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Die Grundlagen des Wissens

Naturgewalten Die Gewalten, die Neues schaffen

Immer wieder bedrohen Naturkatastrophen das Leben Zehntausender. Doch ohne die Kräfte, die solche Desaster auslösen, gäbe es die Menschheit überhaupt nicht.

Der griechische Philosoph Xenophanes, so ist es überliefert, machte sich bereits vor rund 2500 Jahren Gedanken über ein Phänomen, das damals äußerst verblüffend gewesen sein muss: An vielen Orten im Inland fanden sich versteinerte Reste von Meerestieren. Wie waren sie dorthin gelangt – weit entfernt von jedem Ozean? Der Grieche kam auf eine kühne Erklärung: Weltweite Überflutungen hätten die Meeresbewohner dorthin verfrachtet.

Er konnte nicht ahnen, dass die Wirklichkeit noch viel fantastischer ist. Das erkannten erst Geologen im

20. Jahrhundert, als sie den Mechanismus der Plattentektonik entdeckten: Danach ist die gesamte Erde eine heiße Kugel, auf deren Oberfläche erkaltete Platten mitsamt der kontinentalen und ozeanischen Erdkruste schwimmen, angetrieben von der Wärme im Erdinneren.

In einigen Regionen auf unserem Planeten stoßen diese Platten aneinander, schiebt sich die eine unter die andere und staucht deren Rand zusammen. Die Knautschzonen wachsen als Gebirge in den Himmel, und wenn es sich dabei um Meeresgrund handelt, wird er teilweise kilometerweit in die Höhe gestemmt – einschließlich der darin enthaltenen versteinerten Überreste seiner Bewohner.

All dies geschieht in extremer Langsamkeit. Rund zwei Zentimeter rücken Europa und Nordamerika beispielsweise Jahr für Jahr auseinander, während Indien sich mit fünf Zentimeter pro Jahr in die Eurasische Platte rammt und dabei den Himalaya immer weiter auftürmt. Das Wachsen eines Gebirges könnte ein Mensch nur verfolgen, wenn er Millionen Jahre und länger leben würde.

Einem quasi ewig existierenden Wesen zeigte sich ein äußerst dynamischer Planet, der ständig in Bewegung ist: Es erlebte einen Reigen von sich über die Erdoberfläche bewegenden Kontinenten, von sich öffnenden oder schrumpfenden Meeren, von ständig neu wachsenden Gebirgen, die von erodierenden Kräften wie Wasser, Wind und Frost auch wieder zerbröselt, fortgeschwemmt und letztlich eingeebnet werden. Doch gelegentlich erleben auch wir die Urgewalten, die unseren Planeten formen. Diese Kräfte sind mit nichts vergleichbar, was der Homo sapiens je geschaffen hat.

Im Juni 1991 spuckte der philippinische Vulkan Pinatubo knapp zehn Kubikkilometer Staub, Asche und

Geröll aus. In weiten Gebieten der Nordhalbkugel wurde es im Winter darauf um durchschnittlich drei Grad Celsius wärmer, im Sommer dagegen kühler.

Ähnlich mächtig sind andere Urgewalten. Erdbeben können Geländeteile in wenigen Sekunden um bis zu

20 Meter gegeneinander verschieben; Hurrikans und Taifune erreichen Windgeschwindigkeiten von bis zu

300 km/h, türmen bis zu 20 Meter hohe Wellen auf und werden häufig von sintflutartigen Regenfällen begleitet.

Doch die Urkräfte der Erde bedrohen den Menschen nicht nur, sondern haben ihn letztlich geschaffen. Denn jene Gewalten, die Erdbeben, Wirbelstürme, Vulkanausbrüche und Überflutungen auslösen, haben auch unseren Planeten modelliert und damit unsere Lebensgrundlage. Sie ließen Kontinente wandern, Berge entstehen, schufen Gesteine und Landschaften.

Kurz: Sie schrieben die Geschichte der Erde – und brachten das Leben hervor, das selbst zu einer gestalterischen Kraft des Planeten wurde. Immer wieder aber haben die Naturgewalten auch massiv in die Evolution des Lebens eingegriffen; allein fünfmal in den vergangenen 600 Millionen Jahren starben nach Großkatastrophen mehr als die Hälfte aller Arten von Lebewesen aus.

Zum schlimmsten dieser Massensterben kam es vor rund 250 Millionen Jahren, als etwa 95 Prozent aller Spezies im Wasser und rund 70 Prozent der Landlebewesen vernichtet wurden. Auslöser waren möglicherweise gigantische Vulkanausbrüche, die eine globale Klimakatastrophe nach sich zogen. Vor 65 Millionen Jahren war es jedoch eine außerirdische Kraft – ein riesiger Meteorit –, welche die Erde traf und wohl den Untergang der Dinosaurier besiegelte. Nach deren Verschwinden war der Weg frei für die Entfaltung der Säugetiere und damit letztlich auch für die Entwicklung des Homo sapiens.

So sind die Urgewalten zwar oft bedrohlich für den Menschen, doch sind sie auch der Grund dafür, weshalb unsere Welt so aussieht, wie wir sie heute kennen.

