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REISEN. ENTDECKEN. ERLEBEN

Von großen und kleinen Helden

Für das Heft "Die großen Abenteuerreisen" hat sich GEO Special Verstärkung in die Redaktion geholt: den Autor und passionierten Bergsteiger Tom Dauer aus München. Er hat sich Gedanken darüber gemacht, warum immer mehr Menschen von Abenteuerlust gepackt werden. Und wie sich das, was ein Abenteuer ist, gewandelt hat
In diesem Artikel
Die höchsten Berge besteigen
Wie das Abenteuer zum Erlebnis wurde
Ich reise, also blogge ich
Themen im Heft

Die höchsten Berge besteigen

Wer in einer Gruppe reist, begegnet neben dem Fremden und sich selbst mitunter einem interessanten Typus: Dieser wandert etwa gerade durch den marokkanischen Hohen Atlas, um dabei von der kargen Schönheit Ladakhs zu schwärmen. Oder er stemmt sich in Patagonien gegen den Wind, zugleich die eisige Wildnis von Spitzbergen rühmend. In der Regel hat dieser Reisende sehr viel von der Welt gesehen. Man wundert sich nur, wie er deren Vielfalt so genau beschreiben kann - scheint er doch selten mit allen Sinnen dort zu sein, wo er gerade ist.

Nun mögen die Erzählungen dieser Globetrotter nicht immer et-was mit der Wirklichkeit zu tun haben. Dem Reisen inhärent ist es eben auch, seine Erinnerungen an Länder, Sitten und Gebräuche zu mystifizieren. Der verschwenderische Einsatz von "conversation currency" - der Summe an Erlebnissen, die man seinem Gesprächspartner auftischen kann - beweist darüber hinaus: Es gibt noch Menschen, die ihre Abenteuer als Vehikel der Distinguierung betrachten.

Jeder kann heute die höchsten Berge besteigen

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Der Autor und passionierte Bergsteiger Tom Dauer

Tatsächlich gab es eine Zeit, da wurden Männer zu Helden, wenn sie eine Bewährungsprobe, eine "âventiure", bestanden hatten, zum Beispiel einen Alleingang auf den Mount Everest oder eine Überquerung des Atlantiks im Ruderboot. Menschen, die heute solche Leistungen vollbringen, haben es nicht leicht: Jeder, der gesund, fit und bereit ist zu leiden, kann inzwischen die höchsten Berge der Welt besteigen, die dichtesten Dschungel erkunden, die trockensten Wüsten durchqueren, die wildesten Flüsse befahren. Wer dies bedauert, wer die Demokratisierung des Abenteuers samt seiner Kommerzialisierung beklagt, beklagt zuvorderst eine verloren gegangene Exklusivität. Das ist ein Abwehrreflex: Niemand, der vom Abenteuer lebt, der sich durch seine Taten profiliert, will, dass diese nachvollziehbar sind. Im Zeitalter seiner Buchbarkeit ist das Abenteuer, das um seiner selbst willen bestanden wird, jedoch zum kollektiven Gut geworden. Und das ist gut so.

Freilich ist es auch heute nicht dasselbe, ob jemand allein die Arktis von Russland nach Kanada durchquert oder sich mit einer geführten Gruppe den letzten Breitengrad zum Nordpol erwandert. Richtige Abenteuer bleiben auch im Zeitalter von Satellitentelefon, GPS und Hubschrauberbergung gefährlich. Man kann an ihnen scheitern. Und man kann dabei sterben. Zum Glück gibt es nur wenige Hasardeure, die bereit sind, für ein Abenteuer ihr Leben zu riskieren.

Wie das Abenteuer zum Erlebnis wurde

"Abenteuer" ist ein sehr subjektiver Begriff - und er bezeichnet heute nicht allein jene einsamen, mühseligen, emotionalen Grenzgänge, die den Leistungsfetischismus und Organisationsdruck moderner Gesellschaften konterkarieren wollen, ihn aber doch nur in die Wildnis transportieren. Der Begriff "Abenteuer" bezeichnet heute auch das, was man ebenso gut "Erlebnis" nennen könnte: ein Wanderritt über die Alpen, eine Seekajaktour entlang der sardischen Küste, eine Australienreise auf dem Fahrrad, alles unter Anleitung, mit vorbereiteten Lagern und ohne selbst kochen zu müssen.

Die Aufweichung dessen, was Abenteuer meint, hängt eng damit zusammen, dass sich seine Funktion geändert hat. Gab sich der Mittelstandsbürger lange Zeit damit zufrieden, anderen beim Erleben, Wagen, Heimkommen zuzusehen, so will der Abenteuerlustige von heute seinem Alltag tatsächlich den Rücken kehren - und sei es für einen begrenzten Zeitraum.

Abenteuerreisen dienen als Gegenentwurf: Spontaneität statt Routine, Selbst- statt Fremdbestimmung, Körperlichkeit statt Kopfarbeit. Wer das Abenteuer sucht, will seine Routinen, seine gewohnte Umgebung hinter sich lassen. Dazu reisen Menschen in die entlegensten Winkel der Welt - dass sie dort nicht selten auf die Reisegruppe eines anderen Abenteuerveranstalters treffen, mindert das eigene Erlebnis kaum. Es führt lediglich dazu, dass die Illusion der Individualität als solche entlarvt wird.

Das Erbe der Entheroisierung

Wer sich bewusst macht, im Glauben an seine Außergewöhnlich-keit dem schönen Schein aufgesessen zu sein, sieht die Dinge klarer. Akzeptiert man darüber hinaus, dass das Trekking in Peru, der Tauchtrip in die Südsee, die Fahrt mit der Transsib das geworden sind, was früher die Sportschau war - nämlich das, worüber man sich am Arbeitsplatz unterhält -, können Abenteuerreisen, ihrem Image zum Trotz, sogar gemeinschaftsstiftend wirken.

