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Die Grundlagen des Wissens

Dating-Apps Sex to go

Partnerportale im Internet und Dating-Apps für das Smartphone machen den ersten Schritt zum Kennenlernen einfach und bequem: Oft genügen ein paar Klicks, und schon hat man die Wahl unter Hunderten potenzieller Kandidaten. Doch so verführerisch die neuen Möglichkeiten auch erscheinen: Die digitalen Kontaktbörsen, so zeigen Studien, könnten es erschweren, den Partner fürs Leben zu finden

Der Gedanke erscheint verlockend: Anstatt sich darauf verlassen zu müssen, dass man zufällig im Fitness-Studio oder in der Kneipe jemanden trifft, der einem gefällt, stellt man ein Foto von sich ins Internet, formuliert ein paar aussagekräftige Zeilen über sich und seine Ambitionen. Und kann schon nach kurzer Zeit unter meist Aberhunderten ähnlicher Profile nach genau dem Partner fahnden, der am besten zu einem passt.

Allein im deutschsprachigen Raum stellen mittlerweile eine unüberschaubare Vielzahl von Dating-Firmen solche Dienste im Internet zur Verfügung. Die Palette reicht von großen Netzwerken wie Parship, eDarling, ElitePartner oder FriendScout24 zu Nischenanbietern wie grosseleute.de oder einer Flirtseite für Tierliebhaber namens hunde-date.at. Einer Umfrage zufolge ist rund jeder achte Internetnutzer hierzulande bei einer Internet-Singlebörse angemeldet. Zwei Drittel davon, etwa vier Millionen Bundesbürger, nutzen das Angebot auch aktiv und suchen auf diesem Weg derzeit nach dem oder der Richtigen.

Sex to go

MIT EINEM WISCH ZUM SCHNELLEN GLÜCK: Wer bei der Flirt-App Tinder ein Profilbild nach rechts wischt, signalisiert sein Interesse. Hat die ausgewählte Person ihr Gegenüber ebenfalls in Richtung Herz gewischt, öffnet sich bei beiden ein Chat-Fenster – und damit die Chance auf eine unverbindliche Kontaktaufnahme

Dating-Apps präsentieren einen schier endlosen Reigen an potenziellen Partnern

Doch damit nicht genug: Der jüngste Trend sind Dating-Apps fürs Smartphone, mit deren Hilfe Nutzer nach Kontakten in ihrer Umgebung suchen können. Diese Apps sind verführerisch einfach. Beim aktuell äußerst populären Dienst Tinder etwa besteht ein Profil aus nicht viel mehr als dem Vornamen, dem Alter sowie ein paar Fotos, die automatisch aus dem Facebook-Profil eines Kennenlernwilligen übernommen werden.

Das Programm sucht dann in einem Umkreis, der sich auf einen Radius zwischen zwei und 160 Kilometer einstellen lässt, nach potenziellen Partnern für ein Rendezvous. Lediglich das bevorzugte Geschlecht und eine Altersspanne können als Suchkriterien angegeben werden, und schon beginnt der Service, Bilder von anderen Nutzern anzuzeigen sowie – falls vorhanden – "Likes" und Freunde, die man mit der jeweiligen Person auf Facebook gemeinsam hat.

Wem das Gegenüber gefällt, der signalisiert Zustimmung, indem er dessen Foto auf dem Bildschirm nach rechts wischt. Ein Wischen nach links dagegen bedeutet: abgelehnt. Nur wenn beide Nutzer Gefallen bekunden, ergibt sich ein "Match" und es öffnet sich ein Chat, über den eine Kontaktaufnahme möglich wird.

Wie beim Flirten in der Kneipe geht es also zunächst vor allem darum, wie sehr einen das Äußere des anderen anspricht. Ob zwei Menschen ähnliche Lebensanschauungen teilen oder hinsichtlich ihres Temperaments zueinander passen, ist erst einmal nebensächlich. Allerdings sind die Chancen, bei dieser Art Flirt zufällig richtig zu liegen, wohl weitaus größer als in jeder Bar – allein durch die riesige Auswahl. Mithin können sich Tinder-Nutzer einen schier endlosen Reigen an potenziellen Partnern auf ihr Telefon laden. Nach Aussagen des Betreibers werden mittels dieser App weltweit täglich rund 1,6 Milliarden Mal Profile geteilt und bewertet, jeden Tag soll es rund 26 Millionen Tinder-Matches geben.

