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Die Grundlagen des Wissens

Die Brille

"Die Brille gibt der Erfahrung des Alters etwas von der Fitness der Jugend und schafft so Unabhängigkeit." Ralf Schulte, Schlussredakteur

Bevor die Brille auf dem Nasenrücken den Blick für die Dinge schärfen kann, wird sie zunächst noch über Schriftstücke geschoben: Ab 1240 etwa verbreiten sich in Europa sogenannte Lesesteine – Lupen, deren gekrümmte Oberfläche die Unterlage, auf der sie liegen, optisch vergrößert. Diese Sehhilfen sind häufig aus klaren Halbedelsteinen geschliffen – Beryllen –, die der Brille später wohl auch ihren Namen geben.

Wem das Meisterstück gelingt, flache Linsen anzufertigen, die direkt auf der Nase die Lichtbrechung des fehlsichtigen Auges korrigieren, ist nicht bekannt. Der Mönch Giordano da Rivalto berichtet 1305 in Pisa, er habe knapp 20 Jahre zuvor „den Mann gesehen und gesprochen“. Der Unbekannte löst ein Problem, das Gelehrte seit der Antike beklagen: das Schwinden der Sehkraft im Alter. Viele müssen ihre Arbeit früh aufgeben, weil ihnen das Sehen auf kurze Distanz zunehmend Schwierigkeiten bereitet.

Wahrscheinlich stammt der Brillenkonstrukteur aus Venedig, dem europäischen Zentrum der spätmittelalterlichen Glasmacherkunst. Dort fertigen Handwerker um 1300 erstmals Augengläser in Serie, die Kaufleute, Gelehrte und kirchliche Würdenträger in die Welt tragen.

Die optischen Hilfsmittel stehen wohl nicht zufällig am Anfang einer neuen Epoche der Ideen und der Erkenntnis. Sie werden zum Symbol für Wissen und die Würde des Alters – aber auch zum Gespött: Der Narr Till Eulenspiegel, der 1350 bei Lübeck stirbt, trägt die Gläser zur Belustigung der Leute auf der Nase. „Jemandem Brillen aufsetzen“ heißt in jenen Tagen so viel wie: jemanden betrügen.

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Ein elastischer Bügel hält den Kneifer (hier von 1910) auf der Nase

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