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Die Grundlagen des Wissens

Kindheit Geschwister: Von der Liebe unter Rivalen

Die Beziehungen unter Schwestern und Brüdern sind urwüchsiger und spontaner als alle anderen menschlichen Bindungen. Zu Rivalitäten kommt es schon im Mutterleib

Am 30. Dezember 2006 hat Yuki Muto genug. Der 21-jährige Japaner schlägt mit einem traditionellen Holzschwert auf seine ein Jahr jüngere Schwester Azumi ein. Dann würgt er sie mit einem Handtuch. Und drückt sie in der Badewanne unter Wasser, bis sie ertrinkt. Azumi hatte ihn gehänselt. Ihr Bruder stand vor einer College-Aufnahmeprüfung, die er schon dreimal nicht bestanden hatte. Aus ihm werde nie etwas, hatte Azumi gehöhnt.

Auch die Geschichte von Elinor Stewart und Bruce Couper endete mit dem Tod. Die schottischen Zwillinge waren 70, als sie im Dezember 2004 innerhalb weniger Stunden starben – Bruce nach zwei Wochen in einem Koma, Elinor unerwartet an Altersschwäche. Ihr zeitgleicher Tod überraschte die Familie. Und auch nicht.

Denn die beiden standen sich ihr Leben lang nah: arbeiteten in der gleichen Firma, sangen als Kinder im gleichen Chor, waren Trauzeugen bei ihren Hochzeiten.

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Carl, 4: "Ich bin froh, dass Emily meine Schwester ist. Wenn mich im Kindergarten mal jemand ärgert, dann sage ich: Ich hole meine große Schwester, und die verhaut dich dann!"

Emily, 8: "An Carl finde ich besonders gut, dass er mir oft etwas abgibt - und dass er sich so leicht überzeugen lässt. Nicht so gern mag ich, dass er mich mit meinen Freundinnen oft nicht allein lässt."

Zu Rivalitäten unter Geschwistern kommt es schon im Mutterleib

Und dann ist da noch Donna Toohey aus Baltimore. Schon lange spricht die 45-Jährige kaum noch mit Maureen. Seit ihre Schwester einen neuen Lebenspartner und die Religion entdeckt hat, haben sich die beiden wenig zu sagen. Doch sollte Maureen Hilfe brauchen, wäre Donna für sie da. Maureen genieße „Errettungs-Privilegien“, sagt Donna. Schließlich sei sie ihre Schwester.

„Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife“, bemerkte einst Kurt Tucholsky, „Geschwister können beides.“

Rund zwei Drittel aller Kinder in Deutschland wissen das aus eigener Erfahrung: Sie wachsen mit Schwestern und Brüdern auf. Die Bindung zwischen ihnen hält meist länger als jede andere in ihrem Leben. Eltern sterben, Freundschaften vergehen, Partnerschaften enden im Streit – aber Geschwister bleiben.

Sie sind dabei, wenn wir das erste Mal vom Ein-Meter-Brett springen. Sie spielen mit uns Fangen im Garten. Sie helfen, die Scherben der Vase zu verstecken – und verraten der Mutter dann doch, wer sie zerbrochen hat.

Sie sind unsere ersten Gefährten als Babys, unsere Vertrauten als Kinder, unsere Folterknechte in den Teenagerjahren, wenn sie uns zur Weißglut reizen mit einer sorgfältig platzierten Anspielung auf die verpatzte Mathearbeit. Als junge Erwachsene ignorieren wir sie oft, das eigene Leben ist dann wichtiger. Doch im Alter kommen sie uns häufig wieder nah. Wir lehnen uns an sie, wenn Partner sterben oder uns Krankheiten schwächen.

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Jody, 12 (links): "Ich mag Lenas Freundinnen."

Lena, 14: "Jodys Freundinnen, na ja, es geht. Die sind ziemlich kindlich. Irgendie ist es blöd, als Ältere ständig verantwortlich zu sein."

