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Die Grundlagen des Wissens

Glaube und Religion Sekten: Jonestown-Massaker 1978

Vor 30 Jahren haben sie sich in den Dschungel von Guyana zurückgezogen, Prediger Jim Jones und rund 1000 seiner Anhänger, um in Frieden zu leben. Doch Jones wähnt sein Reich bedroht durch Abtrünnige – und geht mit mehr als 900 Menschen in den Tod

DAS HEULEN DER SIRENEN weckt Deborah Layton mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Wächter schlagen an die Tür ihrer Holzhütte und drängen zur Eile. Sie stürzt hinaus in die Dunkelheit, vorbei an Erwachsenen und Kindern, die zu einem hell erleuchteten Pavillon in der Mitte des Lagers rennen.

Aus dem Urwald sind Schüsse zu hören. Über Lautsprecher ertönt eine vertraute Stimme. „Weiße Nacht!“, ruft Jim Jones, der religiöse Führer, den seine Anhänger als Propheten verehren. Den sie „Father“ nennen und dessen Worten sie vertrauen, als wären es unumstößliche Wahrheiten.

„Weiße Nacht“: Dies ist das Signal für die rund 1000 Jünger im Lager, sich auf dem festgestampften Lehmboden um den offenen Pavillon und einigen Holzbänken zusammenzukauern. Viele sind noch erschöpft von der Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern und wie betäubt vor Müdigkeit.

„Wir werden belagert“, ruft Jones in das Mikrofon. Der Gründer des „People’s Temple“ thront in einem hohen Sessel über seiner Gemeinde. Scheinwerfer erleuchten den Pavillon, der nicht viel mehr ist als ein großes Blechdach, gestützt von Holzpfosten. An einem dieser Balken ist ein Schild angeschlagen: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Wie oft hat Father seine Anhänger gewarnt, sie könne ein ähnliches Schicksal ereilen wie die Juden Europas. Jetzt hebt er an: „Die Regierung der Vereinigten Staaten will nicht, dass wir überleben. Sie droht damit, uns zu umzingeln, zu attackieren, zu foltern und ins

Gefängnis zu stecken.“

Dann holt Jones zu einer langen Rede über Abtrünnige aus, die die Bewegung verraten hätten. Alles sei verloren. „Wegen ihrer Untreue und kapitalistischen Selbstsucht seid ihr, meine guten Anhänger, zum Tode verurteilt worden. Sterben müssen wir wegen ihnen und dem, was sie über uns gesagt haben.“

Während er spricht, streifen Wachen mit Gewehren durch die Gebäude und Zelte des Lagers, prüfen, ob sich jemand versteckt hält. Andere patrouillieren um den Pavillon und zählen die Versammelten durch.

WIEDER ERTÖNEN SCHÜSSE aus dem Urwald. „Hört ihr das?“, fragt der Father. „Die Söldner kommen. Das Ende steht bevor. Die Zeit ist abgelaufen. Kinder, stellt euch in zwei Reihen zu meinen Seiten auf.“ Helfer tragen einen großen Aluminiumbottich herbei, gefüllt mit einem braunen Gebräu: „Es schmeckt wie Fruchtsaft, Kinder. Es wird leicht zu schlucken sein“, besänftigt Jones seine Anhänger.

Auch Deborah Layton reiht sich in die lange Schlange ein, um das Gift in Empfang zu nehmen. Die Furcht vor Bestrafung, die Isolation im Dschungelcamp, die Verstrickung in das Glaubenssystem des Jim Jones haben sie zum Sterben bereit gemacht. Und wäre ein Entkommen überhaupt möglich? Die Wächter drohen, jeden zu erschießen, der sich weigert, seinen Becher auszutrinken.

Doch plötzlich sieht sie, wie eine Frau aus der Funkstation des Lagers gelaufen kommt und Jones eine Nachricht zuflüstert. Er neigt ihr den Kopf zu und beugt sich dann wieder über das Mikrofon: „Die Krise konnte abgewendet werden. Ihr könnt in eure Hütten zurückgehen.“

Jim Jones ordnet einen Ruhetag an, heute soll niemand mehr auf die Felder ausrücken. Der Pavillon leert sich. Auch Deborah Layton kehrt wie benommen in ihre Hütte zurück. Über sechs Stunden hat die Todeszeremonie gedauert. Inzwischen dämmert der Morgen.

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Eine der letzten Aufnahmen von Jim Jones

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Der Sektenführer (links) auf dem Höhepunkt seines Ansehens. In San Franciso unterstützt er den Bürgermeister-Kandidaten der Demokraten George Moscone (rechts) und wird in die städtische Kommission für Wohnungsbau berufen

ES WAR IHRE ERSTE „WEIßE NACHT“ in Jonestown, der Kolonie des People’s Temple im Dschungel von Guyana. Zum ersten Mal hat sie selbst das Ritual erlebt, mit dem Jim Jones immer wieder die Opferbereitschaft seiner Anhänger auf die Probe stellt.

Später wird sie erfahren, dass der Sektenführer eigene Leute in die Wälder geschickt hat, um die Schüsse abzufeuern. Es gab keine Söldner. Niemand belagerte die Siedlung.

