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Leseprobe: Der Mann, der es mir leicht macht Leseprobe: Der Mann, der es mir leicht macht

Lastenschlepper im Himalaya tragen Rucksäcke, Rinderhälften, Öfen – und bringen damit Touristen wie Wissenschaftler gleichermaßen zum Staunen. Ebenso unseren Autoren

Der Mann rechts ist Badhra Tamang. Zumindest ein Teil von ihm. Es ist vielleicht nicht seine bessere, aber

vermutlich seine stärkere Hälfte. Tamang ist ein porter, einer von Tausenden in den nur schwer zugänglichen Höhen des Himalaya. Ohne sie bräche hier die Versorgung zusammen, man könnte auch sagen: Ohne sie läuft nichts. Denn ihr Arbeitsplatz ist dort, wo es keine Straßen gibt, nur Wege. Mitunter sind es bloß staubige Pfade, zu steil selbst für Lasttiere. Über diese Routen tragen Männer wie Tamang, was an andere Orte ganz selbstverständlich mit Lastwagen oder Zügen gelangt: Wasser, Eier, Öfen, Baumaterial, Rinderhälften, Regenrinnen. Auch Gepäck von Touristen, so wie meines. Badhra Tamang ist der Mann, der es mir leicht macht.

Eine verblüffend unscheinbare Gestalt ist er. Mit der Kraft eines Gewichthebers und der Statur eines Jockeys: klein, schmächtig, vermutlich nicht mehr als 60 Kilo schwer. So wie die meisten seiner Kollegen, die mitunter das Doppelte ihres eigenen Gewichts tragen. 90, 100, 120 Kilo wiegen die Lasten manchmal. Eine Fracht von 30 Kilo? Da winken erfahrene porter ab. Uninteressant. Denn bezahlt wird per Kilo; nur wenn die Männer für Touristen arbeiten, gibt es Pauschalen. Etwa fünf Euro pro Tag. Kürzlich hat Tamang einen Kühlschrank von Lukla ins knapp 600 Meter höher gelegene Namche Bazar geschleppt: 11 Cent bekam er nach zwei Tagen pro Kilo, etwa 6,70 Euro insgesamt. Ein Viertel davon muss er an den Mann abführen, der ihm den Auftrag vermittelt hat, seinen Spediteur sozusagen. Der Weg nach Namche Bazar zählt zu den frequentiertesten im Land. Bis zu 1000 Träger sind auf Pfaden

wie diesem manchmal zur gleichen Zeit unterwegs, wie große Ameisen, die komplett unter ihrer Last verschwinden. Heute Vormittag wurde ich bereits von einem Stapel Stühle überholt und einmal von fünf Spanplatten. Aus der Ferne schien es dann, als würden sie den Anstieg hinaufschweben.

Das Arbeitsgerät ist simpel: Ist die Ladung nicht zu sperrig, braucht ein Träger nur das namlo, ein breites Stirnband, und einen Korb, den doko. In dem stapelt er die Waren. Schweres nach unten, Zerbrechliches und lebende Tiere nach oben, Hühner zum Beispiel. Ist Zeit für eine Pause, stützt er sich mit dem Korb auf einen T-förmigen Stock, den tokma. Meist stellt sich Tamang in den Pausen zum Plaudern mit anderen Trägern zusammen. Junge Männer, runzlige Alte, die meisten in gebrauchten T-Shirts, die sie von Touristen geschenkt bekamen. Statt Wanderstiefeln tragen sie zerschlissene Turnschuhe, in denen sie mit der Sicherheit einer Bergziege auch über die steinigsten Passagen tänzeln. Nicht selten kommen uns auch porter entgegen, die voll beladen zu Tal hasten – in Badelatschen, als wären sie nur auf dem Weg zur nächsten Kneipe und nicht für Tage unterwegs.

Woher stammt diese Kraft? „Stemmst du heimlich Gewichte, Badhra?“ Da lächelt er nur aus seinem verschwitzten Gesicht. Ist sein Körper anders als meiner? Liegt es an seiner Technik? Längst fragen sich das nicht nur staunende Reisende, sondern auch Wissenschaftler. Ein belgisches Forscherteam von der Katholischen Universität Leuven fand heraus, dass nepalesische porter 20 Prozent ihres eigenen Gewichts tragen können, ohne zusätzliche Energie zu verbrauchen. Für die Untersuchung begleiteten sie acht Träger, die regelmäßig die etwa 160 Kilometer lange Strecke von Kathmandu bis in die Nähe des Mount Everest zurücklegen, inklusive eines Auf und Ab von mehr als 14 000 Höhenmetern. Am Schluss stand fest: Die nepalesische Kombination aus Tragetechnik, Tempo und Häufigkeit von Pausen ist die wirtschaftlichste weltweit. Noch effizienter als jene afrikanischer Frauen, deren Transportmethode bislang als die beste galt. Doch offenbar haben ihnen Männer wie Tamang den Rang abgelaufen – bei glei­chem Energieverbrauch können sie ein Drittel mehr tragen.

Was nicht bedeutet, dass die Arbeit nicht anstrengend, gar gefährlich ist. Immer wieder kommt es zu Unfällen wegen schlechter Ausrüstung oder Zeitdruck: verstauchte Knöchel, Er­frierungen, Höhenkrankheit. Nur Schäden an der Wirbel­säule gibt es kaum, weil das Gewicht von den Trägern gut zwischen Kopf und Rücken ausbalanciert wird. „Ein paar Ruhe­ta­ge, und der Körper ist erholt“, hat mir ein Arzt in Lukla gesagt.

Ich könnte noch viel über diese täglichen Kraftakte er­zählen. Aber ich muss los, sonst hole ich mein Gepäck nicht mehr ein – Tamang ist schon wieder 100 Meter voraus. Er will bald nur noch für Touristen tragen. Das, sagt er, wäre endlich ein­mal ein Schritt, der ihn wirklich voranbringen würde.

Leseprobe: Der Mann, der es mir leicht macht

Auch nach Jahren als Rückgrat eines Trägers weist diese Wirbelsäule keine merklichen Schäden auf. Grund ist eine spezielle Technik der Männer, die eher die Nackenmuskeln fordert