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Die Grundlagen des Wissens

Kindheit Rousseau: Entdecker der Kindheit

Jahrhunderte lang sollen Kinder nur eines: rasch erwachsen werden. Mitte des 18. Jahrhunderts erklärt Rousseau als Erster die Kindheit zu etwas Kostbarem und Schützenswertem

Am Ende des Jahres 1759 hat Jean-Jacques Rousseau sein Opus magnum endlich vollendet. 20 Jahre Nachdenken und drei Jahre Arbeit sind in die 1000 Manuskriptseiten des Romans „Émile“ geflossen. Den Großteil hat Rousseau auf dem Gut des Herzogs von Luxembourgh niedergeschrieben, ein paar Kilometer nördlich von Paris.

Die Herzogin liebt es, wenn der 47-jährige Philosoph aus seinen Werken rezitiert. Doch diesmal ist sie enttäuscht: Sie hat eine mitreißende Liebesgeschichte erwartet, so leidenschaftlich wie Rousseaus letzter großer Roman „Julie oder Die Neue Héloïse“. Sein neues Werk wirkt dagegen hölzern, belehrend, ja zuweilen langatmig.

Es ist die fiktive Geschichte des Knaben Émile, der nach dem frühen Tod des Vaters bei einem Lehrmeister auf dem Land aufwächst. Fernab von städtischem Leben und gesellschaftlichen Zwängen verbringt Émile seine Kindheit. Dabei lässt man ihm vor allem eines: Freiheit zur Selbstentfaltung. Der Junge lernt nicht durch Belehrung oder Strafe – sondern durch Spielen, Toben, Faulenzen.

„Émile“ ist weit mehr als bloß ein pädagogisches Traktat, das scheint der Herzogin zu entgehen. Nicht nur entwirft der Dichter ein völlig neuartiges Erziehungskonzept: Er hat für das Kind auch ein nie zuvor für möglich gehaltenes Verständnis. Und so geht „Émile“ als Großtat in die Geschichte der Pädagogik ein. Erstmals sieht jemand in der Kindheit eine schützenswerte Lebensphase.

Und widerspricht damit der bis dahin herrschenden Ansicht, die sich über Jahrtausende geformt hat.

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Lange Zeit werden Kinder als kleine Erwachsene angesehen - wie der fünfjährige spanische Prinz Baltasar Carlos, den Diego Veláquez 1635 als stolzen Thronfolger proträtiert: hoch zu Ross und in Uniform

Lange Zeit gelten Kinder nicht als Individuen

In der Antike etwa dachten Römer und Griechen, nicht die Zeit als Kind sei entscheidend für die Persönlichkeitsentwicklung, sondern das Jugendalter von der Pubertät bis zum 21. Lebensjahr. Zwar sicherten Kinder den Fortbestand des Familiengeschlechts und halfen den Eltern bei einfachen Tätigkeiten, doch sie galten nicht als Individuen mit eigenen Talenten, Interessen und Gedanken. Die Kindheit selbst, bemerkte der römische Philosoph Cicero, könne nicht gepriesen werden – lediglich ihr Potenzial.

Auch im Mittelalter maßen die Menschen dem ersten Lebensabschnitt kaum Bedeutung bei. Sobald Kinder kräftig genug waren, halfen sie den Eltern bei der Viehzucht, bestellten die Felder oder arbeiteten in Werkstätten. Eine Abgrenzung zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt gab es nicht. Mit sieben Jahren wurden sie als „kleine Erwachsene“ behandelt und miteinander verlobt. Der Wert eines Kindes definierte sich über dessen Nutzen für die Eltern.

Im 15. Jahrhundert änderte sich diese Einstellung. Nun galten Heranwachsende als dumm, schwächlich und unvollkommen. Aber auch als Wesen, die mithilfe strenger Erziehung zu ehrbaren und vernünftigen Menschen heranzuwachsen vermochten. Dafür sollten in der Renaissance auch die Schulen sorgen: Nach festen Lehrplänen und mit grimmiger Disziplin wurde der Nachwuchs dort auf das Erwachsenenleben vorbereitet.

Mit der Aufklärung wandelte sich diese Haltung erneut. Eltern behandelten Kinder jetzt freundschaftlicher, vertrauensvoller – und doch blieb ihr pädagogisches Ziel gleich: Ihre Nachkommen sollten nach bestimmten Vorstellungen geformt und so zu nützlichen Bürgern der Gesellschaft herangezogen werden.

