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Die Grundlagen des Wissens

Das Gehirn Was ist Intelligenz?

IQ-Tests sollen helfen, Talente zu entdecken. Ob in Bewerbungsverfahren oder in Schulklassen - scharfsinniges Denken gilt als Hinweis auf gute Leistungen. Doch Forscher sind sich nicht einmal einig, wie unsere Intelligenz zu definieren ist

Eigentlich haben die Eltern ihren Sohn immer für ein ganz normales Kind gehalten. Als Max*, heute 14, mit sieben Monaten erste Worte spricht, denken sie sich nicht viel dabei. Zwar beginnen die meisten Kinder damit erst nach etwa einem Jahr. Doch das Ehepaar aus Köln findet sich damit ab, dass Max „einfach nur etwas schneller ist“.

Allerdings kann die Familie „nirgendwo hingehen, ohne aufzufallen“, erinnert sich die Mutter. Als sie Schuhe für den Einjährigen kaufen will, fragt die Verkäuferin, ob der Junge, der noch im Krabbelalter zu sein scheint, nicht mit Socken auskommt. „Ich kann laufen“, erwidert Max. „Ich brauche Schuhe.“ Die verdutzte Frau hält den sprachbegabten Knirps daraufhin für kleinwüchsig.

Richtige Probleme aber gibt es erst, als Max eingeschult werden soll. „Da gehe ich nicht hin“, sagt er nach dem ersten Tag: Die Lehrerin entspreche zu sehr „dem Klischee einer Grundschullehrerin“. Die Eltern schicken ihn daraufhin in eine Montessori-Schule, wo die Jahrgangsstufen im gemeinsamen Klassenverband unterrichtet werden.

Auf Rat einer Lehrerin lassen sie den Jungen vom Kinderpsychologen testen. Das Ergebnis: Max hat einen überdurchschnittlich hohen Intelligenzquotien ten (IQ) von 142.

Was für Schwierigkeiten das mit sich bringt, zeigt sich bald: Auch auf dieser Schule fühlt sich Max unterfordert und kommt mit der Lehrerin nicht zurecht.

In der 3. Klasse klagt er über schwere Bauchschmerzen – psychosomatische Beschwerden, wie sich herausstellt, verursacht von den Problemen in der Schule. Die Eltern lassen ihren Sohn eine Klasse überspringen und direkt auf dem Gymnasium einschulen. Prompt verschwinden die Schmerzen.

Max gehört zu jenen Kindern, die über eine außergewöhnliche intellektuelle Begabung verfügen. Manche der geistigen Frühstarter können bereits vor ihrem dritten Geburtstag lesen, verblüffen mit klugen Fragen oder reden schon im Kindergarten wie Erwachsene.

Einige Ausnahmetalente komponieren im Grundschulalter erste Opern oder absolvieren als Teenager ihr Hochschulstudium – wie Balamurali Ambati, ein Sohn indischer Einwanderer, der mit 13 Jahren in New York seinen Universitätsabschluss machte und 1995 mit 17 Jahren jüngster Doktor der Medizin wurde.

Oft erfahren Eltern erst durch einen IQ-Test von der besonderen Begabung ihres Kindes. Derartige Denkprüfungen bestehen gewöhnlich aus mehreren Teilaufgaben und sind so ausgelegt, dass das durchschnittliche Ergebnis bei 100 Punkten liegt.

Die Mehrheit aller Getesteten – rund zwei Drittel – erzielt zwischen 85 und 115 Punkten. Nur zwei Prozent erreichen 130 Punkte oder mehr: Ab diesem relativ willkürlich festgesetzten Grenzwert sprechen Psychologen von Hochbegabung. Lediglich vier von 1000 Kindern erreichen wie Max einen IQ von über 140.

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Hochbegabte verfügen über außergewöhnliche intellektuelle Fähigkeiten, die schon im Kleinkindalter getestet werden können

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Welches Huhn passt nicht zu den anderen? Mit Bildknobeleien wie dieser versuchen Forscher, das Denkvermögen zu messen (Lösung: rechts unten)

IQ-Tests helfen nicht nur Kinder- und Jugendpsychologen, Talente frühzeitig zu erkennen und dadurch deren Förderung zu ermöglichen. Auch Erwachsene müssen gelegentlich ihre Geisteskraft an solchen Aufgaben messen: in Deutschland etwa bei der Eignungsuntersuchung der Bundeswehr, im Auswahlverfahren mancher Hochschulen oder bei der Bewerbung um begehrte Jobs.

