto klarer wurde uns: Es ist eine gute Geschichte.

Ines Possemeyer

Über Shimla lag dichter Nebel, als der Einbrecher kam. Die verwinkelten Treppenwege zerflossen nach wenigen Metern in milchigen Schleiern, nichts gab die Stadt preis von ihrem moosüberzogenen Fachwerk, mit dem sich die Engländer einst im nordindischen Himalaya eine zweite Heimat geschaffen hatten. Ich brach meine erste Exkursion ab und kehrte ins Hotel zurück. Im Korridor flatterten Inderinnen in bunten Saris vorbei, leuchtend und schön wie Schmetterlinge. Schwerfällig drehte sich der Messingschlüssel im Schloss von Room 305, über die Jahrzehnte steif geworden. Dann betrat ich ein Stück altes England: Holzvertäfelung, ausgetretenes Parkett, ein Segelschiff in stürmischer See über dem Bett.

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Jemand war hier gewesen. Meine Reiseapotheke lag durchwühlt auf dem Schreibtisch. Eine Dose Magentabletten war halb leer. Das Alkoholfläschchen fehlte. Außerdem eine angebrochene Tüte Chili-Chips. Alles andere war unberührt, auch meine Kamera aber lag noch da. Ein Dieb mit merkwürdigem Geschmack. Pillen lagen verstreut auf dem Weg zum Fenster. Ich hatte es offen gelassen, schließlich lag das Zimmer im dritten Stock. In der Tiefe glaubte ich, die Chips-Tüte zu entdecken. Dann hörte ich in der Nähe kurze, schrille Schreie. Ein schnelles Trappeln über Wellblech, ein Sprung von Dach zu Dach. Der Dieb - ein Affe!

Als der Nebel am nächsten Tag die Stadt für kurze Zeit frei gab, offenbarte sich das ganze Bandenwesen. Affenhorden saßen auf Häusern und Bäumen, flanierten über Stromleitungen und beschimpften Passanten. Laternenpfähle und Fenster waren mit Stacheldraht vor ihren Besuchen gesichert, Satellitenschüsseln und Blumentöpfe durch Käfige geschützt. Shimla war eine Stadt hinter Gittern. Die Diebe aber waren frei.

Johanna Romberg

Wenn meine Kollegen etwas erleben wollen, fliegen sie nach Kabul, wandern durch antarktische Trockentäler oder tauchen ab in die Seetangwälder vor Südafrikas Küste. Ich brauche gar nicht so weit zu fahren. Meine Abenteuer beginnen bereits in der Eingangshalle des Flugha-fens oder im Frühstücksraum des Hotels. Schon nach den ersten suchenden Schritten Richtung Check-in-Counter oder Kaffeemaschine spüre ich sie wieder - diese merkwürdige Gewissheit, dass es zwischen den meisten Menschen und den Dingen des täglichen Lebens eine Übereinkunft gibt, an der ich nicht teilhabe.

Da sind, zum Beispiel, Zeichen und Zahlen, die Fluggäste zum richtigen Abflugterminal leiten. Alle Fluggäste - nur mich nicht. Schon mehrfach habe ich mich nach langem Fußmarsch über Gumminoppenböden in einer Abfertigungshalle für Luftfracht wiedergefunden. Oder bin beim Versuch, meinen Mietwagen zurückzugeben, beinahe auf dem Rollfeld gelandet.

Auch das Frühstücksbüfett, erfunden, um Hotelgast und Brötchen auf zeitsparende Art zusammenzuführen, stellt für mich eine visuelle und motorische Überforderung dar. Während andere längst genussvoll ihr Croissant eintunken, halte ich noch zwischen Konfitüreschälchen und Heißwasserspender nach Kaffeelöffeln Ausschau. Und wenn ich dann endlich meinen Kaffee trinke - schwarz natürlich, denn ich habe die Sahne mit Frischkäse verwechselt -, macht sich ein Kellner daran, die Cornflakes-Lawine aufzufegen, die ich durch fehlerhafte Bedienung des Cornflakes-Spenders ausgelöst habe.