Die unverfängliche Kontaktaufnahme per Mobiltelefon bedient ein Bedürfnis nach Bestätigung

Keine Frage: Online-Partnerbörsen und Dating-Apps verändern die Art und Weise, wie wir lieben und leben. Mit durchaus bestechenden Vorzügen. Denn anders als in einer Bar weiß ein Kennenlernwilliger dank Tinder beispielsweise schon im Vorfeld, dass der andere ähnliche Absichten hegt – sonst hätte sich das Kontaktfenster ja gar nicht erst geöffnet. In den Augen mancher Experten wandelt sich Flirten damit von einer nervenzerrüttenden Mutprobe zu einem verlässlichen Unterfangen, zu einem angstfreien Spiel. Was offenbar viele Nutzer zudem beflügelt: Die unverfängliche Kontaktaufnahme per Mobiltelefon bedient ein Bedürfnis nach Bestätigung. Schließlich bedeutet jeder Match ein "Du interessierst mich"; er ist eine Streicheleinheit fürs eigene Ego. Je mehr Matches jemand bekommt, desto größer sein Selbstwertgefühl – und desto unwiderstehlicher der Reiz, mit immer mehr Unbekannten anzubandeln, wenn auch vielleicht nur, um ein paar Nachrichten zu verschicken.

Manche Nutzer empfinden es fast wie eine Sucht. In der Bar, auf dem Büroflur, sogar im Kino, während der Film läuft, sind immer mehr Menschen damit beschäftigt, andere Singles zu orten und Profile zu sortieren. Statt sich auf eine einzelne Person oder eine einzelne Sache zu konzentrieren, kommunizieren viele Tinder-Nutzer gleich mit mehreren neuen Bekanntschaften parallel.

So stellt sich die Frage: Haben digitale Partnervermittlungsdienste überhaupt noch etwas mit einer ernsthaften Suche nach Liebe und echter Partnerschaft zu tun? Und wie effektiv ist Online-Dating überhaupt? Wie leicht lässt sich über Kennenlern-Netzwerke im Internet der oder die Richtige tatsächlich finden?

Online-Dating scheint in mancher Hinsicht den Pfad zum Glück zu versperren

So verführerisch die neuen Möglichkeiten auch erscheinen: Erste Studien und Erhebungen, die Wissenschaftler vor allem über die klassischen Dating-Websites ausgewertet haben, zeichnen ein für viele Nutzer eher ernüchterndes Bild. Demnach hat es das Internet für die meisten Menschen keineswegs einfacher gemacht, eine Beziehung zu starten.

Im Gegenteil. Online-Dating scheint in mancher Hinsicht sogar den Pfad zum Glück zu versperren. Ausgerechnet der vermeintlich größte Trumpf des Internets erweist sich offenbar als Nachteil: die enorm große Auswahl an Singles, zu denen es Zugang liefert. Denn die Flut ist oft derart überwältigend, dass Beziehungssuchende Kontaktangebote nicht angemessen bewerten können.

Anders als die Dating-Apps präsentieren traditionelle Online-Partnerbörsen wie eDarling oder Parship Kennenlernwillige mit ausführlichen Angaben zu Beruf oder Hobbys, listen Charaktereigenschaften oder kulinarische Vorlieben auf. Ein Single, der eine Bekanntschaft sucht, kann sich also gut über potenzielle Partner informieren. Doch weil für jedes Treffen buchstäblich Hunderte von Kandidaten infrage kommen, fühlen sich viele Beziehungssuchende schlicht überfordert, sämtliche Steckbriefe sorgfältig zu lesen und gegeneinander abzuwägen.

Stattdessen wählen sie, wie Forscher analysiert haben, oft nach ähnlich oberflächlichen Kriterien aus wie die Nutzer von Tinder und Co. Den Ausschlag gibt in vielen Fällen nicht ein wohl formulierter Profiltext, sondern die Strahlkraft eines Fotos – die Frage also, wie attraktiv man in den Augen des Suchenden wirkt.

Für Psychologen ist dieses Verhalten wenig überraschend, denn Menschen neigen offenbar von Natur aus dazu, vom Aussehen eines anderen auf dessen Persönlichkeit zu schließen. Ist eine Person körperlich attraktiv, vermuten sie, dass sie auch beruflich erfolgreich sein wird oder ein besserer Partner wäre – auch wenn jedermann bewusst ist, dass solche Zuweisungen längst nicht immer stimmen. Dies ist ein Automatismus, der sich nicht auf die digitale Welt beschränkt. Auch im richtigen Leben halten wir schöne Menschen, so bezeugen psychologische Studien, für besonders tadellos.