Wenige Tage zuvor, Mitte Dezember 1977, ist Deborah aus San Francisco nach Guyana gereist. Sie hatte gehofft, in eine ideale Kommune zu kommen. Eine Art Paradies inmitten tropischer Vegetation – so wie Father es ihr und den anderen versprochen hatte: ein Refugium, in dem Menschen aller Hautfarben friedlich zusammenleben, geeint durch ihren Glauben an Jim Jones und dessen Lehren.

Allein die Reise von Georgetown, der Hauptstadt des kleinen südamerikanischen Landes, zur Kolonie dauerte mehr als 28 Stunden; erst per Schiff und dann auf einem Lkw ging es immer tiefer ins Landesinnere. Irgendwann, es war schon Nacht, erblickte Deborah ein Schild über der schlammigen Piste: „Willkommen in Jonestown – Landwirtschaftsprojekt des People’s Temple“. Ein paar Glühbirnen baumelten an Masten, sie sah einfache Holzhütten und grüne Zelte, verstreut über das Gelände.

AM MORGEN DANACH zeigte sich, wie überfüllt Jonestown ist. Heißes Wasser fehlt, vieles ist improvisiert. Die Menschen in der Mustersiedlung wirken angespannt. Sie müssen jeden Tag zehn Stunden auf den Feldern arbeiten. Die Essenportionen sind karg, gewöhnlich etwas Reis; es gibt Strafkompanien und bewaffnete Wärter, die um das Lager ziehen – zum Schutz vor einer Invasion, wie Jones sagt.

In den USA hat Deborah zum Führungszirkel der Sekte gehört, sie kennt Father gut. Nun ist sie überrascht: Er wirkt nervös, sein Gesicht ist aufgedunsen, er scheint krank zu sein. Immer wieder gibt er über die Lautsprecher Anweisungen in das Lager. Wenn er ruht, laufen Kassetten mit seinen Reden.

Abends ruft er seine Jünger zum zentralen Pavillon. Spricht oft bis tief in die Nacht, beschwört die allgegenwärtige Gefahr einer Belagerung. Er lässt Einzelne aus der Menge hervortreten, um sie zur Rede zu stellen oder mit Prügeln zu bestrafen.

Manche lässt Jones tagelang in ein enges Erdloch einsperren. Kinder, die aus der Küche Essen stehlen oder Heimweh zeigen, hängen seine Wächter bei Nacht kopfüber in einen Brunnen, tauchen ihr Gesicht mehrmals ins Wasser. Die Unbelehrbaren kommen auf die Krankenstation, wo man sie mit Medikamenten ruhig stellt. Jones scheint wie besessen zu sein von seinem Verfolgungswahn.

Bald schon wird der Sektenführer seine Jünger alle zwei Wochen zur „Weißen Nacht“ rufen.

JAMES WARREN JONES, 1931 in einer Kleinstadt des US-Bundesstaates Indiana geboren, stammt aus einfachen Verhältnissen. Er ist als Kind ein Einzelgänger, oft sich selbst überlassen. Das Gefühl der Gemeinschaft findet er nur sonntags, im Gottesdienst.

Im Ort gibt es sechs verschiedene Kirchen; Jim besucht sie alle und wechselt mehrfach die Konfessionen. Er schließt sich erst den Nazarenern an, dann der Pfingstbewegung. In deren Gemeinschaften scheint sich das Walten des Heiligen Geistes unmittelbar zu manifestieren

Mehr als ein bestimmter Glaubensinhalt fasziniert Jim offenbar das religiöse Zeremoniell: wenn in vibrierenden Messen der Priester als Prophet spricht oder Heilungen vollführt und die ganze Gemeinde plötzlich in Zungenrede ausbricht. Schon als Halbwüchsiger predigt Jim auf der Straße vor anderen Kindern. Er hat sich entschieden, er will Geistlicher werden.

Und er beginnt in diesen Jahren, sich gegen die Rassendiskriminierung einzusetzen. Das erfordert Mut in einem Städtchen, in das sich kaum je ein Schwarzer verirrt, weil es zu gefährlich wäre.

Mit 18 Jahren heiratet Jones und zieht kurz darauf nach Indianapolis, wo er ohne spezielle Weihe Pastor in einer methodistischen Kirche wird. Viele Gläubige feinden ihn offen an, denn er predigt die Gleichheit der Rassen und macht sich für liberale Bürgerrechte stark – in Indianapolis aber hat der rassistische KuKlux-Klan ein Hauptquartier. Als die Proteste nicht verstummen, sammelt der junge Prediger Spenden. Sein Traum ist es, eine eigene integrierte Kirche zu begründen. In den Gottesdiensten sollen Schwarze neben Weißen sitzen. Ein revolutionärer Gedanke, die Gotteshäuser in Indianapolis praktizieren noch strikte Rassentrennung.

1956 HAT JONES GENUG GELD ZUSAMMEN, um eine ehemalige Synagoge zu mieten. Seine Kirche trägt den Namen „People’s Temple Full Gospel Church“. Es ist keine neue Religion, die er stiftet, kein originelles theologisches Lehrgebäude, das er formuliert. Neu und ungewöhnlich aber ist sein Auftreten: Jones ist eine Art Elvis Presley der Religion – ein Weißer, der sagt, er habe eine schwarze Seele. Und der auch so predigt.