Geschwisterbeziehungen sind urwüchsiger und spontaner als jede andere Beziehung, so der Münchner Psychologe Hartmut Kasten. Die Liebe zwischen Brüdern und Schwestern kann bis zum Inzest reichen, der Hass bis zum Mord. Es ist ein ganz eigenes Kraftfeld, eine eigene Psychodynamik, die zwischen Geschwistern herrscht.

Doch erst seit etwa 20 Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler ernsthaft mit dem Verhältnis unter Brüdern und Schwestern. Dabei haben Psychologen, Soziologen und Genetiker festgestellt: Für unser Selbstbild und unsere Identität ist die Beziehung zu unseren Geschwistern in vielerlei Hinsicht ebenso prägend wie die zu unseren Eltern – ja manchmal sogar prägender.

Denn Geschwister bilden die erste soziale Gruppe, in die wir uns einfügen müssen. In der wir lernen, mit den Nuancen von Nähe, Ablehnung, Konkurrenz, Konflikt und Versöhnung umzugehen.

„Der Schatz an Gefühlen, Denkmustern und Handlungsstrategien, den wir mit Geschwistern entwickeln, wird zum Grundmuster für den Umgang mit der Welt“, schreibt der Schweizer Psychologe Jürg Frick.

Bereits Einjährige haben mit ihren Geschwistern ebenso viel Umgang und Austausch wie mit ihren Müttern. Im Alter zwischen drei und fünf Jahren verbringen Brüder und Schwestern häufig sogar mehr als doppelt so viel Zeit miteinander wie mit den Eltern.

Dabei sind Geschwister – biologisch gesehen – vor allem eines: Rivalen. Das lässt sich in der Natur beobachten. Das Weibchen des Blaufußtölpels bebrütet ein Gelege mit mehreren Eiern. Doch wenn es nicht genug Nahrung heranschaffen kann, beginnt das stärkste Küken nach dem Schlüpfen auf das kleinste einzuhacken – bis dieses stirbt.

Ferkel werden mit speziellen Zähnen geboren, die ihnen helfen, um die milchreichsten Zitzen zu kämpfen. Und selbst unter Pflanzen kommt es zu Nachwuchsrangeleien. Der Jambulbaum etwa bildet pro Frucht bis zu 30 Samenvorläufer aus – botanisch gesehen allesamt Geschwister. Wird der erste befruchtet, ernährt er sich auf Kosten der anderen und sondert eine Chemikalie ab, die sie abtötet.

Vermutlich findet auch im menschlichen Mutterleib eine Art Verdrängungskampf statt. Immerhin kommt bei eineiigen Zwillingen meist das eine Kind kleiner und schwächer zur Welt als das andere. Später konkurrieren Geschwister vor allem um die elterliche Zuneigung und Fürsorge – auch das begrenzte Ressourcen, die nicht unbedingt gleich verteilt sind. Die meisten Eltern mögen zwar behaupten, dass sie jeden Sprössling gleich behandeln. Doch fest steht: Sie tun es nicht.

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Mitja, 9 (links): "Wir sind Zwillinge, aber Bruno hat sich bei der Geburt vorgedrängelt. Eigentlich wollte ich zuerst raus. Auch heute noch drängelt er sich dauernd vor."

Bruno, 9: "Mitja redet dafür viel mehr als ich. Er ist außerdem ein Besserwisser."

Manch Erstgeborener leidet unter dem "Entthronungstrauma"

Jüngst wertete ein US-Forscher Tagesverlauf-Statistiken von 15 000 Kindern aus und fand heraus: Zwischen dem vierten und dem 13. Lebensjahr verbringen Eltern durchschnittlich 3000 Stunden mehr „qualitativ hochwertige“ Zeit mit ihrem erst- als mit jedem später geborenen Kind: Sie spielen mit ihm, lesen zusammen, gehen in Museen, betreuen Hausaufgaben.

