Logo GEO Spezial
REISEN. ENTDECKEN. ERLEBEN

Arche Warder An diesem Ort dürfen Tiere noch Tiere sein

Zu fett, zu dünn, zu groß: In der Arche Warder in Schleswig-Holstein leben Tierrassen, die nach den heutigen Ansprüchen der Fleischindustrie längst ausgestorben sein müssten. Ein Besuch
Juan Fernandes Ziege in der Arche Warder

Die Juan-Fernández-Ziege ist eine verwilderte Hausziege von dem Juan-Fernández-Archipel vor der chilenischen Küste im Pazifik

Dunkelrot, mit ansehnlichem Fettrand, hatte ich eine seiner Verwandten vor zwei Wochen noch in der Auslage einer Wursttheke gesehen. 7,89 Euro kosteten 100 Gramm des in Scheiben geschnittenen Kulturguts. Jetzt, auf
meinem Rundgang durch den Tierpark Arche Warder, liegt das Mangalitza-Schwein leise grunzend in der Sonne. Blondgelockt und knautschgesichtig kuschelt es mit seinen vier Ferkeln. Ein anderes Schwein will sich danebenlegen und wird mit einem lauten Schrei vertrieben. Das ungarische Kulturgut hat schlechte Laune. Die Arche Warder, ein 40 Hektar großer Tierpark 20 Kilometer südwestlich von Kiel, beherbergt ganz besondere Passagiere: Tierarten, die nach modernen Maßstäben längst untergegangen sein müssten. Rund 1200 Schweine, Ziegen, Schafe, Gänse, Enten, Esel, Rinder und Pferde. Keine Exoten aus fernen Ländern, keine Poster-Tiere mit schillernden Federn und getigertem Fell. Stattdessen 84 alte Nutztierrassen – zu fett, zu dünn, zu groß, zu lahm, zu unwirtschaftlich für die heutige Welt. Sie dürfen auf der »Arche« leben wie auf einem aus der Zeit gefallenen Bauernhof.

Die Vielfalt ist verwirrend. Schon hinter dem Eingang, im Streichelgehege mit dem angrenzenden Stall, verliere ich den Überblick: Schubbert da eine Juan-Fernández-Ziege an meinem Hosenbein? Trippelt da eine Thüringerwald-Ziege auf mich zu, mit mächtigem Bart und so hochträchtig, dass sie breiter als lang wirkt? In einer strohgefüllten Box hüpfen wenige Tage alte Zwergzicklein herum, klein wie Hundewelpen und energiegeladen wie Duracell-Hasen: rauf auf den Rücken der Mutter, runter, rauf, runter, rauf. In einer anderen Box mit Auslauf zum Hof übt eine Horde schwarz-weißer Ferkel das Leben als Halbstarke: Spatzen jagen, Geschwister umrempeln, um die Wette rennen mit dem eigenen Schatten. Ich strecke die Hand aus, um die massige Muttersau zu streicheln – ihr Rücken ist muskelbepackt und so borstig, als streiche man über eine Drahtbürste. Es ist auch eine Zeitreise, die ich auf meinem Spaziergang über die Feldwege der Arche erlebe, zwischen Wiesen und Bäumen und manchmal mitten über eine Schafweide. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg lief für viele Nutztiere das Haltbarkeitsdatum ab.