Viele Schwarze, aber auch Gläubige anderer Hautfarben strömen in seine Gottesdienste. Weil Jones ihre Stimmung trifft. Und weil er ein charismatischer Redner ist. Er ist viel durchs Land gereist und hat die Auftritte berühmter Prediger studiert. Wie sein großes Vorbild „Father Divine“, ein schwarzer religiöser Führer, tritt Jones als Prophet und Heiler auf, verkündet, er sei gesegnet mit göttlichen Kräften.

Jeden Sonntag schleppen sich Kranke und Gebrechliche in den People’s Temple, in der Hoffnung auf Erlösung. Jubel erfüllt den Saal, wenn Jones durch eine einfache Berührung seiner Hand scheinbar Wunden heilt oder Krebskranke von ihrem Leiden kuriert.

Es heißt, er könne sogar Tote zum Leben erwecken. Rastlos scheint Jones in seinem Einsatz für die Benachteiligten. Er gründet Suppenküchen, verteilt Kleidung an Bedürftige, unterstützt Waisen. Gemeinsam mit seiner Frau adoptiert er sieben Kinder schwarzer, weißer und asiatischer Herkunft. Mit dieser „Regenbogenfamilie“ will er beweisen, dass Menschen aller Hautfarben in Frieden zusammenleben können. Daraufhin, so berichtet Jones, bewerfen Rassisten sein Haus immer wieder mit Steinen oder attackieren ihn auf offener Straße. Sind es diese Angriffe, die ihn mit der Zeit misstrauischer machen? Oder nutzt Jones die Vorfälle, um von seinen Anhängern unbedingte Loyalität einzufordern?

Jedenfalls gründet er einen Befragungsausschuss. Hier dringt er stundenlang in seine Jünger: Hegen sie feindliche Gedanken gegen ihn? Planen sie eine Verschwörung? Einmal, so erzählt man sich, soll Jones die Bibel wütend zu Boden geworfen haben: „Zu viele Leute blicken auf das hier statt auf mich.“ Father verlangt bedingungslose Liebe. Als sich Zeitungsartikel häufen, in denen er als Schwindler und Scharlatan verhöhnt wird, verlässt Jones Indianapolis. Weil es zu rassistisch sei.

ES IST 1965, die Zeit des Wettrüstens der Supermächte, drei Jahre erst liegt die Kuba-Krise zurück. Jim Jones erinnert seine Anhänger an eine seiner Prophezeiungen: Ein „nuklearer Holocaust“ werde dereinst den Mittleren Westen der USA zerstören. Doch er könne sie erretten.

Gut 140 seiner treuesten Jünger folgen ihm nach Kalifornien, ins Redwood Valley, etwa 200 Kilometer nördlich von San Francisco – einem der wenigen Orte, die angeblich vor der atomaren Auslöschung sicher sind. Dort, inmitten von Weinbergen und Wiesen, will der Father eine neue Gemeinschaft begründen, frei und utopisch und offen für Menschen jeder Hautfarbe.

Der Zeitpunkt ist gut für ein Experiment zur Verbesserung der Welt. Als Jones ins Redwood Valley kommt, hat die Ära des Infragestellens und Ausprobierens begonnen. Kalifornien ist ihr Zentrum. Hier werden neue Lebensformen ausprobiert, neue Gemeinschaften gegründet. Der People’s Temple ist nur eine von vielen. Bewusstseinserweiterung statt bürgerlicher Enge, Arbeit an der Zukunft statt Festhalten an Vergangenem: Immer mehr Menschen zeigen sich empfänglich für die Botschaft der Veränderung. Auch Deborah Layton.

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Seit 1974 baut eine Gruppe Getreuer in Guyana eine Farm auf. Der Sektenführer (mit Sonnenbrille) besucht sie dort

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Nach einer Messerattacke auf Leo Ryan, bei der sich ein Sektenmitglied selbst verletzt hatte, klebt Blut am Hemd des Abgeordneten

ALS SIE ZUM ERSTEN MAL vom People’s Temple hört, ist Deborah 17 Jahre alt. Sommer 1970: Die Amerikaner streiten über den Vietnamkrieg, und Jim Jones hilft Deborahs Bruder Larry bei dem Gesuch, mit dem er erfolgreich den Militärdienst verweigert – ein kleines Wunder.

Deborah ist ein rebellischer Teenager, sie fühlt sich Außenseitern und Ausgegrenzten nah. Sie will den Prediger kennenlernen, der sich so selbstlos um andere kümmert, und fährt nach Redwood Valley. Die Sonne durchflutet an diesem Tag die Glasfenster der Gemeindekirche. Deborah fallen die vielen jungen Gesichter auf – eine bunte, fröhliche Schar.

Dann betritt Jim Jones die Empore. Der Prediger hat eine dunkle Satinrobe übergeworfen. Er ist eine auffallende Erscheinung, findet Deborah. Das schwarze Haar trägt er gescheitelt, seine Züge sind wohlgeformt, und er spricht mit warmer Stimme. Gesten seiner manikürten Hände unterstreichen jedes Wort.

