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Literatur: Die Zukunft des Lesens

Internet und E-Books verändern die Art, wie wir lesen. Die digitalen Medien verwandeln uns in Überflieger, die Texte nach Info-Bits filtern. Verlernen wir so das Denken? Oder werden wir klüger?
In diesem Artikel
Mahnungen von Schriftkundigen
Veränderte Lesegewohnheiten
Viele Leser sind überfordert
Zerstört das Buch, damit es lebt!
Die Schrift prägt unseren Alltag

Mahnungen von Schriftkundigen

Eltern klagen darüber, dass ihre Kinder, vor allem ihre Söhne, lieber durch digitale Welten bummeln, als Gedrucktes auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Lehrer beschweren sich nicht nur über lesefaule Schüler, sondern auch über Eltern, die vor lauter Glotzen und Googeln immer seltener dazu kommen, ihren Kindern vorzulesen. Autoren und Redakteure sehen mit Sorge, dass die Aufmerksamkeit ihrer Leser von immer mehr Medien beansprucht wird, und Chefredakteure klagen über Autoren, die das knappe Zeitbudget dieser Leser durch zu lange Texte strapazieren.

Wenn man versucht, herauszufinden, ob diese Klagen berechtigt sind, stellt man schnell fest: Sie sind nicht neu. Sie haben eine Vorgeschichte, die fast so alt ist wie das Lesen selbst.

Vor etwa 10 000 Jahren ritzten Menschen im Zweistromland die ersten Zeichen und Symbole in Tontäfelchen; vor 5300 Jahren begannen die Mesopotamier und Ägypter, die erste Silbenschrift zu entwickeln; die Erfindung des modernen Alphabets durch die Phönizier, vor etwa 2700 Jahren, verhalf dem Medium Schrift zu seinem ersten großen Aufschwung. Spätestens seitdem geht die Sorge um, ob die Kunst, Buchstaben und Zeichen zu entschlüsseln, auch richtig angewandt wird.

Mahnungen von Schriftkundigen

Es sind, natürlich, vor allem die Schriftkundigen, die mahnen, warnen, klagen: dass die Menschen zu wenig, zu viel, gar nicht oder dass sie überhaupt lesen. Dass sie die falschen Texte lesen - Texte, die Aufruhr stiften, die Moral verderben, Geist und Fantasie betäuben oder, im Gegenteil, zu sehr anregen. Dass die richtigen Texte in die Hände der falschen Leute geraten oder auf falsche Weise gelesen werden. Geklagt wird immer. Doch es fällt auf, dass die Lese-Klagen zu manchen Zeiten lauter sind als sonst. Es sind Zeiten, in denen Menschen starke Veränderungen erfahren, und zwar auf allen Gebieten des Lebens.

Um 1454 erscheint in Mainz die erste mit beweglichen Metall- Lettern gedruckte Bibel. In den 50 Jahren danach werden acht Millionen Bücher produziert - das sind mehr als in den gesamten sechseinhalb Jahrtausenden zuvor, Pergamentbände und Papyri eingeschlossen.

Eine Medien-Revolution

Die neuen Druckwerke bieten nicht nur eine Fülle bislang unbekannter Erkenntnisse, sie erfordern auch eine neue Art des Lesens. Die Texte, in schnörkellosen Einheitslettern gedruckt, laden ein zum Denken, Staunen, genauen Hinschauen; man darf sie auch diskutieren und kritisieren - schließlich sind sie keine Heiligen Schriften, sondern das Werk eines Autors. Die Leser nehmen diese Einladung an. Und richten ihren neuen, kritischen Blick nicht nur auf ihre Lektüre, sondern ihre gesamte Umwelt. Sie zweifeln Wahrheiten an, die bislang als gottgegeben galten, stellen die Autorität bislang allmächtiger Institutionen infrage.

Veränderte Lesegewohnheiten

Die Geschichte von Gutenbergs Erfindung wirkt, von heute aus gesehen, ebenso faszinierend wie beunruhigend. Denn sie zeigt, wie ein neues Medium eine ganze Gesellschaft umkrempeln kann. Wer früher als andere wissen will, ob sich eine Revolution anbahnt, sollte Menschen beim Lesen beobachten.