Ich reise, also blogge ich

Erbe dieser Entheroisierung ist eine Teilgesellschaft, die Fernreisen und Extremsportarten so selbstverständlich zu ihrem Leben zählt wie DSL-Flatrates und iPods. Ihre Vertreter zeichnen sich weniger durch ihr biologisches Alter als ihr geistiges Jungsein aus. Für sie sind Abenteuer das, was früher Rock’n’Roll war. Damit produziert ihre Welt in den Worten des Sportsoziologen Karl-Heinrich Bette "funktionale Äquivalente zu jenen Sozialfiguren, die in außersportlichen Bereichen als 'poète maudit', 'Easy Rider', 'lonesome cowboys' oder andere Originalgenies reüssierten, aber mit ihrer demonstrativen Randständigkeit, Außeralltäglichkeit und Opposition schon längst ihren Platz in der Gesellschaft gefunden haben." Abenteurer sind damit, selbst wenn sie sich als randständig begreifen, zu Stützen der Alltagswelt geworden. Dies gilt für Einzelne ebenso wie für Szenen, deren Zusammenhalt aufgrund spezifischer Codes in Sprache, Kleidung und Ausrüstung funktioniert.

Ich reise, also blogge ich

Die Allgegenwart des Abenteuers in Büchern, TV-Sendungen und Weblogs hat daran einen nicht unerheblichen Anteil. Lautete eine Maxime des Reisenden, des Abenteurers von einst: "Je mehr man erlebt, desto mehr ist man.", so muss es heute heißen: "Je mehr man sein Erleben erlebt, desto mehr ist man." Es geht nicht mehr allein darum wegzufahren, heimzukommen und zu erzählen. Es geht auch darum zu veröffentlichen, sein Tun und sich selbst auf medialen Oberflächen zu spiegeln. Erst durch ihre Reproduktion, so scheint es, gewinnt eine Tat an Wahrhaftigkeit - weshalb sich das Pingpongspiel aus Erleben und Wiedergeben zunächst beschleunigt und schließlich verselbständigt.

Im Umkehrschluss: Eine Expedition, die nicht bloggt, ist auch keine, zumindest zählt sie nichts im Netzwerk von Aktiven, Sponsoren und Medien. Als der italienische Bergsteiger Simone Moro, selbst ein Vorreiter in Sachen Internetkommunikation aus der Wildnis, zum Versuch einer Winterbesteigung an den Cerro Torre kam, traf er auf zwei weitere Bergsteiger. Die waren, ohne Selbstdarstellung, nach Patagonien gereist. In den "Latest News" auf www.mounteverest.net wurden sie zu "ghost climbers". Als ob es sie, weil nicht virtuell, auch real nicht geben dürfte.

Abenteuer, die alltäglich werden

Da man als normaler Abenteuerreisender im Tun Befriedigung findet, muss man sich mit derartigen Seinsfragen zum Glück nicht auseinandersetzen. Im Gegenteil: Je mehr das selbstreferentielle Abenteuer Teil des Alltags wird, umso unbefangener wird der Umgang mit ihm. Man braucht dazu nur in die Großstädte zu gehen, die längst als Abenteuerrefugien entdeckt wurden. Nicht nur von Skateboardern, die in München ebenso zur Bayerischen Staatsoper gehören wie Anzug- und Abendkleidträger. Auch Kletterer, Mountainbiker, ja sogar Wellenreiter haben das Urbane für sich entdeckt. Und "Traceure", die sich aberwitzig athletisch zwischen Häuserschluchten bewegen, sind auf ein Ambiente aus Beton und Stahl sogar angewiesen.

Themen im Heft

Wenn sich das Abenteuer so einen Weg in die Stadt sucht, ist es ganz natürlich, dass im Umkehrschluss die Wildnis zu Erlebniszwecken domestiziert wird. Besonders schön ist dies in verschiedenen Alpentälern zu beobachten, deren Gemeinden den Bau von Steiganlagen auf zuvor nur für Kletterer erreichbare Gipfel finanzieren. Und im Stubaital bei Innsbruck eröffnete 2007 gar der "1. Adventure Park Tirols" - dessen Name ein Realität gewordenes Paradox bezeichnet. Dass Abenteuer, wie abenteuerlich sie auch immer sein mögen, so für jedermann erlebbar werden, ist vielleicht nicht das Schlechteste, was der Menschheit passieren kann.

Themen im Heft:

Gipfeltreffen: Bertrand Piccard über die Faszination des Unbekannten. Ich habe meinen Traum erfüllt: Menschen erzählen. Die Tour des Lebens: Allein durch Afrika. Nordpol für Anfänger: Das organisierte Erlebnis. Südsee: Tauchen im Hai-Domizil. Urlaub als Forscher: Einsatz für eine bessere Welt. Abenteuer vor der Haustür: Eine Deutschlandreise. Wissenschaft: Was treibt uns? Atemraubend schlafen: Wo die Unterkunft das Erlebnis ist. Die 50 spannendsten Reisen: Ausgewählte Abenteuer - mit Schwierigkeitsprofil "leicht", "mittel", "extrem". Preisrätsel: Antarktis-Reise zu gewinnen.

Das neue GEO Special "Die großen Abenteuerreisen" umfasst 156 Seiten, kostet acht Euro und ist ab 30. Januar im Zeitschriftenhandel erhältlich.