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Unruhen in Libyen "Ich habe nie jemanden von Demokratie sprechen hören"

Eine Reporterin und ein Fotograf des Magazins GEO haben noch bis Freitag als letzte westliche Journalisten in Libyen gearbeitet. Ihre Analyse: Der Aufstand ist im Kern keine Demokratiebewegung - sondern er wurzelt in lange unterdrückten Clan-Konflikten. Wir sprachen mit der Redakteurin.

Am Freitagmittag war Schluss mit der Recherche. GEO-Redakteurin Gabriele Riedle und Fotograf Kai Wiedenhöfer wurden von libyschen Offiziellen in ihrem Hotel abgeholt und ultimativ aus dem Land geworfen. Knapp drei Wochen lang waren sie zuvor, immer begleitet von Bewachern des "Informationsministeriums", durch das Land gereist, um eine politische Reportage aus dem Reich Gaddafis zu erarbeiten. Sie erlebten Libyen und seine Menschen am Vorabend des Aufstandes - und erhielten durch Gespräche und Beobachtungen Einblicke in dessen Hintergründe.

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Unfreiwillig nahm GEO-Redakteurin Gabriele Riedle in Tripoli an einer Pro-Gaddafi-Kundgebung teil. Das Foto des Diktators wurde ihr während der Demonstration in die Hand gedrückt – es war wohl das einzige Mittel, um der Verhaftung zu entgehen.

Frau Riedle, warum waren Sie in Libyen?

In Libyen hatte sich in den vergangenen Jahren viel verändert. Früher hat das Land Terrorakte unterstützt oder sogar in Auftrag gegeben. Dann war es auf einmal von der Liste der Schurkenstaaten, auf der es ja ganz oben stand, verschwunden. Die Staatsführung hatte dem Terror abgeschworen. Die Europäer sahen Libyen als Bollwerk gegen Flüchtlingsströme aus Afrika und auch gegen islamistischen Fundamentalismus. Der wurde in den vergangenen Jahren in Libyen auch tatsächlich nicht akzeptiert - aber nicht, weil Gaddafi den Fundamentalismus problematisch findet, sondern weil er Angst um seine eigene Macht hat.
 Die Stellung Libyens in der Weltgemeinschaft hatte sich also stark gewandelt. Man wusste aber relativ wenig darüber, wie es innen aussieht. Um das herauszufinden, war ich in das Land gereist.

Wie gestaltete sich dann Ihre Arbeit?

Als wir Anfang Februar in Libyen ankamen, hat noch kaum jemand geglaubt, dass sich die Aufstände in der arabischen Welt so rasch nach Libyen ausbreiten würden. Dennoch war das Regime schon unglaublich nervös. Ich konnte von Anfang an nicht ungehindert recherchieren. Es war eine einzige Qual. Wir, der Fotograf Kai Wiedenhöfer und ich, hatten ständig Begleitung von einem Aufpasser. Den abzuschütteln war sehr schwierig. Wir waren bestenfalls unerwünscht, manche hielten uns auch explizit für Spione. Wir waren mehrmals kurz davor, die Mission abzubrechen.

Warum mussten Sie ausreisen?

Ich habe noch am vergangenen Donnerstag an einer Pro-Gaddafi-Demo teilgenommen. Wir wurden dazu quasi zwangsweise verpflichtet, weil ich die einzige westliche Journalistin im Land war. Ich habe mich, um mich in dieser Demo zumindest einigermaßen frei bewegen und sie verfolgen zu können, mit Fähnchen und mit dem "Grünen Buch" [ein Werk des "Revolutionsführers" Gaddafi, die Red.] ins Gewühl gestürzt. Andernfalls wäre ich extrem negativ aufgefallen. So bin ich dann positiv aufgefallen und man wollte mich gleich vereinnahmen - vermutlich als eine Art "Solidaritätskommando aus der westlichen Welt" oder so. Ich habe dann schnell zugesehen, dass ich halbwegs unbehelligt wieder aus der Veranstaltung rausgekommen bin. Am Freitag spitzte sich die Lage weiter zu. Wir haben uns entschieden auszureisen, nachdem wir äußerst unmissverständlich dazu aufgefordert wurden. Vermutlich wären wir verhaftet worden, wären wir auch nur eine Minute länger geblieben.

Wie kam es zu der Demonstration für Gaddafi?