Gesellt sich ein zweites, drittes oder viertes Kind dazu, fehlt Eltern irgendwann schlicht die Zeit, um stundenlang Bauklötze auf dem Wohnzimmerteppich aufzutürmen. Jüngere Geschwister werden ins Auto gepackt, wenn das älteste Kind zum Ballett gefahren wird, sie bekommen eilig ein Malbuch hingeschoben, und selbst mancher Arztbesuch wird offenbar übersprungen:

Studien zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, geimpft zu werden, für jedes neue Geschwisterkind um 20 bis 30 Prozent sinkt. Umgekehrt dürfen die Jüngeren, so eine Erhebung aus den USA, länger mit den Eltern fernsehen als die größeren Geschwister zuvor im gleichen Alter.

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Marie, 12: "Ich wünsche mir manchmal, jünger zu sein und nicht die Älteste. Außerdem habe ich mir immer eine Schwester zum Spielen gewünscht. Eine, die etwa so alt ist wie ich." Friedrich, 10: "Von 100 Streitereien zwischen uns Geschwistern sind 95 zwischen meinem Bruder und mir. Wenn Johann und ich uns zanken, muss ich immer nachgeben, weil ich der Ältere bin. Das nervt mich." Johann, 7: "Meine Schwester bevormundet mich ganz schön oft. Sie tut dann immer so, als wäre sie meine Mutter."

Mit jedem Sprössling fällt der Umgang anders aus. So sagen die meisten Geschwisterkinder, ihre Mütter seien parteiisch. Und viele Eltern geben zu, insgeheim Favoriten zu haben. Doch auch die fairsten Väter und Mütter könnten ihre Kinder nicht genau gleich erziehen: Sie sind aufgeregt und unsicher beim ersten, zunehmend routiniert bei jedem weiteren Kind. Allein eine Krankheit oder das Alter des Kindes erfordern unterschiedliches Handeln. Und selbst wenn Eltern die gleichen Regeln anwenden, prägen diese jedes Kind anders.

So fühlen sich viele ältere Geschwister vernachlässigt, wenn sich die Eltern um das Neugeborene kümmern. Obwohl sie als Babys die gleiche Fürsorge genossen haben, nehmen sie das Verhalten der Eltern nun aus einem anderen Blickwinkel wahr – und sind voller Neid.

Dass sich Geschwister oft so unterschiedlich entwickeln, müsste eigentlich verblüffen, denn unsere Persönlichkeit ist ja ein Ergebnis aus Genen und Umwelteinflüssen. An Genen aber teilen Geschwister durchschnittlich 50 Prozent (eineiige Zwillinge sind genetisch sogar identisch). Auch die Umwelteinflüsse sind sehr ähnlich: Sie essen gemeinsam, sie können sich mit den gleichen Spielsachen die Zeit vertreiben, sie machen die gleichen Ausflüge, - ihre Eltern trichtern ihnen die gleichen Grundsätze ein.

Und doch lebt jedes Kind in seiner eigenen Welt. Geschwister, so fanden Forscher heraus, ähneln einander nicht mehr als in verschiedenen Familien aufgewachsene Kinder. Untersuchungen belegen sogar, dass eineiige Zwillinge sich in Wesen, Lebensart und Vorlieben weit mehr gleichen, wenn sie getrennt aufgewachsen sind.

Denn in der Familie rivalisieren sie miteinander, liegen im Wettstreit um die Zuwendung ihrer Eltern und grenzen sich voneinander ab. Jeder sucht seine persönliche Nische, die ihm keiner streitig macht. Oft verstärken Eltern solche Rivalitäten noch: vergleichen ihre Kinder miteinander. Stellen fest, dass eines sportlicher ist als das andere. Bestrafen ein Kind häufiger als das andere. So fühlen sich Geschwister noch stärker bevorzugt oder benachteiligt.

