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Forum zum Thema zu Globuli "Homöopathie kann lebensgefährlich sein"

Kritiker spotten gern, dass in den homöopathischen Globuli kein einziges Wirkstoffmolekül enthalten ist. Das bedeutet aber nicht, dass sie niemandem schaden
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Homöopathische Globuli: Eine Gefahr für Patienten?

Die Homöpathie ist von allen Formen der Alternativmedizin die am wenigsten plausible. Auch wenn nicht alle Ergebnisse einheitlich sind - klinische Studien legen den Schluss nahe, dass homöopathische Heilmittel nicht wirksamer sind als Placebos, also als Scheinmedikamente ohne Wirkstoff. Auch die australische Gesundheitsbehörde erkannte 2014, nach Auswertung der bis dahin umfassendsten unabhängigen Analyse: "Keine Wirksamkeit der Homöopathie bei der Behandlung der untersuchten Krankheitsbilder".

Aber mehr noch: Im Gegensatz zu dem, was wir so oft zu hören bekommen, gibt es sehr wohl Risiken bei der Homöopathie. Wenn etwa ein Schwerkranker sich für eine unwirksame Behandlung entscheidet, statt eine effektive Therapie zu wählen - dann können scheinbar harmlose Mittel lebensgefährlich sein. Ja, jetzt höre ich wieder den verzweifelten Aufschrei der aufgebrachten Homöopathen.

"Viele Homöopathen kennen keine Grenzen"

Dass die Homöopathie eine Placebo-Therapie ist, das haben sie sich schon des Öfteren sagen lassen müssen. Die Behauptung aber, dass ihre Heilmethode zudem gefährlich sei, geht den Homöopathen jedoch ganz eindeutig zu weit. Doch genauso ist es.

Viele Homöopathen kennen keine Grenzen, buchstäblich: "Homeopaths Without Borders", eine Organisation, die nichts mit "Ärzte ohne Grenzen" zu tun hat, will homöopathische Mittel bei Opfern von Naturkatastrophen einsetzen. Oder bei der Geburtshilfe in Elendsregionen wie Haiti. Die "Gambia Wellness Foundation" zieht mit Globuli gegen die Folgen von Fehlernährung zu Felde. Es läuft einem kalt den Rücken herunter! Und erst recht, wenn ich an das Homöopathen-Team denke, das nach Liberia reiste, um Ebola-Patienten zu kurieren.

"Das sind exotische Knallköpfe, sie repräsentieren nicht die Homöopathie" - so etwa argumentieren die Verteidiger der Homöopathie, wenn man sie mit solchen Aktionen konfrontiert. Gut. Dann nehmen wir eben die unzähligen Homöopathen, die Mütter davon abraten, ihre Kinder impfen zu lassen: Das ist ebenfalls verantwortungslos, um es milde auszudrücken.

Wenn ich die Homöopathie kritisiere, dann weiß ich, wovon ich rede: Ich selbst war einst ein Verfechter dieser Lehre. Begonnen hat mein Interesse an alternativen Heilmethoden ganz harmlos, mit Wassertreten auf der Wiese vor unserem Haus. Später kamen andere Verfahren hinzu, vor allem eben die Homöopathie. Unser Hausarzt war Homöopath, der sogar eine leichte Hepatitis, die ich mir als Teenager gefangen hatte, mit Globuli anging. Und siehe da: Meine Leber heilte tatsächlich komplikationslos aus.

"Ich sehe es als meine Pflicht an, Patienten zu warnen"

Als es 1978 an der Zeit war, einen Job als Jungmediziner zu finden, landete ich in einem homöopathisch geführten Krankenhaus. Dort habe ich mit naivem Eifer gelernt, mit den weißen Kügelchen „Wunder“ zu vollbringen. Bei vielen Patienten besserte sich der Zustand in beeindruckender Weise.

In den folgenden Jahren durchlief ich eine reguläre klinische Ausbildung. Und eines Tages fand ich mich in einem Londoner Labor, in dem Grundlagenforschung betrieben wurde. Ich staunte: Bislang hatte mir noch niemand beigebracht, dass man kritisch denken solle, um wirklich gute Medizin zu betreiben. Um ehrlich zu sein, im Medizinstudium hatte man kaum Zeit, einzelne Therapieformen analytisch zu hinterfragen.