Veränderte Lesegewohnheiten

In letzter Zeit ertappe ich mich häufig dabei, dass ich beim Zeitungslesen zuerst den Schluss eines Artikels überfliege. Und nur gelegentlich, je nach Laune und Interesse, über die Mitte zum Anfang zurückzappe. Beim Bücherlesen fange ich oft schon nach wenigen Dutzend Seiten an, vorauszublättern, womöglich einen Blick aufs Ende zu werfen - selbst dann, wenn ich den Inhalt interessant finde. Häufig lese ich mehrere Bücher parallel. Manche bleiben so lange aufgeschlagen liegen, bis sich eine feine Staubschicht auf ihnen gebildet hat. Wie viel ich im Internet lese, kann ich gar nicht mehr sagen. Und noch weniger weiß ich, ob das, was ich darin tue, den Namen "Lesen" überhaupt verdient.

Lange Zeit habe ich mein Leseverhalten für eine Berufskrankheit gehalten. Mittlerweile weiß ich: Es ist eine Art Epidemie, die unter Gewohnheitsebenso wie unter Gelegenheitslesern grassiert. Alle neueren Studien kommen zum gleichen Schluss: Wir Textkonsumenten sind ungeduldiger, hektischer und zerstreuter geworden, und unser Lesen ist weniger erlebnis- als ergebnisorientiert.

Statt, wie früher, in einen Text abzutauchen, ihn Zeile für Zeile auszukosten oder durchzuarbeiten, verhalten wir uns wie geistige Goldsucher: Wir scannen und filtern Buchstabenhalden auf der Suche nach brauchbaren Info- Nuggets. Und das tun wir nicht nur, wenn wir am Bildschirm lesen: "Manchem Textredakteur stünden Tränen in den Augen, wenn er sehen würde, wie Leser seinen Leitartikel oder seine große Reportage tatsächlich wahrnehmen", konstatiert der Trierer Medienwissenschaftler Peter Schumacher.

Ist das gedruckte Wort besser?

Noch genießen gedruckte Medien vor allem bei älteren Lesern einen Aufmerksamkeits- und Vertrauensvorschuss, wie die "Stiftung Lesen" in ihrer jüngsten Studie ermittelt hat. Jüngere Leser sehen das bereits anders: 67 Prozent der unter 20-Jährigen bekunden, es sei ihnen egal, ob sie einen Text online oder auf Papier lesen - der Inhalt allein sei entscheidend.

Auch ich würde diesen Satz sofort unterschreiben. Aber zugleich frage ich mich: Ist es für den Inhalt eines Textes wirklich egal, wie er gelesen wird? Ist jemand, der vor allem Info-Brocken abspeichert, noch imstande, längere Gedankengänge zu verfolgen? Solchen Fragen ist bisher keine neuere Lesestudie systematisch nachgegangen. Aber es gibt Beobachtungen, die darauf hindeuten, dass die geringe Tauch-Tiefe vieler Bildschirmleser Langzeitfolgen für ihr Textverständnis hat.

Viele Leser sind überfordert

Seit 20 Jahren registriert Stefan Aufenanger, wissenschaftlicher Berater der Stiftung Lesen und Professor für Medienpädagogik, dass seinen Studierenden das Bücherlesen zusehends schwerer fällt. Dass sie Texte, die sie im Literaturverzeichnis ihrer Arbeiten angeben, oft gar nicht verstanden haben. Und immer häufiger, sagt er, reagierten sie auf eine Leseempfehlung mit der Frage: Muss es wirklich das ganze Buch sein?

Viele Leser sind überfordert

Ähnliches beobachtet Horst Wenzel, Professor für Altgermanistik an der Berliner Humboldt- Universität. Immer mehr seiner Studenten, immerhin angehende Literaturwissenschaftler, kapitulierten vor Texten von Thomas Mann und Heinrich von Kleist. "Die komplexe Syntax dieser Autoren, die langen Sätze mit ihren vielen Einschüben und Nebensätzen - das überfordert viele jüngere Leser. Denn deren Sprache ist vor allem durch das Internet geprägt, durch E-Mail und Chatkultur. Und durch leichte Unterhaltungslektüre."