Diese Nutztiere wurden nicht mehr gebraucht

Niemand brauchte mehr Rinder, die auch Pflüge ziehen konnten. Oder Pferde, die man vor Brauereiwagen spannte. Niemand wollte Schweine, die robust und fett waren, aber langsam wuchsen – die blond gelockten ungarischen Mangalitzas etwa, die gestreiften Angler Sattelschweine, die Bunten Bentheimer mit ihren Dalmatiner-Flecken. Die Kunden verlangten beim Metzger mageres und möglichst billiges Fleisch und bekamen es vom Hybrid-Hochleistungsschwein. Ungefähr 90 Prozent unserer tierischen Erzeugnisse gehen heute auf weniger als 20 moderne Rassen zurück. Beschützt, erforscht und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit geschubst werden die Letzten ihrer Art von einem Mann, den manche auch den »Noah der Nutztiere« nennen: Professor Dr. Dr. Kai Frölich übernahm den Park vor zehn Jahren und verwandelte ihn in Europas größtes Zentrum für seltene und vom Aussterben bedrohte Haus- und Nutztierrassen. Der Direktor, Zoologe und Tierarzt legt Wert darauf, dass man nicht allein zum Streicheln in die Arche kommt. Der Mann hat eine Mission: alte Arten erhalten! 8800 Nutztierrassen sind weltweit erfasst, davon sind 650 bereits ausgestorben. Alle zwei Monate stirbt eine weitere. Rassen, die über Jahrhunderte die Geschichte der Menschen und das Bild der Landschaft geprägt haben, sind damit verloren. Ein Kulturgut also, das doch wie ein Baudenkmal oder ein Kunstwerk geschützt werden sollte.

Kai Frölich züchtet gegen den Untergang weiterer Arten an – und womöglich für eine bessere Welt von morgen. »Die Tiere sind Träger wichtiger Gene, die in Zukunft noch gebraucht werden könnten«, sagt der Veterinär. »Zum Beispiel, um auf veränderte Umweltbedingungen zu reagieren. Frühere Rassen waren robuster, vitaler und fortpflanzungsfreudiger als die modernen, sie kamen besser mit der Freilandhaltung zurecht, weil sie optimal an die jeweiligen Standorte angepasst waren.« Ein Gen-Schatz, von dem man heute noch nicht weiß, ob man ihn morgen braucht. Trotzdem ist die Hege und Pflege dieses Schatzes kein leichtes Unterfangen. Frölich kämpft unermüdlich um Kooperationen und Spendengelder und Patenschaften, ohne die der Park nicht zu finanzieren wäre. Die lebenden Kulturgüter vertilgen Futter für fast 140 000 Euro im Jahr, und die 55 Mitarbeiter kosten gar rund 560 000 Euro. Frölich plant Veranstaltungen wie »Steinzeit Live« oder »Mittelalter Live«, Familien- und Eseltage; er hat den Pferdeflüsterer Carsten Goll engagiert, der Besuchern in »Natural-Horsemanship-Workshops« den achtsamen Umgang mit Pferden und Ponys nahebringen möchte. Zudem arbeitet er gemeinsam mit Universitäten in Forschungsprojekten und tauscht Genmaterial und Informationen mit anderen Stiftungen, zoologischen Gärten und der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen.

Rotes Mangalitza Wollschwein in der Arche Warder

Der kurze, walzenförmige Leib des roten Mangalitza Wollschweins mit den starken Knochen ist von kräftiger Muskulatur

Verzehr die beste Art der Erhaltung

Der beste Weg allerdings, die bedrohten Rassen zu retten, sei, sie zu essen, sagt Kai Frölich. Auch wenn das zunächst widersprüchlich klinge. »Wenn Sie beispielsweise ein Kotelett vom Bunten Bentheimer Schwein verzehren, tragen Sie aktiv zur Erhaltung dieser gefährdeten Rasse bei.« Auch im Restaurant der Arche Warder wird Fleisch von hofeigenen Tieren serviert; im Hofladen stehen Leberwurst, Aufschnitt und Würste zum Verkauf. Das Wertvollste an vielen alten Nutztieren sei nun mal das Fleisch, und damit müssten wieder viel mehr Menschen Geld verdienen wollen. Drei der wertvollen Genträger tauchen gerade nach Brotstücken, die ihnen Stefanie Klingel, eine der fünf Tierpark-Pädagoginnen, zuwirft. Das fleckige Turopolje-Schwein ist ein Top-Schwimmer und Taucher aus einer Flusslandschaft in Kroatien, wo vor 60 Jahren noch rund 58 000 von ihnen nach Muscheln suchten. Im Kroatienkrieg Anfang der 1990er-Jahre wurde es von Soldaten gewildert oder für Schießübungen genutzt. Am Ende gab es nur noch etwa 30 Turopoljes, die von einem alten Schweinehirten gerettet wurden. Er versteckte sie in einem Stall – unter ihnen waren auch die Urgroßeltern der Arche-Turopoljes.