Jones scheint direkt zu ihr zu sprechen, sie zu umwerben: „Es ist kein Zufall, dass du heute hergekommen bist“, sagt er. „Du bist hier, weil die Welt Größeres für dich bereithält. Du bist dazu bestimmt, ein Teil dieser Bewegung zu werden. Du bist heute hierhergekommen, weil es eine höhere Macht gibt und sie deine Hilfe braucht. Ich möchte, dass du mithilfst, eine bessere Welt zu schaffen.“

Die Predigt endet in Lobpreisungen Fathers. Die Jünger springen auf, recken ihre Arme zum Himmel, singen und wiegen sich im Rhythmus der Gospelmusik.

Deborah möchte ein Teil dieser faszinierenden Gemeinschaft sein. Weil Jim Jones ein Versprechen zu verkörpern scheint: dass sich Menschen in seiner Aura zu vollkommeneren Wesen entwickeln können. Hat sich seine Sekte nicht von Beginn an dem Kampf einer guten Sache verschrieben?

Sie macht noch ihren Schulabschluss und schließt sich 1971 dem People’s Temple an, wie zuvor schon ihr Bruder. Rasch zieht Jones sie immer tiefer in sein Universum hinein.

SEIT ENDE DER 1960ER JAHRE bekennt er sich in seinen Predigten offen zum Sozialismus. Ein merkwürdiges Amalgam ist entstanden, aus lauter bereits vorhandenen Versatzstücken, aber verknüpft zu einer einzigartigen Kombination aus Gospel, Gesundbeterei, Kapitalismuskritik, Rassenintegration – und Reinkarnationslehre. Denn Jones behauptet nun auch, er sei schon mehrfach auf Erden gewandelt: als Jesus, als persischer Religionsführer Bab und zuletzt als Lenin. Stets habe er für Gerechtigkeit gekämpft und das Wohl der Menschheit.

Religion, so behauptet Jones mit Karl Marx, sei Opium zur Unterdrückung der Massen. Aber er bedient sich weiterhin ihrer Formen und Rituale, um Menschen an sich zu binden und sie dann, wie er sagt, zur nächsten Stufe der Erleuchtung zu führen: „Ich bin hier auf Erden, um Großes für die Bedürftigen zu tun. Ich bin hier, um göttliche Taten zu vollbringen.“

Er trägt eine Robe wie ein Priester, wirft sich in die Posen des Verkündigers und Wunderheilers, verwandelt Wasser in Wein, macht Lahme gehend – alles sorgsam inszenierte Wunder: Eine Sekretärin etwa spielt eine Rollstuhlfahrerin. Aber er schleudert auch die Bibel vor aller Augen zu Boden – das Buch habe nur dazu gedient, Schwarze zu unterdrücken. Und er verbietet seiner Gemeinde, zum Gott des Christentums zu beten. In seiner politischen Theologie ist es der Sozialismus, der schließlich an die Stelle des Allmächtigen rückt. Und er selbst, Jim Jones, sei dessen Prediger und Prophet.

EINE IDEOLOGIE, schreibt die Philosophin Hannah Arendt, sei nichts weiter als die Logik einer Idee. Wer genug Zeit in der Gemeinde des Jim Jones verbringt, dem kommen die Gedankenketten des Predigers stimmig vor.

Es ist eine Welt fester Regeln, in der Deborah nun lebt, geprägt von Strukturen, wie sie Psychologen später als typisch für religiöse Sekten bezeichnen werden.

Über allem steht die unanfechtbare Autorität des charismatischen Anführers. Niemand darf Fathers Worte in Zweifel ziehen, seine Botschaften gar kritisieren. Niemandem ist es erlaubt, über Unterredungen mit Jones zu anderen zu sprechen.

Obwohl stets in Gemeinschaft von Mitgläubigen, sind die Mitglieder des „Temple“ doch voneinander isoliert. Es gibt keine vertraulichen Gespräche, keine Freundschaften. Jones kontrolliert sämtliche Beziehungen. Er löst und arrangiert Ehen. Zugleich zwingt er seine Jünger, enthaltsam zu leben, es sei denn, er erlaubt eine Ausnahme. Sex, so lehrt Jones, sei egoistisch und schädlich. Er lenke davon ab, anderen zu helfen.

Ohnehin seien alle Männer homosexuell veranlagt – mit einer einzigen Ausnahme: Jones beansprucht für sich das Privileg, sich immer wieder jungen Frauen und Männern der Gemeinde sexuell zu nähern.

Die Welt, glauben seine Jünger, ist klar geschieden in Gut und Böse. Alles außerhalb der Sekte gilt ihnen als feindlich. Jeder muss den Kontakt zu Freunden und Verwandten abbrechen, darf sie allenfalls in Begleitung anderer „Temple“-Mitglieder besuchen.

JEDE FREIE MINUTE gilt der Bewegung – zu viel Schlaf ist verpönt. Die Anhänger besuchen den Sozialismus-Unterricht, einige absolvieren ein paramilitärisches Training, um als auserwählte Elite für die Zeit nach dem Atomkrieg gerüstet zu sein, oder kommen zu stundenlangen Läuterungstreffen zusammen.

