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Hunsrück-Hochwald So wundervoll chaotisch ist Deutschlands jüngster Nationalpark

Wo Natur wieder Natur sein darf: In Deutschlands jüngstem Nationalpark Hunsrück-Hochwald ersetzt Wildnis bald die früheren Forstplantagen – und überall entsteht neues Leben
Europäische Wildkatze

Auch im jüngsten Nationalpark der Bundesrepublik wieder anzutreffen, die Europäische Wildkatze

Wie eine etwas zu wohlgenährte Hauskatze liegt sie da auf ihrem Ast im Wildfreigehege und döst: grau-braunes verwaschenes Fell, dichter Schnurrbart, Öhrchen, die im Halbschlaf zucken. Doch kaum richtet sie sich auf, um ausgiebig zu gähnen, zeichnen sich unter dem Pelz ordentliche Muskelpakete ab. Ein dunkler Streifen ziert ihren Rücken, der buschige Schwanz endet in schwarzen Ringeln. Das ist keine Whiskas-Mieze. Sondern eine echte Felis silvestris, eine Europäische Wildkatze. Außerhalb des Geheges braucht es schon sehr viel Glück, einer der scheuen Streunerinnen zu begegnen. »Selbst ich habe sie erst zwei Mal vorbeischleichen sehen«, weiß Forstwirt Bernd Anell, 49, zu berichten. Und doch ist das Kätzchen im Nationalpark Hunsrück-Hochwald quasi omnipräsent: als Logo und Leittier des jüngsten deutschen Nationalparks, der – Tusch! – an Pfingsten 2017 seinen zweiten Geburtstag feierte. In Form einer E-Gitarre liegt der Nationalpark zwischen Mosel und Nahe, wobei der oberste Stimmwirbel die rheinland-pfälzische Wildenburg touchiert und die Kabelbuchse das saarländische Örtchen Nonnweiler, 30 Kilometer südwestlich. 10 220 Hektar, kaum Straßen, wenige Dörfer. Dafür unzählige Hügel, die wie grüne Wellen und mit geradezu kitschigem Liebreiz über zwei Bergkämme schwappen.

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Zwischen ihnen versteckt sich die wohl größte deutsche Wildkatzenpopulation, nisten Schwarzstörche, gurgeln Bäche durch wilde Orchideenwiesen, sonnen sich Zauneidechsen auf »Rosselhalden«, den Hängen voller verwitterter Quarzitfelsen, oder den Überresten des Keltischen Ringwalls, einer der ältesten Befestigungsanlagen Europas. Der höchste Gipfel, der Erbeskopf, ragt 816 Meter in den Himmel und lässt sich von Nebelwolken wie die Kulisse eines Heimatfilms tünchen. Wer oben um sich guckt, der sieht vor allem: Wald. Oder zumindest das, was die meisten Menschen dafür halten. Wie im ganzen Land wachsen bislang auch im Hunsrück vor allem Forste für die Holzernte. Monokulturen aus gleich alten Fichten und Buchen, in Reih und Glied gepflanzt, ohne bucklige Störenfriede, die kein Sägewerk brauchen kann. »Mit einem Naturwald oder gar einem Urwald hat das wenig zu tun«, erklärt Forstwirt Anell. »Aber dahin wollen wir den Nationalpark zurückverwandeln.«

Nationalpark Hunsrück-Hochwald

Statt akurater Forstwirtschaft soll die Wildnis im Hunsrück-Hochwald Nationalpark wieder Oberhand gewinnen

Ein schönes Chaos namens Wald

Bis 2025, so das Ziel, soll die Hälfte des Nationalparks »naturbelassen« sein; bis 2045 sogar 75 Prozent – dreimal so viel Fläche wie heute. Und daher stapft Bernd Anell nicht mehr mit der Sprühdose durch den Wald und markiert Bäume, die gefällt werden sollen – weil sie reif sind fürs Sägewerk, weil sie andere am Wachsen hindern oder krank sind –, sondern macht genau das Gegenteil. In der »1a-Zone« lässt er die Natur einfach in Ruhe. Bäume dürfen umstürzen, Äste liegen bleiben. Was sprießt, darf wachsen, was stirbt, darf zerfallen. In der »Entwicklungszone« hilft er beim Verwildern nach. Schüttet Entwässerungskanäle zu, die einst in Moore gezogen wurden, um diese aufzuforsten. Pflanzt Buchen nach, die hier ohne menschliche Einmischung als Baumart dominieren würden. Haut Fichten um, deren Kronen den jungen Laubbäumchen zu viel Sonne nehmen, ganz egal, wie viel Festmeter Bauholz dadurch verloren gehen. Mit Bernd Anell haben 28 Kollegen seit 2014 die Seite gewechselt, als die Eröffnung des Nationalparks anstand: vom Forstmann zum Naturschützer, von der Wirtschaft zur Wildnis. »Das war nicht einfach«, sagt er und schiebt seinen neuen Ranger-Filzhut auf dem Kopf zurecht. »Aber wenn ich heute im Wald Chaos sehe, kann ich mich richtig drüber freuen!«