Es hatte Aufrufe im Internet zu einer Demonstration am Freitag, den 17. Februar gegeben. Es war aber unklar, von wem diese Aufrufe kamen. Manche behaupteten, sie seien von Gaddafi selbst ausgegangen. So war bis zuletzt unklar, ob sie für oder gegen das Regime sein würde. Die Spannung war groß, viele Leute hatten Angst, dass es zu gewaltsamen Zusammenstößen kommen könnte. Tatsächlich wurden dann - vermutlich bezahlte - Gaddafi-Anhänger in Bussen herbeigekarrt. Andererseits waren auch "echte" Gaddafi-Unterstützer dabei. Er hat viele Anhänger unter den Jugendlichen - oder bisher gehabt, denn das kann sich jetzt ändern. Es war gespenstisch, denn es war anfangs eine relativ ausgelassene Party, eine Stimmung wie nach einer gewonnenen Fußball-Weltmeisterschaft. Mit Fahnen, Autokorsos und mit jungen Männern, die auf der Straße tanzten. Gleichzeitig wusste man, dass zur selben Zeit in Bengasi, also 1000 Kilometer östlich, die ersten Schüsse gefallen waren. Aber nur vom Hörensagen, denn offizielle Nachrichten zu solcher Art von Ereignissen gibt es in einem Land, in dem strengste Zensur herrscht und keine unabhängigen Journalisten arbeiten können, natürlich nicht.

Wie geht es weiter in Libyen? Kann sich Gaddafi an der Macht halten?

Das kann im Moment niemand wissen. Es gibt zur Zeit alle möglichen neuen Informationen. Manche behaupten, er habe das Land bereits verlassen. Dann wurde das wieder dementiert. Wenn er sich an der Macht halten kann, wird es weitergehen mit extremer Repression auf der einen und mit Vergünstigungen auf der anderen Seite. Das macht er immer so. Es wird Geld an Leute verteilt, es werden Jobs vergeben, es werden die Staatsgehälter erhöht, es werden Häuser oder Wohnungen zur Verfügung gestellt, damit die Leute halbwegs ruhig gestellt sind. Es könnte aber auch sein, dass einer seiner acht Söhne, etwa Seif al-Islam, glaubt, die Macht übernehmen zu können. Der gilt ja immer noch als der westlichste und fortschrittlichste - im allerweitesten Sinne - unter den Brüdern. Doch das würden vermutlich seine Brüder - darunter auch ein Geheimdienstchef und der Chef eines Panzerregiments - sicher nicht so einfach dulden. Es kann also innerhalb des Gaddafi-Clans zu größeren Zerwürfnissen und Kämpfen kommen. Dann sind da noch die Stämme im Osten, von denen die Rebellion ausging. Die sollen immerhin Waffen gebunkert haben, die ihnen Gaddafi schon vor langer Zeit selbst gegeben haben soll, für den Fall eines Angriffs von außen. Wenn die Stämme diese Waffen ausgraben, wird es heftig abgehen. Von daher sind die Aussichten auch für den Fall, dass Gaddafi verschwindet, äußerst düster.

Welche Rolle spielen diese Stämme?

Libyen ist noch sehr stark stammesmäßig geprägt. Und die Stämme im Osten des Landes haben schon lange Streit mit dem Gaddafi-Clan. Da gibt es verschiedene offene Rechnungen. Das hat unter anderem damit zu tun, dass sie selber so machtbewusst sind. Es gab immer wieder mal kleinere Ausschreitungen, es gab Umsturzversuche von Seiten dieser Stämme. Es wurden Leute erschossen. Da hat sich ein enormes Rachepotenzial aufgestaut. Rache von Stämmen, die nicht an der Macht sind, Rache auch für frühere Übergriffe auf andere Clans, Rache von Islamisten, deren Führer unter Gaddafi schon vor Jahren eingekerkert wurden. Wenn die Proteste im Westen als reine Demokratiebewegung gewertet werden, basiert das zum Teil auf Wunschdenken.

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GEO-Redakteurin Gabriele Riedle und Fotograf Kai Wiedenhöfer im Parlament Libyens – wenige Tage bevor es in Brand gesetzt wurde

Der Protest ist also ein ganz anderer als in Ägypten?

Ich habe in ganz Libyen niemanden von Demokratie sprechen hören. Wo sollte eine solche Bewegung in nennenswerter Größer auch herkommen? In Gaddafis Reich gab es so gut wie keine Nischen, in denen sich so etwas wie eine Opposition organisieren hätte können, jedenfalls keine, die solche Proteste auf die Beine zu stellen vermag. Der Frust richtete sich, zumindest ursprünglich, hauptsächlich gegen eine Regierung, die korrupt ist, aber sehr wenig gegen Gaddafi selbst. Die Unruhen im Osten sind kaum vom Willen zu Reformen oder zur Demokratie genährt. Sie haben damit begonnen, dass ein paar Leute auf die Straße gegangen sind. Das waren Familienangehörige von Leuten, die schon vor vielen Jahren bei Scharmützeln umgebracht worden waren. Das sind keine organisierten Massen. Die dank Internet und Facebook organisierten Massen, das waren diejenigen, die in Tripoli auf der Straße für Gaddafi protestiert haben.

Interview: Peter Carstens