Dort stellt Jones jeden zur Rede, der eine der Regeln verletzt hat, demütigt ihn und befiehlt körperliche Züchtigungen, etwa Schläge und Bespucken. Es ist verboten, sich zu rechtfertigen. Die Bestraften sollen sich schuldig fühlen, weil sie der großen Vision nicht gerecht geworden seien.

Manche Methoden kopiert Jones von anderen Sekten. Seine Rhetorik etwa orientiert sich an der aus Korea stammenden Mun-Sekte und an -„Scientology“: Aussteiger verdammt er als Verräter, droht ihnen mit Vergeltung und sogar mit dem Tod.

Jeder ist aufgefordert, in regelmäßigen Berichten „verräterische“ Gedanken aufzuschreiben – obwohl Jones behauptet, ohnehin jeden Gedanken lesen zu können. Jeder soll die anderen Jünger beobachten, Anzeichen von Schwäche oder Abfall melden. Denunziation gilt als Beweis der Loyalität.

So gibt es bald keine Zeit, keinen Raum mehr für eigene Reflexionen, für ein selbstständiges Urteil. Und die Abhängigkeit wächst: Es wird erwartet, dass Mitglieder ihre Ersparnisse, Lebensversicherungen oder Häuser der Sekte überschreiben, ihr auch das Gehalt überweisen. Sie erhalten dafür ein kleines Taschengeld.

Jedes zweite Wochenende steigen Hunderte Jünger in die elf Greyhound-Busse des People’s Temple und machen sich auf den Weg nach San Francisco, Los Angeles oder in eine andere Stadt, um neue Anhänger zu rekrutieren. Sie verteilen Broschüren, laden Neugierige zum Gottesdienst ein, jubeln Jones zu, der mehrere Stunden lang predigt und Wunderheilungen vollbringt.

DIE ARBEIT IN DER MISSION führt dazu, dass sich die Jünger noch stärker mit dem People’s Temple identifizieren. Und sie lernen, einander im Eifer zu überbieten: Jeder Zweifel ist ein Zeichen der eigenen Schwäche, ein Verrat an der guten Sache.

1972 verlegt Jones den Hauptsitz seiner Sekte nach San Francisco. Die Stadt an der Westküste ist aufgeschlossen für alternative Lebensformen und spirituelle Bewegungen. Von hier aus hat sich um 1960 der Zen-Buddhismus im Westen verbreitet, hier haben die Hippies 1967 den „Summer of Love“ ausgerufen. Hier liegt eines der Zentren der Flower-Power-Bewegung, sympathisieren viele mit den Bürgerrechtlern, lesen Aktivisten die Schriften von Karl Marx. Und gerade beginnen sich neue esoterische Bewegungen zu entwickeln.

Doch zugleich greift Ernüchterung im Land um sich. Die Attentate auf Robert Kennedy und die schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King und Malcolm X haben die politische Atmosphäre vergiftet. Die US-Regierung unter Richard Nixon lässt Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg niederknüppeln, sie hört ihre Gegner ab, bricht die Verfassung.

DIE BEWEGUNG DES JIM JONES scheint indes etwas vom utopischen Elan der 1960er Jahre wachzuhalten. Unverdrossen verkündet der Prediger: Eine bessere Welt ist möglich. Nur wenige wissen von den Züchtigungen, der rigiden Sexualmoral der Sekte, in der auch Alkohol und Drogen tabu sind.

So ist es leicht, neue Jünger zu rekrutieren. Nach eigenen Angaben zählt der People’s Temple bald 7500 Mitglieder – wichtige Wählerstimmen. Jones sucht in San Francisco die Nähe zur Politik, unterstützt erfolgreich den Wahlkampf des demokratischen Bürgermeister-Kandidaten George Moscone.

Zur Belohnung wird er 1976 in die städtische Kommission für Wohnungsbau berufen. Im Jahr darauf lädt ihn die zukünftige Präsidentengattin Rosalynn Carter zur Amtseinführung ihres Mannes nach Washington ein. Jones ist auf dem Höhepunkt seines Ansehens.

DOCH IMMER MEHR MENSCHEN stellen sich nun die Frage: Wer eigentlich ist Jim Jones? Vielen in San Francisco ist sein Einfluss suspekt. Es erscheinen erste kritische Berichte über den Geistlichen mit der Sonnenbrille, der sich mit Leibwächtern umgibt, über seine Wunderheilungen und das autoritäre Innenleben der Sekte.

Fortan nimmt Jones die Medien als Teil einer Verschwörung wahr. Seine Rhetorik wird immer schriller. Die Regierung plane Konzentrationslager für Bürgerrechtler, Schwarze und den People’s Temple. Das Land werde von Faschisten regiert. Als das FBI Büros der Scientologen durchsucht, rechnet auch Jones mit einer Razzia.

In den USA haben sich seit dem Abflauen der Hippie-Begeisterung zu Beginn der 1970er Jahre Kritiker zu einer Bewegung formiert, die vor religiösen Kulten wie Hare-Krishna, Scientology oder der Vereinigungskirche des koreanischen Sektenführers San Myung Mun warnt. „Kult“ ist zum Inbegriff einer gefährlichen Pseudoreligion geworden, die ihre Anhänger mit Gehirnwäsche gefügig macht.

