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Traumdeutung "Träume zu verstehen, ist nicht schwer"

Wie sind Träume zu verstehen? Und kann man Albträume loswerden? Über das und mehr sprach GEO-Redakteurin Johanna Romberg mit dem renommierten Traumforscher Michael Schredl
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In etwa 80 Prozent aller Fälle verschwinden die Albträume bereits nach zwei Wochen, sagt Michael Schredl. Dabei helfe es die Traumhandlung aufzuschreiben oder aufzuzeichnen

Der Psychologe Michael Schredl, 53, ist einer der führenden deutschen Traumforscher. Er leitet das Schlaflabor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim

GEO: Herr Professor Schredl, darf ich Ihnen einen Traum erzählen?

Michael Schredl: Gern.

Neulich nachts befand ich mich in Gesellschaft einer korpulenten amerikanischen Komikerin und von Vizekanzler Sigmar Gabriel. Wir hatten ein Dreiecksverhältnis, das ich beendete, indem ich meinen Koffer packte. Beide waren sehr traurig, ich fühlte mich schuldig. Was sagt dieser Traum über mich?

Wenn der Traum keine direkten Erfahrungen aufgreift ...

Um Himmels willen. Ich bin seit 23 Jahren glücklich verheiratet.

...dann stellt er vermutlich ein Thema dar, das Sie gerade beschäftigt. Offenbar gibt es etwas in Ihrem Leben, das Ihnen lange Zeit Spaß gemacht hat, beruflich oder privat. Davon wollen Sie jetzt aber weg. Und Sie sind sich bewusst, dass Ihre Entscheidung nicht positiv aufgenommen wird.

Das Muster mag stimmen. Aber warum wählt mein Traumbewusstsein ausgerechnet diese Komikerin und den Vizekanzler aus, um es darzustellen?

Die Personen haben keine besondere Bedeutung. Sie können sich das Traumbewusstsein wie einen Regisseur vorstellen, der ein Skript vor sich hat und dazu die passenden Bilder und Darsteller aussucht.

Passend erscheinen mir diese beiden nun gerade nicht ...

... weil Sie die Szene mit Ihrem wachen Verstand beurteilen. Im Traum arbeitet Ihr Bewusstsein aber anders. Es hat Zugriff auf Erinnerungen, die Ihnen im Wachzustand nicht zugänglich sind – weil jene Teile Ihres Gehirns, die Gedanken sortieren und logisch verknüpfen, weitgehend inaktiv sind. So führt Ihnen Ihr Traumbewusstsein, in dieser Szene, nicht nur eine aktuelle Situation vor Augen, es lässt darin auch Erinnerungen an andere, lange zurückliegende Abschiede wieder aufleben. Offenbar mit passenden Bildern – sonst hätte der Traum bei Ihnen nicht so starke Gefühle ausgelöst.

Was für „Skripte“ werden im Traum inszeniert, und wie erkennt man sie?

Zu den häufigsten Handlungsmustern gehört etwa dieses: Man rennt in Panik vor Monstern davon, die einen verfolgen. Das Thema dahinter: Der Träumende scheut die Auseinandersetzung mit einem Problem, das als bedrohlich empfunden wird.

Ich packe im Traum ständig Koffer und werde damit nie fertig.

Ein klassisches Traumthema, hinter dem eine heutzutage gängige Erfahrung steht: Man hat zu viele Projekte zu erledigen und gerät darüber in Zeitdruck.

Die Erklärungen klingen einleuchtend. Aber auch irgendwie – zu einfach.

Sie sind einfach. Das Interpretieren von Träumen erfordert keine großen Dechiffrierkünste.

Wirklich nicht? Ich dachte immer, Träume seien voller verdeckter Botschaften, die man nur durch genaue Analyse entschlüsseln kann.

Das ist, vorsichtig gesagt, eine überholte Vorstellung.

Treppensteigen bedeutet Koitus, Höhlen und Gefäße stehen für weibliche Genitalien...

Sie spielen auf die Theorie von Sigmund Freud an, die immer noch viele gängige Vorstellungen über Träume prägt. Ich finde diese Art der Interpretation problematisch; sie sagt oft mehr über den Interpreten aus als über den Träumenden selbst.

Und woher wissen Sie, dass Ihre Form der Traumdeutung richtig ist?

Es gibt keine „Deutung“, die „stimmt“. Ich würde diese Begriffe nicht verwenden. Für mich liefern Träume schlicht Anregungen, im Wachzustand über etwas nachzudenken. Zwar kommt man meist nicht „über Nacht“ zu neuen Erkenntnissen. Aber wenn sich nach einiger Zeit das Gefühl einstellt, ich kann bestimmte Verhaltensmuster genauer erkennen, womöglich konstruktiv verändern – dann war die Traumarbeit erfolgreich.

Es gibt aber auch Träume, die man nach dem Aufwachen am liebsten gleich vergessen würde.

Gerade mit Albträumen sollte man sich unbedingt auseinandersetzen. Das ist oft die einzige Möglichkeit, sie loszuwerden.

Und wie funktioniert das konkret?

Man sollte die Traumhandlung zunächst aufschreiben oder aufzeichnen, mit allen Details. Dann kann man darangehen, den Traum umzuschreiben. Man erfindet, zum Beispiel, ein Fabelwesen, das die verfolgenden Monster besiegt. Die neue Wendung ruft man sich von nun an täglich ins Gedächtnis. In etwa 80 Prozent aller Fälle verschwinden die Albträume bereits nach zwei Wochen.

Was bringt es gesunden, unbelasteten Menschen, sich mit ihren Träumen zu beschäftigen?

Ich glaube, dass die Beschäftigung mit den eigenen Träumen jedem weiterhilft, unabhängig vom psychischen Befinden. Träume können lehren, die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen, und sie geben immer wieder kreative Anregungen.

Sie sprechen auch aus Erfahrung. In Ihrem Buch „Träume“ ist zu lesen, dass Sie seit über 20 Jahren Ihre Traumerlebnisse protokollieren.

Und sie überraschen mich immer wieder. Neulich erst stürmte nachts eine Menschenmenge in mein Zimmer, um mich von der Arbeit abzulenken.

Und was haben Sie aus diesem Traum gelernt?

Es ging um das Thema Abgrenzung. Was ich daraus lerne – das ist noch die Frage. Träume liefern ja niemals fertige Lösungen. Sie sind immer nur eine Anregung zum Weiterdenken.

Die neue Ausgabe Nr. 12/2015: Träume

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Wie wir unsere Träume bewusst steuern können. Und warum uns das guttut

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