IQ-Test in den USA entscheidet über Leben und Tod

In den USA können Intelligenztests sogar über das Weiterleben der Probanden entscheiden: Dort dürfen zum Tode verurteilte Schwerverbrecher nicht hingerichtet werden, wenn sie einen IQ von 70 oder weniger aufweisen – sie gelten dann als geistig zurückgeblieben und somit begrenzt schuldfähig.

Was solche Punktzahlen aber tatsächlich über die Intelligenz aussagen, ist umstritten: Schließlich haben Wissenschaftler immer noch Probleme, diese Eigenschaft überhaupt zu erklären.

Zwar wird Intelligenz (von lat. intellegere = verstehen) oft vereinfachend als die Fähigkeit des Geistes angesehen, Zusammenhänge zu erkennen und Probleme zu lösen. Doch eine einzige, allgemeingültige Definition gibt es nicht.

Als etwa 1986 die US-Psychologen Robert Sternberg und Douglas Detterman zwei Dutzend Experten baten, den Gegenstand ihrer Forschung zu beschreiben, kamen dabei zwei Dutzend unterschiedliche Definitionen heraus.

Zudem ist die Bedeutung von Intelligenz von Kultur zu Kultur verschieden: So gilt ein in westlichen Ländern häufig genanntes Merkmal, die hohe Denkgeschwindigkeit, anderen Kulturen als unklug. Und in Afrika verstehen etwa die Luo, ein Stamm in Kenia, unter Intelligenz nicht nur die relativ eng umrissene intellektuelle Fähigkeit, sondern auch Qualitäten wie Respekt, Verantwortungsgefühl, Rücksichtnahme.

Ähnlich viele Meinungen gibt es auch zum IQ. Der Quotient spaltet die Forschergemeinde: Manche sehen darin einen verlässlichen Indikator für das geistige Potenzial eines Menschen, andere stehen dem mutmaßlichen mentalen Maßstab mit Misstrauen gegenüber oder lehnen ihn gar völlig ab – auch, weil sie eine Diskriminierung der laut IQ-Test Minderbegabten fürchten.

Ein Jurist revolutioniert die Intelligenzforschung

Der Streit um die Vermessung der Verstandeskraft hat seinen Ursprung vor mehr als 100 Jahren, als der Franzose Alfred Binet den ersten modernen Intelligenztest erfand. Der Jurist war durch die Beobachtung seiner beiden Töchter zur Intelligenzforschung gekommen. Zunächst hatte Binet versucht, die Begabung von Schülern anhand ihres Schädelumfangs zu bestimmen. Doch bald gab er diesen damals populären Ansatz als unbrauchbar auf.

Stattdessen ging er einen neuen Weg, als ihn die französische Regierung 1904 mit einer Aufgabe betraute: Er sollte eine Methode entwickeln, um Schüler mit Lernproblemen zu identifizieren. Gemeinsam mit seinem Kollegen Théodore Simon ersann Binet eine Reihe von 30 Teilprüfungen mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad.

Besonders einfache, wie das Verfolgen eines brennenden Streichholzes mit den Augen, konnten seiner Erfahrung nach selbst Kleinkinder bewältigen. Die schwersten Aufgaben, darunter das Finden von Reimwörtern, setzten dagegen einen großen Wortschatz oder andere Fähigkeiten voraus, über die gewöhnlich erst ältere Kinder verfügen.

Die 1905 veröffentlichte und danach stetig verbesserte „Binet-Simon-Skala“ fand schnell Anhänger. So schlug der deutsche Psychologe William Stern vor, das Ergebnis solcher Tests (das sogenannte „Intelligenzalter“) durch das Lebensalter zu teilen: Dieser Quotient spiegele am ehesten die sich entwickelnden geistigen Fähigkeiten wider.

