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Die Welt mit anderen Augen sehen

Unterwegs im Behördendschungel

Was zwei Reporter bewegte, sich für Papier-Tiger und Leitz-Wölfe zu interessieren - und was sie dabei erlebten

Wer sich ein Bild von Bürokraten machen möchte, darf sich nicht wundern, in ihre Fänge zu geraten. Ein Porträt der Bürokratie auf dieser Welt wäre schließlich nicht vollständig ohne diese Erfahrung. Und der Fotograf Jan Banning und ich haben sie reichlich gemacht.

Etwa in Liberia: Erst warteten wir tagelang auf die Genehmigung, einige Staatsdiener an ihrem Arbeitsplatz besuchen zu dürfen, dann erhielten wir eine teure Akkreditierung, die sich am Ende als gefälscht herausstellte. Im Jemen saßen wir vier Vormittage lang auf Kunstledersofas im Informationsministerium herum. Aus uns unerfindlichen Gründen weigerte sich der stellvertretende Minister, unsere Reiseerlaubnis zu unterschreiben. Eine Machtdemonstration? Hatte er Angst, wir könnten sein Land zu genau kennenlernen? Wartete er auf Schmiergeld? Wir wissen es nicht. Am Ende kam die Erlaubnis. Einfach so.

Wie fotografiert man "Dezentralisierung"?

Fünf Jahre lang haben wir an unserem weltweiten Projekt „Bürokraten“ gearbeitet; die Idee dazu war Jan Banning vor langer Zeit in Mosambik gekommen. Er hatte dort eine Geschichte über das sperrigabstrakte Thema „Dezentralisierung“ fotografieren sollen. Keine leichte Aufgabe. Seine Lösung: Er porträtierte Beamte in ihren Büros. Die Fotos waren beeindruckend – und wir wurden neugierig auf die Kollegen der mosambikanischen Staatsdiener. Wir wollten mehr erfahren über den Archetypus des Beamten. Uns faszinierte die Unbeirrbarkeit, mit der dieser Typus Mensch weltweit Verwaltungen in Gang hält, die Verwaltungen ganz unterschiedlicher Regime und Systeme. Zahllose Male hatten wir uns über die Halsstarrigkeit von Staatsdienern geärgert, nun beschlossen wir, sie und ihre Büros so abzubilden, wie ein Bürger im jeweiligen Land sie erlebt, wenn er eine Akte einsehen, seine Steuer entrichten oder eine Anzeige erstatten möchte.

Auf unserer ersten Reise, in Indien, trafen wir Verwaltungsangestellte, die in Erwartung des Fotografen ihre Büros polierten wie eine königliche Toilette. Das war reizend, nur eben nicht echt. Also entwickelten wir eine Art Überfalltaktik: Zunächst machten wir dem Behördenchef unsere Aufwartung, mit seiner Erlaubnis besichtigten wir die Büros und wählten unsere Helden während des Rundgangs ganz spontan aus. Ehe der jeweilige Beamte Papierstapel, Locher und Lineal in einer Schreibtischschublade verschwinden lassen konnte, überschüttete ich ihn mit Fragen, während Jan Banning seine Gerätschaften aufbaute und erste Aufnahmen machte.

Toasts und "Raketentreibstoff"

Das hat überall auf der Welt funktioniert - außer in China. Dort war die Bürokratie stärker als wir. Zunächst mussten wir endlos erscheinende Mittag- und Abendessen mit gut gelaunten Funktionären über uns ergehen lassen, die einen Toast nach dem anderen ausbrachten, auf die Völkerfreundschaft, den Wohlstand, das Glück - und dabei ein hochprozentiges Getränk namens „Raketentreibstoff“ in sich hineinschütteten. Es schien, als würden wir Freundschaften fürs Leben schließen. Doch am nächsten Tag trugen die Beamten, wieder nüchtern, eiserne Mienen und schmetterten unsere Bitten ebenso eisern ab. Vor allem jene, ein paar Diensthabende unangemeldet besuchen zu dürfen. Sodass jeder chinesische Schreibtisch, den wir schließlich zu Gesicht bekamen, zuvor penibel aufgeräumt worden war.

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Will Tinnemans, 49, freier Autor, und Jan Banning, 54, Historiker und vielfach ausgezeichneter Fotograf (u. a. mit einem »World Press Award«), auf Recherche in einem liberianischen Büro. Die beiden Niederländer leben in Utrecht. Ihr Buch »Bureaucratics« erscheint im September 2008

Lieben alle Staatsdiener die Ordnung?