Manche Forscher gehen davon aus, dass ein Faktor die kindliche Perspektive besonders prägt: der Platz in der Geburtenfolge. Der US-Psychologe Frank J. Sulloway spricht gar von einem „evolutionären Rüstungswettlauf“ um die Gunst der Eltern. Seine These nach 26 Jahren Forschung, in denen er die Biografien von 6566 historischen Persönlichkeiten ausgewertet hat, darunter die von Newton, Darwin und Galilei: Je nach Geschwister-Konstellation entwickele ein Kind Strategien, die seine Persönlichkeit für den Rest des Lebens bestimmten.

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Moritz, 21: "Frher haben wir uns ständig gestritten, besonders auf Autofahrten. Manchmal war ich auch ganz schön eifersüchtig, weil Lilli besser in der Schule war als ich."

Lilli, 18: "Wir hatten nie gemeinsame Freunde. Die haben wir immer noch nicht. Ja, eigetnlich kennen wir uns auch nicht so gut."

So scheinen – laut Sulloway – Erstgeborene einen fast uneinholbaren Vorsprung zu genießen. In vielen Kulturen werden ihnen besonders eindrucksvolle Geburtszeremonien gewidmet. Sie tragen häufig den Vornamen eines Elternteils oder sind Erben für das Familiengeschäft. Zudem üben sie lange das Recht des Stärkeren aus. Allerdings wird ihnen oft auch früh Verantwortung für Mitgeschwister übertragen. Und gibt es Streit, werden sie nicht selten als Erste zur Rechenschaft gezogen.

Das alles führe dazu, dass die ältesten Geschwister meist gewissenhafter, konformistischer und ehrgeiziger seien. Darüber hinaus fühlten sich Erstgeborene dem Statusquo verbunden (der sie schließlich bevorzugt) und reagierten schnell eifersüchtig – vermutlich, weil sie genau wüssten, wie es sich anfühlt, „entthront“ zu werden und das Monopol auf die elterliche Liebe zu verlieren.

Psychoanalytiker sprechen gar vom „Entthronungstrauma“ der Erstgeborenen, das manchmal bis ins Erwachsenenalter nachwirke. Nicht nur die Beziehung zum jüngeren Geschwisterkind, auch das Verhältnis zur Mutter kann dadurch belastet werden: Es wird von einer Ambivalenz geprägt, die sich durch Zuneigung auf der einen und Misstrauen auf der anderen Seite ausdrückt.

Spätergeborene kompensieren fehlende Kraft häufig durch Witz

Fordert in dieser Situation die Mutter das ältere Kind auch noch auf, dem jüngeren Geschwister Liebe entgegenzubringen, kann es zu tiefen seelischen Konflikten kommen: Gibt das „entthronte“ Kind zu, das Geschwister nicht zu lieben, muss es befürchten, dass sich seine Mutter noch weiter von ihm abwendet.

Von diesem Entthronungstrauma sind die Spätergeborenen zwar nicht betroffen, aber auch sie müssen sich durchboxen. Häufig kompensierten sie, so ein Ergebnis von Sulloways Lebenslauf-Forschungen, fehlende Kraft durch Witz, seien einfühlsamer und aufgeschlossener für Abenteuer und Neues.

Unter anderem fand Sulloway unter den frühen Anhängern von Lehren, die das Weltbild auf den Kopf stellten – wie etwa Darwins Evolutionstheorie – fünfmal mehr Später- als Erstgeborene. Auch rund drei Viertel jener Menschen, die Martin Luthers Reformationsbewegung zuströmten, waren seiner Studie zufolge Spätergeborene. Und sie stellten einige der größten Rebellen und Innovatoren, darunter Karl Marx und Charles Darwin.

Unter den Erstgeborenen fanden sich dagegen überproportional viele Staats- und Regierungschefs. Andere Studien belegen, dass Erstgeborene heutzutage besser ausgebildet sind (sie gehen im Schnitt ein Jahr länger zur Schule); dass sie mehr verdienen, mehr Nobelpreise gewinnen und sehr viele Firmenchefs stellen.