Ein sechsjähriges Kind, das die für ein Jahr ältere Probanden bestimmten Aufgaben löste und damit ein Intelligenzalter von sieben Jahren aufwies, brachte es nach dieser Formel auf einen Quotienten von 1,17. Um eine ganze Zahl zu erhalten – in diesem Fall 117 – wurde das Resultat mit 100 multipliziert.

Gut zehn Jahre später wurde für diesen Wert der Begriff „Intelligenzquotient“ populär, nachdem der US- Psychologe Lewis Terman von der Stanford University den französischen Test überarbeitet hatte.

Terman war davon überzeugt, dass diese einfache, im Kindesalter ermittelte Kennzahl den Erfolg im späteren Leben vorhersagen könne, und er versuchte dies mit einer Langzeitstudie zu beweisen: Anhand von Testergebnissen wählte er 1528 Kinder mit besonders hohem IQ aus und verfolgte deren Lebenswege über Jahrzehnte hinweg.

Trotz einiger beachtlicher Karrieren in dieser Gruppe: Einen Nobelpreis erhielten später ausgerechnet zwei Testteilnehmer, die beim Eingrenzen der IQ-Elite herausgefallen waren.

Auch wenn die Bezeichnung geblieben ist: Heute ist der IQ streng genommen kein Quotient mehr – denn mit ihm lässt sich insbesondere die Intelligenz von Erwachsenen nur schlecht beschreiben. Deshalb werden neuere Tests vor ihrer Veröffentlichung stets einer großen Kontrollgruppe aus verschieden alten Teilnehmern vorgelegt – so vermögen Experten für jede Altersstufe eine typische Leistungsverteilung zu ermitteln. Der IQ eines Getesteten richtet sich dann später danach, wie weit sein Testresultat vom Durchschnitt der Gleichaltrigen abweicht.

Abgesehen davon funktionieren jedoch auch jüngere IQ-Tests noch ähnlich wie die zu Binets Zeiten: So fragt etwa der „Hamburg-Wechsler-Intelligenztest“, eines der in Deutschland am weitesten verbreiteten Verfahren, in der aktuellen Version für Kinder (HAWIK-IV) anhand von 15 Untertests mehrere unterschiedliche Fähigkeiten ab, darunter Sprachverständnis, Bearbeitungsgeschwindigkeit und logisches Denken.

Intelligenz verbirgt sich hinter spezifischen geistigen Begabungen

Die Kinder müssen, zum Teil unter Zeitdruck, unter anderem vorgegebene Muster mit farbigen Würfeln nachbauen, Zahlenfolgen vorwärts oder rückwärts wiederholen sowie vom Tester vorgelesene Rechenaufgaben und Rätsel lösen. So unterschiedlich diese Teilaufgaben auch erscheinen mögen: Ein Ziel solcher Tests ist es, möglichst genau den „generellen Faktor“ zu erfassen – eine allgemeine Intelligenz, die sich der Theorie zufolge hinter allen spezifischen geistigen Begabungen verbirgt.

Die Existenz eines solchen „g-Faktors“ postulierte der Brite Charles Spearman bereits 1904. Er hatte verschiedene mentale Fähigkeiten von Schulkindern abgefragt und dabei beobachtet, dass Kinder, die auf einem bestimmten Geistesgebiet gute Resultate erzielten, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in anderen Disziplinen gut abschnitten. So besaßen etwa Mathematik-Talente oft zugleich ein überdurchschnittliches Sprachverständnis.

Offenbar, so Spearmans Schluss, verfügten sie über ein grundlegendes Denkvermögen, das es ihnen erlaubte, sehr unterschiedliche Aufgaben mit vergleichbar guten Ergebnissen zu lösen – ähnlich Menschen mit einer besonderen athletischen Veranlagung, die meist in mehreren Sportarten gute Resultate erzielen.

Mit einem von ihm entwickelten statistischen Verfahren konnte Spearman zudem berechnen, wie stark die Leistungen in verschiedenen Denkdisziplinen von dieser angenommenen allgemeinen Intelligenz abhingen. Noch heute ermitteln Intelligenzforscher auf diese Weise, inwieweit einzelne Testaufgaben den g-Faktor wiedergeben. Ein Test lässt sich zum Beispiel aus solchen Teilprüfungen zusammenstellen, die genau diese Größe besonders gut abbilden – so als würde man für einen Mehrkampf vor allem Sportarten auswählen, in denen Generalisten die besten Chancen haben.