Im Laufe vieler Dienstreisen habe ich mittlerweile einen gewissen Kampfgeist entwickelt; und eine große Solidarität mit Menschen, denen es ähnlich geht wie mir. Neulich, auf einer Zugfahrt nach Berlin, konnte ich einem Ehepaar helfen, das mit seinen Koffern durch einen vollbesetzten ICE irrte. Wo, um Himmels willen, steht bloß die Wagennummer? Ich zeigte lässig auf die Digitalanzeige neben der Tür des Großraumabteils. Und kam mir dabei einen Moment lang unglaublich weltläufig vor.

Markus Wolff

Ich weiß nicht, ob ich schon mal ein richtiges Abenteuer erlebt habe. Aber ich bin mehrfach um Haaresbreite daran vorbeigeschrammt. In Südafrika, beispielsweise, hatte ich mich zum Käfigtauchen mit Weißhaien überreden lassen. Als wir einige Tage später mit dem Boot ausliefen, war das Meer so unruhig, dass wir den Käfig nicht ins Wasser lassen konnten. Der Kapitän sagte, damit sich die Fahrt lohne, sollten wir einfach nach Walen Ausschau halten. Wir sahen aber nichts als meterhohe Wellen. Nach einer halben Stunde musste ich mich übergeben. Dann fuhren wir zurück.

Ein spektakuläres Winterabenteuer hätte ich beinahe im Himalaya erlebt. Dorthin war ich gereist, um über die indische Ski-Szene zu berichten. Statt Steilhänge im Pulverschnee hinunter zu rasen, fand ich mich allerdings auf einem riesigen, ebenen Plateau wieder, an dessen Rändern kleine Garküchen und Verleihstände standen. Ich suchte mir den dunkelsten Verleih aus, wo mir ein älterer Herr ein paar Ski und einen langen, braunen Kunstfellmantel reichte. Als ich beides angelegt hatte, schob mich der Inhaber durch den im Eingang hängenden Vorhang auf das Plateau, wo ich etwa 20 indischen Touristen begegnete, die sich mit großer Selbstverständlichkeit und ebenfalls in Kunstfellmäntel gehüllt von anderen Skiverleihern über die Ebene schieben ließen. So ging das etwa eine halbe Stunde, bis ich an einem kleinen Essensstand geparkt wurde. Zum Après-Ski aß ich Reis mit Sauce.

Das mit Abstand größte Abenteuer verfehlte ich aber in der Südsee, wo ich fast ein unbekanntes Volk entdeckte. Erst einige Wochen zuvor habe es sich der Zivilisation geöffnet, versicherte mir der Tourismusbeauftragte der Insel leise, während wir auf dem Dorfplatz dem Tanz einer Gruppe spärlich bekleideter Menschen beiwohnten. Wie ärgerlich, dachte ich, dass man für die größten Abenteuer manchmal einen Atemzug zu spät kommt. Dann kaufte ich dem Dorfältesten eine CD mit Originaltanzmusik ab.

Jürgen Schaefer

Aus den Käfigen stank es bestialisch, vor allem an den gewittrigen Tagen. Dann waren die Löwen fahrig, grob, gereizt, kratzten sich an den Gitterstäben die Nasen blutig. Sie fauchten alles an, was in die Nähe kam. An so einem Tag holte mich Landy, der Löwenbändiger, in die Manege. Umo, Danger, Joaquín, Killer, Simba und Triunfo, Furia und Paleco hießen die Tiere. Hager waren sie alle: Schon eine normale Familie zu ernähren war in Kuba schwierig. Genügend Fleisch für eine Löwensippe zu besorgen: ein Kunststück. Aber Landy liebte seine Löwen. Er hatte seine Wohnung verloren, weil er den neunten Löwen als Haustier hielt.