So niederschmetternd diese Diagnosen klingen - beide Wissenschaftler sprechen sie mit großer Gelassenheit aus. Was nicht zuletzt daran liegt, dass sie beim Thema Lesen und Medien nicht nur die jüngste Vergangenheit im Blick haben. mit der Entwicklung der Schriftkultur befasst sich Horst Wenzel seit vielen Jahren. Und entdeckt dabei immer wieder erstaunliche Parallelen zwischen historischen Umbrüchen und den Mediendiskussionen der Gegenwart.

"alleyn uff gewynn und groß beschisß"?

Wenn etwas bahnbrechend Neues in die Welt kommt, sagt er, dann geht immer auch etwas verloren. Und die Verluste sind für die Zeitgenossen oft stärker spürbar als die Gewinne. Als der Buchdruck aufkam, erhob sich eine Vielzahl von Klagen: Das neue Medium bewahrt keine Geheimnisse! Es macht die Schreiber arbeitslos! Es verfälscht die Werke der alten Dichter und Philosophen durch schludrige Raubdrucke! Am schlimmsten aber sei, dass es jede Meinung ungeprüft verbreite, "alleyn uff gewynn und groß beschisß", sodass die Leute am Ende den "buren" mehr glauben als den "glerten". So schimpft, um 1500, der Dichter Sebastian Brant.

Doch die Stimmen der Mahner und Warner finden, trotz aller Vehemenz, nur wenig Gehör: Die Begeisterung über die Möglichkeiten des neuen Mediums überwiegt die Skepsis. Der Buchdruck sei "die Kunst der Künste, die Wissenschaft der Wissenschaften", er werde dem Volk nicht nur Erleuchtung und Aufklärung, sondern "unaussprechliche Seligkeit" bringen - so schwärmen lesefreudige Zeitgenossen des 15. Jahrhunderts. Aus heutiger Sicht zeigen Klagen ebenso wie Jubelrufe vor allem eines: dass Revolutionen unübersichtlich sind. Dass diejenigen, die sie miterleben, meist zu überwältigt sind von den Veränderungen, um nüchterne Prognosen über deren Langzeitwirkung abgeben zu können.

Zerstört das Buch, damit es lebt!

Eines immerhin bleibt jedem Zeitzeugen unbenommen: das, was sich ändert, so genau und unvoreingenommen wie möglich zu registrieren. Horst Wenzel beobachtet, dass seine Studenten in den vergangenen Jahren völlig neue Leseund Arbeitsmethoden entwickelt haben. Er staunt über die Effizienz, mit der sie große Text- und Datenmassen, ob gedruckt oder digital, in kürzester Zeit durchfiltern. Und über ihre Lust am "Netzwerken": Statt, wie früher, allein in der Bibliothek an Originalquellen zu recherchieren, beschaffen sie sich Informationen durch Austausch mit Fachkollegen im Netz. Die Resultate, findet der Professor, seien in der Regel nicht schlechter als "klassische" Seminararbeiten.

Der Streit über Fluch und Segen der neuen Medien, so viel ist sicher, wird auch in den kommenden Jahren viele Blogs und Kommentarspalten füllen. Aber ebenso sicher ist, dass er den Wandel der Lesegewohnheiten nicht aufhalten wird. Dieser hat schon jetzt zum Teil dramatische Ausmaße angenommen. In den USA sterben nicht nur die Zeitungen, es geht auch bereits das Wort von der "Bücherdämmerung" um: Knapp 60 Prozent aller US-Amerikaner rühren nach Abschluss der Highschool nie wieder freiwillig ein Buch an, 40 Prozent aller gedruckten Bücher werden nie verkauft, über die Hälfte nach dem Kauf nicht zu Ende gelesen.

Zerstört das Buch, damit es überlebt!

Der New Yorker Journalist und Blogger Jeff Jarvis stellt dem Patienten Buch eine mitleidlose Diagnose aus: Es sei, in seiner jetzigen Form, nicht zeitgemäß. Sein Ratschlag: Zerstört das Buch, damit es überlebt!