Je nach Aufbau des fertigen Tests gilt das Ergebnis, der IQ, deshalb als gute Annäherung an den g-Wert. Dieser generelle Faktor ist für viele seiner Verfechter praktisch gleichbedeutend mit der Intelligenz – und die ließe sich folglich mit einer simplen, eindimensionalen Skala messen.

Anhänger dieser Theorie verweisen unter anderem auf Erkenntnisse aus der Gehirnforschung: Neurologen untersuchten etwa Testpersonen beim Lösen von Aufgaben, die zwar stark vom g-Faktor abhingen, sonst aber sehr unterschiedlich waren. Dennoch trat jedes Mal eine genau umrissene Region des Stirnlappens* in Aktion – daraus schließen die Forscher, die allgemeine Intelligenz sei in jenem Areal, dem lateralen präfrontalen Kortex, verortet.

Der durschnittliche IQ wächst mit der Zeit

Doch seit 1984 können Kritiker der Intelligenzmessung ein schlagkräftiges Argument anführen. Damals machte der neuseeländische Psychologe James R. Flynn beim Vergleich von Testergebnissen aus mehreren Jahrzehnten eine verblüffende Entdeckung: Der durchschnittliche IQ war mit der Zeit stark angestiegen. Als er daraufhin umfangreiche Datensätze aus mehreren Nationen sichtete, stieß er überall auf den gleichen Effekt.

Bis heute ist der IQ-Zuwachs in rund 30 Ländern nachgewiesen – nicht zuletzt dadurch, dass Intelligenztests regelmäßig an das gestiegene Leistungsniveau angepasst werden müssen.

Wenn solche Tests dennoch die Intelligenz messen, dann wirft der sogenannte Flynn-Effekt gleich mehrere Probleme auf: Rechnet man zum Beispiel zurück, müsste die Mehrheit unserer Vorfahren um 1900 einen IQ von unter 70 gehabt haben – und damit nach derzeitigen Maßstäben als geistig zurückgeblieben gelten.

Bei einem durchschnittlichen Generationsunterschied von neun IQ-Punkten in den USA und ähnlichen Werten in anderen Ländern sollten zudem heutige Kinder ihre Eltern geistig überflügeln – tatsächlich scheint zwischen den Generationen in der Regel aber keine allzu große Intelligenzlücke zu klaffen.

Die vermeintliche Generationskluft ist nicht das einzige Dilemma der Intelligenzmessung: Statistiken zufolge gibt es IQ-Differenzen auch zwischen Menschen verschiedener Hautfarbe und Angehörigen unterschiedlicher sozialer Schichten. So kamen US-Studien in den 1960er und 1970er Jahren zu dem Schluss, dass Afroamerikaner in IQ-Tests durchschnittlich rund 15 Punkte weniger erzielten als ihre weißen Landsleute (eine Spanne, die inzwischen Schätzungen zufolge auf rund zehn Punkte geschrumpft ist).

Mit einer Reihe ähnlicher Datensätze zur IQ-Ungleichheit entfachten 1994 der Psychologe Richard Herrnstein und der Politologe Charles Murray eine hitzige Debatte. In einem umstrittenen Buch brachten sie schwache Testleistungen mit zahlreichen gesellschaftlichen Problemen in Verbindung: Menschen mit niedrigem IQ ließen sich demnach eher scheiden und hätten häufiger uneheliche Kinder, zudem seien sie öfter arm, arbeitslos oder kriminell.

Die Autoren betonten nicht nur das schlechtere Abschneiden von Schwarzen bei IQ-Tests. Sie schlugen darüber hinaus vor, Sozialprogramme zur Förderung von Geburten abzuschaffen, da sie vor allem „Frauen mit niedrigem IQ“ zur Mutterschaft ermutigen würden. Als Kritiker den Autoren „wissenschaftlichen Rassismus“ vorwarfen, verteidigten 52 Intelligenzforscher in einer öffentlichen Erklärung einige der im Buch vertretenen Auffassungen.