Ähnliche Vorwürfe sind in den Zeitungen jetzt auch gegen den People’s Temple zu lesen.

Jones bereitet die Flucht vor. In seinem Auftrag reisen Deborah Layton und andere Mitglieder des Führungszirkels ins Ausland und deponieren illegal mehrere Millionen Dollar auf Konten.

AM 1. AUGUST 1977 erscheint im „New West“-Magazin in San Francisco ein Enthüllungsbericht über den People’s Temple, gestützt auf die Aussagen von zehn Aussteigern: Jones sei ein Betrüger und Scharlatan, er manipuliere die Menschen in seiner Gemeinde. Sie würden unter Druck gesetzt, finanziell ausgebeutet und auch physisch misshandelt.

Jones hat seine politischen Kontakte mobilisiert, um die Veröffentlichung zu verhindern. Vergebens. Kurz vor Erscheinen des Artikels setzt er sich nach Guyana ab. Es ist der Beginn eines großen Exodus. Binnen weniger Wochen folgen ihm Hunderte von Anhängern nach Südamerika. Die meisten verschwinden spurlos, ohne Abschied von ihren Angehörigen – wie von Father befohlen.

Schon 1974 hat Jim Jones in der früheren britischen Kolonie 27 000 Morgen Land gepachtet, mitten im Dschungel. Guyana wird von einer sozialistischen Regierung geführt – ein idealer Zufluchtsort für den People’s Temple. 50 Pioniere sind noch im selben Jahr zu dem Vorposten in der tropischen Wildnis gereist; haben den Urwald gerodet, Felder angelegt, erste Gebäude errichtet.

Doch dem Massenansturm vom Sommer 1977 ist die Siedlung nicht gewachsen. Verwandte und Freunde von Jones-Jüngern in den USA erreichen alarmierende Gerüchte aus „Jonestown“, wie die Siedlung nun genannt wird: über schlechte Behandlung, Züchtigungen, Strafarbeit – und über die Weißen Nächte.

ALS DEBORAH LAYTON klar wird, dass harte Feldarbeit und Selbstmordübungen zum Alltag in Jonestown gehören und selbst älteren, kranken Anhängern wie ihrer Mutter schwere Bestrafungen drohen, entschließt sie sich zur Flucht. Seit beinahe sieben Jahren ist sie nun Mitglied des People’s Temple; sie genießt Jones’ Vertrauen. Lange hat sie jeden Zweifel verdrängt. Jetzt aber will sie Jonestown für immer verlassen.

Doch es gibt kein Entkommen – zu abgelegen ist die Siedlung, nirgendwo ein Telefon, ringsum nur dichter Dschungel. Es dauert Monate, bis sich ihr eine Gelegenheit bietet: Im Mai 1978 soll sie in der 240 Kilometer entfernten Hauptstadt Georgetown einen Auftrag für Jones erledigen. In der US-Botschaft vertraut sie sich dem Konsul an. Zwei Tage später besteigt Deborah ein Flugzeug nach New York.

Bald darauf wendet sie sich mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit. Sie berichtet von den Züchtigungen und den bewaffneten Wärtern. Und von den Weißen Nächten.

Der Bericht alarmiert den kalifornischen Kongressabgeordneten Leo Ryan – ein Mitglied seiner Familie war ebenfalls einer Sekte verfallen. Seit einiger Zeit steht der Politiker der demokratischen Partei in Kontakt mit Angehörigen, deren Ehepartner, Geschwister oder Kinder sich der Sekte angeschlossen und jeden Kontakt abgebrochen haben. Einige Aussteiger beschreiben den People’s Temple als pseudoreligiösen Kult, in dem Gehirnwäsche praktiziert werde. Nach Deborah Laytons Bericht ist Ryan entschlossen, den Vorwürfen auf den Grund zu gehen.

AM 14. NOVEMBER 1978 macht sich Ryan auf den Weg nach Jonestown, begleitet von einem Tross aus Fernsehreportern, Zeitungsjournalisten, Aussteigern und Angehörigen von Sektenmitgliedern. Er hat ein Telegramm nach Guyana gesendet, das seinen Besuch ankündigt.

Für Jim Jones ist es jener feindliche Vorstoß in das Innenleben des People’s Temple, den er immer wieder prophezeit hat: eine angebliche Verschwörung von Politikern, Abtrünnigen und Journalisten, die sich anschicken, Jonestown zu okkupieren und zu vernichten.

Eine Bedrohung, der er sich mit seinen Jüngern nur auf eine einzige Weise entziehen kann: durch „revolutionären Selbstmord“.

Niemand, auch Leo Ryan nicht, nimmt die Warnungen ernst.

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Kurz bevor Leo Ryan, die NBC-Reporter Don Harrison und Bob Brown sowie Greg Robinson vom "San Francisco Examiner" ihre Maschine für den Rückflug besteigen, eröffnen mehrere Sektenmitglieder auf dem Dorfflugplatz das Feuer und erschießen den Politiker, die Journalisten und ein abtrünniges Sektenmitglied

Am 15. November 1987 landet Leo Ryan mit seinen Begleitern in Georgetown. Jim Jones kann nicht verhindern, dass die Gruppe zur Kolonie aufbricht. Am 17. November setzt ihr gechartertes Flugzeug auf einer Rollbahn in der Nähe von Jonestown auf.