Natur Natur sein lassen: Seit 1970 im Bayerischen Wald der erste deutsche Nationalpark gegründet wurde, haben dieses Credo alle 15 Nachfolger übernommen, vom Unteren Odertal über den Hainich bis zum 2014 eröffneten Schwarzwald. Manche schreiben es dem Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl zu, der bereits 1854 ein »Recht auf Wildnis« gefordert hatte; im selben Jahr übrigens, als Henry David Thoreau seine Outdoor-Hommage »Walden« schrieb. Doch wie fand die Wildnis-Idee in den Hunsrück-Hochwald? Fakt ist, dass das Bewahren von Wildnis 1992 auf der Umweltkonferenz von Rio mit der »Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt« als notwendig erklärt wurde, um die Erde vor dem ökologischen Kollaps zu bewahren. Die Bundesregierung beschloss in ihrer »Nationalen Biodiversitätsstrategie«, bis 2020 zehn Prozent der öffentlichen Wälder natürlich wachsen zu lassen; auf zwei Prozent der Landesfläche soll Wildnis herrschen.

Der Wald, die Bürger und die Politik

Nationalparks als großräumige Gebiete mit höchstem Schutzstatus eignen sich dafür am ehesten. Und weil Rheinland-Pfalz als einziges Groß-Bundesland noch keinen solchen ausgezeichnet hatten, machte die grüne Umweltministerin Ulrike Höfken sich 2011 auf die Suche nach einem geeigneten Gebiet. »Der Hunsrück war anfangs nur zweite Wahl«, erinnert sich Anja Eckhardt, 49, heute Leitungsassistentin des Nationalparkamts. »Doch im Pfälzer Wald und im Soonwald protestierten die Einwohner vehement.« Hunsrücker Nationalpark-Fans hingegen warben bei mehr als 300 Infoveranstaltungen für das Naturschutzprojekt. Ihr Argument: Der Nationalpark werde der strukturschwachen, unter starker Abwanderung leidenden Region neuen Schwung einhauchen. Das zog, zumal sie für die Konfliktthemen gleich Lösungsvorschläge parat hatten.

»Die größte Sorge der Anwohner war, kein Brennholz mehr zu bekommen«, erzählt Eckhardt. »Also haben wir von vornherein Pflegezonen geplant, in denen weiter Holz geschlagen werden kann.« Pilze oder Blaubeeren dürfen dort nach wie vor gesammelt werden – für den Eigenbedarf. Wanderer, die befürchteten, dass die Etappen des Saar-Hunsrück-Steigs, Deutschlands längstem »Premium-Fernwanderweg«, und die daran angebundenen »Traumschleifen« im Nationalpark gesperrt würden, wurden beruhigt: Sie bleiben offen. Mountainbiker, die »Freie Fahrt für freie Bürger!« forderten, müssen sich hingegen an ein neues Wegekonzept gewöhnen. Und die Jäger an deutlich reduzierte Jagdzeiten, in denen allerdings intensiver gejagt wird. »Sonst nehmen Rehe und Wildschweine überhand und zerstören die jungen Bäume«, erklärt Expertin Eckhardt. Bleibt das Thema »Borkenkäfer«: Schreckensvision privater Waldbesitzer, Sägewerkbetreiber und Einheimischer, die es gern aufgeräumt im Wald haben und daher unbedingt vermeiden wollten, dass im Hunsrück das Gleiche passiert wie vor 25 Jahren im Bayerischen Wald. Dort hatten Borkenkäfer massenhaft Fichten befallen, und weil erstmals kein Förster einschritt, rieselten kurz darauf Milliarden grüner Nadeln zu Boden. Die Bäume starben ab und kippten um wie Mikadostäbchen, und das hektarweise. Eine Ödnis aus Baumleichen, fluchten die einen. Ein bizarrer Skulpturenpark, staunten die anderen – und hofften inständig auf die Selbstheilungskräfte der Natur.

 

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