Angesichts des riesigen Angebots an Singles im Netz wollen alle nur: das Beste

Doch was die Beziehungssuche im Netz gegenüber der Suche in der analogen Welt darüber hinaus erschwert, ist nicht die mangelnde Auseinandersetzung mit den jeweiligen Kandidaten (die ist beim Flirt in einer Kneipe anfangs schließlich auch oft oberflächlich), sondern vielmehr der eigene Anspruch, der wegen der riesigen Auswahl immer größer wird. Online-Singles werden, so stellen Forscher fest, mit der Zeit immer kritischer, sie entwickeln eine regelrechte Shopping-Mentalität, wie manche Soziologen sagen.

Das heißt: Sie vergleichen die zur Vermittlung stehenden Kennenlernwilligen so, wie ein Autokäufer verschiedene Wagenmodelle gegeneinander abwägt, bevor er entscheidet, mit welchem er eine Probefahrt machen möchte. Und angesichts des großen Sortiments wollen alle nur eines: das Beste. Diese Mentalität führt dazu, dass sich hübsche junge Frauen vor Kontaktgesuchen kaum retten können, während weibliche Singles über 30 von Männern oft ignoriert werden. Wertet man die Statistiken der Portalbetreiber aus, zeigt sich: 20-jährige Frauen bekommen etwa elfmal so viele Anfragen wie 50-jährige.

Zudem scheint die Shopping-Mentalität oft selbst dann anzuhalten, wenn sich zwei Flirtkandidaten getroffen haben – und sogar noch, nachdem es bereits zwischen ihnen gefunkt hat. Denn wenn Menschen wissen, dass es nur einen Klick weit entfernt zahllose Alternativen gibt, sind sie meist weniger gewillt, sich auf einen Partner festzulegen. Und eher bereit, eine aufblühende Beziehung beim geringsten Zweifel wieder abzubrechen. Zu schwer, so scheint es, wiegt die Verheißung, da draußen könnte sich jemand finden, der noch besser passt, den eigenen Ansprüchen noch besser genügt.

Einige Dating-Portale versuchen das Problem dadurch zu entschärfen, dass sie gegen eine monatliche Gebühr versprechen, das unübersichtliche Angebot an Singles über hauseigene Computerprogramme zu sieben – und genau jene Bewerber herauszufiltern, die gemäß bestimmten, zuvor festgelegten Kriterien besonders gut zueinander passen.

Vorab müssen die interessierten Singles in der Regel Fragebögen über ihre Biografie, ihre Interessen, Wertvorstellungen und Ziele ausfüllen. Die Vermittlungsdienste erarbeiten daraus Persönlichkeitsprofile und kombinieren jene, die ihrer Ansicht nach gut zu harmonieren scheinen.

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LIEBE OHNE GEWÄHR: Forscher beobachten, dass es manchen Menschen immer schwerer fällt, sich auf einen Partner verbindlich festzulegen – schließlich sind zahllose Alternativen ja nur einen Klick weit entfernt

Komplexe Formeln zur Partnervermittlung der Online-Agenturen sind oft auch nicht erfolgversprechender als oberflächlich arbeitende Dating-Apps

Doch in der Praxis scheitert der Versuch meist an zwei grundsätzlichen Problemen. Zum einen arbeiten die Portale mit unzuverlässigen Informationen: Sie müssen darauf vertrauen, dass sich die Partnersuchenden akkurat beschreiben. Menschen sind jedoch oft schlecht darin, sich selber zu beurteilen – etwa einzuschätzen, wie kreativ oder weltoffen sie sind.

Hinzu kommt, dass sich die bei den Vermittlungsagenturen registrierten Singles in der Regel so positiv wie möglich darstellen wollen. Was potenzielle Partner als negativ empfinden könnten, lassen sie – verständlicherweise – weg. Und mitunter wird sogar bewusst gelogen. Männer stellen sich in ihren Online-Profilen etwa oft ein wenig größer dar, als sie sind. Viele Frauen wiederum schummeln etwas beim Gewicht.

