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Ökonomie Warum Deutschland die besten Jahre noch vor sich hat

Fachkräftemangel? Überalterung? Bevölkerungsrückgang? Nicht der demografische Wandel ist das Problem, sondern die Angst vor ihm, sagt Ökonom Thomas Straubhaar. Und: Wir haben die besten Jahre vor uns!
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Die Vorhersage von Bevölkerungsentwicklungen ist eine unsichere Angelegenheit. Noch bis vor Kurzem galt etwa die langjährige Prognose des Statistischen Bundesamtes als absolut unstrittig. Die wichtigste Botschaft seiner Vorausberechnung für Deutschland bis 2060, veröffentlicht vor genau einem Jahr, im April 2015: "Ein Bevölkerungsrückgang ist in Deutschland auf lange Sicht unvermeidbar."

Doch die Flüchtlingswelle stellt diese Einschätzung radikal infrage. Über eine Million Menschen kamen im vergangenen Jahr zu uns, und ein bis zwei weitere Millionen dürften bis 2020 noch folgen. Selbst wenn viele Flüchtlinge eines Tages nach Hause zurückkehren:

Die starke Zuwanderung der Gegenwart wird die demografische Entwicklung noch weit in die Zukunft hinein verändern. Die Prognose von gestern: Makulatur. Und wie lange eine neue Vorhersage Bestand haben kann: völlig ungewiss.

Es ist eine Konstante des demografischen Wandels, dass sein Verlauf falsch eingeschätzt wird. Ein Fehler, der sich wie ein roter Faden durch die jüngere Weltgeschichte zieht. Wer "Bevölkerungsvorausberechnungen bis 2060" veröffentlicht, muss immer dazu sagen, dass einschneidende Ereignisse, mit denen niemand rechnen kann, alle Projektionen jederzeit unbrauchbar machen können.

Denn zweifelsfrei werden die Menschen in den kommenden Jahrzehnten ihr Verhalten ändern. Es wird zu politischen Brüchen kommen, zu gesellschaftlichen, technologischen Umwälzungen und ökonomischen Verwerfungen. Und das gilt natürlich auch für Deutschland, obwohl hierzulande seit über 70 Jahren zumindest kein Krieg mehr alles infrage gestellt hat. Doch es gab genügend andere Entwicklungen, die ein Prognostiker vor 50 oder 60 Jahren niemals hätte berücksichtigen können.

Projektionen sind niemals Wahrheiten

Wirtschaftswunder, Gastarbeiterwanderung und "Babyboom" etwa. Oder der Zusammenbruch der Sowjetunion, der zu einer Zuwanderung von Millionen Deutschstämmiger führte. Die Wiedervereinigung ließ über Nacht die Bevölkerungszahl um 16 Millionen wachsen. Und es existiert mittlerweile ein europäischer Binnenmarkt mit einer Freizügigkeit des Wohnens, Studierens und Arbeitens.

Alles kaum vorhersehbare Brüche. Deshalb sind langfristige Bevölkerungsprojektionen immer nur Gedankenexperimente. Und niemals Wahrheiten.

Das gilt übrigens auch, wenn Experten aller Art zu einer Bevölkerungsprognose immer gleich die angeblich unausweichlichen gesellschaftlichen Folgen vorzeichnen. Beispiel Flüchtlinge: Einige sind besorgt, dass die Zuwanderung von Menschen mit anderen politischen, religiösen oder kulturellen Wertvorstellungen die alteingesessene Bevölkerung zu einer Minderheit werden lasse. Manche sehen gar Deutschland in Gefahr.

Doch die soziodemografische Entwicklung ist viel komplizierter. Die deutsche Gesellschaft wird farbiger und vielfältiger werden – wofür aber nicht allein die Zuwanderung, sondern mindestens ebenso sehr die Änderungen im Verhalten der Deutschen verantwortlich sein werden: etwa die zunehmende Individualisierung oder neue Formen des Zusammenlebens in Patchwork-Familien. Der Wandel wird nicht dazu führen, dass "das Deutsche" verschwindet. Aber Deutschland wird anders werden. Ist das positiv oder negativ?

Weniger Bevölkerung? Gut so!