ES REGNET, als die Besucher nachts das Lager erreichen. Die Stimmung ist feindselig. Jim Jones empfängt die Delegation im zentralen Pavillon. Er trägt trotz der Dunkelheit eine Sonnenbrille. Schweiß rinnt von seiner Stirn, der Sektenführer wirkt erschöpft – wie jemand, der unter großem Druck steht. Alles ist vorbereitet für eine verzweifelte Inszenierung der Fröhlichkeit. Eine Band spielt auf, die Jünger stampfen und klatschen im Takt.

Doch die Fassade bekommt noch an diesem Abend erste Risse. Eine Frau steckt einem TV-Reporter heimlich eine Nachricht zu: „Bitte, helfen Sie uns, aus Jonestown herauszukommen“, der Zettel trägt vier Unterschriften. Die Besucher ahnen nicht, welches Risiko die Sektenmitglieder damit eingehen.

18. November. Am Morgen lässt Jones den Politiker und die Journalisten durch die Siedlung führen – stets von Aufpassern begleitet. Mit bedrückten und furchtsamen Mienen, so erscheint es Ryan und seinen Begleitern, versichern die Bewohner von Jonestown, dass sie in einem Paradies lebten.

DOCH IMMER MEHR AUSSTIEGSWILLIGE geben sich im Lauf des Tages zu erkennen. Schließlich sind es etwa 20 Menschen, die hervortreten und den Wunsch äußern, Jonestown im Schutz des Kongressabgeordneten verlassen zu wollen.

Jim Jones muss es geschehen lassen. Die Zahl erscheint gering – aber für den Sektenführer ist es „der Verrat des Jahrhunderts“, wie er später sagt. Die Abtrünnigen würden in den USA Lügen über das Lager berichten. Die Ereignisse entgleiten seiner Kontrolle.

Am Nachmittag steht ein Lkw bereit, der die Gruppe zum Flugfeld bringen soll. Kurz vor der Abfahrt entsteht im Pavillon ein Tumult. Ein Sektenmitglied attackiert Leo Ryan mit einem Messer. Doch der Politiker erreicht unverletzt den Transporter.

Auch Larry, Deborahs Bruder, steigt im letzten Moment auf den Lkw – er wolle aus Jonestown fort. Keiner weiß, dass Jim Jones ihm einen besonderen Auftrag erteilt hat. Larry soll nach dem Start des Flugzeugs den Piloten erschießen: um die Maschine über dem Dschungel zum Absturz zu bringen; mit allen Eindringlingen und Verrätern an Bord. 16.20 Uhr. Zwei kleine Maschinen warten auf dem Flugfeld. Als Leo Ryan einsteigen will, nähert sich vom anderen Ende der Piste ein roter Traktor mit Männern des People’s Temple – Jim Jones hat Larry Layton offenbar nicht vertraut. Drei, vier Männer der Sekte springen herunter und eröffnen mit Gewehren das Feuer.

Leo Ryan wird im Gesicht getroffen und ist sofort tot. Auch drei Journalisten und eine Abtrünnige sterben; neun weitere Menschen sinken verletzt auf das Rollfeld.

Dann entfernen sich die Angreifer mit dem Traktor. Auch Larry Layton hat Schüsse abgefeuert und zwei Aussteiger der Sekte verwundet. Guyanische Soldaten eilen herbei, verhaften Larry und versorgen die Verletzten.

FÜR JIM JONES GIBT ES JETZT kein Zurück mehr. Gegen 18 Uhr ertönen in Jonestown die Sirenen, Father ruft seine Jünger zur letzten Weißen Nacht. Wachen durchkämmen das Lager und umzingeln den Pavillon.

„Wenn wir nicht in Frieden leben können, dann lasst uns wenigstens in Frieden sterben“, sagt Jones. Applaus brandet auf. Ein letztes Mal spricht Father als Prophet zu seinen Jüngern. Das Flugzeug mit Ryan werde in den Dschungel stürzen. Dann würden Fallschirmjäger zur Siedlung kommen, die Kinder und Alten foltern und alle abschlachten. Er wisse dies genau.

„So lasst uns gütig gegenüber den Kindern und Alten sein und das Gift nehmen, wie es die alten Griechen taten, und friedlich hinübertreten.“ Ihr Tod sei kein feiger Selbstmord, beharrt er, sondern ein revolutionärer Akt des Protestes gegen eine inhumane Welt. „1000 Menschen bekunden damit, dass sie die Welt nicht ertragen, so wie sie ist.“ Nur ein Sektenmitglied wagt es, sich ihm zu widersetzen. Eine Frau steht auf und tritt ans Mikrofon: Ob es denn keinen Ausweg gebe? Sie sei noch nicht bereit zu sterben. Und ob nicht wenigstens die Säuglinge es verdienten, zu überleben?

„Viel mehr noch verdienen sie Frieden“, entgegnet ihr Jones. Ein kleines Wortgefecht entsteht, bald geht es unter im Protestgemurmel der anderen. Die Frau setzt sich und verstummt. Es war die letzte Chance, die Stimmung zu wenden.