Als Forscher die Unterlagen von rund 250 000 norwegischen Wehrdienstleistenden sichteten, stellten sie fest, dass die ältesten Söhne einer Familie beim Intelligenztest durchschnittlich 2,3 Punkte mehr erreichten als später geborene. Dabei machte es keinen Unterschied, ob ein Junge als Erster zur Welt gekommen oder durch einen Tod in diese Position nachgerückt war – ein Indiz für die Familiendynamik als Ursache.

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Greta, 12: "Ich finde meinen Bruder total süß. Wenn er etwas von mir will, nützt er das aus und macht Witze für mich. Ich kann ihm nie lange böse sein."

Louis, 10: "Wenn Greta bei Freunden übernachtet, fehlt mir was. Aber wenn wir Monopoly spielen und sie mit ihrem vielen Geld angibt, macht mich das wütend."

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Thérese, 12: "Ich kann mich voll auf meinen Bruder verlassen."

Moritz, 16: "Ich achte genau darauf, mit wem meine Schwester abhängt."

Doch viele Wissenschaftler sehen Sulloways Thesen skeptisch, denn etliche seiner Studien vergleichen Erstgeborene aus einer Sippschaft mit Zweit- und Drittgeborenen aus anderen. Sie unterscheiden nicht zwischen den Familien, sondern behandeln alle gleich. Weil Familien aber unterschiedlich sind und in vielfältigen sozialen Verhältnissen leben, lässt dies nur bedingt verlässliche Aussagen zu. Und selbst Sulloway räumt ein, dass Faktoren wie der Altersabstand oder das Verhältnis zu den Eltern den Effekt des Rangplatzes aushebeln können.

Zudem sind viele jener Personen, auf deren Lebensläufen seine Thesen basieren, zu einer Zeit aufgewachsen, in der Kinder je nach Geburtsposition viel eher als heute mit ganz bestimmten Erwartungen konfrontiert wurden. Die Gesellschaft ordnete sie sozial und ökonomisch ein: Die Position des Hoferben oder Thronfolgers wurde meist mit Erstgeborenen besetzt, jüngere Töchter wurden ins Kloster geschickt, jüngere Söhne in die Kolonien oder zum Militär abgeschoben. Das alles hatte Einfluss darauf, welche Eigenschaften Menschen entwickelten.

Zwölfjährige Mädchen wollen so sein wie ihre ältere Schwester

In Zeiten individueller Selbstverwirklichung aber sind die Erwartungen an den Einzelnen zumeist nicht mehr mit dessen Geburtsposition verbunden. „Im Licht harter sozialwissenschaftlicher Forschung bleibt von den Unterschieden zwischen den Positionen nicht viel übrig“, meint etwa Hartmut Kasten. Ob man sich beispielsweise von einer talentierten Schwester angespornt fühle oder ob sie einem Minderwertigkeitskomplexe verursache, hänge schließlich nicht nur davon ab, ob sie älter ist, sondern auch von ererbten Wesenszügen.

Trotz aller Meinungsverschiedenheiten aber stimmen die Forscher darin überein, dass Kinder in der Familie ihre Nische suchen. „Sie wollen als Individuen einen Platz und eine Bindung an die Eltern finden. Das gelingt etwa, indem sie sich von ihren Geschwistern unterscheiden“, erläutert der Psychologe Jürg Frick.

Diese Entwicklung führt oft zu zickzackförmigen Konstellationen: Ist der älteste Bruder aufbrausend, wird die nächstjüngere Schwester betont gelassen, das Nesthäkchen zeigt dann wieder Temperament. Zu besonders heftigen Auseinandersetzungen und Rivalitäten kommt es vor allem, wenn weniger als vier Jahre Altersunterschied zwischen Geschwistern liegen. Sind es mehr als sechs, freut sich ein Kind leichter über die Triumphe des anderen.

