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Busisiwe Thsoloba, 20, Surflehrerin und Sozialarbeiterin aus Mandalay bei Kapstadt

"Eine Born Free zu sein, ist normal für mich,

ich kenne es nicht anders. Ich wurde in diese Demokratie hineingeboren, die große Veränderung habe ich nie bewusst erlebt. Stattdessen versuche ich, selbst Veränderung zu schaffen, kleine Veränderungen, jeden Tag. Als ich in der achten Klasse war, hat mir mein Vater Nelson Mandelas Buch 'Long Way to Freedom' gegeben. Das hat mich nachhaltig beeindruckt, weil mir klar wurde, wie schwer Mandelas Kampf gegen die Apartheid war, wie Mandela sich für uns alle eingesetzt hat; für Menschen, die er gar nicht kannte.

Ohne ihn stünde ich wahrscheinlich heute nicht in den Wellen, ich wäre nie aus der armen Eastern-Cape-Provinz herausgekommen, vielleicht wäre ich auch gar nicht auf der Welt. Wenn mir die Kinder aus den Townships von zu Hause erzählen, muss ich oft schlucken. Sie wachsen noch immer bitterarm auf. Und wo Armut ist, gibt es keine wirkliche Freiheit. Wir sind also frei und unfrei zugleich. Je nachdem, ob wir arm oder reich geboren wurden."

Nasreen Rawoot, 18, Schülerin aus Kapstadt

"Für meine Generation ist vieles einfacher. Selbst so banale Dinge wie an den Strand gehen. Heute eine Selbstverständlichkeit, das Handtuch am schönsten auszubreiten. Früher gab es unterschiedliche Strände für unterschiedliche Rassen. In meiner Familie haben fast alle die Apartheid erlebt. Als Nelson Mandela starb, weinte meine Schwester lang und heftig. Ich habe sie gefragt, warum ihr dieser Tod so nahe geht, und sie hat geantwortet, ich hätte ja keine Ahnung, was Mandela für sie getan habe. Und für alle, die älter seien als ich. Erst da habe ich realisiert: Was, wenn er nicht gewesen wäre? Aber auch heute gibt es noch viel Ungerechtigkeit in Südafrika. Für mich persönlich wird es schwer, einen Studienplatz zu bekommen. Als Bewerberin mit indischem Hintergrund muss ich viel mehr vorzuweisen haben als Schwarze oder Farbige. Das ist beängstigend. Ich hoffe, dass wir auch das überwinden. "

links: Tshepiso Thlagale, 19, Elektroingenieursstudentin aus Bloemfontein, Freistaat; rechts: Palesa Motseki, 19, Maschinenbaustudentin aus Welkom, Freistaat

Tshepiso: "Unsere Herausforderung ist es, zu begreifen, wie unendlich privilegiert wir heute sind. Wie frei. Allerdings... Viele treten die neue Freiheit mit Füßen. Wer ein Verbrechen begeht, und es werden in diesem Land zu viele begangen, der wirft diese Freiheit weg. Der missbraucht sie. Manchmal frage ich mich, warum Mandela überhaupt für uns gekämpft hat. Für diese Kriminalitätsstatistik? Die lässt mich an der Zukunft zweifeln. Vielleicht wird in ein, zwei Generationen das, wofür Nelson Mandela eingetreten ist, nur noch ein Kapitel in den Geschichtsbüchern sein.

Palesa:"So pessimistisch sehe ich das nicht. Ja, es gibt noch viel Gewalt in Südafrika. Noch viel Rassismus, und

es wird Generationen dauern, beides zu überwinden. Aber ich sehe meine künftigen Kinder mit andersfarbigen

Freunden spielen, als sei das das Normalste auf der Welt. Sie werden sagen: Danke, dass ihr damals nach vorn

geschaut habt - und nicht im Groll zurück. Ich will als Teil einer Generation in Erinnerung bleiben, die weiter für die Gleichheit gekämpft hat. Irgendwann werden in Südafrika nicht mehr die Unterschiede im Mittelpunkt stehen,

sondern die Gemeinsamkeiten."

Sam Turpin, 18, Rapper aus Johannesburg

"Meine Mutter, Gisèle Wulfsohn, hat während der Apartheid als Fotografin gearbeitet.

Sie widersetzte sich vielen Regeln des Regimes, indem sie die Helden des Anti-Apartheid-Kampfs porträtierte. Sie ließ keine Gelegenheit aus, mir zu sagen, wie glücklich ich mich schätzen kann, nach 1994 geboren zu sein. Und sie hat recht: Heute verpasst uns niemand mehr einen Maulkorb. In meiner Musik kann ich sagen, was ich will. In unserem Haus hängen zahllose Bilder von Anti-Apartheid-Kämpfern, meine Mutter hat auch Nelson Mandela einige Male verewigt. Aber ich glaube, dass man aufpassen sollte, ihn nicht zu sehr zu glorifizieren - er war militant, das vergessen viele. Andere wie Chris Hani oder Robert Sobukwe haben auch eine Menge für den Kampf getan, ernteten aber längst nicht so viele Lorbeeren. Ich finde, dass viele Südafrikaner immer noch zu behäbig sind, sich mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen. Jeder sollte mehrere Sprachen lernen müssen. Jeder sollte Zulu sprechen. Ich bin auf eine privilegierte Schule in Sandton gegangen, und selbst dort haben mich Mitschüler gefragt: "Stimmt es, dass du Schwarz sprichst?" Jetzt versuche ich, mit meiner Musik Denkmuster zu verändern."

Nicole Boskasie Davy, 20, Studentin und Sängerin aus Kapstadt

"Ich komme aus einer sehr politischen Familie, meine Eltern waren in der Anti-Apartheid-Bewegung. Schon seit der Kindheit umschwirren mich Vokabeln wie Hautfarbe, Rasse und Freiheitskampf. Doch erst als ich älter wurde, habe ich verstanden, was sie bedeuten. Gerade wir 'Coloureds', wir sogenannten Mischlinge, wissen nicht, wohin wir gehören. Sind wir weiß, sind wir schwarz? Eine Frage, die mich sehr beschäftigt, ist die nach meiner Identität. Es ist existenziell zu wissen, wo wir herkommen, wo unsere Wurzeln liegen. Wir müssen uns mit der Vergangenheit auseinandersetzen, um weiterzukommen. Ich glaube, dass das viele aus meiner Generation nicht tun. Mein Lieblingszitat stammt von Marcus Garvey, einem jamaikanischen Politiker: 'Ein Volk, das seine Geschichte und seine Kultur nicht kennt, ist wie ein Baum ohne Wurzeln.' Und wie soll ein Baum ohne Wurzeln wachsen? Wir sind die erste Generation nach dem Ende der Apartheid, wir können Haltungen verändern und die Zukunft gestalten."