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Aus der Hirnforschung So kriege ich einen Ohrwurm wieder aus dem Kopf

Die Weihnachtszeit ist vorbei, aber die unvermeidlichen Christmas-Songs sitzen noch tief in den Hirnwindungen? Neurobiologe Dr. Henning Beck erklärt, wie Sie die hartnäckige Dauerschleife wieder loswerden
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Wenn die immer selbe Melodie sich ständig zwischen die Gedanken drängt, ist er da: der Ohrwurm

Die Weihnachtszeit bringt jedes Jahr wieder akustisches Ungemach: Weihnachtliche Popsongs, die in einer alljährlichen Endlosschleife wiederkehren. Als würden sich „Last Christmas“ von Wham! oder „Driving Home For Christmas“ von Chris Rea der schnell­lebigen Musikindustrie widersetzen, blockieren diese bekannten Musikfossilien pünktlich zum Fest kostbare Sendezeit im Radio. Egal ob man die Lieder nun nervig oder gut findet, sie gehen ins Ohr – und bleiben dort hartnäckig.

Doch was macht ein solcher Ohrwurm im Gehirn? Und viel wichtiger: Wie bekommt man ihn da wieder raus? Erstmals konnten Neuroanatomen nun zeigen, dass das Gehirn von Menschen, die für Ohrwürmer empfänglich sind, tatsächlich besondere Merkmale aufweist. In der durchgeführten Studie befragte man die Teilnehmer zunächst nach ihren Ohrwurmerfahrungen und untersuchte anschließend ihre Gehirne im Kernspintomografen auf Auffälligkeiten.

Je weniger Hirn, desto leichter kommt uns „Last Christ­mas“ in den Kopf

Und siehe da: Je häufiger man Ohrwürmer erlebt, desto dünner ist die Hirnrinde in zwei wichtigen ­Hörregionen des Gehirns, der rechten Heschl’schen Querwindung und der rechten unteren Stirnwindung. Letztere ist unter anderem auch dafür verantwortlich, Musikempfindungen zu unterdrücken. Je weniger Unterdrückung (durch eine dort dünnere Hirnrinde), desto mehr Ohrwürmer also. Warum auch andere Hirnregionen bei ohrwurmaffinen Menschen kleiner sind, ist allerdings noch nicht verständlich. Offenbar gilt jedoch: Je weniger Hirn (zumindest in der Heschl’schen Quer­windung), desto leichter kommt uns „Last Christ­mas“ in den Kopf.

Doch wie wird man einen Ohrwurm wieder los? In einer anderen Studie entwickelte man dafür eine interessante Therapie: Kaugummikauen. Im konkreten Versuch sollten die Testteilnehmer nämlich aktuelle Popsongs von David Guetta und Maroon 5 hören. Das ist natürlich hart, weswegen sich auch nur 98 mehr oder weniger „Freiwillige“ für die Studie fanden. Während eine Gruppe einfach nur den Liedern zuhörte, durfte die andere währenddessen Kaugummi kauen. Und je mehr sie dies tat, desto seltener entwickelten sich die Songs zu Ohrwürmern. Selbst wenn der Ohrwurm später aufkam, konnte man ihn durch Kaugummikauen wieder unterdrücken. Die Erklärung: Offenbar sind einige Hirnregionen nicht nur an der Erzeugung von Ohrwürmern, sondern gleichzeitig auch an der Artikulation und damit der Kieferbewegung beteiligt. Unter der Doppelbelastung von Kauen und Ohrwurmhören verschwindet langsam das Lied im Kopf.

Mein Tipp deswegen gegen nervige Weihnachtssongs: Einfach einen Kaugummi (oder wahlweise einen Lebkuchen) kauen. Das hat im Übrigen einen sehr praktischen Nebeneffekt: Ein voller Mund hilft nämlich auch gegen das unfreiwillige Mitsingen der ohrwurmverdächtigen Lieder.

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