Gerade das Sich-Einlassen auf das Anderssein des Geschwisterkindes schafft aber auch Nähe und Vertrautheit: Immer wieder reibt man sich am anderen, geht dann auf ihn zu und verträgt sich wieder. Ein Zeichen dafür ist die Anhänglichkeit, die bei den jüngeren Geschwistern oft schon mit acht Monaten zu beobachten ist. Sie lachen, wenn das ältere Geschwisterkind kommt, und freuen sich, mit ihm zu spielen. Später, in unbekannten Situationen, sind sie in seiner Nähe angstfreier und aufgeschlossener.

Entwicklungspsychologen gehen davon aus, dass solch wechselseitige Identifikation eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Identität und Persönlichkeit spielt. Bewundert der jüngere seinen älteren Bruder, eifert er ihm vielleicht nach, um einen ähnlichen Platz zu besetzen. Doch wahrscheinlich wird er sich für eine andere Sportart entscheiden. Oder seine Geschicklichkeit nicht am gleichen Modellbauschiff ausprobieren.

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Vincent, 18 (rechts): "Wir haben keinen regelmäßigen Kontakt. Wenn, eher per E-Mail. Wir haben aber ein gutes Verhältnis zu einander, auch wenn wir uns nur grob kennen."

Jo, 25: "Wir haben einen mittleren Bruder, Ingmar, 23. Zu ihm habe ich ein engeres Verhältnis, wir beide hatten früher schon gemeinsame Freunde und Bands."

Identifizieren sich Geschwister zu sehr miteinander, eifern sie dem anderen besonders häufig bei riskantem Verhalten nach. So zeigen Studien, dass Kinder eher zu Zigaretten, Alkohol oder Cannabis greifen und früher Sex haben, wenn größere Geschwister es ihnen vormachen. Das sei bedeutender als das Vorbild der Eltern, so der US-Psychologe Matt McGue nach einer Untersuchung von mehr als 600 Familien: „Eine Zwölfjährige will nicht sein wie ihre Mutter – sie schaut, was ihre 15-jährige Schwester macht.“

Häufig bleiben die in der Familie bewährten Rollen in diesem Kreis bis ins Alter erhalten. So kommt es, dass die Tochter bei jedem Weihnachtstreffen die Besonnene ist und ihr Bruder der Familienclown – auch wenn beide sich sonst anders verhalten. Denn außerhalb des Elternhauses definieren sich Menschen meist neu. Weil sie schnell lernen, dass es etwa Kollegen nicht schätzen, wenn man sie herumkommandiert wie die kleine Schwester.

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Emily, 10: "Wir spielen ganz oft zusammen. Eine Zeit lang haben wir am liebsten gespielt, das Jossi ein Kaninchenkänguru ist und ich die Besitzerin."

Joseph, 8: "Ich spiele eigentlich noch lieber mit meinem älteren Bruder, der ist schon 15 Jahre alt. Aber leider ist der gerade für ein halbes Jahr in Shanghai."

Geschwisterkinder sind in Fragen der Fairness besonders sensibel

Dennoch bleiben die Spuren der Geschwisterdynamik sichtbar. Was wir etwa in einem Partner suchen oder ablehnen, hängt auch davon ab, was uns die Gefährten der Kindheit vorgelebt haben und in welcher Beziehung wir zu ihnen standen. Forscher unterscheiden verschiedene Identifikationsmuster zwischen Geschwistern. Sie reichen von „Heldenverehrung“ bis hin zur distanzierten oder sogar verleugneten Beziehung.

Das spiegelt sich auch in der Berufswahl wider. „Dann entscheidet man sich beispielsweise eben nicht für den gleichen Job wie der Bruder, weil der schon immer technisch begabt war. Oder man schlägt umgekehrt gezielt die Laufbahn der bewunderten Schwester ein“, sagt Frick.