Dazu gehörte eine zentrale Annahme Herrnsteins und Murrays: dass die vom IQ gemessene Geisteskraft zu beträchtlichen Teilen in den Genen festgelegt sei.

Die Vorstellung einer im Erbgut verankerten Intelligenz hat viele Anhänger: Angesichts von IQ-Statistiken wie der von Herrnstein und Murray, schrecken manche nicht vor der Schlussfolgerung zurück, Afroamerikaner seien von Geburt weniger intelligent. So behauptete ein prominenter Verfechter der Vererbungstheorie, es sei mittlerweile „mehr oder weniger bekannt“, dass der IQ-Unterschied zwischen Schwarzen und Weißen „auf einige Aspekte der Größe und der Funktionsweise des Gehirns“ zurückzuführen sei.

Intelligenz ist vererbbar

Tatsächlich ist ein gewisser Einfluss des Erbgutes wahrscheinlich. Darauf deuten unter anderem Studien von eineiigen Zwillingen hin: Selbst wenn diese in unterschiedlicher Umgebung aufwuchsen, entwickelten sie eine ähnlich hohe Intelligenz.

Und Wissenschaftler am Londoner King’s College haben jüngst sechs Gene identifiziert, die stark mit der von IQ-Tests gemessenen allgemeinen Intelligenz zusammenhängen (allerdings konnte selbst die einflussreichste dieser Erbanlagen nur Schwankungen dieser Fähigkeit um 0,4 Prozent erklären).

Doch obwohl manche Forscher aus den Zwillingsstudien folgern, dass Intelligenz zu bis zu 80 Prozent vererbbar sei, haben andere Faktoren wie Familiensituation, schulische Bildung oder kultureller Hintergrund vermutlich enorme Auswirkungen. Und so lässt sich der von James Flynn festgestellte IQ-Anstieg in der Gesellschaft wohl nicht durch genetischen Einfluss erklären – vielleicht aber durch den Wandel der Lebensbedingungen im Zuge der Industriellen Revolution.

Wie Menschen vorher auf Intelligenztests reagiert haben könnten, zeigt die Arbeit von Alexander Luria: Der russische Psychologe konfrontierte in den 1930er Jahren Analphabeten in abgelegenen Regionen der UdSSR mit Aufgaben, wie sie ähnlich in IQ-Tests vorkommen. In einem Fall gab er zwei Grundannahmen vor, die sein Gegenüber logisch verknüpfen sollte: Alle Bären seien dort weiß, wo es immer schneit, und auf der nordrussischen Insel Nowaja Semlja schneie es immer.

Die Antwort auf die Frage, welche Farbe die Bären dort also hätten, fiel pragmatisch aus: „Ich habe bislang nur schwarze Bären gesehen und kann nichts über Dinge sagen, die ich nicht gesehen habe.“ Als der Psychologe nachhakte, räumte der Befragte lediglich ein: „Wenn mir ein 60 oder 80 Jahre alter Mann sagen würde, er habe dort einen weißen Bären gesehen, dann könnte man ihm glauben.“

In Intelligenztests würden solche Probanden schlecht abschneiden: Schließlich bleiben sie die erwartete Antwort, eine logische Verbindung aus zwei fabrizierten Aussagen, schuldig. Die Überzeugung der Bauern, dass allein Erfahrung ein sicheres Urteil über die Farbe der Bären auf Nowaja Semlja zulasse, trifft jedoch zu – und entlarvt die Künstlichkeit der Fragestellung.

IQ-Tests messen die Anpassung an die moderne Welt

Ebenso wenig wie die von Luria befragten Bauern waren auch unsere Vorfahren um 1900 geistig zurückgeblieben: Ihre Intelligenz war, so Flynn, einfach nur stärker in der Alltagswirklichkeit verankert. Dagegen hätten sich die Menschen in den heutigen Industrienationen längst an das Denken in abstrakten Kategorien gewöhnt – und diese Fähigkeit erlaube es ihnen, IQ-Tests erfolgreicher zu absolvieren.

