Logo GEO
Die Welt mit anderen Augen sehen

Naturkunde Mission Museum

Zehn Millionen tote Tiere. Altmodische Vitrinen. Ein zerbröselndes Gebäude: Die kostbare naturhistorische Sammlung der Stadt Hamburg ist in einem bedauernswerten Zustand. Aber sie hat einen neuen Direktor. Der ist Schneckenforscher - und Visionär. Er will den Hamburgern einen Schatz zurückgeben. Wenn das nur so einfach wäre, in dieser reichen Stadt..
Ein Nilkrokodil im kleinen Zoologischen Museum
Manchmal kommt man im kleinen Zoologischen Museum großen Tieren wie diesem Nilkrokodil ganz nah. Die meisten Stücke aber liegen versteckt im Keller, in Schränken und Schubladen

Gehirne sortieren, Schnecken sammeln, Mücken aufspiessen

Das Leben hält sich an den abgelegensten Orten. In der Tiefsee, in Schwefelquellen. Am Ende eines Wendehammers, in einem der hässlichsten Gebäude der Universität Hamburg. Seit Jahrzehnten von Bauzäunen umgeben, damit herabstürzende Teile niemanden erschlagen.

Hier steht Matthias Glaubrecht an einem Oktobertag 2015 und blickt in die Reihen seiner Mitarbeiter. Im Hörsaal der Biologen sitzt eine Vielfalt von Lebensformen: Menschen, die kommakleine Schnecken aus der Salzsteppe Aserbaidschans klauben; Menschen, die Knochen entfetten und Gehirne sortieren. Menschen, die Schnurrhaare in verdünnte Ameisensäure einlegen, um sie einem ausgestopften Seehund einsetzen zu können. Menschen, die Kinder Tigerfelle streicheln lassen.

Seit Carl von Linné die moderne Taxonomie erfand, lässt sich die belebte Welt relativ leicht in Schubladen sortieren. Nur ganz wenige Lebewesen sind nicht so leicht zu fassen, weil sie sich einfach nicht festlegen lassen.

Schnabeltier. Kleiner Igeltenrek. Matthias Glaubrecht. Er ist Professor für die Biodiversität der Tiere und Schneckenforscher, er kann sich versenken in die Betrachtung winziger Raspelzungen. Er ist auch Direktor des Centrums für Naturkunde (CeNak), zuständig für die zoologischen, mineralogischen und paläontologischen Sammlungen der Hamburger Universität. Er muss Organigramme verstehen und wissen, was ein Globalhaushalt ist. Außerdem leitet Glaubrecht die Ausstellungen der Sammlungen und überlegt, was man neben ein ausgestopftes Tier schreiben muss, damit Besucher staunen.

Matthias Glaubrecht
Matthias Glaubrecht

Vor allem aber ist Matthias Glaubrecht der Mann, der Hamburg endlich wieder ein Naturkundemuseum bringen will. Keines im Deutschen Reich zog einst mehr Besucher an als das der Hansestadt. Doch der wilhelminische Bau am Hauptbahnhof ging 1943 unter alliierten Bomben in Flammen auf und mit ihm ein großer Teil der Sammlung. Wenig mehr als die in Alkohol eingelegten Tiere waren ausgelagert.

Hamburg hat dieses Museum längst vergessen. An seiner Stelle steht heute ein Elektrogroßmarkt.

"Die Sammlung ist ein Schatz - die Stadt der Pfeffersäcke schätzt ihn nicht wert."

Das meint sie ernst, Laetitia denkt immer groß, auch wenn ihr Bauernhof im Wesentlichen aus einem kleinen Acker mit drei Foliengewächshäusern besteht. In ihnen züchtet sie Insekten, zusammen mit ihrem Lebensgefährten Julien Foucher. Insekten für den menschlichen Verzehr und als Tierfutter. Denn nicht nur Tomaten und Touristen lieben das südspanische Klima, sondern auch Schwarze Soldatenfliegen, Mehlwürmer und Grillen.

Ein ganzjährig mildes Klima ohne Temperaturstürze, viel Licht und gelegentlich eine leichte Brise vom Meer – genau das richtige Ambiente für dieses Start-up der besonderen Art: mit Maden die Welt retten. "Im Jahr 2050 müssen mehr als neun Milliarden Erdbewohner ernährt werden!“, sagt Laetitia. „Alle sechs Sekunden stirbt ein Kind an Hunger!"

Die Sammlungen, gerettet oder nach dem Krieg neu aufgebaut, gehören inzwischen der Universität. 90.000 Mineralien, 100.000 Fossilien. Zehn Millionen tote Tiere. Untergebracht in drei Gebäuden, die der Wissenschaftsrat der Bundesrepublik Deutschland, vorsichtig formuliert, für nicht mehr geeignet hält, "eine hinreichende Sicherheit der wertvollen Sammlungen zu gewährleisten". Und über deren größtes Haus Professor Glaubrecht sagt: "Ein grottiger Bau, der mir unter dem Hintern wegbröckelt."

An diesem Oktobertag erklärt er seinen rund 100 Mitarbeitern zum ersten Mal, was er gemacht hat, seit er Ende 2014 vom Berliner Naturkundemuseum nach Hamburg gekommen ist: Er hat das CeNak aufgebaut, neue Leute eingestellt. Hat an der Uni-Verwaltung vorbei ein eigenes Logo entworfen. Außerdem hat die Mineralogie jetzt auch mittwochs auf.

Kleine Schritte. Glaubrecht hat kein Budget, um seine Ausstellung zu modernisieren, keinen Kurator für die Insekten und keinen für die Spinnentiere. Einen Ornithologen bekommt er sowieso nicht, und eine Vertreterin der Wissenschaftsbehörde zitiert er so: "Wenn Hamburger ins Museum gehen wollen, dann fahren sie nach Berlin."

Neugierig geworden? Den ganzen Artikel findest Du im GEO Magazin 09/2016 "Sprich mit mir!".