Was fasziniert die Menschen an so einem Schwimmsüchtigen Schwein?, frage ich Stefanie Klingel. »Menschen brauchen Kontakt zum Tier«, sagt sie. »Und Nutztiere haben einen echten Bezug zum Menschen. Unsere Ziegen, Schweine oder der Poitou-Esel kommen zum Zaun und suchen aktiv die Nähe. Das Streicheln tut dabei Mensch und Tier gleichermaßen gut und sorgt gegenseitig für ein Gefühl von Ruhe und Geborgenheit.« Wenn wir Tiere beobachten, merke ich bei meinem rund zweistündigen Rundgang durch den Park, dann werden wir tatsächlich auch selbst beobachtet. Das vergessen wir oft, wenn wir in einen Zoo gehen und die Tiere wie Ausstellungsstücke hinter Scheiben und Zäunen betrachten. Bei einer Wanderung über eine Wiese der Arche Warder aber drängen sich Bentheimer Schafe an meine Beine, die Wolle so rau und verknäuelt, dass die Finger fast drin stecken bleiben. Von nebenan schauen Rinder herüber, die aussehen wie eine Ansammlung von Althippies, die Haare hängen ihnen im Rastastyle über den Augen, rhythmisch traben sie neben mir her, stoßen kehlige Laute aus. Kindergärten und Schulklassen sind Dauergäste im Park, sagt Stefanie Klingel. Sie und ihre Kollegen leiten Führungen, veranstalten Kindergeburtstage und betreuen Ferienprogramme. Und wenn ein Kind eine Frage hat – zum Beispiel: Wie lange kann ein Schwein unter Wasser die Luft anhalten? –, dann ist immer jemand da, der diese beantworten kann. Oder der vom Poitou-Esel erzählt, einem der größten Esel der Welt mit einer Widerristhöhe bis zu 1,50 Meter, von denen es nur noch etwa 500 reinrassige Tiere gibt. Oder vom hünenhaften Schleswiger Kaltblut, einem Pferd mit tellergroßen, fellbehängten Hufen, das früher Straßenbahnen zog. In den 1970ern waren nur noch fünf Hengste und 35 Stuten übrig. Jetzt gibt es wieder 200 dieser Pferde.

Wenn es Nacht wird, bleiben ein paar Menschen im Park zurück, Besucher, die eine der Hütten gemietet haben. Sie machen ein Lagerfeuer vor den dreieckigen kleinen Häusern, während die Schweine sich endgültig im Schlamm versenken. Dann und wann rülpst ein Schaf, schreit ein Esel heiser und empört. Man hört die Schritte und das Kauen der Tiere, die zaghaften Rufe der jungen Ziegen. Und dann ist es Zeit für eine der Geschichten, die die Pädagogen über ihre Arche-Tiere erzählen können. Über Toni, den Tiroler Steinschafbock aus dem Streichelzoo. Wegen eines Vortrags in der Arche war der an das Streichelgehege angrenzende Seminarraum mit Blumen dekoriert worden, eine Glasvase mit Sonnenblumen stand direkt vor der Eingangstür. Ein Theologe zitierte gerade Bibelsprüche vor 30 Zuhörern, als ein großer, grauer Schatten hinter der Tür auftauchte. Es klirrte. Toni hatte so lange an der Eingangspforte zum Streichelgehege geknabbert, bis er die Tür öffnen konnte. Und stand jetzt mit triumphierendem Blick zwischen den Scherben und fraß die Sonnenblumen. Das Thema des Vortrags: Haben Tiere eine Seele?

 

Infos zu weiteren Arche-Höfen gibt es in GEO SPECIAL.