Einmal stieg er mit einem T-Shirt in die Manege, das die Flagge der USA zeigte. Hatte er keine Angst vor den Funktionären? "Ich gehe mit acht Löwen in einen Käfig. Da soll ich Angst haben vor der Partei?", fragte er zurück. Aber auch Landy mischte sich nie unter die Meute, ohne in der Hosentasche einen aus Glasperlenketten geflochtenen Ball zu tragen: Ossayn. Sein Santería-Gott.

Als er mich in die Manege holte, unter Beifall und Spott der Zuschauer in Camagüey, tat ich so, als hätte ich keine Angst: Landy, das Alphatier mit dem zerdrückten Gesicht und dem vernarbten Körper, legte den Arm um mich, führte mich durchs Gatter. Die Löwen senkten den Blick und wichen widerwillig zurück. Landy schwang die Peitsche, und wir schritten durch einen Korridor aus wütendem Gebrüll. Das Ganze dauerte nicht mehr als zwei, drei Minuten.

Am Ende stank ich mindestens ebenso sehr wie die Raubtiere.

Jens Schröder

"Der Präsident hat keine Eier. "El presidente no tiene cojones." Dieser Satz kommt in keinem Sprachführer für Reisekauderwelsch vor. Vermutlich zu Recht. Mir hat er aber einmal sehr geholfen. Im Sommer 1998 war das, ich war im Hochtal von Baños, Ecuador. Und ich saß in der Falle.

Zugegeben, es war eine schöne Falle. Sie bot angenehm warmes, leicht rostiges Thermalwas-ser, in dem man sich abends aalen konnte. Der Blick schweifte über grüne Kordilleren-Hänge. Und in den durchaus mit den Bedürfnissen westlichen Geschmacks vertrauten Lokalen wurde weiter serviert, als wäre nichts passiert. Allerdings: Jeden Tag verschwand ein Produkt von den Speisekarten. Wütende Taxi- und LKW-Fahrer hatten wegen einer Benzinpreiserhöhung den Verkehr im ganzen Land für Wochen lahm gelegt. Nirgends war ein Durchkommen. Und aus Baños auch: kein Fortkommen.

In den Cafes spekulierten die Touristen über Auswege: Einfach ausharren? Oder zu Fuß nach Quito durchschlagen? 100 Kilometer Panamericana, vorbei an brennenden Barrikaden, deren Bewacher dem Vernehmen nach gegenüber ausländischen Fußgängern immer misstrauischer wurden?

Ich musste meinen Rückflug erreichen. So machte ich mich mit einem mir bis dahin unbekannten Franzosen im Morgengrauen auf den Weg. Gerüstet mit jenem wunderwirkenden, barrikadenbrechenden Satz vom entmannten Präsidenten. Denn: Zwei Europäer mit so niedriger Meinung vom benzinverteuernden Machthaber mochten die Streikenden nicht drangsalieren. Vielmehr wurde wir regelmäßig zu einer Tasse Matetee genötigt und unter Schulterklop-fen durch die Sperren geleitet.

Die Protestierenden ahnten nicht, dass wir schon hinter der nächsten Kurve sehnsüchtig nach ihren Feinden, den Streikbrechern mit ihren Pick-ups, Ausschau halten würden, um uns unter großer Geheimniskrämerei und gegen Zahlung von Unsummen ein paar Kilometer mitnehmen zu lassen. Immer gerade bis außerhalb der Sichtweite der nächsten Barrikade, deren Bewacher uns ja wieder zu Fuß, solidarisch und lauthals präsidentenschmähend um die Kurve kommen sehen sollten...

Wir erreichten Quito in zwei Tagen. Und exakt an jenem Vormittag, an dem der Streik zu Ende ging. Unser Abenteuer war unnötig gewesen. Aber: Sind das nicht alle guten Abenteuer?

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