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Ohne die Hitze aus der Erdtiefe gäbe es weder Meere noch Kontinente

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Unseren Vorfahren erschien diese Erde einst als solider, fester Grund und als Zentrum des Universums. Inzwischen ist aber bekannt, dass wir auf einem Feuerball leben, den eine hauchdünne, erkaltete Kruste umgibt: Unter den Ozeanen ist diese Haut gerade mal zehn bis 15 Kilometer, in den Kontinenten bis zu 65 Kilometer dick; bei einem Erddurchmesser von rund 12 750 Kilometern sind das gerade mal 0,1 bis 0,5 Prozent.

Und die Kruste ist nicht fest auf der Erde verankert, vielmehr ist sie die obere Schicht sich ständig bewegender und in viele Teile zerfallener Platten. In manchen Regionen versinken diese Teile in der Tiefe des Erdinneren und lösen sich auf, an anderen Stellen brechen sie entzwei, quillt glutflüssiges Magma aus den dabei entstehenden Spalten und erkaltet zu neuer Kruste.

Das alles haben Naturwissenschaftler herausgefunden und damit ein neues Bild unserer Erde geprägt. Sie haben ihr Inneres „durchleuchtet“, ihre Geschichte enträtselt und dabei ihre äußerst bewegte Vergangenheit erkannt. Dieses Wissen ermöglicht es ihnen, sich die Zukunft unseres Planeten auszumalen. Und die wird kaum weniger dramatisch verlaufen als die Vergangenheit.

Zunächst werden sich die Kontinente weiter bewegen – mal voneinander weg, mal aufeinander zu. So wird beispielsweise Afrika entlang des Ostafrikanischen Grabenbruchs auseinanderbrechen, und ein neuer Ozean wird entstehen.

Zudem nähert sich der afrikanische Kontinent im Verlauf der nächsten 50 bis 80 Millionen Jahre von Süden her dem europäischen immer weiter an, bis schließlich das Mittelmeer verschwindet. Auch Australien treibt in Richtung Norden und wird nach ähnlich langer Zeit mit den Inseln Südostasiens verschmelzen.

In rund 250 Millionen Jahren schließlich werden vermutlich sämtliche Landmassen zu einem einzigen Superkontinent verschmolzen sein. Fraglich ist allerdings, ob dann noch höheres Leben existiert, geschweige denn die Menschheit. Denn der Gehalt an Kohlendioxid in unserer Atmosphäre (jenem Treibhausgas also, das gegenwärtig noch eine Erwärmung der Erde verursacht) wird in Zukunft immer mehr sinken, weil der Kohlenstoff in Gesteinen gebunden wird. Irgendwann wird die CO2-Konzentration möglicherweise so gering sein, dass keine höheren Pflanzen mehr existieren können.

Die Folge: Der Tierwelt werden dann die Nahrung und vor allem die Sauerstoffproduzenten fehlen. Der Gehalt des Sauerstoffs in der Atmosphäre könnte von heute 21 Prozent auf weniger als ein Prozent fallen. Parallel dazu wird die Sonneneinstrahlung im Lauf der Äonen immer mehr zunehmen, da die Energieproduktion in der Sonne langsam ansteigt und in 800 bis 900 Millionen Jahren eine Durchschnittstemperatur von über 30 Grad Celsius auf der Erde erzeugen, bei der keine -höheren Organismen mehr überleben können.

In jedem Fall wird das Leben auf unserem Planeten so enden, wie es einst begonnen hat: mit einfachen, bakterienähnlichen Wesen. Eine Evolution quasi im Rückwärtsgang. Zudem kühlt das Innere der Weltkugel langsam ab, da die radioaktiven Zerfallsprozesse im Erdmantel nicht genügend Energie erzeugen, um den Wärmeverlust des Planeten an seiner Oberfläche auszugleichen. Irgendwann gerät der Motor der Plattentektonik ins Stocken.

Fortan werden keine neuen Gebirge mehr gebildet, Erosion und Sedimentation aber werden weiterhin alle noch vorhandenen Berge weiter abschleifen, bis die kontinentale Erdkruste nur noch wenige Meter über dem Meeresspiegel liegt. Dem Auge eines außerirdischen Beobachters würde sich dann eine trostlose Einöde darbieten.

In etwa 3,5 Milliarden Jahren wird die Sonne um 40 Prozent heller scheinen als heute. Die Hitze wird alles Wasser verdampfen und spätestens jetzt die verbliebenen Reste von Leben auslöschen. In fünf bis sieben Milliarden Jahren schließlich beginnt sich unser Zentralgestirn in seinem Todeskampf zu einem Roten Riesenstern aufzublähen. Er wird die Erde erst aufschmelzen und sie vielleicht am Ende gar verschlingen.

Wie jeder Roter Riese wird die Sonne schließlich ihre Hülle ins All abstoßen (während ihr Kern am Ende zu einem weißen Zwergstern zusammenstürzt). Die atomisierten, von der Sonne aufgenommenen Bestandteile der Erde werden dann mit der Hülle des Sterns hinauskatapultiert und anschließend durch das Weltall wabern.

Und irgendwann werden sie möglicherweise zum Baustoff eines neuen Planeten.

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