Trifft diese Schlussfolgerung zu, dann misst der IQ also nicht so sehr die Intelligenz, sondern vielmehr die Anpassung an die moderne Welt.

Auch andere Wissenschaftler halten das, was IQ-Tests messen, für eine eher begrenzte Fähigkeit. So verweist der US-Psychologe Howard Gardner auf andere Formen von Intelligenz – etwa die mancher autistischer Kinder mit Inselbegabung, die zwar in vieler Hinsicht als zurückgeblieben gelten, jedoch zum Beispiel die Wochentage für jedes Datum der vergangenen drei Jahrhunderte im Kopf haben oder mit fünf Jahren perspektivisch korrekte Zeichnungen anfertigen.

Als Gegenentwurf zum IQ-Modell hat Gardner daher eine „Theorie der multiplen Intelligenzen“ entwickelt. Danach gibt es acht voneinander unabhängige Intelligenzen: eine sprachliche, eine musikalische, eine logisch-mathematische sowie eine räumliche (die etwa Architekten auszeichne), eine körperlich-kinästhetische (unter Sportlern und Tänzern verbreitet), eine naturkundliche. Zudem erleichtere eine interpersonale Intelligenz die Arbeit mit Mitmenschen und befähige eine intrapersonale zur Selbstreflexion.

Gardners Kritiker bemängeln, sein Intelligenzbegriff sei zu weit gefasst - müssten doch ihr zufolge auch begnadete Baseball-Spieler als besonders intelligent bezeichnet werden. Und obwohl es für Gardners multiple Intelligenzen mittlerweile „MI-Tests“ gibt, ist ihr praktischer Nutzen umstritten – immerhin spielen in der Schule nach wie vor jene Fähigkeiten eine Rolle, die der IQ-Test abfragt.

Der leistet zumindest eines: Er kann zu geschätzten 25 Prozent die akademischen und beruflichen Leistungen eines Menschen vorhersagen und gilt damit als eines der aussagekräftigsten Hilfsmittel der Psychologie.

Viele Eigenschaften beeinflussen den Erfolg im Leben

Neben einem hohen IQ beeinflussen jedoch auch andere Eigenschaften den Erfolg – etwa der Charakter, wie US-Forscher eindrucksvoll demonstriert haben. Sie gaben einer Gruppe von 13-Jährigen nicht nur einen IQ-Test zum Ausfüllen, sondern auch einen geschlossenen Umschlag mit einer Dollarnote.

Die Kinder konnten den Umschlag entweder sofort öffnen oder nach einer Woche unversehrt zurückgeben, um dafür zwei Dollar zu erhalten. Das so ermittelte Maß an Selbstdisziplin zeigte eine doppelt so hohe Übereinstimmung mit den schulischen Leistungen wie der IQ.

Dass ein überdurchschnittlicher Intelligenzquotient nicht immer Erfolg garantiert, belegt auch das Beispiel von Max: Die Noten des Neuntklässlers sind durchwachsen, in Latein und Mathematik hat er schon Fünfen oder sogar Sechsen geschrieben. Solch schwache Leistungen sind bei hochintelligenten Schülern keine Seltenheit: Ohne gezielte Förderung haben sie oft Probleme, sich für den Unterricht zu motivieren.

Stattdessen tut sich Max auf Gebieten hervor, die weniger häufig mit Hochbegabung in Verbindung gebracht werden: Der 14-Jährige dokumentiert seine Arbeit im Kunstunterricht mit aufwendigen Multimedia-Präsentationen, baut eine Schülerzeitung auf und reicht Kurzgeschichten bei Literaturwettbewerben ein. Während manch anderes Jungtalent unter Mobbing leidet, ist Max in der Klasse beliebt und engagiert sich sogar sozial. So bezieht er Stellung zu Themen wie Sterbehilfe oder Ausländerfeindlichkeit - etwa per Leserbrief an die Wochenzeitung "Die Zeit".

Der ganz normale Junge, für den ihn seine Eltern früher hielten, ist Max aber wohl nicht. Manchmal klagt er darüber, dass ihn die oft wenig sensible Denkweise der meisten anderen Menschen geradezu körperlich schmerzt: "Das fühlt sich an wie Kratzen auf einer Schiefertafel."