Zum anderen entsteht emotionale Nähe zwischen zwei Menschen nicht dadurch, dass sie sich nach objektiven Maßstäben ähneln – sondern dass sie sich als ähnlich empfinden. Was dafür letztlich nötig ist, können offenbar nicht einmal die Beziehungssuchenden vorhersagen. So haben die Betreiber der Online-Vermittlungsagentur OkCupid festgestellt, dass viele Singles etliche "Muss"-Kriterien für potenzielle Partner aufstellen. Sie glauben, dass eine Beziehung für sie nur dann funktionieren kann, wenn der andere etwa ihre politischen oder religiösen Ansichten teilt.

Die internen Daten von OkCupid zeigen jedoch, dass selbst solche fundamental erscheinenden Wesenszüge und Werte häufig wenig damit zu tun haben, wie sehr sich zwei Menschen mögen, wenn sie aufeinandertreffen. Übereinstimmende Antworten hatten Paare, die länger zusammenblieben, hingegen auf vergleichsweise unwichtig erscheinende Fragen gegeben – etwa darauf, ob beide gern Horrorfilme anschauen.

Zudem baut Sympathie offenbar viel eher auf Eigenheiten, die zwei Menschen im direkten Kontakt meist problemlos, jedoch kaum anhand eines Online-Profils einschätzen können, beispielsweise dem Sinn für Humor. Damit sind auch die Formeln, die viele Partnerportale einsetzen, um vermeintlich besonders gut zueinander passende Beziehungswillige zusammenzuführen, überfordert. Sie werden von Wissenschaftlern als derart unzuverlässig bewertet, dass manche die neuen, eher oberflächlich arbeitenden Dating-Apps mitunter gar für ein besseres Instrument halten.

Denn diese Dienste wecken zumindest keine falschen Erwartungen – etwa, dass die Männer und Frauen, die sie vermitteln, automatisch das Potenzial zum Traumpartner haben. Sie sind allein auf ein unverbindliches Kennenlernen ausgerichtet – und tatsächlich nicht mehr als die elektronische Version eines Flirts in der Kneipe. Ob daraus mehr wird, muss sich dann erst zeigen, spätestens beim ersten Offline-Date. Natürlich ist es keineswegs ausgeschlossen, dass auch auf diesem Wege eine ernsthafte Partnerschaft entstehen kann.

Dating-Apps gelten vielen als Sexsuchmaschine: als Kontaktbörsen für schnelle Abenteuer

Viele Menschen nutzen die Dating-Apps aber vor allem als Sexsuchmaschine, als Kontaktbörse für schnelle Abenteuer. Das kann Probleme mit sich bringen: Mediziner beobachten, dass sexuell übertragbare Krankheiten wie Gonorrhoe und Chlamydien in vielen Regionen heute stärker verbreitet sind als vor einigen Jahren. Ob ein Zusammenhang mit der Verbreitung von Kennenlern-Apps besteht, wird nun wissenschaftlich untersucht. Bisher veröffentlichte Studien konzentrieren sich auf Kontakte zwischen Männern (weil Dating-Apps für Homosexuelle schon ein paar Jahre länger existieren) – und kommen zu keinem eindeutigen Ergebnis.

Klar ist allerdings: Immer weniger machen Internetnutzer – Männer, aber zunehmend auch Frauen – einen Hehl daraus, dass sie regelmäßig per App auf die Suche nach flüchtigen Sex-Treffen gehen. Doch auch wenn solche unverbindlichen Beischlaf-Dates offenbar zunehmend Normalität werden – wer auf der Suche nach einer langfristigen Beziehung ist, dem bietet weiterhin das analoge Leben draußen in der wahren Welt die besten Chancen. Statistiken aus den USA zeigen: Noch immer lernt sich nur etwa jedes fünfte Paar über das Internet kennen. In diese Zahl inbegriffen sind dabei auch schon jene Beziehungen, die nicht über spezielle Dating-Dienste, sondern über soziale Netzwerke wie Facebook zustande kamen.

Ein echtes Plus bietet Online-Dating vor allem für Menschen, die im normalen Alltag vergleichsweise selten potenzielle Partner treffen, wie beispielsweise ältere Alleinstehende. Für sie stellt das Internet eine wirkliche Verbesserung dar. Und obwohl auch für den großen Rest der Gesellschaft inzwischen gilt, dass sich immer mehr Paare über das Internet kennenlernen, findet sich der oder die Richtige nach wie vor am häufigsten über Freunde, Bekannte oder Kollegen. Und das offline und nicht online.

Der Artikel stammt aus dem neuen

GEOkompakt Nr. 43 "Sex".

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