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US-Grenze Drei Minuten für eine letzte Umarmung

Zweimal im Jahr öffnen die USA eine Tür im Grenzzaun zu Mexiko. Dann dürfen sich Familienangehörige wenige Augenblicke lang umarmen. Ein Wimpernschlag Nähe in der verworrenen Beziehung zwischen beiden Ländern
Umarmung an der Grenze zwischen Mexiko und den USA

Zum ersten Mal, seit Eduardo Hernandez aus den USA abgeschoben wurde, darf er seinen Sohn Luis in die Arme schließen. Sanft legt der Vater ihm die Hand auf den Kopf. Nach drei Minuten beendet die Grenzpolizei die Umarmung

Ein Morgen im November

Ein Mann steht allein vor einer Tür am Meer. Es ist kurz nach 8 Uhr in Tijuana, Mexiko, und der Mann, sein Name ist Eduardo Hernandez, schaut empor. Vor ihm erhebt sich ein Zaun, dreimal höher als er selbst. Ein Bollwerk aus Stahlstreben, so dicht aneinandergereiht, dass Hernandez das Gesicht gegen das Metall drücken müsste, um auf die andere Seite zu sehen.

Links von ihm, im Westen, reicht der Zaun meterweit in den Pazifik. Gen Osten schlängelt er sich die Berge hinauf, das Ende nicht zu sehen. Eduardo Hernandez blickt geradeaus. Der einzige Weg in die Vereinigten Staaten führt von hier durch diese Tür.

Hernandez ist früh aufgestanden am Morgen, hat seine schwarzen Lederschuhe geputzt, erst mit einer Bürste, dann mit einem nassen Tuch. Hat zweimal sein Hemd gewechselt und einmal die Hose. Schließlich hat er es zu Hause nicht mehr ausgehalten. Deshalb steht er jetzt hier, viel zu früh, und wartet darauf, dass die Tür der Hoffnung sich endlich öffnet.

Vier Stunden noch, bis Grenzpolizisten auf amerikanischer Seite den Riegel verschieben. Wenn alles gut geht, wird an der Schwelle sein Sohn stehen. Sie werden sich umarmen dürfen - zum ersten Mal, seit Eduardo Hernandez aus den USA abgeschoben wurde. Vielleicht wird es ihre letzte Umarmung sein. Sie werden drei Minuten Zeit dafür haben.

Grenze zwischen Mexiko und den USA

US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, rund 1600 Kilometer der Grenze zu Mexiko mit Mauern zu sichern. Auf rund 1130 Kilometern stehen bereits Zäune, am "Freundschaftspark" ganz im Westen zweireihig. Vielerorts schaffen Wüsten, Berge und Flüsse natürliche Barrieren

Das Versprechen, eine Mauer zu bauen

Elf Tage zuvor haben die Amerikaner Donald Trump zu ihrem neuen Präsidenten gewählt; einen Milliardär, der versprach, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu bauen. Würde er seinen Plan wahr machen, die Mauer würde hier beginnen, zwischen Tijuana und San Diego.

Die Wahl eines Präsidenten sagt einiges darüber aus, wie es einem Land objektiv geht, aber noch viel mehr darüber, wie es sich fühlt. Mit dem Versprechen, eine Mauer zu bauen, bediente Donald Trump das Gefühl vieler US-Amerikaner, die Kontrolle über die Zuwanderung aus Mexiko zu verlieren. Wenn man dieses Gefühl beschreiben möchte, dann lautet es: Angst.

Diese Angst ist nicht neu, sie begleitet die USA seit fünf Präsidenten, drei Republikanern und zwei Demokraten. Die politischen Reaktionen darauf wurden in den vergangenen 30 Jahren immer extremer, doch eine Antwort auf die Frage, wie man die Angst besiegen könnte, hat keiner von ihnen gefunden.

Vielleicht spürt man dies nirgendwo deutlicher als elf Tage nach der Wahl an einer Tür in einem Grenzzaun, wo zwei Geschichten aufeinandertreffen: die Geschichte der Abschottung einer Nation und die der Sehnsucht eines Vaters nach seinem Sohn.

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Neugierig geworden? Die ganze Geschichte über Eduardo Hernandez und seine Familie lesen Sie im GEO Magazin Nr. 02/2017 "Atmen - Wie wir uns Luft verschaffen".