Auch als Assistenzarzt gibt es keine Gelegenheit für Zweifel, Skepsis oder andere Frivolitäten. Dabei ist kritisches Denken vielleicht das wichtigste Werkzeug eines verantwortungsvollen Arztes. Erst jetzt, im Londoner Forschungslabor, wurde ich mit der Frage konfrontiert: War es vorstellbar, dass die homöopathischen Globuli in Wahrheit gar keine Wunder vollbrachten? Womöglich handelte es sich bei den "geheilten" Leiden um Krankheiten, die (wie meine Hepatitis) auch ohne Therapie ausheilen konnten? Vielleicht waren bei einigen Patienten auch andere Faktoren im Spiel, gute Pflege etwa? Solchen Fragen wollte ich auf den Grund gehen.

Im englischen Exeter wurde es ab 1993 meine Aufgabe, den weltweit ersten Lehrstuhl für Komplementärmedizin aufzubauen. Mit rund 20 Mitarbeitern forschten wir zwei Jahrzehnte lang intensiv, führten rund 40 klinische Studien durch und publizierten 300 Übersichtsarbeiten über etliche Therapieformen. Für manche Verfahren der Alternativmedizin kamen dabei am Ende sogar Positivmeldungen heraus (etwa für Johanniskraut, das bei Depressionen hilft). Insgesamt war die Bilanz aber durchwachsen. Und speziell für die Homöopathie ziemlich niederschmetternd.

"Der Edzard Ernst ist ein alter Spielverderber, der uns nur das Geschäft verderben will", erwidern ideologisch angehauchte „Alternativisten“. Aber das ist falsch. Es waren nicht nur unsere eigenen Studien, die viele negative Ergebnisse zur Homöopathie lieferten; sie festigen nur einen breiten, wissenschaftlichen Konsens. Und ich sehe es als meine Pflicht an, Patienten vor Therapien zu warnen, die nutzlos und gefährlich sind. Es ist dies aus meiner Sicht eine hoch ethische Aufgabe, die viel Geld sparen hilft, Leid vermeidet - und, ja, die auch Leben retten kann.

"Pseudowissenschaft ist letztlich ein Verrat, begangen an den Schwachen"

Letztlich ist das unkritische Verfechten von Alternativmedizin ein ethisches Problem. Und nicht nur bei Ärzten, die widerlegte Therapieformen anbieten, um Geld zu verdienen. Unmoralisch verhalten sich auch Homöopathie-Fans, die unreflektiert verkünden: "Wer heilt, hat Recht"; ebenso die Journalisten, die mit Anekdoten statt Recherche ihre Leser in die Irre führen; Apotheker, die Geld verdienen, indem sie Placebos verkaufen; Politiker, die Alternativmedizin unterstützen, ohne das geringste medizinische Verständnis zu haben; Forscher, die sich mit Alternativmedizin befassen, ohne sie je wirklich kritisch zu hinterfragen.

Wann immer Wissenschaft missbraucht wird, um ideologischen Glaubenssystemen zu dienen, werden ethische Standards mit Füßen getreten. Die daraus resultierende Pseudowissenschaft ist letztlich Verrat, begangen an den Schwachen. Wir schulden es uns und denen, die nach uns kommen, für die Wahrheit einzustehen. Egal welche Konsequenzen uns dadurch drohen.

Für mich waren die Konsequenzen meiner Haltung erheblich. In Exeter strich man mir Forschungsgelder. Meinen provozierenden Vorstoß ins Wunderland der Alternativmedizin bereue ich aber nicht. Wenn meine Arbeit nur einen einzigen Patienten davor bewahrt hat, Quacksalbern auf den Leim zu gehen, ist es jede Mühe wert gewesen.

Edzard Ernst, Jahrgang 1948, ist emeritierter Professor für Alternativmedizin im englischen Exeter. Er hat die Forschung über alternative Heilmethoden maßgeblich mitbestimmt. Sein Buch "Nazis, Nadeln und Intrigen. Erinnerungen eines Skeptikers" ist im JMB-Verlag erschienen.

Aus Ausgabe Nr. 09/2015: Deutschland Remixed

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Der Text ist erschienen im GEO Magazin "Deutschland Remixed - Die neuen Gesichter unserer Gesellschaft".

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