Nein: In nordindischen Büros gehören chaotische Aktenberge zum Dekor. Jemenitische Amtsstuben dagegen sind fast papierfrei. Beamte führen dort eine Art Logbuch, in das sie eingehende Post eintragen; wichtige Briefe hüten sie zu Hause. Auch in Liberia ist nach 13 Jahren Bürgerkrieg jedes Stück Papier kostbar. Die Unterschiede zwischen den Beamten dieser Erde sind offensichtlich. Was aber eint sie? In der ganzen Welt sind sie besser ausgebildet und werden älter als die jeweiligen Durchschnittsbürger; und sind meist vermutlich biederer und untertäniger. Bereitwillig fügen sie sich in ein großes Getriebe, sind ein kleines Rädchen in einer Maschinerie, die „Gemeinwohl“ heißt. Oder von einem Potentaten so genannt wird. Und, natürlich: Alle Beamten haben einen Schreibtisch. Er ist das Instrument ihrer Macht. Er mag wacklig, alt und von Holzwürmern zerfressen sein, aber ohne ihn geht es nicht. Erst der Schreibtisch verwandelt Menschen in Funktionäre. Er teilt die Welt in ein Davor und Dahinter: hier der Bürger mit seinem Anliegen, dort der Bürokrat, gestützt auf die Macht der Paragrafen; hier der Mensch, dort der Apparat; hier der Einzelfall, dort die Regel.

Beamte haben einen schlechten Ruf

Zu Unrecht: Ohne sie gäbe es keine Demokratie. Der Soziologe Max Weber (1864–1920) hat immer wieder betont, dass die Einführung der Bürokratie einen großen Fortschritt in der Geschichte der Menschheit bedeutet hat. Denn Bürokratien verhindern die Willkür der Herrschenden, vor dem Beamten ist jeder Bürger – im Idealfall – gleich. Kann darauf pochen, dass sein Anliegen sorgfältig, nachvollziehbar und unparteiisch geprüft wird. Der einzelne Beamte wiederum – idealerweise loyal, ehrlich, gut ausgebildet – muss nicht über jeden Fall neu nachdenken und kaum Verantwortung für seine Entscheidungen übernehmen: Die Regeln nehmen ihm das ab. Die Insignien und Symbole an seiner Wand staffieren ihn aus mit Autorität, mag er selbst auch alles andere als ein Herrscher sein. Oder sogar klein und ohnmächtig, beschützt nur von zwei Topfpflanzen.

Wobei die bürokratischen Regeln auch, täglich und überall auf der Welt, den Adrenalinspiegel von Bürgern in die Höhe treiben. Beleidigungen oder sogar tätliche Angriffe auf Staatsdiener sind Ausdruck mancher Ohnmacht von Menschen, die aufs Amt kamen, um „einfach nur eine Genehmigung“ abzuholen. Und Berge von Formularen ausfüllen, sich Inspektionen und Kontrollen gefallen lassen und saftige Gebühren zahlen müssen. In entwickelten Ländern mag amtliche Willkür seltener als je zuvor in der Geschichte sein; in armen Ländern wird es noch dauern, bis Max Webers These zur Geltung kommt. Von unserer Entdeckungsreise durch die Welt der Bürokratie haben wir im Lauf von fünf Jahren rund 250 Porträts mitgebracht. Kein Reisender kann sich befreien von seinem kulturellen Gepäck, und so haben wir natürlich ständig den Vergleich gezogen zu unserer Heimat, den Niederlanden (wo jedem Beamten per Gesetz ein Fenster zusteht).

Uns wurde klar, wie zuverlässig, effizient und ehrlich die Beamten in unseren Breiten sind. Anders als in Russland oder in China muss sich hier niemand vor der Polizei fürchten; die Obrigkeit versteht sich tatsächlich als Hüterin des Gemeinwohls. Vielleicht gibt es zu viele Staatsdiener, vielleicht könnten sie mit Gesetzen und Verordnungen etwas flexibler umgehen. Aber letztlich sind sie für uns da und handeln in unserem Namen. Ich gestehe: Seit ich die Bürokraten der Welt kenne, reihe ich mich jedes Mal mit einem leisen Lächeln ein in die Warteschlangen auf dem Rathaus meiner Heimatstadt Utrecht.

Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen

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