Einen großen Einfluss auf Persönlichkeit und Charakter eines Menschen hat zudem die Frage, ob er mit Geschwistern gleichen oder anderen Geschlechts groß geworden ist. So entwickeln sich besonders feminine, also gefühlsbetonte, empfindsame Mädchen meist aus rein weiblichen Geschwisterreihen – und besonders maskuline Jungs, hart, durchsetzungsfähig und verstandesbetont, aus männlichen Geschwisterreihen.

Auch wenn Zank im Kinderzimmer normal ist und Rivalität ein gesunder Entwicklungsmotor sein kann – manche Hänselei verfolgt uns ein Leben lang. Fühlen wir uns etwa in der Firma stets gering geschätzt, kann das daran liegen, dass eine unaufgearbeitete Geschwisterbeziehung unsere Wahrnehmung verzerrt. Und unterdrückt ein Kind das andere systematisch (etwa körperlich, emotional oder sexuell), kann das noch Jahrzehnte später Depressionen, Selbstzweifel und Beziehungsstörungen auslösen.

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Jannes, 3: "Am liebsten spiele ich Raumschiff und Lego mit Jesse. Der gibt mir aber immer Zimmerverbot. Warum, weiß ich nicht."

Jesse, 8: "Na, weil der mich ärgert. Das passiert etwa viermal am Tag. Letztens habe ich ihm dreiundzwanzigtausendmillionen Jahre Zimmerverbot gegeben. Das galt auch für seine Nachkommen."

Viele Eltern erwarten geradezu, dass ein älterer Bruder den kleinen dauernd schikaniert oder dass sich Geschwister miteinander prügeln. Doch Psychologen warnen davor, solches Verhalten als normal anzusehen. Denn gerade die Verharmlosung von Gewalt ist der Schlüsselfaktor für die Häufigkeit und Schwere der Übergriffe.

Oft ist es für Eltern schwer, die Grenze zwischen „normaler“ Geschwisterrivalität und gewalttätigem Verhalten zu erkennen. Wichtig sei es vor allem, auf Gerechtigkeit zu achten, so der US-Entwicklungspsychologe James Dobson. Denn Geschwisterkinder seien in Fragen der Fairness besonders sensibel. Ist ein Kind

immer das Opfer, ein anderes der „Täter“, sollten Erwachsene unbedingt einschreiten.

Weitgehend unerforscht ist, wie sich das Zerbrechen und Neu-Verflechten von Familienbanden auf Geschwister auswirkt. Demnächst wird wohl mehr als jedes sechste Kind in Deutschland die Scheidung der Eltern erleben. Und etwa eine Million Kinder leben in „Patchworkfamilien“, die entstehen, wenn Elternteile mit einem neuen Partner zusammenleben. Dann bilden sich oft Kombinationen aus Stief- und Halbgeschwistern. Noch mehr Jugendliche wachsen ohne Geschwister auf: Drei von zehn Kindern sind Einzelkinder, in Großstädten beträgt ihr Anteil sogar bis zu 50 Prozent.

Doch entgegen ihrem früheren Ruf handelt es sich dabei keinesfalls nur um verhätschelte und sozial verkümmerte Egozentriker. Vielmehr zeigen Studien, dass Einzelkinder besonders selbstständig und wohl ebenso sozial kompetent sind wie Geschwisterkinder, dazu oft ein hohes Selbstbewusstsein haben.

Denn natürlich ist ein Leben ohne Geschwister in vielem einfacher: keine abgelegten Kleider. Kein kleiner Bruder, der einem nachspioniert. Kein Zoff um die Spielkonsole. Keine quälende Hassliebe. Keiner, der lachend Peinlichkeiten aus den Kindertagen zum Besten gibt.

Aber auch keiner, der herbeieilt, um einen auf dem Schulhof vor Mitschülern zu schützen.

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Text: Ute Eberle, Susanne Gilges