In Zukunft, sagt Jarvis, werden Buchhändler auf jede Kundenfrage nach einem bestimmten Titel mit der Gegenfrage antworten: Wie hätten Sie’s gern? Gedruckt, digital oder als Hörbuch? Geschnitten, oder am Stück? Manche Kunden möchten vielleicht nur ein paar Kapitel lesen. Sollen sie. In seiner virtuellen Form, als Textdatei auf dem Lesegerät, ist das Buch kein starrer Buchstabenfriedhof mehr, sondern ein dynamisches, unbegrenzt flexibles Gebilde. Man kann es aktualisieren, vernetzen, durch Anmerkungen ergänzen oder gleich zerteilen und neu kombinieren - mit einer der 10 000 anderen Textdateien auf dem persönlichen iBookPhoneTuneScreen.

Der Graben ist nicht tief

Der Blick auf die Gegenwart zeigt jedoch, dass der Graben zwischen Buch- und Bildschirmmenschen so tief gar nicht ist. Beide sind, auf ihre Art, eifrige Schreiber und Leser; beide verbindet eine Überzeugung, die so selbstverständlich ist, dass sie kaum einer ausspricht: dass Informationen und Gedanken auch in der Netzwerkgesellschaft vor allem mithilfe des Mediums Schrift verbreitet werden.

Die Schrift prägt unseren Alltag

Hier ist ein Ratschlag für alle, die an der modernen Lesekultur verzweifeln. Er stammt von Gerd Mannhaupt, Professor für Didaktik der Schriftsprache an der Universität Erfurt, und lautet: Verbringen Sie einen Nachmittag in einem gut vernetzten Kinderzimmer! Dann erfahren Sie, was heute jedes Schulkind vom ersten Mausklick an lernt: Wer googeln will, muss lesen können. Ein Hypertext ist, vor allem anderen, ein Text, den nur versteht, wer ihn als solchen wahrnimmt. Und um sich in Blogs oder Chatforen Gehör zu verschaffen, muss man imstande sein, zumindest halbwegs flüssig zu schreiben und zu formulieren.

Die Schrift prägt unseren Alltag

Man kann über die Qualität vieler Online-Beiträge die Hände ringen, aber eines ist unbestreitbar: Sie haben einen Boom schriftlicher Kommunikation ausgelöst. Und nicht nur in der digitalen Welt ist Lesekompetenz intensiver gefordert denn je: Wer im modernen Konsum- und Arbeitsleben den Überblick behalten will, muss sich ständig mit Texten aller Art auseinandersetzen. Bedienungsanleitungen, Produktaufschriften, Kontoauszüge, Behördenschreiben, Ticketautomaten, Info-Tafeln, Werbeplakate - überall Gedrucktes, das nicht nur gelesen, sondern auch verstanden werden will. "Unser Alltag", sagt Gerd Mannhaupt, "war vermutlich noch nie so stark von Schrift geprägt wie heute."

Leseverweigerer sind im Nachteil

Das empfinden nicht alle als Segen. Am wenigsten natürlich jene, denen der Umgang mit Texten aller Art grundsätzlich schwerfällt. Und das sind mehr, als den meisten Vielmediennutzern bewusst ist. In Umfragen der Stiftung Lesen bekundet etwa jeder Dritte ganz offen, selten bis nie zu lesen. Begründung: Es macht Mühe, es kostet zu viel Zeit. Und Bücher sind sowieso Ballast.

Diese Einstellung bereitet nicht nur Bildungsexperten Kopfzerbrechen. Denn Leseverweigerer bleiben in mehrfacher Hinsicht außen vor. Sie sind politisch eher desinteressiert, gehen seltener zur Wahl, sind weniger bereit, sich sozial zu engagieren oder auch nur einem Sportverein beizutreten. "Wenn es in unserer Gesellschaft einen Graben gibt", sagt der Dortmunder Lesedidaktiker Peter Conrady, "dann verläuft er nicht zwischen Computer- und Büchermenschen. Sondern zwischen denen, die neugierig auf die Welt sind - und denen, die es nicht sind."

Wie das Wissen in den Kopf kommt
Wie das Wissen in den Kopf kommt
Durch die Neurobiologie hat sich unser Wissen über unser Denkorgan explosionsartig vermehrt. Lesen Sie im ersten Teil der GEO-Serie, wie das Gehirn Gelerntes festschreibt - und was sich davon für die Schule ableiten lässt