1693 schrieb der französische Abbé Goussault: „Man sollte mit Kindern oft vertraulich umgehen, sie über alles sprechen lassen, sie wie vernünftige Menschen behandeln und sie durch Milde zu gewinnen suchen – ein unfehlbares Mittel, um mit ihnen machen zu können, was man will.“

Zwei Jahrzehnte später, am 28. Juni 1712, wird Jean-Jacques Rousseau in Genf geboren. Seine Mutter stirbt wenige Tage nach der Geburt. Der Knabe wächst bei seinem Vater auf, einem Uhrmachermeister. Schon mit fünf Jahren lernt der hochbegabte Junge lesen und studiert bald Werke der Weltliteratur, von Plutarch bis Molière. Als Jean-Jacques zehn Jahre alt ist, muss sein Vater aus Genf fliehen, weil er einen ehemaligen Offizier bei einem Streit verletzt hat. Fortan übernimmt ein Pfarrer die Erziehung des Jungen.

Sechs Jahre später verlässt Rousseau die Heimatstadt. Anfangs zieht er als Vagabund durch Italien, Frankreich und die Schweiz. Er besucht ein Priesterseminar, wird Musiklehrer und findet Arbeit als Sekretär des französischen Botschafters in Venedig. In Lyon nimmt er für ein gutes Jahr die Stellung als Hauslehrer der beiden Söhne eines hohen Beamten an. Seither macht er sich vermutlich Gedanken über eine ideale Erziehung.

Immer wieder reist er nach Paris, wo er mit Frankreichs intellektueller Elite in Kontakt kommt. Durch eine „Abhandlung über die moderne Musik“, in der Rousseau ein neues Notensystem entwirft, nehmen Künstler und Literaten Notiz von ihm – darunter die beiden Aufklärer Diderot und d’Alembert, für deren schon bald legendäre „Encyclopédie“ Rousseau nun Artikel schreibt.

1759 lädt ihn der Herzog von Luxembourgh auf sein Schloss ein. In einem Schaffensrausch arbeitet Rousseau an mehreren Manuskripten und beendet neben dem großen staatsphilosophischen Œuvre „Der Gesellschaftsvertrag“ sein, wie er meint, wichtigstes Werk: den „Émile“.

„Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers der Dinge hervorgeht; alles verdirbt unter den Menschen.“ Mit dieser Anklage an die Gesellschaft eröffnet der Autor seinen großen Erziehungsroman. Stets würden die Erwachsenen den Erwachsenen im Kinde suchen – und nie daran denken, was der Mensch vorher sei: ein Kind.

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"Die Natur will, dass die Kinder Kinder sein sollen", schreibt Jean-Jacques Rousseau (1712-1778)

Rousseau wird zum Urvater der antiautoritären Bewegung

Ein Mensch also, der eine ganz eigene Art habe zu sehen, zu denken und zu empfinden. Ein Mensch, der von Natur aus gut sei und dessen Welt sich nicht einfach so in die Welt der Erwachsenen übersetzen lasse. „Keiner von uns ist ein so großer Philosoph, dass er sich an die Stelle eines Kindes versetzen könnte.“ Doch nur in der Kindheit könnten die Grundlagen für ein glückliches Leben gelegt werden. Es sei vermutlich sogar die beste Zeit des Lebens. Auf dieser Gewissheit fußt Rousseaus Erziehungsideal. In „Émile“ präsentiert er es als Gedankenexperiment: Ein Knabe darf unter Aufsicht eines wohlwollenden Erziehers seinen Interessen nachgehen – behütet und gefördert, aber frei in seiner Entfaltung.

Dieser pädagogische Ansatz verlangt einen radikalen Perspektivwechsel: Erstmals wird Erziehung aus Sicht des Kindes betrachtet – und für das Wohl des Kindes.

Rousseau wird so zum Urvater der antiautoritären Bewegung. Bereits kurz nach Erscheinen des „Émile“ versuchen Eltern, ihre Kinder nach seinen Prinzipien zu erziehen. In den Jahrzehnten darauf werden allein in England etwa 200 Abhandlungen über Erziehung veröffentlicht, allesamt von Rousseau beeinflusst. In den USA kommt die Mode auf, Kleinkinder möglichst „natürlich“ aufwachsen zu lassen, statt sie wie bis dahin üblich möglichst rasch zu einer aufrechten Körperhaltung zu bringen, um so vermeintlich die Entwicklung zum erwachsenen Menschen zu beschleunigen.

Später greifen die bedeutenden Pädagogen Maria Montessori, Célestin Freinet und Johann Heinrich Pestalozzi auf Rousseau zurück. Pestalozzi gründet 1775 sogar eine Schule, in der die Kinder nach den Ideen des großen Theoretikers erzogen werden.

Rousseaus eigene fünf Kinder indes kommen nicht in den Genuss einer behüteten, glücklichen Kindheit. Kurz nach ihrer Geburt gibt ihr Vater sie in ein Findelhaus. Er nennt als Grund seine Armut, denn er könne nicht dichten, wenn er wisse, die Nachkommen seien nicht versorgt. Der Versuch der Herzogin von Luxembourgh, die Kinder später zu finden, bleibt erfolglos.

„Émile“, das meistgelesene Erziehungsbuch der Weltliteratur: Es stammt aus der Feder eines Mannes, der selbst nie ein Kind großgezogen hat.