Viele der mehr als 900 Menschen im Pavillon sind Jones seit etlichen Jahren gefolgt, über Tausende Kilometer, sie haben Eltern und Freunde verlassen, ihr altes Leben für ihn aufgegeben. Sie haben verinnerlicht, dass sein Wort die Wahrheit ist. Und sie folgen ihm auch jetzt. Glauben wohl tatsächlich, dass faschistische Truppen Jonestown erstürmen werden.

Und jene wenigen, die zweifeln, trauen sich nicht mehr, ihre Stimme zu erheben.

Father drängt zur Eile. „Lasst uns etwas Medizin nehmen. Es ist einfach, es wird keine Krämpfe verursachen.“ Die Kinder sollen zuerst sterben. Helfer haben Limonade in Bottichen mit Zyankali vermischt, verabreichen ihnen einen Becher des Giftes oder spritzen es mit Injektionsnadeln in den Mund.

Während die ersten sterben und sich dabei in Krämpfen winden, treten Frauen und Männer ans Mikrofon und danken Jim Jones für sein Lebenswerk. Dann stellen sich die Erwachsenen in Reihen auf. Die bewaffneten Aufpasser stehen bereit, jeden zu erschießen, der fliehen will.

„STERBT MIT WÜRDE“, ermahnt Jones, als die Klagelaute um ihn lauter werden. „Keine Hysterie!“ Nur ganz wenigen gelingt es, sich zu verstecken oder fortzulaufen in das Dickicht des Urwalds. Von dort beobachten sie, dass qualvolle fünf Minuten vergehen, bis das Gift wirkt. Viele der Todgeweihten umschlingen einander in den letzten Minuten.

909 Menschen sterben an diesem Tag in Jonestown – ein Massenselbstmord? Niemand vermag zu sagen, wie viele wirklich aus freiem Entschluss den Tod gewählt haben.

Irgendwann ertönt ein Schuss. Jim Jones hat das Gift nicht getrunken, sondern sich wahrscheinlich von einer Anhängerin erschießen lassen.

Dann liegt Stille über Jonestown.

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In dem zentralen Pavillion findet die letzte Versammlung statt. Ihr Tod sei kein feiger Selbstmord, sondern ein revolutionärer Akt des Protestes gegen eine inhumane Welt, verheißt Jones seinen Getreuen. Als Erste sterben die kleinen Kinder

Deborah Layton erfährt in den USA von dem „revolutionären Massenselbstmord“. Ihr Bruder Larry wird als Einziger der Verschwörung zum Mord an einem Kongress-Abgeordneten angeklagt; die Angreifer vom Rollfeld haben sich in Jonestown vergiftet. Larry Layton sitzt bis 2002 in Haft.

Seine Schwester lebt heute in der Nähe von San Francisco. Fast 15 Jahre vergehen, in denen sie die Frage verdrängt, was sie so lange im Bann von Jim Jones gefangen hielt. Dann, 1993, hört Deborah Layton im Radio, dass das FBI die Ranch der Davidianer-Sekte in Waco, Texas, erstürmt. Mehr als 70 Menschen sterben in dem Feuer, das ausbricht. Sofort sind ihr wieder die Bilder aus Jonestown präsent, die „Weißen Nächte“.

Es bleibt nicht die einzige Erinnerung: Während der 1990er Jahre nehmen sich mehr als 70 Mitglieder der Sonnentempler-Sekte in der Schweiz, Kanada und Frankreich das Leben. 1997 sterben 39 Jünger der kalifornischen Heaven’s-Gate-Bewegung von eigener Hand, weil sie das Erscheinen des Hale-Bopp-Kometen für ein kosmisches Signal halten.

FÜR DAS GLEICHE JAHR erwarten die Anhänger der japanischen Aum-Sekte den Weltuntergang – und haben schon zuvor, 1995, mit einem Giftgasanschlag in der Tokyoter U-Bahn Terror verbreitet, um eine geplante Razzia auf ihr Hauptquartier zu vereiteln. Dabei sterben zwölf Menschen, Tausende werden verletzt.

Und im April 2008 evakuiert ein Sondereinsatzkommando in Texas 468 Mädchen und Jungen von der Ranch der „Fundamentalistischen Kirche Jesu Christi, der Heiligen der Letzten Tage“. Dort, im „Gelobten Land“ des „Propheten“ Warren Jeffs, sind die Kinder missbraucht und zwangsverheiratet worden.

Doch nichts hat so wie die Katastrophe von Jonestown die Vorstellung davon geprägt, worin die Gefahren eines religiösen Kults liegen. Der Prediger Jim Jones hat vorgeführt, wie sehr ein charismatischer Anführer Gläubige zu manipulieren vermag. Menschen, die noch an jenem Novembertag im Dschungel von Guyana überzeugt waren, einer guten Sache zu folgen.

Er habe sein Beispiel gegeben, sagt Jim Jones in den letzten Minuten ins Mikrofon. Aber die Welt sei nicht reif für ihn gewesen. Er, wie auch seine Jünger, seien vor der rechten Zeit geboren. „Das beste Zeugnis, das wir ablegen können, ist, diese verfluchte Welt zu verlassen.“

An dieser Stelle ertönt auf dem letzten Tonband aus Jonestown lauter Jubel.