Keine Katastrophe steht uns bevor, aber auch kein demografisches Paradies. Wie zwiespältig insbesondere Katastrophen-Prognosen zu bewerten sind, zeigt exemplarisch die Debatte über eine vermeintlich schrumpfende deutsche Bevölkerung. Viele halten dieses Szenario für unabwendbar. Und selbst wenn heute eher weniger als mehr für sein kurzfristiges Eintreten spricht, kann ein Schrumpfungsszenario in weiter Zukunft dennoch tatsächlich Realität werden.

Aber ein Großteil der Befürchtungen, die für den Fall einer schrumpfenden Bevölkerung geäußert wurden, erweisen sich bei genauerem Hinsehen als ungesicherte Behauptungen. Etwa die wie ein Mantra vorgetragene These, dass ein schrecklicher Fachkräftemangel bevorstehe.

Das Gegenteil trifft eher zu: Der arbeitssparende Produktivitätsfortschritt der Digitalisierung wird hierzulande viele Jobs überflüssig machen - man denke an selbstfahrende Fahrzeuge, Roboter und Netzwerke mit künstlicher Intelligenz, die Busfahrer, Lokomotivführer, Fließbandarbeiter und viele andere, auch Fachkräfte, ersetzen werden.

Deswegen ist ein langfristiger Rückgang der Erwerbsbevölkerung wohl eher ein Segen und kein Fluch. Er kann auf einfache Weise die Gesellschaft davon entbinden, neue Jobs zu erfinden für die Masse derer, die ihren Arbeitsplatz durch die Digitalisierung verlieren.

Die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts

Abgesehen davon: Millionen von gut ausgebildeten Frauen, Älteren und Menschen mit Migrationshintergrund würden heute schon gern mehr und länger arbeiten. Sie stehen bereits jetzt bereit, um etwaige Fachkräftelücken zu füllen. Man muss sie nur einbinden. Schaffen Arbeitgeber diesen Kulturwandel zur Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts, dann werden sie keine Probleme haben, gute Mitarbeiter zu finden.

Wenn nicht, erweist sich der Fachkräftemangel als selbst verschuldeter Führungsmangel. Manche negative Einschätzung des demografischen Wandels basiert auch auf Vorurteilen. Etwa die Mär, dass nur junge Arbeitskräfte leistungsfähige Arbeitskräfte seien und dass Ältere möglichst rasch in Rente geschickt werden wollen und sollen. Oder die Vorstellung, dass Menschen mit Migrationshintergrund weniger leistungsfähig seien als solche mit deutschen Eltern.

Mein Fazit: Das Problem ist nicht der demografische Wandel, wie auch immer er sich ausprägen wird. Das Problem ist die Angst vor ihm. Angst lähmt Menschen und lässt sie sich reflexartig an gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen festklammern, die in der Tat nicht zukunftstauglich sind.

Deutschland ist besser für die Zukunft gerüstet, als viele Pessimisten befürchten. Ersetzt man Mythen durch Analysen, lassen sich zielgerichtete bevölkerungspolitische Maßnahmen ableiten.

Wenn wir länger leben, spricht nichts dagegen, auch länger zu arbeiten. Wenn Roboter anstelle von Menschen die Arbeit erledigen, muss das Sozialsystem über Steuern und nicht über Lohnabgaben finanziert werden. Wenn nichts mehr sein wird, wie es war, schlägt die Stunde neuer, bislang für viele unvorstellbarer Umverteilungsmodelle - wie das des bedingungslosen Grundeinkommens.

Passen wir uns klug an, dann wird es den Untergang nicht geben. Ganz im Gegenteil. Dann haben Deutschland und seine (wachsende oder schrumpfende) Bevölkerung die besten Jahre nicht hinter, sondern vor sich.

Autor: Thomas Straubhaar

Schweizer Ökonom und Migrationsforscher, Professor an der Universität Hamburg, ist Autor des Buches "Der Untergang ist abgesagt. Wider die Mythen des demografischen Wandels", erschienen in der Edition Körber-Stiftung.

Aus Ausgabe Nr. 06/2016: Zucker

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Der Text stammt aus dem GEO Magazin "Zucker - Der süße Konfliktstoff". Lesen Sie weitere spannende Artikel im GEO Magazin.

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